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Beck’s braut wieder Bier

News 12.2.2015 4 comments

Mit Beck’s Pale Ale, Amber Lager und 1873 Pils mischt der weltgrößte Bierkonzern AB InBev ab März 2015 kräftig an der brodelnden deutschen Craft-Beer-Ursuppe mit. Der Premium-Biermarkt steht vor Veränderungen und wie immer liegen Fluch und Segen nah beieinander. Pale Ale ist der neue Gin. MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam mit einer Analyse.

Diese Nachricht hat die deutsche Bierbranche ordentlich aufgeweckt. Die Marke Beck’s steigt in den Craft Beer Markt ein. Dass 2015 das Jahr sein wird, in dem Craft Beer, oder etwas konservativer ausgedrückt Bierspezialitäten, den Durchbruch erleben, hat hier auf MIXOLOGY ONLINE unser Autor Peter Eichhorn bereits prophezeit. Deutsche Medien fahren seit zwei Jahren ein wahres Craft-Trommelfeuer. Etwas, das in Punkten Qualität und vor allem Verfügbarkeit im Markt noch gar nicht abgebildet wird.

Spätestens mit der Nachricht, dass Beck’s mit drei neuen, höher als die Standards bepreisten Biersorten in den Markt einsteigt, muss auch dem größten Skeptiker klar sein, dass es sich bei diesem „Craft-Dings“ nicht um einen Hype oder eine Blase handelt.

Beck’s Brauer dürfen wieder brauen

Die Überschrift zu diesem Artikel lag schon seit Jahren in der Schublade. Beck’s galt hier in der Redaktion lange Zeit als Symbol für das, was in der deutschen Braubranche falsch lief. Statt sich an neuen Suden zu versuchen, suchte man sein Heil in optimiertem Rohstoffeinkauf, effektiveren Produktionsabläufen und kippte Zucker, Säfte und Geschmacksstoffe ins Bier. Vielen Bierpuristen muss die Art, wie die großen deutschen Brauer ihre Traditionsmarken zu Bier-Alcopops verwässerten, die Tränen in die Augen getrieben haben.

Was hat ein pappiges Bier-Limo-Energygemisch wie Beck’s Level 7 noch mit dieser stolzen Traditionsmarke zu tun, die ihre Hanse-Abstammung lange Zeit in der Werbung puristisch mit einem stolzen, grün beflaggten Segelschiff zelebrierte? Bei MIXOLOGY verrissen wir diese Art von „Innovation“, bis es uns zu langweilig wurde.

Natürlich haben die Beck’s-Brauer, oder besser gesagt, die AB InBev-Brauer, nie aufgehört zu brauen. Und sicher, neben dem Tagesgeschäft der Kernmarke auf den Großanlagen, im kleineren Stil den einen oder anderen experimentellen Sud komponiert. Nur durfte das, was sie in ihren Versuchsbrauereien austüftelten, nie das Licht der Bierwelt erblicken.

Beck’s wird derzeit, laut Unternehmensangaben, in 15 Braustätten weltweit gebraut. Rund 60% der gesamten Produktion wird dabei in Bremen gestemmt. Neuentwicklungen der Marke entstehen aber nicht zwangsläufig in der Hansestadt. Das 2013 in den Vereinigten Staaten lancierte Beck’s Sapphire zum Beispiel ist, wie Unternehmenssprecher Oliver Bartelt gegenüber MIXOLOGY erklärt, „in den USA entwickelt und gebraut worden“.

Die drei neuen Sorten, Beck’s Pale Ale, Beck’s Amber Lager und Beck’s 1873 Pils kommen allerdings aus Bremen. Und es hat sie laut Bartelt, „so noch nicht gegeben“. Beim obergärig gebrauten Stil Pale Ale komme zum Beispiel „eine komplett neue Technik zum Einsatz“, da man sonst „logischerweise bei Beck’s Pils und der Lokalmarke Haake-Beck eigentlich nur untergärig“ braue in Bremen. Die Rezepturen seien in einer Mikrobrauerei innerhalb der Beck’s-Produktionsstätte entwickelt worden. In dieser kleinen, für Versuchsmengen konzipierten Anlage werde auch für eine jährliche historische Veranstaltung das sogenannte Seefahrtmalz hergestellt. Jetzt, nach Abschluss der Entwicklung, würden die drei neuen Sorten in der Großanlage eingebraut.

Wie sehr „Craft“ sind die neuen Sorten?

Bei keinem Bierstil schwingt derzeit so viel amerikanische Craft-Attitüde mit wie bei einem Pale Ale. Es ist das Brot-und-Butter-Bier der amerikanischen Handwerksbrauer. Mit Imperial Stouts und im Whiskyfass gereiften Spezialitäten greift man Medaillen und Spitzenränge auf ratebeer.com ab. Mit dem hauseigenen Pale Ale werden die Rechnungen bezahlt. Drängt sich natürlich die Frage auf, wie viel Craft im neuen Beck’s Pale Ale steckt. Wird man den oder die Brauer zu Gesicht bekommen? Wird es demnächst ein Beck’s Collaboration Brew mit einer kleinen inhabergeführten Brauerei geben?

„Es ist überhaupt nicht unser Ansatz, dieses Bild zu entwerfen“, sagt Oliver Bartelt. „Das nimmt einer Marke wie Beck’s auch niemand ab. Wir wollen keine künstliche Welt kreieren, die es gar nicht gibt.“ Mit den neuen Sorten wolle man vielmehr den internationalen Charakter der Marke Beck’s stärken. Man ziele „mit den Produkten in die Kategorie „Internationale Biere“ und weniger in die „Craft“-Ecke“. Der Neuentwicklung gingen offenbar umfassende Konsumentenbefragungen voraus, auf die Bartelt stolz verweist.

Beck’s sei als „einzige deutsche Marke international erfolgreich“ und in mittlerweile 120 Märkten präsent. Verbraucher-Aussagen wie “Beck‘s ist eine international bekannte Marke. Die haben Kontakte in die ganze Welt. Ich nehme ihnen das ab. Krombacher, Warsteiner oder Veltins könnten das nicht von sich sagen“, würden diese Verortung als internationale Marke bestätigen.

Einen baldigen Export der neuen Sorten in andere Märkte schließt Bartelt nicht aus: „Wenn der Verbraucher das in Deutschland annimmt und akzeptiert, haben wir natürlich großes Interesse daran, das in anderen Märkten ebenfalls zu probieren.“

Wachstum im Spezialitätensegment

Auch wenn die Entwicklung der neuen Beck’s-Sorten schon im letzten Jahr in die Öffentlichkeit gesickert war, kam die offizielle Ankündigung des Markteintritts im März für viele in der Branche überraschend. Eine überhastete Reaktion von Seiten Anheuser-Busch InBevs auf die Entwicklungen im deutschen Markt verneint Oliver Bartelt allerdings entschieden: „So etwas entwickeln wir ja nicht über Nacht. Dahinter steckt ein mittelfristiger Plan. Über dieses Projekt haben wir (intern) schon Ende 2013 gesprochen.“

Man sehe die Wachstumschancen des Unternehmens ganz klar im Premiumbereich. Man stelle keine Handelsmarken her und beteilige sich nicht an den Preisschlachten im Supermarkt. Als Beispiel führt Bartelt die AB InBev-Marken Beck’s und Franziskaner an, die vom Preisniveau her „deutlich über den Wettbewerbermarken“ lägen. Auch das im letzten Jahr erstmals in Deutschland in der Speisegastronomie platzierte belgische Importbier Leffe gehöre in dieses Segment. Darauf aufbauend, sei der nächste logische Schritt die Entwicklung von Spezialitäten.

Eine Information von Beck’s für Getränkefachgroßhändler, die unserer Redaktion zugesteckt wurde, unterfüttert diese Position mit Zahlen. Bierspezialitäten sind laut einer darin zitierten GfK-Befragung mit 5,1% Umsatzwachstum im Vergleich zum Vorjahr eine treibende Kraft in der deutschen Gastronomie. Nielsen-Zahlen wiederum besagen, dass das sogenannte „Super-Premium-Segment“ der Biere mit 11,4% überdurchschnittlich gewachsen sei.

Die nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrauten neuen Beck’s-Biere mit „sortentypischem Geschmack“ sollen ab Mitte März mit einer Veranstaltungsreihe in deutschen Metropolen sowie TV-Spots und anderen medialen Werbeformen der Szenegastronomie und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Der Viererträger mit 0,33 l Gebinden wird um die vier Euro kosten. Vom Alkoholgehalt her liegen alle Sorten nahe der für das Spezialitätensegment auch psychologisch wichtigen Marke von 6 % Vol. Bei den Bittereinheiten (BE), einer für die eingefleischte „Crafties“ wichtigen Geschmacksbeschreibung, darf man von den neuen Beck’s-Sorten keine Revolution erwarten.

Das 1873 Pils liegt bei vergleichsweise milden 25 BEs. Die im Vergleich zum klassischen Beck’s Pils andere Hopfenmischung und der höhere Alkoholgehalt werden das behauptete „erfrischend herbe Geschmackserlebnis“ unterfüttern müssen. Am meisten wird in der Bierszene allerdings das Beck’s Pale Ale analysiert werden. Denn in diesem Stil beherrschen amerikanische und nicht deutsche Brauer die Beer Champions League, wie auch die Ergebnisse des kürzlich abgehaltenen MIXOLOGY TASTE FORUMS zeigten. Mit dem neuen Pale Ale liegt Beck’s mit 30 Bittereinheiten eher am unteren Ende dessen, was bei diesem amerikanischen Stil machbar und üblich ist.

Rückenwind für die Neue Deutsche Bierszene

Das Engagment von Anheuser-Busch InBev wird die bereits vorhandene Dynamik in der Neuen Deutschen Bierszene ordentlich befeuern. Selbsternannte Craft-Beer-Kreuzritter, für die alles Kleine gut und edel ist und alles Große dagegen Ausverkauf und Weltuntergang bedeutet, können sich in Foren und Sozialen Netzen künftig noch besser am „alles verschlingenden“ Goliath AB InBev abarbeiten.

Die anderen großen deutschen Marken allerdings haben nun genügend Argumente, ihre bereits vorhandenen oder in Planung befindlichen Craft- oder Spezialitätenprojekte mit mehr Mitteln auszustatten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Radeberger und Bitburger sind bereits an Bord des schaukelnden Craft-Schiffs. Krombacher und Warsteiner dürften nun ebenfalls in den Ring steigen. Entweder durch Akquisitionen oder durch komplette Neuentwicklungen.

Für die Aufklärung des Konsumenten ist das Wiederentdecken der eigenen Braufähigkeiten bei Beck’s allerdings eine ganz klar positive Nachricht. Das Pale Ale, die Stiltür in die Welt stärker gehopfter, aromatischer und experimenteller Biere, wird dieses Jahr dank Beck’s in aller Munde sein.

Und laut Bartelt sieht die Zukunft des kränkelnden deutschen Biermarkts gar nicht so düster aus: „In Bezug auf ihren Bierkonsum werden die Verbraucher jenseits der 25 Jahre anspruchsvoller: Sie tendieren stärker zu Produkten mit ausgeprägten Geschmacks- und Markenprofilen, die hochpreisig positioniert sind und statusstärkend wirken.“ Darauf ein India Pale Ale!

 

Photo credit: Alexander Von Humboldt Schiff via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker

4 comments

  1. Simon_W

    Pale Ale ist eigentlich nicht speziell bitter. Es ist ein klassisch englischer Biertyp mit eher mildem Geschmack. Meinem Eindruck nach ist eher das IPA (das India Pale Ale) einer der geläufigsten Biertypen im Craft Beer Segment. Und IPAs sind stärker gehopft und daher bitterer als normale Pale Ales, auch ist der Alkoholgehalt etwas höher. Mittlerweile gibt es aus den USA ja sogar Black IPAs, im Grunde ein Widerspruch in sich, aber durchaus interessant.

    Dass Beck’s nun ein „Urpils“ mit 25 IBU und erhöhtem Alkoholgehalt macht, scheint mir seltsam. Ich dachte immer, ein Pils sollte herb schmecken und nicht mehr als 5 Volumenprozente haben.

  2. dominik mj

    Der grosse Trend in den USA ist nicht das „normale“ Pale Ale, sondern dass IPA [Imperial or Indian Pale Ale]. Diese Ales wurden von England in die Kolonien geschifft, und mussten deshalb wesentlich mehr Hopfen [und Alkohol] enthalten um „frisch“ zu bleiben. Und gerade das IPA ist das Liebling des Amerikanischen Bierconnoisseur…

    Ich finde den Artikel sehr interessant, vermisse aber dies: der Craft Beer Movement ist nicht unbedingt basierend auf die Zurueckgesinnung auf das Deutsche Reinheitsgebot (…) – sondern einfacher Geschaeftssinn. „Bier-Pops“ haben einfach kaum noch Wachstumspotential [wegen billig Anbietern und unglaublicher Konkurrenz]. Craft Beer ist die naechste logische Konsequenz.

    Man muss dazu noch sagen, dass „Craft Beer“ von einer Brauerei wie Becks eigentlich kaum noch „Craft-Beer“ genannt werden kann. Inwiefern ist ein Bier in einer so grossen Brauerei handgemacht?
    Ausserdem sind die Bier-Style auch sehr zaghaft.
    Wenn es um eine „tolle“ Bier Strategie geht, kann Becks sich Samual Adams anschauen. Ich denke Sam Adams ist eine der wenigen grossen Brauereien, die den Bier Trinkern immer wieder zu ueberraschen vermag.

  3. roadkill

    Der gute Herr Bartelt spricht ja so, als ob Beck´s den Export erfunden hätte. Warsteiner z.B. exportiert in über 60 Länder. Man kann jetzt darüber streiten ob dies ausreichend ist, um international bekannt zu sein oder nicht. Erfolgreich scheinen sie damit in jedem Fall zu sein. Prost!

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