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Kolumne Theken & Marken: Wie geistreich ist das Design alkoholfreier Spirits?

Täglich begegnen uns Marken in der Barkultur, monatlich sucht Kommunikationsdesigner Iven Sohmann das Gespräch. Was uns Leuchtreklamen, Produktverpackungen oder gar Getränkekarten zu erzählen haben, hinterfragt diese Kolumne. Heute: Wie geistreich ist das Design alkoholfreier Spirits?

„So viel zu trinken. Und so wenig ohne Alkohol!“ heißt es auf der Kladde von Peter Richters süffig-süffisantem Sachbuch „Über das Trinken“, das für Genuss und Rausch plädiert und vor einer von Verboten bestimmten „Welt als Fahrradhelm“ warnt. Auch wenn ich privat gerne den sicherheitsfanatischen Kopfschutzpatron gebe, abseits von Straßenverkehr und Jugendschutz bin ich ebenfalls alles andere als anti-alkoholisch, kann aber jeder Milch mit Honig trinkenden Person beim Zuprosten in die Augen schauen. Das nur als Basis für alles Weitere und damit zurück zur Lektüre:

Knapp neun Jahre nach der Veröffentlichung der Originalausgabe lässt sich feststellen, dass der Alkoholverbrauch in Deutschland immer noch hoch, aber tatsächlich weiter rückläufig ist. Vereinzelte Konsumverbote auf öffentlichen Plätzen und zeitliche Verkaufsverbote dürften einen Anteil daran haben, wurden in der Vergangenheit jedoch immer mal wieder ausgesetzt oder gänzlich gekippt. Ausgerechnet der öffentliche Personennahverkehr bleibt hingegen standhaft. In Form von Hausordnungen und Beförderungsbedingungen sind seine Restriktionen vergleichsweise einfach zu erlassen, offensichtlich aber auch schwerer durchzusetzen. #weilwirdichlieben

Alkokalypse now?

Größeren Einfluss auf den sinkenden Pro-Kopf-Verbrauch üben indes wohl die beiden Megatrends „Gesundheit“ und „Selbstoptimierung“ aus. Die Liste der diesbezüglichen Forderungen wächst: Warnhinweise, Werbeverbote, Senkung der Promillegrenze, Heraufsetzung des Mindestalters, Erhöhung der Alkoholsteuer. Die Restaurants bieten längst nicht mehr nur Wasser, Limo und Saft als alkoholfreie Alternativen. Der Dry January ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „So viel zu trinken. Und so wenig ohne Alkohol!“ gilt immer weniger – selbst vor Bar und Kneipe, den Refugien des Rausches, macht diese Entwicklung nicht halt. Also, Alkokalypse now?

Natürlich nicht. Klar, ein Saufgelage in Skandinavien kostet mehr als die Blockhütte danach, das Klingeln der Sperrstundenglocke auf den britischen Inseln ist für die wenigsten Musik in den Ohren und es gibt schönere Accessoires als die Papiertüten aus US-amerikanischen Liquor Stores. Dass vor allem aus diesen Gefilden nun aber alkoholfreie Produkte und Konzepte in den deutschen Markt drängen und das hiesige Angebot bereichern, kann ich persönlich nur begrüßen. Bring it on and keep it coming! Je mehr Möglichkeiten gegeben sind, dass sich auch kranke, gesundheitsbewusste, schwangere, stillende, glaubens-, berufs- oder geschmacksbedingte Abstinente am Tresen wohl umsorgt fühlen, umso besser. Und dann ganz ohne blöde Fragen: Prost in die Runde!

Stryyk hat einen schwedischen Namen, kommt jedoch aus Großbritannien
Siegfried Wonderleaf ist deutscher Pionier im Bereich alkoholfreier Spirituosen, hergestellt von den Rheinland Distillers

Alkoholfreie Spirituosen und ihr Design: blickdicht lackiert

Die grafischen Ausgestaltungen der „alkoholfreien Spirits“ heiße ich gleichermaßen willkommen. Erfreulicherweise sind sie mit ihren hochprozentigen Pendants auf Augenhöhe. Betont botanisch präsentieren sich dabei u. a. der Marktführer Seedlip und seine Markenschwester Æcorn, die nicht verwandten Nachzügler Ceder’s und Everleaf sowie der erste deutsche Vertreter Siegfried Wonderleaf. So rücken sie die Botanicals, die den nachgeeiferten Gins und Aperitifs per Definition oder zumindest optional innewohnen, geschickt in den Vordergrund, um sie anstelle des Alkohols zu heroisieren. Der grüne Daumen als Zeigefinger.

Mut zur Lücke im Lebenssauf zeigen stattdessen Marken wie The Driver’s Tipple, Stryyk und die Hamburger Undone (an dem MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam beteiligt ist). Als Rennautosprit oder mit Durchstreichungen bzw. Zensurbalken thematisieren sie ihre Vorzüge bzw. Mankos offen. Ob dies im Falle der Marke Stryyk, die mit ihrer Gebinde-, Typografie- und Farbwahl getrost als Absolut Vodka-Persiflage durchgeht, langfristigen Erfolg verspricht, bleibt abzuwarten. Erfahrungsgemäß sind Gags als Markenkern eher ungeeignet. Zudem wird das schwedische Wort „stryk“, in dem der gestürzte, also um 90 Grad gedrehte Markenschriftzug mutmaßlich seinen Ursprung hat, mit „Prügel“, „Schläge“ und „Haue“ übersetzt. Aua.

Nicht martial-artistisch, sondern minimalistisch bzw. metallisch geht es derweil bei Three Spirits und Sea Arch zu, deren beider Gebinde größtenteils blickdicht lackiert sind. Das offenbart die interessante Herausforderung, dass ausgerechnet die erklärungsbedürftigen und auf Transparenz angewiesenen alkoholfreien Spirits selbstredend nicht auf die konservierende Wirkung von Alkohol bauen können und sich deshalb vor Lichteinfluss besser bedeckt halten. So erklären sich auch die vielen hohen und fast umlaufenden Etiketten, die Amplify und Caleño beispielsweise mit großflächigen (Pinsel-)Schwüngen füllen – aus der Not ein künstlerisches Keyvisual.

Dass es Lyre’s, Fluère, Dochus, Celtic Soul und Surendran & Bownes in ihrer Gestaltung hingegen so klassisch wie ein abgespreizter Finger halten und bewusst nah am Original etikettieren, ist dennoch legitim. Als verantwortungsbewusster Designer – und jemand, der weiß wie es sich anfühlt, versehentlich mit einem alkoholfreiem Kasten Bier die WG-Party zu crashen – liegt mir der Verbrauchsschutz allerdings sehr am Herzen. Zum einen gebietet es der Anstand, sicherzustellen, dass derlei Produkte nicht zur Einstiegsdroge für Minderjährige avancieren. Sind Robby Bubble und Kaugummizigaretten eigentlich noch auf dem Markt? In meinen Augen ein Fall für das Gesetz, mindestens aber ein Appell an Herstellung, Handel und Verkauf. Zum anderen sollten die Produkte schon aus Respekt gegenüber ihren Wegbereitern klar kommunizieren, wessen Geistes Kind sie sind bzw. wessen eben nicht. Nicht nur die WG-Party befürwortet das. Lebensmitteltransparenz? Ja, bitte!

Three Spirits aus Großbritannien gibt sich blickdicht lackiert
Celtic Soul wurde Mitte 2019 von Pernod Ricard lanciert

Nicht mit falschem Ausweis auf der Party

Ob bei einem „Aperitif“ aber das alkoholische oder das appetitanregende Wesensmerkmal überwiegt, darüber lässt sich streiten. Ähnlich verhält es sich beim englischen Begriff „spirit“, der im Gegensatz zum „spirit drink“ und zur deutschen „Spirituose“ nicht per Gesetz definiert scheint. Die Empörung über Produkttäuschungen kann ich hinsichtlich der Packaging Designs allenfalls bei Sortimenten wie dem von ArKay nachvollziehen, wo der „Alcohol-Free“-Schriftzug die prominenten Produktbezeichnungen wie „Whisky“, „Rum“ oder „Gin“ eher ergänzt als ein Teil von ihnen zu sein. Die distinktive Herausforderung entspricht dabei jedoch der zwischen alkoholfreiem und alkoholhaltigem Bier. Schwierigkeitslevel: allerhöchstens fortgeschritten. Wer anhand des Etiketts stets zwischen „lieblich“ und „trocken“ zu unterscheiden weiß, werfe den ersten Wein!

Insgesamt orientieren sich die „alkoholfreien Spirits“ natürlich an ihren älteren Stiefbrüdern im Geiste, klauen aber mitnichten deren Klamotten und schmuggeln sich mit falschem Ausweis auf die Party. Selbst bei Rumish bzw. Ginish, Kin oder „Not Vodka“ halte ich die Namensgebungen und Produktbezeichnungen für fair und verständlich. Zugegebenermaßen fühle ich mich aber auch von „Sojaschnitzel“, „Tofuwurst“ und „Gemüseburger“ keineswegs in die Irre geführt. Ich trinke ja auch keine Scheuermilch und bestelle weder Schweinsohren noch Blutorangensaft mit Fruchtfleisch in der Metzgerei.

Übrigens kann sich das wachsende Segment der „alkoholfreien Spirits“ bei der Label-Kultur von veganen und vegetarischen Produkten in Zukunft sicher noch einige Scheiben abschneiden. Sehen wir bald das „Alkoholfrei-Siegel“? Natürlich nur, wenn es bis dahin nicht heißt: „So viel zu trinken. Und so wenig mit Alkohol!“ Dann vielleicht sogar das „Alkoholhaltig-Siegel“? Gänsehaut!

Die Ish Spirits Produktreihe stammt aus Dänemark
All Bliss, No Booze – Kin aus Kalifornien kreiert “Euphorics for Humankind"
Credits

Foto: Illustration: Mr. Fred, Flaschen: PR

Comments (4)

  • Wolfgang

    Wie ist die, für diese Getränkegruppe, gesetzlich richtige Bezeichnung?

    reply
    • Mixology

      Lieber Wolfgang,

      eine berechtigte Frage! Allerdings ist ihre Beantwortung nach wie vor diffus. Soweit wir die Lage korrekt deuten, existiert keine gesetzlich geregelte Bezeichnung: Die EU-Spirituosenverordnung enthält zu diesem Segment nichts, denn es handelt sich ja um keine Spirituose. Im Prinzip sind die einschlägigen Produkte schlicht als Lebensmittel in Verkehr zu bringen und dementsprechend zu handhaben. Analog dazu sind ja die Labels auch mit Nährwertangaben versehen. Inwiefern sich die Lage hier ändern wird, auch evtl. durch die Rechtsprechung, warten auch wir mit Spannung ab.

      Liebe Grüße aus der Redaktion
      // Nils Wrage

      reply
    • Nicole Klauß

      Hallo Wolfgang,

      die offizielle Bezeichnung ist alkoholfrei destillierte Spirituose, im englischen Sprachraum ist das dann “alcoholfree destilled spirit”.

      Cheers,
      Nicole

      reply
  • Wolfgang

    Hallo Nils, hallo Nicole!
    Vielen Dank für die prompten und kompetenten Antworten. Inzwischen, bei einem Seminar mit Arthur Nägele (https://www.spirituosenakademie.ch), wurde dafür die Bezeichnung „alkoholfreie Destillate“ verwendet. Das finde ich sehr passend, wird mit dem Dampf, der sich bekanntermaßen aus den unterschiedlichen, flüchtigen Komponenten der zu trennenden Flüssigkeit zusammensetzt, in einem Kondensator durch das Abkühlen wieder verflüssigt… Also destilliert. Unabhängig davon, ob die daraus resultierende Lösung Alkohol, oder eben (nur) einem nicht alkoholischen Auszug entstammt. Danke trotzdem.
    Auf eine gesetzliche Definition bin ich schon gespannt. 🙂 Bis dahin – im deutschen Sprachgebrauch – diese Kategorie als „alkoholfreie Spirituosen“ zu benennen ist wirklich diffus. LG, Wolfgang

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