Tiki by the Sea Bartender

Das war die zweite Auflage von Tiki by the Sea

Bars 3.11.2018

Bei Tiki by the Sea geht es nicht nur um Drinks und Spaß für Bartender, sondern vor allem um das Lebensgefühl und die Philosophie der Tiki-Kultur. Die zweite europäische Ausgabe, wieder unter der Patronanz von Karim Fadl, fand in Italien statt. MIXOLOGY ONLINE hat sich unter die rund 50 Teilnehmer gemischt und zugehört.

Vor zwei Monaten, im September, fand die zweite europäische Ausgabe von Tiki by the Sea in Fregene bei Rom statt. Die Gesichter von rund 50 Auserwählten strahlten am Flughafen, jedes einzelne mit Bartender-Blässe und Augenringen.

Ihre Anwesenheit war kein Zufall, sondern eher Glück. Nach Losverfahren wurden sie ausgewählt, aus einem Topf von zig Anmeldungen, um sie über die Vergangenheit und Gegenwart von Tiki zu informieren.

Tiki by the Sea: Lust auf Wissen

Das Konzept gibt es schon einige Jahre in den Vereinigten Staaten, der Erfolg der europäischen Ausgabe im letzten Jahr ließ nichts anderes zu als eine Wiederholung. Karim Fadl ist einer der Namen dahinter. Der Organisator will Tiki wieder aus dem Speicher vorholen und von seinem Staub befreien. Die Besonderheiten der Drink-Kultur sollen innerhalb von drei sonnigen Tagen kommuniziert werden und nicht nur die Lust auf Rum mit Frucht, sondern hauptsächlich die Lust auf Wissen befriedigen.

Den ersten Workshop von Tiki By the Sea 2018 hielt Brother Cleve. „Tiki 101 – Deep dive and Tiki in Cocktail History“ nennt sich der Vortrag. Der ehemalige Grunge-Musiker und heutige Tiki-Legende Brother Cleve begann mit einem kreischenden Schrei – „Alo-HA“. Der gesamte Raum dröhnte zurück – „Alo-HA“.

Die darauf folgende Stunde war von ausdrucksvoller Stille durchzogen, denn der Brother begeisterte mit Fotos und der detaillierten Geschichte zur Entstehung von Tiki in der Barszene im 20 Jahrhundert. Außerdem wanderten durchgehend winzige Geschmacksproben von Tiki-Klassikern durch die Reihen, was bei Laune hielt. Der Nachmittag endete am Pool und mit der untergegangen Sonne folgte das Abendessen. Oriol Elias begleitete dieses Spektakel mit Drinks auf Basis von Rhum Agricole.

Tiki steht für Leichtigkeit und Eskapismus

Der zweite Tag startete mit dem Workshop von Sly Augustin & Georgi Radev. Auf dem Stundenplan stand: Tiki 201. Fast ein Pendant zu Brother Cleve’s Vortrag, der sowohl den Aufschwung als auch des Abgang von Tiki beschrieb. Augustin und Radev, beides Betreiber von aktuellen Tiki-Bars in London, zeigten die aktuelle Wiedergeburt von Tiki in der englischen Hauptstadt.

Das schönste Zitat des Tages ließ dabei Augustin fallen: „Ich kann es nicht erwarten, zurück an die Arbeit zu kommen“. Beide leben das Gefühl, das Tiki mit sich bringt: Leichtigkeit und vor allem Eskapismus. Tiki bedeutet für beide das Entfliehen aus unserer Welt und das Wiederfinden in einer verrückten, anderen Welt. Tiki hat, laut Radev, nicht nur etwas mit Bar zu tun. Es geht viel mehr um einen anderen Lebensstandard. „Es gibt Menschen die ein Blumenhemd zur Arbeit tragen und es abends wieder ausziehen – und es gibt Menschen, die tragen auch beim Essen zu Hause bunte Hemden und Hüte.“

Garnish Wars bei Tiki by the Sea

Als nächstes kam Oriol Elias in die Mitte des Geschehens. Sein Vortrag soll über das Kreieren von neuen Tiki-Cocktails lehren. Mitgebracht hatte er Tabellen und Zahlen. Der ein oder andere ließ sich von seinen Worten ergreifen, andere dachten schon an das folgende Mittagessen.

Nach diesem veranstaltete Drifter Spirits eine ganz andere Art von Workshop. Die „Garnish Wars“. Regeln gab es keine, auch der Drink war egal, es ging nur um die Dekoration. Mehrere Gruppen von Bartendern sammelten in Haus und Garten Utensilien und machten die verrückte Idee zu einem verrückten Erfolg. Der zweite Tag wurde von einer Bootstour und anschließender Tiki-Party in einer „Secret Location“ verabschiedet. Die Veranstalter waren ständig, auch neben den Workshops, erpicht darauf, die Teilnehmer durchgehend bei Laune zu halten.

Am letzten Tag warteten noch weitere Workshops auf die Ohren der Teilnehmer. Der erste war von Mike Neff, der in den vergangenen zwei Tagen eher ruhig und verhalten war und dadurch die Neugierde auf seine Worte hoch hielt. Er kam vor die Zuhörer und behandelte die innere Gedankenwelt eines jeden. Sein Workshop sollte nicht zwingend das Thema Tiki behandeln, als vielmehr das verbeulte Berufsverständnis eines Bartenders.

Mit Hut, Leinenhemd und Pfeife

Ihm erscheint es, als bliebe der Gast häufig auf der Strecke, während der Bartender sich in cl-Angaben und Drinksrezepturen verfängt. Interessanterweise gab es bei keinem anderen Workshop so viele Meldungen und aktive Stimmen aus dem Publikum. Nicht jeder war einverstanden, doch nach dem längsten Applaus der drei Tage konnte eigentlich keiner mehr der Meinung eines Mike Neff widersprechen.

Der letzte Sprecher war Jochen Hirschfeld. Er trug – wie immer – Hut und Leinenhemd, seine Pfeife klemmte zwischen den Zähnen. Sein Vortrag zielte im speziellen auf das Lebensgefühl von Tiki ab. „Eskapismus“, das Entfliehen von der Normalität. Anders als bei Sly Augustin und Georgi Radev ging es aber nicht um das Sich-wiederfinden in einer anderen, verrückten Welt, sondern viel mehr um die „Faszination des Unbekannten und Fremden“, das Außergewöhnliche im gewohnten Umfeld, das zur Blüte von Tiki sicherlich der Hauptgrund für dessen Erfolg war. Jochen Hirschfeld sichert sich den Titel des Urhebers auf diese These und benennt sie als „Exotismus“ und nicht „Eskapismus“. Dieser letzte Vortrag machte die Workshop-Reihe zu einer runden Sache.

Tiki by the Sea, see you!

Karim Fadl, der ständig auf Achse die Dinge dirigierte, ist nach den drei Tagen nicht müde. Vor allem ist er glücklich, denn wieder war Tiki by the Sea ein Erfolg. Auch die Meinungen der Teilnehmer gehen nicht weit auseinander, sie sind hauptsächlich begeistert von den Workshops und dem restlichen Aufgebot einer eindrucksvollen Reise.

Die Frage, ob das Event nächstes Jahr wieder stattfinden soll, ist somit schnell beantwortet: „ALO-HA!“

Photo credit: Emanule Bastoni

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