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Fakten: die Kneipe – früher und heute

Die Eckkneipe: des einen Uhl, des anderen Nachtigall. Doch was macht die Kneipe eigentlich zu Selbiger? Schließlich gehört sie mehr zu Deutschland als die Bar. Wir widmen uns der Kneipe und einigen aktuellen Fragen zu ihrer Entwicklung.

An der Bar geht es um Handwerk. In der Kneipe nicht. Dort geht es zumeist einfach um Bier, „ehrliches Bier“ womöglich. Ein typischer Kneipenabend hat wenig bis gar nichts mit Barkultur zu tun. Dennoch gehört die Kneipe zu Deutschland wie Bockwurst, Fußball und Autobahnen ohne Tempolimit – noch! Denn ihre Zahl schrumpft sein Jahren. Woran liegt das? Und woher kommt der Name eigentlich? Ist eine Kneipe nicht dasselbe wie ein Pub? Wir geben antworten. Schließlich beendet auch so mancher hochqualifizierte Bartender den Abend nach der Schicht genau an diesem verschwommenen Ort: in der Kneipe um die Ecke.

1) Kneipe und Kneipe – Ort und Veranstaltung

Wer sich mit dem Begriff „Kneipe“ beschäftigt, der kommt nicht um die Suche nach der Wortherkunft herum. Den glaubwürdigsten Ansatz macht die zeitgenössische Linguistik am mittelniederdeutschen Verb „knīpen“ fest, das so viel wie „kneifen“ oder „drängeln“ bedeutet. Damit bezog man sich höchstwahrscheinlich auf die oftmals engen Schankräume der einfachen Bierlokale, in denen sich abends vornehmlich die einfachen Arbeiter trafen, die dabei ordentlich zusammengedrängelt wurden. Andere, synonym gebrauchte, aber seltenere Namen sind etwa „Schenke/Schänke“, „Taverne“ oder „Schankwirtschaft“. Das statistische Bundesamt übrigens führt „Kneipen“ und „Bars“ unter derselben Rubrik, jedenfalls solange gar keine Speisen angeboten werden.

Gleichzeitig hat das Wort „Kneipe“ eine prominente Bedeutung in der Bewegung der Burschenschaften bzw. Studentenverbindungen. Hier umschreibt der Begriff jedoch keinen Ort, sondern den Vorgang des gemeinsam vollzogenen Trinkrituals. Die Vokabel löste im Laufe des 19. Jahrhunderts den aus dem Lateinischen entlehnten Ausdruck „Kommers“ ab. Während „Kneipe“ in Burschenschaften früher meist ein geschlossenes Beisammensein der aktiven Mitglieder bezeichnete, wird der Begriff heute in den einschlägigen Verbänden meist für offizielle Treffen Aktiver und „Altherren“ verwendet. Gekleidet ist man dabei gerne mit einer die Farben der eigenen Verbindung tragenden „Kneipjacke“.

2) Kneipe und Pub: Unterschied und Gemeinsamkeit

Gar nicht selten hört man die Behauptung, der britische Pub sei die Entsprechung zur typischen deutschen Kneipe – dabei ist diese Aussage nicht oder nur in geringen Aspekten zutreffend. Im Prinzip gibt es eigentlich nur eine Gemeinsamkeit: der Pub (von „Public House“) ist in seinem Dorf oder Stadtteil ein zentraler Treffpunkt mit sozialer Funktion. Man trifft sich abends nach getaner Arbeit zum gemeinsamen Bier und bespricht private Angelegenheiten. Einen ähnlichen Zweck erfüllt die Kneipe zwar auch, jedoch liegen diverse Unterschiede auf der Hand.

Die klassische deutsche Bierkneipe serviert im Normalfall keine oder nur sehr einfache Speisen. Der Pub hingegen dient ebenfalls ganz regulär als, wenn auch einfache, Speisenwirtschaft, die besonders tagsüber von vielen Menschen für den Lunch genutzt wird. Man unterscheidet zwar vom höhergestellten „Restaurant“, dennoch wird jeder Brite bei dem Wort „Pub“ nicht nur an Bier, sondern gleichermaßen an deftige Speisen – etwa Fish & Chips, Steaks, Burger, Pies oder Suppen – denken.

Ein weiterer Aspekt der Unterscheidung ist vor allem soziologischer Natur: während die typische Bierkneipe hierzulande vor allem stets ein Ort des „einfachen“ Volkes war, ist der Pub in Großbritannien einer der wenigen Orte, an denen die Klassenzugehörigkeit kaum eine Rolle spielt: hier sitzt gut und gerne der Bankmanager im Small Talk mit dem Taxifahrer und die Dame aus dem Aufsichtsrat trinkt denselben Cider wie die Gemüsehändlerin neben ihr.

Ferner ist die typische deutsche Kneipe meist ein Ort mit einem sehr überschaubaren Angebot an Waren: es gibt üblicherweise ein oder zwei Biere vom Fass, außerdem solche aus der Flasche, einige Sorten Schnaps und einfache alkoholfreie Getränke. Ein anständiger Pub-Betreiber hingegen wird immer Wert legen auf eine umfangreiche Auswahl an Bieren und Spirituosen, hinzu kommen besagte warme Speisen. Mit wenigen Worten kann man den Unterschied im Prinzip festmachen: die Kneipe nimmt dem Gast schon viele Entscheidungen ab, der Pub nicht.

3) Das Kneipensterben: eine traurige Wahrheit

Man mag darüber jubeln oder jammern: ein Nebeneffekt der immer besser informierten Konsumenten, gekoppelt mit der fast unbegrenzten zeitlichen Verfügbarkeit von Getränken im Einzelhandel, ist das sogenannte „Kneipensterben“. Folgende Ursachen mögen als Gründe gelten:

Der besser informierte Gast begnügt sich immer seltener mit dem typischen Angebot einer Eckkneipe. Mit mehr Wissen um kulinarische Gegebenheiten steigt auch der Anspruch, den viele Wirte einfacher Kneipen nicht befriedigen können oder wollen. Und selbst, wenn es gar nicht um Cocktails, Highballs oder die neuesten Food-Trends geht, muss auch ein Herrengedeck heutzutage für viele Menschen schon aus einem IPA nebst ganz speziellem Rye Whiskey bestehen. Hinzu kommt, dass die Menschen von Jahr zu Jahr weniger Alkohol zu sich nehmen. Und für eine Rhabarberschorle geht niemand ins „Zum Ross“.

Zudem waren Kneipen über Jahrhunderte für einen Großteil der Menschen der einzige Ort, an dem es Abends einen erschwinglichen Drink gab. Das ist heute, wo es besonders in den Städten kaum noch Ladenschlusszeiten gibt, grundlegend anders. Wer um 22 Uhr Lust auf ein Bier bekommt und merkt, dass er keines mehr im Haus hat, braucht nur zum nächsten Supermarkt zu laufen. Daran war noch vor 20 Jahren nicht zu denken. Zumal das Bier dort nur einen Bruchteil kostet. Dieser Umstand ist dann übrigens doch noch eine weitere Parallele zum britischen Pub, das mit ganz ähnlichen Problemen kämpft.

Bundesweit gab es im Jahre 2013 (dem letzten Jahr, für das bereits bestätigte Zahlen vom Statistischen Bundesamt fassbar sind) rund 32.500 Schankwirtschaften. Das bedeutet allein seit 2010 einen Rückgang von rund 9 Prozent. Besonders stark trifft das Kneipensterben übrigens die großen Städte, in denen Sytemgastronomien das Ruder für anspruchslose Gaststätten im innerstädtischen Raum an sich gerissen haben. Ganz immens macht sich das in Hafenstädten wie Hamburg, Bremen oder Flensburg bemerkbar, außerdem im Ruhrgebiet. Hier haben seit der Jahrtausendwende teilweise fast die Hälfte aller Kneipen ihre ganz persönliche „letzte Runde“ angesagt. Das einzige Bundesland, dessen Zahl an Schankstätten steigt, ist übrigens das mehr als durstige Berlin.

4) Die Kneipe: viel mehr als nur ein Ort des Suff

Niemand wird bestreiten wollen, dass viele der charakteristischen Eckpinten keine besonders schönen Orte sind: Ein Tresen und ein paar Hocker aus Eichenfurnier, eine Handvoll Trunkenbolde, die sich rauchend um den Zapfhahn versammeln, überquellende Aschenbecher, muffige Luft, vergilbte Butzenscheiben, vielleicht ein wenig Freddy Quinn aus dem Lautsprecher. Wahrlich keine Verlockung, sondern eher ein Anlass zu der berechtigten Frage, weshalb solche Etablissements in unserer heutigen Zeit noch schützenswert sein sollen.

Tatsächlich ist so manche Kneipe in ländlicheren Gegenden oder ruhigeren Stadtteilen oft noch immer ein Ort unkomplizierter bürgerlicher Kommunikation, nicht nur des Bieres. Clubs halten dort ihre Sitzungen ebenso ab wie die Freiwillige Feuerwehr, Kollegen treffen sich nach der Arbeit, weil die Wohnung zu klein ist, oder die Fußballmannschaft bespricht sich mangels eines Vereinsheimes. Das haben auch bestimmte wissenschaftliche Disziplinen wie die Soziologie, Ethnologie oder Psychologie entdeckt und sich schon in vergangenen Dekaden mit der Kneipe als funktionalem Raum beschäftigt, der deutlich über das Zapfen von Gerstensaft hinausgeht. Wissenschaftliche Bücher zum Thema existieren etwa vom Kommunikationsforscher Franz Dröge oder in Form eines Sammelbandes, herausgegeben von der Kulturanthropologin Gudrun Schwibbe. Zwar nicht mehr ganz aktuell, aber dennoch mit spannenden, mehrdimensionalen Blickwinkeln auf einen vermeintlich einfältigen Ort.

5) Rauchverbot – ein Sargnagel?

Seit der flächendeckenden Einführung von Rauchverboten in gastronomischen Betrieben ab 2008 erhebt sich regelmäßig der Vorwurf, das Aussterben der Kneipenkultur sei eine direkte Folge des Rauchverbotes. Doch die Zahlen sind – je nachdem, wohin man schaut – sehr unterschiedlich.

Nimmt man beispielsweise die extrem starken Schließungsraten von Kneipen in Hamburg oder Niedersachsen und vergleicht sie mit den Zahlen aus Bayern, entsteht ein schiefes Bild: Sowohl in Hamburg als auch Niedersachsen gibt es Sonderregelungen für Kneipen, die eine gewisse Größe nicht überschreiten, keine Speisen servieren bzw. in denen der Wirt selbst alleiniger Mitarbeiter ist – in vielen Kneipen darf also geraucht werden (die Fülle an Regelungen ist mittlerweile durch den deutschen Föderalismus eher unübersichtlich). Bayern hingegen hat das strengste Gesetz überhaupt, es darf schlicht in gar keinem gastronomischen Betrieb geraucht werden. Trotzdem haben in Bayern im selben Zeitraum anteilig nur halb so viele Schankwirtschaften schließen müssen. Das Verbot scheint keinen Effekt zu haben.

Dem entgegen steht etwa der Vorwurf der Dehoga NRW: seit im kneipenreichsten Bundesland die Regelung verschärft wurde, verzeichnen laut Branchenverband rund vier von fünf Gastronomen Umsatzrückgänge, besonders natürlich die Kneipen, deren Geschäftsmodell eben oft auf der Paarung von Bier und Zigarette basiere. Das, so warnt der Verband, treffe nicht nur die Wirte selbst, sondern mittelfristig auch die Großhändler und Hersteller. Bedenkt man im gleichen Zuge die Steigerung der Kneipenzahl in Berlin, wo der Nichtraucherschutz am lockersten ist, mag man ins Grübeln kommen, ob an dem Vorwurf nicht doch etwas dran ist.

Eine abschließende, umfassende Diagnose kann in dieser Sache wohl nicht getroffen werden, allein schon, weil die Gesetze eben überall unterschiedlich sind. Generell fragt man sich aber doch, ob ein derart strenges Gesetzt Sinn ergibt – denn die Gäste, denen die Kneipe wegstirbt, werden deswegen keinesfalls zu Nichtrauchern. Vor allem aber sollten die Spielregeln für alle gleich sein, egal ob in Sankt Peter-Ording oder Nürnberg.

Credits

Foto: Kneipe & Lupe via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

Comments (2)

  • AlkRocks-since1998

    danke für diesen Artikel

    reply
    • Mixology

      Vielen Dank zurück für das Lob! Wir selbst lesen den Artikel auch ab und zu nochmal wieder gern, weil er uns Freude macht. Nur die Zahlen müssten wir allmählich mal wieder überprüfen und aktualisieren.
      Liebe Grüße // die Redaktion

      reply

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