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Ben Branson Interview

Ben Branson im Interview: »Wenn jemand alkoholfreie Spirituosen sexy machen kann, dann Kate Moss.«

»Ja, wir sind disruptiv – aber auf die nette Art.«

— Ben Branson

Ben Branson, Gründer von Seedlip, will die Welt verändern. Im Interview mit MIXOLOGY verrät er, wie er das machen will, warum der Begriff alkoholfreie Spirituose bald selbstverständlich sein wird – und was Kate Moss damit zu tun hat.

Mixology: Ben, eine Frage vorab: Glauben eigentlich viele Menschen, dass Du mit Seedlip die Mission verfolgst, die Leute davon abzuhalten, Alkohol zu trinken?

Ben Branson: Ja, durchaus. Wir wollen aber niemanden bekehren. Wir wollen, dass Menschen, die nicht trinken – egal, ob sie mit dem Auto fahren, schwanger sind oder andere Gründe haben – einen erwachsenen, komplexen Drink bekommen können. Jeder sollte einen großartigen Drink bekommen können, egal ob alkoholisch oder nicht. Punkt. Hervorragenden Alkohol gibt es bereits, wir wollen für das nicht-alkoholische Segment das gleiche. Das hat nichts damit zu tun, dass wir die Menschen vom Alkohol abhalten wollen. Es ist vielmehr wie in einem Restaurant: ein großartiges, vegetarisches Gericht sollte selbstverständlich sein.

MIXOLOGY: Betrachtest Du Seedlip als disruptiv?

Ben Branson: Wir waren die ersten, die Ende 2015 ein nicht-alkoholisches Destillat auf den Markt gebracht haben, mittlerweile sind alleine in Großbritannien im letzten Jahr 50 dazu gekommen. Was Wahnsinn ist. Mir gefällt die Vorstellung, dass wir Bartendern und Gastronomen zeigen, dass sie ein Mittel haben, das sie einsetzen können. Sie haben die Wahl, einen erwachsenen Drink zu machen. Es gibt keine Entschuldigung mehr. Kurzum: Ja, wir sind disruptiv – aber auf die nette Art.

MIXOLOGY: Disruptiv kann ja als positiv oder negativ ausgelegt werden …

Ben Branson: Ben Branson: Richtig. Ich hoffe, wir haben einen positiven Einfluss auf die Industrie. Wir treten nicht laut auf und brüllen herum. Wir bieten einfach eine Option. Im Übrigen bin ich über die Entwicklung von Seedlip in Deutschland schlichtweg begeistert.

MIXOLOGY: Der Markt boomt. Trotzdem sehen das viele kritisch, nicht zuletzt, weil das Wort nicht-alkoholischer Gin keinen Sinn ergibt …

Ben Branson: Das verstehe ich. Für uns Menschen ist Veränderung manchmal schwierig. Aber neue Kategorien werden oft durch Widersprüche geboren. Wenn man zum ersten mal die Begriffe „Mobiltelefon“, „elektrisches Auto“ oder „Online Shopping“ gehört hat, haben sie keinen Sinn gemacht. Heute sagt niemand mehr Mobiltelefon, sondern einfach Telefon. Aus Online Shopping wird einfach Shopping. Natürlich macht der Begriff nicht-alkoholischer Gin erstmal keinen Sinn. Aber ich denke, das wird sich normalisieren.

»Ich habe von Anfang an ganz klar gesagt, dass ich ehrgeizige Ziele habe: Ich wollte und will verändern, wie die Welt trinkt.«

MIXOLOGY: Was ist Dein Gegenargument, wenn jemand behauptet, alkoholfreie Spirituosen sind nur infusioniertes Wasser?

Ben Branson: Als erstes würde ich sagen, dass 99% von dem, was in der Welt getrunken wird, aromatisiertes Wasser ist: Vodka, Gin, Coca-Cola, Tee, Kaffee, alles ist auf irgendeine Art aromatisiertes Wasser. Aber die andere, gewichtigere Antwort ist: Ich würde nicht sechs Wochen und mehrere Destillationsvorgänge und ein Netzwerk von 16 Produzenten aus aller Welt aufbauen, um die besten Zutaten zu finden und für diese wiederum jeweils einen individuellen Destillationsprozess etablieren, damit mein Produkt auf dem Backboard haltbar ist – wenn ich aromatisiertes Wasser verkaufen würde. Das ist nämlich nach drei Tagen abgelaufen.

MIXOLOGY: Wie wichtig ist die Partnerschaft mit Diageo, diesen Vorsprung von Seedlip zu halten?

Ben Branson: Ich habe von Anfang an ganz klar gesagt, dass ich ehrgeizige Ziele habe: Ich wollte und will verändern, wie die Welt trinkt. Aber Veränderung ist immer schwierig, die Welt ist groß, und Trinken ist ein fundamentales, menschliches Bedürfnis. Es ist also ein großer, furchteinflößender Traum, den ich habe. Jetzt, wo Diageo die Mehrheit an Seedlip hat, haben wir tatsächlich die Möglichkeit, diese Veränderung herbeizuführen. Diageo versteht die Industrie auf einem internationalen Level und weiß, wie man eine globale Marke hochzieht. In der heutigen Zeit, wo 9 von 10 kleinen Start-ups scheitern und nicht über die ersten beiden Jahre hinauskommen – und wir uns darüber hinaus in einem gesättigten und hart umkämpften Markt bewegen –, halte ich diese Kooperation für eine unglaubliche Möglichkeit, diese Kategorie zu einer globalen Bewegung zu machen.

»Wir kratzen wirklich erst an der Oberfläche des Möglichen, wir stehen sprichwörtlich erst am Anfang. Das finde ich aufregend.«

MIXOLOGY: Triffst Du noch die Entscheidungen?

Ben Branson: Ich bin immer noch Gesellschafter, im Board vertreten und involviert, im Moment bin ich aber in Elternzeit, da ich Vater geworden bin. Allmählich steige ich aber wieder ein.

MIXOLOGY: Du willst verändern, wie die Welt trinkt; kamen Dinge wie Nachhaltigkeit im zweiten Schritt dazu?

Ben Branson: Um ehrlich zu sein: Ich hatte keine Ahnung, dass dreieinhalb Jahren, nachdem ich ein paar Flaschen zu Hause gemacht und sie ins Regal gestellt habe, ich ein globales Team in 28 Ländern haben würde. Mit Sicherheit wollen wir uns über die nächsten fünf Jahre verbessern, damit wir die richtigen Dinge an den richtigen Orten aus den richtigen Gründen machen. Wir können alles auf noch natürlicherem Weg machen, und was Aromen betrifft, wird noch einiges passieren. Wir kratzen da wirklich erst an der Oberfläche des Möglichen, wir stehen sprichwörtlich erst am Anfang. Das finde ich aufregend.

MIXOLOGY: Denkst Du dir manchmal: Unfassbar, was in vier Jahren alles passiert ist? Und was machst Du, um auf dem Boden zu bleiben?

Ben Branson: Ich finde, überwältigt zu sein ist eines der besseren Probleme, die man haben kann. Und überwältigt zu sein, weil es sich surreal anfühlt und du voller Ehrfurcht bist wegen der Dinge, die um dich herum passieren, ist eine ziemlich starke Kraft. Ich habe gelernt, dass wir alle drei Monate einen Wachstumsschub durchleben. So ein Vorgang ist, wie beim Menschen auch, schmerzhaft – alles fühlt sich ein wenig chaotisch und beängstigend an. Dann beruhigt es sich wieder, und du bildest einen Muskel. Somit wird es jedes mal einfacher. Du lernst, gewinnst Selbstvertrauen, vertraust in deine Widerstandsfähigkeit. Was ich noch gelernt habe: handle. Wenn mich die Dinge zu überwältigen drohen, unternehme ich was. Ich bin keiner, der wegläuft oder sich versteckt. Der einzige Weg ist mitten durch, und das heißt, zu handeln.

MIXOLOGY: Welches Feedback bekommst Du aus der Spirituosenindustrie, hat man gemischte Gefühle dir gegenüber? Bist Du der Teufel?

Ben Branson: Kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, ob die Menschen ehrlich zu mir sind. Es kommt ja niemand direkt auf dich zu und sagt: ‚Ich hasse dich und das, was du machst.‘ Eine Sache wie Seedlip war einfach notwendig für die Industrie und für den Konsumenten. Es ist zum richtigen Zeitpunkt gelauncht, es ist ein Produkt unserer Zeit. Es hat große Firmen aufgeweckt, was in der Welt vor sich geht. Die Zeiten ändern sich, der Konsument ändert sich. Der Mensch trinkt nicht sein Leben lang das gleiche, er isst nicht sein Leben lang das gleiche, er arbeitet, reist oder lernt nicht sein Leben lang auf die gleiche Weise. Alles verändert sich, alles ist in Bewegung. Das finden manche Menschen aufregend, und andere ängstigt das.

Ben Branson Interview
Ben Branson Interview

»Ich trinke noch Alkohol, aber sehr, sehr selten.«

MIXOLOGY: Wenn es jemanden gibt, mit dem Du einen Drink haben könntest, tot oder lebendig – wer wäre das und was würdest Du servieren?

Ben Branson: Können es auch mehrere sein? Es wäre ein Picknick mit Roald Dahl, David Attenborough und Willy Wonka. Es gäbe Seedlip Tonics.

MIXOLOGY: Mit Kate Moss hast Du ja schon mal getrunken, wie ich gelesen habe…

Ben Branson: Ja, auch so ein surrealer Moment. Sie ist ein Fan von Seedlip.

MIXOLOGY: Daran sieht man tatsächlich, dass sich die Zeiten und Menschen ändern: Kate Moss trinkt alkoholfreien Gin.

Ben Branson: Wenn jemand alkoholfreie Spirituosen sexy machen kann, dann Kate Moss. Sie ist großartig und extrem down to earth. Wir haben zwei Stunden zusammen verbracht und Seedlip-Drinks gemacht, von einfachen Seedlip Tonics bis zu Sours. Es war auch kein PR-Event, einfach eine private Einladung. Ich habe eine Box mit Zutaten mitgebracht und wir haben rumexperimentiert. Es war ein Spaß.

MIXOLOGY: Hand aufs Herz: Gab es am Schluss Alkohol?

Ben Branson: Nein, es war 11 Uhr morgens.

MIXOLOGY: Trinkst Du noch Alkohol?

Ben Branson: Ja, aber sehr, sehr selten. Im letzten Jahr war ich 200 Tage im Jahr unterwegs, das sind eine Menge Flüge, Reisen und Hotelzimmer. Wenn ich dann in einer Bar bin, probiere ich lieber einen Drink mit Seedlip oder schaue, was die dortigen Bartender sonst an alkoholfreien Kreationen haben. Einfach um zu sehen, was sich in dem Bereich tut.

MIXOLOGY: Letzte Frage: Dein Lieblingsdrink mit Seedlip?

Ben Branson: Ein Seedlip Grove mit Ginger Ale und einer großen Orangenzeste. Gut, einfach und schnell zu machen – wichtig, wenn man ein Baby im Haus hat.

MIXOLOGY: Ben, vielen Dank für das Interview.

Credits

Foto: Seedslip

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