Distill Ventures. Großkonzern Diageo nimmt Kleinunternehmen an die Hand.

Debatte 16.9.2013

Der Getränkegigant Diageo geht im Bereich unternehmerischer Vorhaben in die nächste Runde. Während Konkurrenten wie Bacardi und Campari Marken wie St. Germain oder Appleton kaufen und Pernod Ricard sich mit Our/Vodka im Mikrodestillerie-Markt versucht, wendet sich der Spirituosenmulti nun direkt an die „Kleinen“ von nebenan. Nach Joint Venture-Projekten wie  Ketel One oder Zacapa hat Diageo die Start-up-Szene im Visier.

Distill Ventures heißt  das neueste Projekt aus dem Hause Diageo. Es richtet sich an Start-up Unternehmen, die Hilfe im Bereich der Finanzierung oder der Vermarktung ihrer eigenen alkoholischen Getränke, Spirituosen oder Liköre, benötigen. Gesucht sind innovative „Spirits“ mit eigenem Charakter und dem Potenzial, zum Trendprodukt der Zukunft zu werden.

Säen und Wachsen

Nach erfolgreicher Anmeldung und gründlicher Prüfung, bietet Diageo zwei unterstützende Programme für das Start-up an. Je nach Entwicklungsstand des Unternehmens liegen verschiedene Probleme und Bedürfnisse vor, auf die die jeweiligen Programme zugeschnitten sein sollen.

Das „Seed“ Programm bietet eine Verbesserung und den Ausbau der Geschäftsfähigkeit des Unternehmens und eine Hilfestellung im Bereich der Präsentation und Lancierung des Produkts. Strategische Produktplatzierung und der Ausbau des Unternehmens stehen in diesem Programm im Fokus.

Das „Growth“ Programm wiederum bietet Unternehmen mit einem schon  etablierten und sich auf dem Markt befindlichen Produkt die Möglichkeit, die Erfolgsziele neu zu definieren und dieses Ziel zeitnah und mit Erfolg zu erreichen. Die intensivere Verknüpfung mit der Getränkeindustrie und der Ausbau des Marketings werden in diesem Programm in den Vordergrund gerückt.

Yannick Willimann, Bierbrauer aus Leidenschaft und Jungunternehmer, kennt die Herausforderungen für Start-ups aus eigenem Erleben. Entsprechend positiv sieht Willimann das Engagement Diageos: „Die größten Schwierigkeiten die ein Start-up-Unternehmen mit sich bringt, ist nicht nur der hohe Bedarf an Finanzmitteln, sondern auch die Kontrolle der Produktion und die Rechtsbestimmungen, die jeder einzelne Markt mit sich bringt. Die wenigsten Unternehmensstrukturen von Start-ups sind vorbereitet auf einen direkten Start auf dem Im- und Exportmarkt. Einen Konzernpartner wie Diageo zu haben, kann nur ein Gewinn für neue Unternehmen sein. Die Programme sind gut organisiert und für fast jeden Unternehmensstand gewappnet“.

Gärtner und ihre Werkzeuge

Der Spirituosenmulti Diageo weist darauf hin, dass Start-ups Begleitpersonen benötigen, um optimal in die Programme eingebunden werden zu können, die forciert und schnell den Unternehmensbetrieb in das Auf- und Ausbauprogramm eingliedern. Für das Distill Venture Projekt wurde  daher ein Expertenteam zusammengestellt. Seed- und Growth Programm werden betreut von Mentoren und Trainern der Independent United Unternehmensberatung, mit Sitz in London.

Daniel Schönecker, Unternehmer und Mitbegründer des The Duke Munich Dry Gins, hat die Unternehmensgründung mit seinem Partner hinter sich und kann aus Erfahrung berichten, welche Schwierigkeiten auf ein junges Start-up zukommen: „Der Jungunternehmer hat sich in sehr viele Bereiche einzuarbeiten. Produktentwicklung, Produktion, strategische Planung, Vermarktung, Buchführung, Personalwesen, Lagerhaltung, Finanz- und Liquiditätsplanung, Korrespondenz zu Behörden und noch vieles mehr. Coaches zu haben, erleichtert den Start, da grobe Fehler vermieden werden können.“

Gegründet wurde die Independents United (IU), die die Programmdurchführung für Diageo übernimmt, von Shilen Patel (Partner & CEO) und Frank Lampen (Partner & CTO). Die Programmdirektion und Leitung liegen in den Händen von Nicole Goldstein und Patrick McMeekin, die für das Produktmanagement zuständig sind. Helen Michels (Global Innovation Direktor, Diageo) und James Ashall (Global Innovation Manager, Diageo) sind die administrative Vertretung Diageos.

„Wir möchten uns um die anfänglichen Probleme kümmern, die jedes Unternehmen von Anbeginn hat. Unser Lohn ist es, wenn die Start-ups sich voll und ganz auf ihr Produkt konzentrieren. Die Produkte müssen etwas Besonderes sein, mit dem Potenzial den Markt zu erobern. Daher legen wir keine feste Teilnehmerzahl oder strenge Regularien für die Teilnahme fest“, so Patrick McMeekin, Programm-Manager von Distill Venture.

„Dies ist mit Sicherheit sinnvoll. Um einen regen und gewinnbringenden Austausch zwischen Start-up und etabliertem Unternehmen zu garantieren, bedarf es „Mentoren“, die hierbei von Hilfe sind. Der Start-up-Alltagsstress lässt einen häufig vergessen, welche Möglichkeiten verbundene Unternehmen gegebenenfalls zur Unterstützung haben“, sagt Marc Philipp Clemens, CEO des Sommelier-Privé Start-ups, einem Unternehmen, das einen Weinshop betreibt und renommierte Sommeliers für ihr Portfolio zu Rate zieht.

Neben den Mentoren subventioniert Diageo die Programmteilnehmer mit 175.000 Euro bis 235.000 Euro für das Seed-Programm und knapp 230.000 Euro bis 588.000 Euro  für das Growth-Programm. Die Rechtfertigung für diese Investitionsgrößen sieht der Konzern in der Innovation und in der Langlebigkeit der Produkte. „Die Investition ist der Schlüssel!” bestätigt uns Mark Ward, Erfinder von Regal Rouge Wermut aus Australien. Ward, ein großer Befürworter des Programms, erklärt, dass „Distill Venture“ eine klassische „Corporate Parenting“ Konstruktion sei. Eine neue Fürsorge- und Führungsstrategie. Ward  nennt als Beispiel die Unternehmungen  Hendrick’s und  William Grant & Sons, in der beide beteiligten Parteien, nach seinen Informationen, durch die Großinvestition eine „Win-Win“-Situation erwirken konnten.

Man erntet, was man säht

Diageo  sieht in diesen Programmen  ein so großes Synergiepotential, welches das Investitionsrisiko rechtfertigt. Erstaunlich wenige Großunternehmen im Getränkebereich sind im Besitz einer eigenen Entwicklungsabteilung, daher ist jede Innovation, die auf dem Markt erscheint, eine Chance für strategisches Wachstum.  Nichts destotrotz muss Diageo stets seine Investition schützen. Dies macht die börsennotierte Firma, indem sie sich das Recht vorbehält, eine Kaufoption zu einem festgelegten Zeitpunkt  für die Programmteilnehmer festzuschreiben, damit die Ideen der Start-ups nicht von Konkurrenten weggekauft werden können. Die Kontrolle des Start-ups liegt von Anfang bis Ende in der Hand des Gründers. Sollten allerdings Verkaufsoptionen bestehen, besitzt Diageo das Vorkaufsrecht,  je  nach Vereinbarung.

Sowohl Mark Ward als auch Marc P. Clemens, sehen das Distill Venture Programm, in einer solchen Konstellation, als eine positive  Abhängigkeit. Bei dem Programm handelt es sich um eine Investition, bei der Unternehmensanteile gegen Finanzflüsse gehandelt werden. Die sich daraus resultierende Einflussnahme und die Zusammenarbeit zwischen Konzern und Start-up kann positiv ausfallen, da der Investor in der Branche etabliert ist und das notwendige Potenzial hat, um Schwierigkeiten und Innovationspotenzial besser einschätzen zu können. Daniel Schönecker warnt aber auch davor, dass die emotionale Bindung zum eigenen Unternehmen, durch einen möglicherweise folgenden Kontrollverlust, eine starke negative Auswirklungen haben könnte. Der Verlust von Unabhängigkeit könnte für viele Unternehmer ein Schritt in die falsche Richtung sein. Eine große Investition von einem Konzern, erhöht dessen Einfluss und nimmt stets ein Stück Individualität des Unternehmens.

Für Interessenten des Distill Venture Projekts, beginnt nun bald die spannende Phase.  Die Registrierung erfolgt online auf der Seite distillventures.com. Die Bewerbungszeit begann Mitte August 2013 und endet am 14. Oktober 2013. Die Entscheidung, welche Projekte von Diageo und Independents United ausgewählt werden, erfolgt im November 2013. Alle Programme starten am 6. Januar 2014.

Es ist ein spannendes und  vielversprechendes Projekt, von dem beide Seiten profitieren können. Bis dahin ergötzen wir uns an der Vorfreude auf neue Produkte und Trends von frischen und kreativen Start-ups.

distillventures.com
diageo.de

 

Bildquelle: aboutpixel.de / Radieschen Setzlinge © Ralf Steiner

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