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Mit dem Handy an der Bar

Alle sprechen über zehn gute Vorsätze für das neue Jahr. Konzentrieren wir uns an dieser Stelle erst mal auf einen. Dafür auf einen, der uns aber wirklich am Herzen liegt. Einer, den man gar nicht oft genug ansprechen kann: Packt das verdammte Handy weg, wenn ihr euch in einer Bar aufhaltet. Wer das schafft, darf gerne über die anderen neun guten Vorsätze sprechen.

Wir können es gar nicht oft genug ansprechen. Wie viele Medien müssen noch über die verkorkste Gewohnheit berichten, welche gegen jeden Sinn und Zweck eines Trinktempels spricht. Seien wir doch ganz ehrlich: Wundervolle Drinks werden kreiert, meist sogar hervorragende.

Der sinnliche Genuss ist ein guter, ein genügender Grund für einen Barbesuch. Aber der grundlegende Sinn ist das Miteinander, Genuss durch Gesellschaft.

Ob der Geschäftspartner nach dem Essen, der beste Freund zum Wiedersehen nach langer Trennung, oder die Frau des Herzens, um mit ihr einen feucht fröhlichen Abend zu verbringen.
In jeder Situation ist es unglaublich unhöflich, dem Gesprächspartner ständig das Handy auf Augenhöhe zu halten.

Über den Umgang mit Menschen

Der Handy-Knigge regelt ganz klar die Benutzung von Mobiltelefonen für Krankenhäuser, Kirchen, Geschäftstermine und Theater. Die Regelungen sind gesellschaftlich akzeptiert.

Auch für Restaurants, in welche Kategorie wir den Barbesuch stecken, gibt es im Benimm-Ratgeber entsprechende Passagen. Stellen Sie ihr Telefon auf lautlos, gehen Sie vor die Tür beim Telefonieren.

Und da niemand von uns gewillt ist, für jeden Facebook- oder Twitter-Check vor die Tür zu gehen, wird das Handy schamlos in aller Öffentlichkeit und vor den Augen sämtlicher Teilnehmer der laufenden Konversation vorgezogen. Schlimmer noch, wenn durch das ständig präsente Mobiltelefon erst gar keine zustande kommt!

Soweit ist es schon

Selbst die Artesian Bar in London hat diesen besonderen Gästen einen Drink gewidmet: den Digidiva Cocktail. Alex Kratena kreierte diesen Cocktail, inspiriert durch die jungen Londoner Mädels, die niemals ihr Smartphone aus den Händen legen können.

Die Idee zu dem Drink impliziert ganz klar, dass es jedem auffällt, wenn man ständig im digitalen Zweitleben versinkt. Es belästigt die Mitmenschen. Oder auch den Gastgeber.

Was soll ein Barmann von Gästen halten, die nicht die Kunst hinter dem Tresen und die Stimmung davor schätzen, ebensowenig all die anderen kleinen Mühen, sondern die lieber in eine andere Welt abdriften und der realen, in welcher sie sich gerade befinden, absolut keine Aufmerksamkeit mehr zukommen lassen. Danke, die Plätze hätte man besser an ein paar andere Gäste vergeben.

Wo bist Du?

Damit wollen wir sagen: du störst! Auf eine stille Art und Weise zeigst du deiner Umwelt, dass sie Dich nicht interessiert, dass Du gerade lieber woanders seien würdest. Du signalisierst absolute Teilnahmslosigkeit an allem, was gerade um dich herum passiert.

Ich bin hier – Wirklich?

Das sehen mindestens 30 weitere Gäste. Wenn Dir das nicht reicht, stell ein Schild vor die Tür. Dort laufen noch mal ein paar Hundert Menschen am Abend vorbei.

Markierung schön und gut, aber musst du wirklich alle 20 Sekunden nachprüfen, ob alle deine sozialen Freunde deine Statusnachricht gelesen haben? Wer es wissen will, fragt nach; wenn Dich jemand besuchen möchte, teilst Du es ihm direkt mit.

Oder bist Du einer dieser Menschen, die stets sagen müssen „Schaut her, ich esse/trinke gerade im besten Restaurant der Stadt“? Ist es für Dich eine Begeisterung, Deine Mitmenschen neidisch zu machen? Super, Du wirst in Zukunft noch mehr Stunden mit digitalen „Freunden“ verbringen.

Leg das Handy weg. Du verpasst nichts.

Zumindest nichts Wichtiges in der digitalen Welt. Dafür viel von dem, was um Dich herum passiert. Alles im Internet wird gespeichert. Den Moment, in dem Du Deine Traumfrau an der Bar triffst, kannst du später nichtmehr abrufen. Vielmehr verpasst Du sämtliche Interaktionen, die in Deiner unmittelbaren Umgebung stattfinden.

Du willst wissen, aus welchen Zutaten dein Cocktail besteht? Frag den Barkeeper. Die aktuellen Fußballergebnisse? Frag die Herren am Tresen. Vielleicht gibt Dir der Bildschirm eine Antwort auf alle erdenklichen Fragen, eine anständige Konversation wirst du mit dem mobilen Helfer trotzdem nicht führen können.

Wer zum Stichwort “Konversation” auf Skype, FaceTime oder Google-Hangouts kommt, sollte auch das Risiko im Hinterkopf behalten, vom Gastgeber vor die Tür gesetzt zu werden.

Die Ausnahme

Sitzt Du alleine in einer Bar und willst mit deinem Smartphone und den drei einfachen Worten ”ein Bier, bitte” deinen Feierabend genießen, soll Dir Dein gutes Recht auf Privatsphäre vergönnt sein.

Falls Du in einer Gruppe unterwegs bist und es wirklich schon so weit ist, dass Du dem Zwang nicht entgehen kannst. Nimm dir deine fünf Minuten Auszeit doch bitte vor der Tür. Sobald Du die Bar erneut betrittst, sollte das Mobiltelefon wieder in der Tasche verschwinden. Und da sollte es dann auch bleiben.

Du hast einen anderen Grund der dich dazu berechtigt deinen Abend mit dem Smartphone an der Bar zu verbringen? Erzähl es uns.

Comments (3)

  • Magnus Zeiss

    wie sieht es denn zb mit fotos aus?
    klar, wenn ich in einer Bar oder Restaurant mit ansehen muss wie der lächerliche Blitz einer Smartphonekamera aufleutet um dann das kaum erkennbare überbleibsel eines Fotos mit Sepa-Filter auf Instagram zu kreuzigen verdrehen sich auch meine Augen unweigerlich.
    Was aber sagen denn die Barmänner hier zu Fotos?
    Was geht, was stört, was tut schon fast physisch weh? ist ein Foto eurer Kreation ein Lächeln ob des Kompliments oder ein Seufzen ob der Ignoranz wert?

    Gruß,
    Zeiss

    reply
  • Steve Labbies

    Um eines vorweg zu nehmen:
    Ich kann Ihre Argumente nachvollziehen und finde es auch erschreckend, wo überall das Mobiltelefon und seine Möglichkeiten Verwendung finden. Selbst bei einem Beatsteakskonzert, bei welchem es nicht gerade zimperlich zugeht, halten die Leute inmitten der pogenden Menschenmenge ihre Handys in die Höhe. Neben dem Fakt, dass die Aufnahmen komplett verwackelt und völlig unbrauchbar sind, stellt sich mir die Frage: Warum geht so ein Mensch auf ein Konzert? Was, bzw. wie will er das Event wahrnehmen/erleben.
    Analog dazu verstehe ich diese Einstellung genausowenig, wenn man eine Bar besucht. Dabei sehe ich das Mobiltelefon teilweise schon als Gruppenmittelpunkt!
    Die gemachten Cocktails erreichen die Gäste, welche dann ein gemeinsames Selfie (hin und wieder darf ich dann auch Aushilfsfotograph spielen) schießen, um es in den sozialen Netzwerken zu teilen, dann schreibt jeder mit seinem Apparat bei Whatsapp, in irgendeine Gruppe, was sie gerade tun, damit es auch keiner verpasst.
    Doch zum eigentlichen Knackpunkt dieses Artikels:
    Was macht man eigentlich so interessantes mit dem Handy, statt mit seinen Freunden den Abend zu genießen?
    Genau, man sieht sich auf Facebook und co an, was z.B. die Mixology vor einer Stunde hochgeladen hat!
    Ihr (Mixology) seid auf den Zug mit aufgesprungen und posted fleißig Artikel, Bilder, Events etc in den sozialen Medien.
    Gerade ebend wurde ich dazu ermutigt, euch auf Instagram zu folgen. Da kann ich mir stets neue und schöne Bilder von Bars und Drinks ansehen. Jederzeit und mobil, dafür gibt es ja Instagram.
    Früher musste man sich alles noch vom Stand-PC aus ansehen, wenn gerade nichts anderes um einen herum passierte.
    Danke, dass ihr den Leuten die Möglichkeiten gebt, sich überall mit allem zu beschäftigen.

    reply
  • Andreas Wild

    Korrekt, wir geben dem Leser die Möglichkeit, sich mit Themen um die Bar, mobil zu beschäftigen. Eine Möglichkeit per Definition ist: “Eine zur Wahl stehende Entscheidungsvariante.” Wer genug Interesse an seinen Mitmenschen aufbringen kann, wird dich sicher für die Variante “Handy weg” entscheiden.

    In diesem Artikel besprechen wir explizit die Nutzung eines Mobiltelefons, an einem Ort für zwischenmenschliche Interaktionen. Es geht weder um die soziale Medien noch ihren Gebrauch im generellen.

    AW

    reply

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