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Dry this at home: Fünf Empfehlungen für alkoholfreien Genuss

Alle sprechen vom Dry January. Aber auch über den Januar hinaus gibt es Schwangere, Autofahrerinnen, Gläubige und „sober curious people“, die auf Alkohol verzichten. Eva Biringer beschäftigt sich seit Längerem mit alkoholfreiem Genuss und empfiehlt diese Produkte für die nüchterne Zusammenkunft.

 

Wie so oft beginnt es mit einem Song von Radiohead: High and Dry. Weit oben, das wären wir gerade alle gerne, im siebten Himmel statt den 7-Tages-Inzidenzen schwebend. Leider ist das Leben aktuell keine Schönwetterwolke, sondern ein elendiges Tiefdruckgebiet. Was hilft, ist ein leichter Schwips, ein bisschen high sein, oder aber das Gegenteil: Im Dry January den Blick fürs Wesentliche zurückgewinnen.

Fast könnte man meinen, es handle sich dabei um eine Erfindung von Instagram. Der auch durch Fitness-Apps und Schrittzählerarmbanduhren nicht von seiner Tendenz zur Waagrechten abzubringende Mensch versichert sich selbst und vor allem seinen Mitmenschen, wie überraschend gut es doch klappt dieses Jahr mit den guten Vorsätzen. Mag sein, raunen die Hashtags, dass ich schon wieder vor Netflix liege, immerhin aber mit einem alkoholfreien Radler in der Hand. Von wegen: Nicht Instagram, sondern die Finnen haben den Dry January bereits 1942 erfunden, als heilungsunterstützende Maßnahme eines vom Krieg gezeichneten Landes. So richtig in Schwung kam die Sache allerdings erst durch die gemeinnützige britische Organisation Alcohol Change. 2014 ließ sie sich den Begriff patentieren.

Selbst die immer zwei Schritte hinterherhinkende Schweiz hat seit diesem Jahr ihren nationalen Dry January, leider bislang nur mit 249 Facebook-Likes. Könnte es daran liegen, dass dessen Umsetzung niemals so schwer erschien wie jetzt in der Pandemie? Der Mensch, zum ergebnisoffenen Durchhalten ebenso wenig geboren wie zum morgendlichen Eisbaden, braucht Belohnungen. Er braucht einen Drink! Wobei: Wenn man sich mal von der Vorstellung freigemacht hat, dass damit zwangsläufig Alkohol gemeint sein muss, ist das Leben beinahe ein Radiohead-Song. Nie war die Auswahl an Alternativen so groß wie derzeit, und sie wird noch größer werden. Auch über den Januar hinaus gibt es nämlich Schwangere, Autofahrerinnen, Gläubige und sober curious people, ein von der britischen Journalistin Ruby Warrington geprägter Begriff, der übersetzt „neugierig aufs Nüchternsein“ bedeutet. Ein guter Gastgeber hat auch für sie etwas zu trinken da. Zum Beispiel eines dieser fünf Produkte.

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Champagner Bratbirne alkoholfrei, Manufaktur Jörg Geiger

Beim Wort Champagner Bratbirne springt sofort das Kopfkino an. Handelt es sich um einen mit Schaumwein übergossenen Nachtisch? Einen mit Fallobst versetzten Jahrgangschampagner? Einen feuchten Werbeagenturtraum? Nein, um eine alte, nur auf der Schwäbischen Alb heimische Obstsorte. Kultiviert wird die von Slow Food gepushte Rarität von etwa 150 Landwirtinnen und Landwirten. Einer davon ist Jörg Geiger. Obwohl er auch Obstbrände herstellt, gilt seine wahre Leidenschaft den alkoholfreien Alternativen. Bekannt wurde er durch seine „Priseccos“, stille und sprudelnde Erzeugnisse auf Obst- und Gemüsebasis, von Erdbeere-Sämlingsapfel bis Stachelbeere-Douglasienspitzen. Es gibt sie in mehr Variationen als der Januar Tage hat, und ich empfehle sehr, sich einmal quer durchzuprobieren. Oder aber man steigt gleich in der Königsklasse ein. Schon optisch macht die Champagner Bratbirne einiges her. Der Korken knallt, der Inhalt sprudelt, und zwar bitte ins Champagnerglas! Drei Jahre auf der Hefe gereift, anschließend schonend entalkoholisiert. Der Grundton ist die Süße eines reifen Obstgartens, ein bisschen Weihnachten ist auch dabei, aber mit erwachsener Säure und den typischen Briochenoten eines „echten“ Champagners.

Champagner Bratbirne alkoholfrei – 750 ml | ca. 14,90 Euro

Italian Spritz, Lyre’s

Es soll Leute geben, denen auch bei Minusgraden nach einem photoshopsonnenuntergangsfarbenem Aperitiv zumute ist. Kein Wunder, wird der Markt gerade von Campari- und Aperol-Alternativen geflutet. In vielen Fällen lohnt es sich, stattdessen zum guten alten San Bitter zu greifen, schon aus dem einfachen Grund, dass es sehr viel günstiger ist und so wunderbar down to earth. Wer trotzdem nach einer Flasche für die Hausbar sucht, sollte es mal mit dem Italian Spritz von Lyre‘s versuchen. Beim Etikett musste ich an die Teeparty bei Alice im Wunderland denken (was wiederum super zum Begriff Teetotaler passt, mit dem Abstinenzler gerne bezeichnet werden). Anders als viele andere alkoholfreie Destillate kann man das farblich und geschmacklich dem nicht-totzukriegenden-Aperol-Spritz-nahe Getränk auch pur genießen. Nicht nur gefällt der appetitanregende Bitterton, der einen automatisch zu Pecorino und Oliven greifen lässt, sondern auch das Mundgefühl reicht erstaunlich nahe ans Original heran. Was vielen alkoholfreien Alternativen nämlich abgeht, ist die Tiefe am Gaumen, weil Alkohol nun mal Geschmacksträger ist. Das britische Unternehmen Lyre’s setzt in dieser Hinsicht – teilweise auch mit anderen seiner Produkte – Maßstäbe. Mit knapp 26 Euro ist dieser Spritz kein Schnäppchen, aber ein würdiger Ersatz für diese Aperolmomente im Leben, von denen man auch im Winter nicht verschont bleibt.

Lyre’s Italian Spritz – 700 ml, ca. 25,99 Euro

Kombucha Limited Lockdown Edition, The Bouche

Wer keine Zeit für ein echtes Haustier hat, schafft sich in der Pandemie einen Scoby an. Mit diesem Hefepilz lässt sich Kombucha brauen, ein fermentiertes Teegetränk mit viel Potential zur kreativen Selbstverwirklichung. Wer auch dafür zu faul ist, greift zum Beispiel auf jenen von The Bouche zurück, dessen Gründertrio genauso hip aussieht, wie man es sich für ein Berliner Drink-Start-Up vorstellt. Bislang gibt es ihr Produkt in drei Geschmacksrichtungen: Bergamotte & Maulbeerholz, Melone & Szechuanpfeffer sowie den kräutrigen Lemondrop-Hopfen. Noch viel spannender sind die Sondereditionen. Eine davon entstand in Zusammenarbeit mit dem Berliner Sterne-Restaurant Cookies Cream, eine andere aus dem simplen Anlass der aktuellen Ausnahmesituation. Basis der „Lockdown Edition“ ist der Melon Buzz, kombiniert mit drei aus den USA importierten Hopfensorten. Mit seiner forschen Säure und dem aufregenden Prickeln ist er ideal für nüchterne Naturweinfans. Das Label ist auch ziemlich hip.

Kombucha Limited Lockdown Edition – 750 ml, 15 Euro

Shrub Apfel & Quitte, Freimeisterkollektiv

Wenn das Leben dir Zitronen gibt… ja, ja, schon klar. Rainer Möbus, Brenner im fränkischen Bad Rodach, hat Äpfel und Quitten bekommen, und daraus einen fantastischen Shrub gemacht. So heißen Essigsirupe auf Fruchtbasis, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen. Die Römer experimentierten mit Weinessig, die Perser mit einer Mischung aus Essig und Honig. Besonders beliebt waren sie auch im 18. Jahrhundert in den USA, und aus dem Arabischen übersetzt bedeutet sharab schlicht „trinken“. Jetzt hat sich das Freimeisterkollektiv, eine mit verlässlicher Qualität punktende Vereinigung von Bartenderinnen, Gastronomen und Klein- bzw. Kleinstbrennern, der Sache angenommen. Ihren Shrub trinkt man mit oder ohne Alkohol, aber bitte nicht pur, weil sauer zwar lustig macht, aber so sauer dann doch nicht. Sogleich poltert auf der Zunge eine Geschmackspolonaise los: erst sauer, dann fruchtig, nicht ordinär- sondern honigsüß, kräutrig, mit Anklängen von Estragon, dann plötzlich bitter. Ich persönlich mag ihn mit Tonic verdünnt, allerdings viel weniger als vermutlich vom Hersteller empfohlen. Das ist das Schöne am Shrub: Wie sauer das Leben sein soll, hat jeder selbst in der Hand.

Shrub Apfel & Quitte, Freimeisterkollektiv – 500 ml | 10 Euro

Juniper No 1, Laori

Der Satz hätte von meiner Oma sein können: Mach eine Sache, und mache sie richtig. Bei Laori gibt es nur einen einzigen alkoholfreien Gin, der aus rechtlichen Gründen nicht so heißen darf, der Einfachheit halber Juniper No 1 betitelt. Auch „alkoholfreie Spirituosen“ ist falsch, korrekt muss es „alkoholfreie Destillate“ heißen. Bekanntermaßen gehen die Meinungen über diese recht neue Produktkategorie auseinander. Wasser mit Geschmack schimpfen die einen, während andere behaupten, so manch ein „Gin“ könne in Blindverkostungen gegen das alkoholische Original bestehen – vorausgesetzt, er bekommt einen Filler zur Seite gestellt. Mit diesem tappen die typischen Wacholdernoten in die Nase, okay, Prinzip erkannt – bis im Mund dann etwas ganz anderes passiert, Eisbonbons, ein bisschen deutscher Nadelwald, jedenfalls viel mehr als eine Imitation der inflationär gewordenen Lieblingsspirituose. Am besten funktionieren alkoholfreie Alternativen nämlich oft dann, wenn sie sich freimachen vom Ersatzgedanken. Mal abgesehen davon, dass sich ein nüchterner „Gin“ nicht so nennen darf, schlage ich vor, auf dieses Label komplett zu verzichten. Das hätte dann auch meine Oma kapiert.

Juniper No 1, Laori – 500 ml | ca. 24,90 Euro

Credits

Foto: The Bouche

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