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Der Stern & das Craft-Missverständnis: Ein Kommentar

Craft Beer als ranzige Rhabarberschorle? Nur für Hipster? Vor zwei Wochen präsentierte der Stern auf seiner Online-Präsenz eine mehr als ignorante Position zum Thema Craft Beer. Höchste Not für eine Antwort. Besonders heute, am Tag des Bieres.

Es ist immer wieder spannend, wenn sich große Publikumsmedien mit aufkommenden Nischenthemen befassen. Wahlweise interessant, amüsant, gestelzt — und im schlimmsten Fall ein Zeichen blanker Ignoranz. Eine solche Nische ist, bei allem Wachstum, der Bereich Craft Beer bis zum heutigen Tage.

Das Hipster-Bier

Vergangene Woche war es Stern-Autor Tim Sohr, der sich in einem Kommentar an die „Hipster“ dieser Welt richtete, um ihnen folgendes mitzuteilen: Craft Beer ist unnötig, es schmeckt nicht, es ist im Prinzip überhaupt kein Bier. Oder, um es mit den Worten Sohrs zu sagen: „Craft Beer ist Bier für Menschen, die kein Bier mögen“.

Eingehend auf die USA als Ursprungsland der Craft-Bewegung lässt Sohr den Stereotyp „Amerikaner lieben Superlative“ verlauten. Das tragische daran ist, dass Sohr selbst im Prinzip nichts anderes tut, als einen egomanen, infamen Superlativ zu bemühen. Vielleicht gar einen ignoranten Imperativ: Craft Beer sei eine Erfindung von Menschen, die sich mit dem bestehenden Kulturgut Bier nicht arrangieren können und deswegen mit der guten alten Brautradition brechen. Menschen, denen der Respekt fehlt vor dem heiligen Reinheitsgebot, vor jahrhundertealtem Ritus und einem vermeintlichen Non-plus-ultra. Man könnte auch sagen, dass jene Leute einfach kreativ sind. Aber Sohr sieht das anders.

Meinung ja, aber bitte nur mit Kenntnis!

Das Ganze wäre tragbar, wenn er mit der Symptomatik der aktuellen Entwicklungen vertraut wäre. Allein, er ist es nicht in Anklängen. Was auch immer der Autor trinkt, sei ihm gegönnt, solange es ihm schmeckt. Viel verheerender sind jedoch zwei Umstände, die sich aus dem Text artikulieren und die den Stand von Bier in Deutschland anschaulich illustrieren. Erstens: Die breite Masse hat eine verquere Vorstellung von Bier. Zweitens: Bier muss sich, im Lande seiner angeblich kunstfertigsten Ausprägung, bis zum heutigen Tage für alles verantworten, was nicht der Norm entspricht.

Im Laufe seines Rants spricht Tim Sohr von „echten Biertrinkern“ aus seinem Bekanntenkreis, die sich allesamt nicht für Craft Beer interessieren. Genau dieser echte Biertrinker ist es, der im Prinzip das „Paradox“ ist, das der Stern-Autor im Craft-Freund sehen will. Ist derjenige ein „echter Biertrinker“, der jahrein, jahraus nach dem selben Geschmack, der gleichen Stilistik, nach der immergleichen Plörre sucht? Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte haben die Deutschen ihre oftmals bornierten, konservativen und provinziellen Trinkgewohnheiten weiterentwickelt und entdeckt, dass es auch jenseits von Korn, Eierlikör und brennend süßem Kröver Nacktarsch himmlische Genüsse gibt.

Ohne diese Entwicklungen würde heute hierzulande niemand über guten Wein und Cocktails sprechen, und der Gin & Tonic käme — wenn überhaupt! — aus der 1-Liter-PET-Flasche samt runzliger Zitronenscheibe. All dies hat eine relativ große Mehrheit angenommen. Diese Kategorien haben sich entwickelt. Wenn man es grob betrachtet, von oben nach unten. Angefangen bei einer kleinen, exklusiven Minderheit, haben sich immer mehr Getränke vorgearbeitet. Und sie mussten sich nicht rechtfertigen.

Beim Bier hört in Deutschland der Spaß auf

Beim heiligen Bier ist es anders. Bier muss sich in Deutschland rechtfertigen, wenn es anders schmeckt. Und dieser Beigeschmack ist mehr als fad. Es ist kurios: während mit verblüffender Frequenz und Selbstverständlichkeit über herausragenden Wein geredet werden darf, scheint Bier als flächiges und farbiges Segment verpönt, wenn nicht gar gleich obiger Vorwurf ertönt, dieses oder jenes Gebräu sei gar kein „echtes Bier“. Es sind jene „Biertrinker“ wie Tim Sohr, deren verschrobene Arroganz skurril anmutet, denn sie sagen „Bier“ und meinen „Pils“ — und zwar all jene Sorten, die immer gleich schmecken.

Diesem Irrtum sitzt übrigens auch Sohrs Stern-Kollegin auf, die zwar in einem zweiten Beitrag „Craft Beer ist mein Bier“ [Beitrag leider auf der Stern-Seite mittlerweile entfernt. Anm. d. Red.] seiner Position Parolo bietet, allerdings ebenfalls im Pils den eigentlich Standard sieht. Geht es Sohr um die genuin deutsche Bierkultur? Wohl kaum, denn in diesem Falle müsste er auch ein Loblieb singen auf Leipziger Gose, Fränkischen Doppelbock, Hamburger Rotbier oder vollmundiges Düsseldorfer Alt. Aber das tut er nicht. Stattdessen bemängelt er, dass sich Craft Beer-Freunde nicht für ein „klassisches Pils“ interessieren (was natürlich falsch ist).

Die Bewahrer mutieren zum Fluch

Bier brauche keine Alternative, heißt es weiter, doch genau damit gibt der Text seinen größten Irrtum Preis. Bier braucht sehr wohl Alternativen, so wie auch nicht jeder Rotwein gleich schmeckt, auch nicht jeder Gin oder Rum. Craft Beer, so Sohr, schmecke nicht nach Bier, sondern nach ranziger Rhabarberschorle. Abgesehen davon, dass dort offenbar der Begriff „Craft Beer“ als Braustil verstanden wird, zeigt sich der vermeintliche Kenner als blutiger Anfänger und archetypischer teutonischer Bierreaktionär. Bier muss billig und austauschbar sein, das Getränk für jedermann und für jeden Zeitpunkt. Erschreckend, welches Bild die selbsternannten Verteidiger des guten Bieres von ihrem Heiligtum zeichnen.

Ebenso schlimm ist die völlig falsche Instrumentalisierung des Begriffs „Craft Beer“. Man mag von dieser Vokabel halten, was man will. Sohr jedoch begeht den Fehler, Craft Beer als etwas zu beschreiben, was grundsätzlich sprerrig und nur wahlweise geübten oder verqueren Gaumen mundet. Damit hält ein solcher Text wie seiner dann im Moment der Entscheidung den einen oder anderen Interessenten davon ab, sich eventuell irgendwann für ein neues Bier zu entscheiden.

Wer spricht vom Nutzen?

Unbelehrbare wird es immer geben. Was Sohr übersieht, ist der immense positive Nutzen, den die Craft-Bewegung mit sich bringt: das Reden über Bräuche und Sitten, das Überdenken von Konventionen, die Besinnung auf Qualität, Vielfalt und Geschmack. Und was am wichtigsten ist: kein Craftie wird ihm an einem heißen Sommertag sein eiskaltes Augustiner, Krombacher oder Heineken verdenken und ihm stattdessen einen Barley Wine aufzwingen. Weil wirklich echte Biertrinker wissen, dass Bier alles sein kann, aber eben auch mehr als nur der beliebige Durstlöscher am Stammtresen. Weil Bier unendlich vielfältig ist. Und weil es so viel mehr gibt als Pils. Auch immer öfter in Deutschland. Gott sei Dank!

Credits

Foto: Mann mit Bier via Shutterstock; Postproduktion: Tim Klöcker

Comments (2)

  • jan

    Da ich Stern online nicht lese, habe ich erst mal den Artikel von Tim Sohr auf deren Webseite gesucht, gefunden und gelesen. Du hast mir aus der Seele geschrieben, was die „Antwort“ auf den Artikel betrifft.

    Allerdings muss ich eine Lanze für den Stern brechen: Bei der Suche unter dem Stichwort „craft beer“ erschien zuerst der Artikel der Autorin Gondorf, die eine Gegenposition zu Tim Sohrs Artikel einnimmt.

    Es ist allerdings schon immer wieder erstaunlich, was in „Publikumsmedien“ unreflektiert (mangelnde Tiefe) publiziert wird; (in diesem Fall beide Artikel).

    Grüße

    jan

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  • Flappen23

    Hallo Nils,

    ein Text wie gemalt. TOLL geschrieben und den Nagel voll auf den Kopf getroffen. DANKE

    LG
    Johannes

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