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Mit dem Ratsherrn Matrosenschluck zu neuen Ufern?

Neue Ales braucht das Land! Zwischen all den IPAs fällt es mithin schwer, den Mehrwert jeder einzelnen Neuabfüllung auf dem Bier-Ozean zu erkennen. Mit dem ‚Matrosenschluck‘ ist den hanseatischen Brauern im Hause Ratsherrn allerdings ein wahrlich spannender Sud gelungen. Ein Verkostungsbericht.

India Pale Ales scheinen nach wie vor der Dauerbrenner in der Neuen Deutschen Bierszene zu sein. Obschon unzählige Brauereien auch Stile weit abseits von diesem neuen Craft-Mainstream brauen, bleibt doch das IPA der Durstlöscher der Wahl unter jungen Bier-Aficionados — quasi das Pils der Craft Beer-Bewegung: in Berlin eröffnete jüngst gar eine eigens auf diesen Bierstil spezialisierte Bar. Da liegt es auf der Hand, dass es laufend schwieriger wird, sich auf dem explodierenden IPA-Markt noch zu behaupten.

Der Zauber im Getreide

Für all jene Brauer und Bierliebhaber, die sich nicht damit zufrieden geben, einfach nur noch stärker kaltzuhopfen und zu bittern, was das Zeug hält, bietet sich die Variation des verbrauten Getreides an. Viel Lob erhielt etwa das im vergangenen Herbst herausgebrachte „Mystique IPA“ vom Mainzer Start-up Kuehn Kunz Rosen, das neben Gerste auch auf Kamuth, eine besondere, urtümliche Weizensorte, zurückgreift. Derartiges darf dann zwar — sobald man etwas anderes als Gerste und modernen Weizen verwendet — in Deutschland nicht mehr ‚Bier‘ heißen, aber es gibt zum Glück neben innovativen Brauern auch eine wachsende Zahl an Konsumenten, die durchaus bereit sind, zumindest nicht vollkommen blindlings dem deutschen Dogma namens Reinheitsgebot nachzusabbern.

Ein Sub-Stil des IPA, der bereits einige Bekanntheit genießt, ist die Variante als Oat- bzw. Oatmeal-IPA, also ein Ale, dessen Grundlage zu einem gewissen Anteil aus Hafer oder Haferflocken besteht. Ein archetypischer Sud dieser Richtung ist z.B. das von vielen Kennern gefeierte Oatmeal IPA aus von der US-Craft-Schmiede New Belgium aus dem Bierstaat Colorado. Die Vorzüge von Hafer liegen dabei auf der Hand: die Flocken bringen eine charaktervolle, jedoch zurückhaltende Süße ins Bier, hinzu kommt eine weiche Bindung, die durch Weizen oder Gerste nicht erreicht wird. Werden daneben dunklere Malze eingebraut, hilft der Hafer außerdem dabei, dem Bier ein wenig Leichtigkeit zu verleihen, ohne ihm seine aromatische Dichte abspenstig zu machen.

Strandhafer und Seemanssromantik

Aus der Mikrobrauerei von Ratsherrn erreichte uns vor einer Woche die limitierte Edition des dort gefertigten Oat White IPA, also eine Mischung aus klassischem IPA, Weizenbier und etwas Hafer. „Unser Braumeister Ian Pyle hat schon seit letzten Jahr intensiv an der Idee dieses Bieres gearbeit“, so Ratsherrn-Marketingchef Jan Hrdlicka und er fügt an: „Der ‚Matrosenschluck‘ ist also schon das Ergebnis einer ziemlich langen Recherche. Ein wenig muss man vielleicht zum Verständnis sagen, dass es im Prinzip eine Weizenbock mit IPA-typischer Kalthopfung ist.“

In bester Ratsherrn-Verlässlichkeit mit kreativem Namen versehen, steht nun also der „Matrosenschluck“ auf dem Tisch. Wer an Willkür denkt, liegt falsch, denn wofür sind gerade Haferflocken (engl. „Oatmeal“) die Basis? Genau: für den Porridge, die traditionelle Speise der britischen Matrosen. Als weitere spezifische Zutat wandern außerdem Orangenschalen in die Sudpfanne. Gemeinsam mit dem verarbeiteten Weizen eine Anspielung auf die belgische Wit-Tradition? Oder eine weitere Reminiszenz ans englische Frühstück? „Nein“, wie Jan erläutert. „Die Arbeit an unserem Wit begann wesentlich später, auch wenn wir es früher herausgebracht haben. Ian war letztlich einfach der Meinung, dass dem Weizen und den gewählten Hopfensorten die Fruchtigkeit der Orange gut bekommen würde.“

Wir haben es also allem Anschein nach mit einem innovativ-erfrischenden Stil zu tun. Freilich einer, der sich — siehe oben — in Deutschland nicht als Bier bezeichnen darf. Stattdessen schreibt man in diesem Falle den Begriff ‚Brauspezialität‘ aufs Label. Was versprechen wir uns davon? Einerseits die Würze und die Tiefe eines IPA, gepaart mit der sommerlichen Frische eines Wit. Und der Hafer? Auch der wird seine Spuren hinterlassen. Nun haben wir aber lange genug über Geschmack geredet. Schreiten wir zur Tat!

Flüssiges Müsli?

Mit hellgoldener Farbe und orangenen Akzenten präsentiert sich das Bier im Glas. Eine starke Trübung lässt darauf schließen, dass keine Filtration stattgefunden hat. Aber vor allem: der feine, stabile Schaum lässt schon die getreidige Dichte und Komplexität erahnen, die wir uns erhoffen. Und so stößt die Nase zunächst auf eine delikate Wand aus Malz und Hafer, auch auf dessen leichte Erdigkeit. Hinzu kommt eine deutliche, nicht weiter verwunderliche Tönung von Orangenkonfitüre, die aber nicht nur auf die beigegebenen Zesten, sondern ebenfalls auf die verwendetet Hopfensorten Citra, Saphir und Simcoe zurückzuführen ist. Letztere dürfte außerdem verantwortlich zeichnen für die feinen weiteren Komponenten aus Honig, Stroh und ein wenig Mango.

Im Antrunk ist der „Matrosenschluck“ schlank und trocken, dennoch mit einer angenehmen Fülle und Cremigkeit. Insgesamt für ein IPA recht schlank gehalten und leicht säuerlich, was eben an Hafer und Weizen liegen dürfte. Die charakteristischen dunkleren Malznoten finden hier nicht statt. Dafür hält der Geschmack, was die Nase angedeutet hat. Es entfalten sich satte Fruchtnoten von Mirabelle, Aprikose, Mango und ein wenig Honigmelone, alles getragen von einer sehr Hefeweizen-typischen, quirligen Kohlensäure. Das Finish ist geprägt durch eine volle, herbe Orangennote und insgesamt eher kurz und gefällig. Dennoch ein überaus rundes Bier, vor allem für wärmere Tage — doch Vorsicht: seinen Alkoholgehalt von 6,6% versteckt es elegant.

Nichts für den Hophead. Aber für alle anderen!

Kurzum kann man resümieren, dass Ratsherrn mit dem „Matrosenschluck“ vielleicht nicht unbedingt unter jenen „Hopheads“, für die das Bier mit jeder Bittereinheit besser wird, nach Freunden suchen sollte — denn hier könnte man mit einer strengen Auslegung des Begriffs IPA eventuell Kritik äußern. „Aber wir wollten auch nicht das x-te IPA oder Sassion Beer auf den Markt werfen, wie es ja gerade gängig ist“, so Hrdlicka. Auch der ähnlich anmutende Kollaborations-Sud von BrewDog und Weihenstaphaner lag geschmacklich wesentlich näher am klassischen Ale.

Wobei der besprochene Sud mit 43 IBU wahrlich kein reiner, sommerlicher Zungenschmeichler ist. Das eigentliche große Lob, das man Ratsherrn für den „Matrosenschluck“ aussprechen muss, ist aber jenes für die gelungene Umsetzung der Idee, den IPA-Stil mit einem erfrischenden Weizen und etwas Hafer zu kombinieren: aus beiden Stilen kommen die Charakteristika tatsächlich ins Glas. Und das muss man erst mal schaffen. Diesen Eklektizismus hat Braumeister Ian Pyle mehr als gut umgesetzt. Leider ist das Bier, wie eingangs erwähnt, limitiert: 5.000 Flaschen sind zunächst gebraut worden. „Wir sind aber alle so begeistert, dass wir schon ernsthaft überlegen, das Bier in die feste Range aufzunehmen“, wie Jan verlauten lässt. Erhältlich ist das IPA vorerst nur online im Rastherrn-Shop, wo es für € 2,49 je 0,33-Liter-Flasche angeboten wird. Und in der Tat ist in den Hamburger Schanzenhöfen eine tolle Möglichkeit ersonnen worden, Bier-Neuland zu betreten, ohne vorher gefährliche Untiefen durchschiffen zu müssen. Auch für Landratten.

Credits

Foto: Matrosen via Shutterstock

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