bars in karlsruhe

Bars in Karlsruhe: Die Konzeptstadt hat ein Konzept

Bars 26.12.2017

Karlsruhe hat aus Bar-Perspektive in der jüngeren Vergangenheit eine rasante Entwicklung gemacht, besonders in den letzten rund zwei Jahren.
 Zeit für einen Besuch in den besten Tränken, in denen man sicher niemals einen Verfassungsrichter treffen wird.

Es gibt ja immer diese armen, oft gar nicht einmal kleinen Städte, die in der Öffentlichkeit so grässlich auf eine bestimmte Insitution beschränkt werden. Das arme Flensburg kann mit seiner Verkehrssünderkartei ein Lied davon singen. Das beschauliche oberbayrische Pullach existiert quasi nur für den Bundesnachrichtendienst. Für Bonn wurde gar die einzigartige Bezeichnung „Bundesstadt“ erfunden, nachdem es nicht mehr Hauptstadt war. Und in Karlsruhe, einer mit 300.000 Bewohnern wahrlich recht großen Stadt, sprechen die höchsten Richter des Landes am Bundesgerichtshof und dem Verfassungsgericht ihre Urteile. „Karlsruhe hat entschieden, dass…“ liest man dann. Oder: „Karlsruhe verbietet…“ Oder: „Karlsruhe stoppt…“

Karl schenkt ein. Oder Carlos?

Dabei macht Karlsruhe viel mehr, als immer nur Urteile zu fällen und Dinge zu verbieten. Zum Beispiel trinken. Man hört nur abseits der Bar-Blase – wo die Stadt mittlerweile ein wenig „angekommen“ scheint – recht wenig davon. Und das ist schade. Denn in der sogenannten „Fächerstadt“ (zweiter Ansatzpunkt in der öffentlichen Darstellung der Stadt!) hat sich – wie in so vielen kulinarisch etwas unbeachteten Städten – eine kleine, aber sehr lebendige und vom lokalen Publikum gut angenommene Barkultur entwickelt.

Und wohingegen man in den Metropolen heutzutage meist nicht mehr wirlich sagen kann, wann und womit es damals irgendwann einmal losging in Sachen Barkultur, bieten die meisten Städte in der Größenordnung von Karlsruhe den schönen Vorteil, dass sich die Historie ihrer Bar-Entwicklung noch komplett nacherzählen und vor allem besuchen lässt. Das heißt nicht, dass es früher nicht auch schon mal eine sogenannte oder vielleicht gute „Bar“ in der badischen Residenzstadt gab.

Aber es gibt immer diese eine Bar, die dafür sorgt, dass ein Stein ins Rollen kommt. Im Falle von Karlsruhe war das, dann sogar namentlich geradezu passend, tatsächlich eine Bar namens Carlos Cocktailbar. Diese Bar, die ihre Pforten stets um 18:10 Uhr öffnet, war es seinerzeit, die es als erste schaffte, die Klientel der Stadt für eine klassische und qualitätsbewusste Form von Barkultur zu begeistern. Inhaber Carlos Hernandez gilt unter der Bargemeinde der Stadt bis heute als Begründer der lokalen Szene, seine Bar, die angesichts ihrer Wände auch „Goldene Bar“ heißen könnte, wenn es selbige nicht schon gäbe, verströmt eine pure, elegante Klassik – man mag es zwiespältig finden, wenn eine Bar – ihrer Einrichtung nach zu urteilen – auch in New York oder Paris stehen könnte. Doch Carlos und sein Team schaffen es, dem mondänen Timbre die nötige Portion Lockerheit zu verleihen, um seine Bar ins Karlsruhe des Hier und Jetzt zu tragen.

Craig und sein elektrischer Aal

Gar nicht weit entfernt vom Carlos wiederum findet sich ein Ort, der gleichermaßen strikter Gegenentwurf zu Karlsruhe und dem Carlos zu sein scheint, der aber gerade durch seine zeitgeistige Urbanität ebenso ein Ort der Ent-Lokalisierung ist: das Electric Eel in der Werderstraße, eröffnet im August 2016 von Craig Judkins. Judkins stammt ursprünglich aus Iowa, also mitten aus dem Midwestern-Nirgendwo der USA, und gelangte über Stationen in Los Angeles, Dan Diego und London schließlich in beschauliche Karlsruhe. Und tatsächlich passt der Laden zum Eigentümer, denn beide sehen aus, als ob sie in Berlin-Neukölln heimisch sind: Das Electric Eel ist eine Zwitterform aus Café, Bar und ein wenig Deli, das großzügige Interieur siedelt sich irgendwo zwischen Dschungelbaumhaus und Third Wave-Coffee mit Europaletten-Chic an – aber hochgemütlich! Spricht man mit Judkins, merkt man, dass er – fernab der professionellen Gastronomie ausgebildet – ein absoluter Überzeugungstäter ist: „Das ‚Eel‘ ist entstanden aus einer Reihe halblegaler Partys, zu denen ich mit ein paar anderen Leuten jeden Freitag geladen habe. Dabei gab es halt auch immer Cocktails. Und irgendwann stellt ich mir dann die Frage, warum ich das eigentlich nicht in eine wirkliche Gastronomie umbauen soll.“ Der bisherige Erfolg gibt dem Mann aus Iowa Recht, sein Laden hat sich binnen kurzer Zeit zu einem wahren Hotspot entwickelt. Leider ist dieses Kleinod in der Südstadt bislang nur mit einer Teilkonzession bis 22 Uhr ausgestattet, sodass (noch) kein vollständiger Barbetrieb bis spät abends möglich ist – aber Judkins, der vollbärtige Macher, arbeitet dran.

Der große Vorteil, den Städte von der Größe Karlsruhes dem Barfreund oft anbieten, ist die relative Nähe der einschlägigen Orte untereinander. So sind alle wichtigen Bars der Stadt in einem Radius angeordnet, der es erlaubt, eine zünftige Bartour mitunter gar zu Fuß zu unternehmen – zwischen zwei Bars liegen kaum jeweils mehr als 10 Minuten.

Bars in Karlsruhe: Von Happy Hours und Konzeptdenken

Wer nach dem Eel wieder das Bedürfnis nach etwas mehr Bar-Klassik spürt, der wird bei Nachfrage in der Stadt schnell den Namen Santo’s hören. Dahinter versteckt sich die Bar des Hotel Santo, nur gut fünf Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof und daher auch als Übernachtungsmöglichkeit und Startpunkt für eine kulinarische Tour durch die Stadt bestens geeignet. Gerade erst seit rund einem Jahr findet sich die halbrund in die Zwischenetage eingelassene Bar sich unter neuer Leitung, ein kleiner Generationswechsel sollte der Bar gut tun: Karol Bernacki, gebürtiger Pole und langjähriger Veteran aus dem KofferRaum (siehe weiter unten), hat sich hier an die Spitze des Barteams gestellt, um die Karte und das Profil der Bar einer Frischzellenkur zu unterziehen – allerdings nicht am Mittwoch oder Freitag, denn zur Happy Hour an diesen beiden Tagen werden hier gut und gerne über 500 Drinks in ein paar Stunden geschickt, wie er erklärt. „Generell ist es aber toll, welche Möglichkeiten wir plötzlich haben“, meint Bernacki, „die Stadt und ihre Szene bekommen inzwischen Aufmerksamkeit von außerhalb, auch durch die Getränkeindustrie.“ Und es wäre nun blauäugig, zu glauben, dass Beachtung durch die Big Player der Branche nicht rückwirkend wiederum dazu führen könnte, dass sich mehr junge Bartender für eine Karrierestation in der früheren Residenzstad entscheiden. Doch der vortreffliche Negroni auf Rum-Basis ist leider schon wieder leer und es wird Zeit, in Richtung des Gebietes vorzustoßen, das man seit Kurzem geradezu als „Magisches Dreieck“ der Barkultur in Karlsruhe bezeichnen mag.

Denn dort, im direkten Dunstkreis von Ludwigsplatz und Stephansplatz, findet man seit ca. einem Jahr nicht mehr nur den KofferRaum – neben dem Carlos die zweite große Instanz der lokalen Szene –, sondern gleichsam mit dem Miad und dem Guts & Glory vom weitgereisten Mo Kaba zwei neue Bareröffnungen, die beide auf absolutem internationalem Top-Niveau rangieren. Sie alle sind im Prinzip Nachbarn und machen die Einkaufsgegend gleichsam zum derzeitigen Ballungsraum des örtlichen Trinkgeschehens. Und gleichzeitig ist jeder dieser Bars für sich genommen dennoch einzigartig.

Die zweite Keimzelle und das flüssige Bermudadreieck

Denn wenn das Carlos einst die Keimzelle der klassischen Cocktailkultur in Karlsruhe war, weil man dort wieder Manhattans und Negronis unter die Leute brachte, war es Roman Koffer mit seinem KofferRaum, der als erster Barbetreiber den Reigen neuer Techniken, Arbeitsweisen, Zubereitunsgformen – kurz: die neue Sicht auf den Drink an sich – in die Stadt brachte. An seinem Anspruch hat sich bis heute nichts geändert. In seiner geräumigen Bar darf man auch heute noch darauf gefasst sein, dass mixologische Kunst in ihrer heutigsten Weise geboten wird: eine beeindruckende, abwechslungsreiche Karte signalisiert dem Barfly, dass es bei Koffer und seinem Team immer wieder etwas zu entdecken geht im Kosmos aus Infusionen, Fat Washings und ähnlichen Presziosen. Die Drinks jedenfalls, die am Ende durch den Kiosk-artigen Tresen auf den Tisch kommen, sind präzise, auf den Punkt und hochkomplex. Dazu lauert in einer Ecke unscheinbar der Schrank mit einigen wirklich raren Rums und Whiskeys, in den warmen Monaten soll der große Garten für allerlei Events mit Foodparing genutzt werden.

Geht man etwas weiter und biegt dann ab „vom Schuss“, gelangt man in den Hirschhof. Hier, nur eine Ecke ab vom Fußgängerzoneneinerlei, hat sich etwas entwickelt, was wohl berlinerischer nicht sein könnte: Neben Spielsalons und einer Bierkneipe der einschlägigen Art steht hier mit dem „Dom“ nicht nur das derzeit gefragteste Restaurant der Stadt, sondern direkt gegenüber hat Mohammed „Mo“ Kaba gemeinsam mit Dom-Betreiber Philipp Haag seine Vision einer aktuellen, aber Klassik atmenden Cocktailbar umgesetzt: das Guts & Glory. Dass Kaba, der weitgereiste Bartender, der trotz seines Jobs und seiner Nebentätigkeit als Markenbotschafter für Gosling’s Rum keinen Alkohol trinkt, nach Stationen u.a. in Frankfurt und Wien sowie zahlreichen Bildungsreisen plötzlich in Karlsruhe gelandet ist, kann man als eine Art „geplanten Zufall“ bezeichnen: „Ich war noch in Japan, da hat mich die Nachricht von Philipp erreicht, dass das Objekt hier frei sei. Und das passte gut: Ich wollte mit meiner ersten eigenen Bar nicht wieder nach Frankfurt zurück, und meine Frau ist in Karlsruhe geboren.“ So kam der Mann mit der Hornbrille und dem charakteristischen Bart, der irgendwo zwischen Thelonious Monk und Charles Mingus angesiedelt ist, in die Fächerstadt, wo er eine der optisch eindrucksvollsten Bars der letzten Jahre aus dem Boden stampfte: Der Raum wird dominiert durch den quadratischen, stimmungsvoll beleuchteten Tresen, der an einen Boxring erinnern soll. Von dort aus werden die darum angeordneten Tische und Lounges an den Wänden bedient – die Bartender haben zu jedem Zeitpunkt jeden Gast im Blick. Wer die Bar von Bildern kennt, wird überrascht sein, wie klein sie doch ist. Wer sich im Sommer auf die Terrasse setzt und den Blick durch die großen Glasfronten schweifen lässt, der kann nicht umhin, sich ein wenig wie in einem Boulevard of Broken Dreams des Malers Edward Hopper zu sitzen. Aber auf eine positive, vielleicht gar ein wenig badische Weise natürlich. Denn hier scheint niemand allein.

Hinter dem Lichtvorhang

Zum Abschluss des Abends wiederum drücken wir noch einmal eine Klingel. Geöffnet wird die Tür dahinter von der charmanten Laura Ebrahimi, der Ehefrau des Namensgebers der Bar hinter der Tür: Miad Ebrahimi. Auch der iranisch-stämmige Ebrahimi hat sich nach vielen Jahren hinter unterschiedlichen Tresen irgendwann für die eigene Bar entschieden und ist dabei in einer kleinen, gut versteckten Ecke fündig geworden. Das bedeutet aber nicht, dass sie von zu wenigen Gästen gefunden wird: Die raren Plätze im Miad sind eigentlich immer gut gefüllt, wie man in der Stadt erfährt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Da wären natürlich erst einmal die wahnsinnig balancierten, handwerklich fantastischen Cocktails, die hier serviert werden – Whiskey Sour mit Hagebutten-Infusion sucht seinesgleichen und ist einer der besten Drinks, die der Autor in den letzten Jahren genießen durfte. Doch der eigentlich Zauber von Miads fast ausschließlich anthrazitschwarzer, nur mit einigen Farb- und Goldtupfern versehenen Bar liegt in ihrer Aura, ihrem cleveren, bescheidenen Design: Die einzige direkte Lichtquelle sind kleine Deckenspots, die auf den Tresen strahlen. Aber jene Lichter strahlen nicht den Bartender an, sondern den Aktionsraum des Gastes. Sie setzen in Szene, was sich bei den Genießenden abspielt, nicht den Gastgeber. Dieser hält sich hinter etwas auf, das japanischer nicht sein könnte, einer Art „Lichtvorhang“. Dahinter wartet ein aufmerksamer Ebrahimi mit seinem Team, immer einen Spruch auf den Lippen. Ein grandioser Ort, eine weitere tolle Karlsruher Bar, die problemlos auch in London stehen könnte. Und keine Angst: Wenn der schlauchartige Raum durch die Tresengäste schon zu eng zum Durchkommen ist, führt der Chef persönlich die Ankömmlinge eben hinter der Bar durch.

Was nach einen Abend mit den Karlsruher Bartendern bleibt, ist die Einsicht, dass es keine große Stadt braucht für große Drinks. Damit ist Karlsruhe heutzutage nicht allein, zumal es gar nicht so unheimlich klein ist. Das eigentlich beeindruckende an der dortigen Szene ist, dass es nicht einfach eine Hand voll guter Bars gibt, sondern dass sich bereits eine echte Landschaft mit unterschiedlichen Konzepten entwickelt hat, die dem Gast die Wahl lassen, welchen Typ Bar er besuchen will. Das ist vielleicht der große Mehrwert, aber auch eine allgemeine Tendenz besonders des Südens von Deutschland in den letzten Jahren: Es gibt nicht einfach gute Drinks, es gibt Orte, Konzepte, Ideen, die über den Cocktail an sich hinausgehen. Man denke nur an Regensburg oder Bamberg. Da kann man dann auch guten Gewissens mit den Klischees über Karlsruhe aufhören. Oder, na gut, noch einmal. Wir fällen ein Urteil: Die Karlsruher Bars sind grandios.

Anmerkung: Der vorliegende Text erschien in leicht anderer Fassung erstmals in der Ausgabe 2/2017 von MIXOLOGY, dem Magazin für Barkultur. Die zeitlichen Angaben wurden aktualisiert.

Photo credit: Foto via Shutterstock.

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