Von Injektionen in Fruchtfliegeneier zu Bierlieb: Cristal Jane Peck im Interview

Drinks 14.7.2016

Cristal Jane Peck ist Mikrobiologin aus Melbourne, rastlose Lehrerin und unwillige Laborratte – und sie braut Bier, in Australien und seit drei Jahren auch in Deutschland. Das brachte ihr eine Schlüsselrolle im Berliner Heimbrauerparadies und Bierfachgeschäft Bierlieb ein.  Mit MIXOLOGY ONLINE sprach die Australierin über Enten, Sonnenschein und die Berliner Bierwelt

Die 31-jährige kommt mit dem Fahrrad geradelt und ein akademisches Viertel – also 15 Minuten – zu spät: Sie war bei Ikea. „Man verliert sich total in diesem Labyrinth. Ich hatte keinen Empfang und kam einfach nicht raus!“, bezeugt sie die sinistren Abgründe schwedischer Möbelverkaufsstrategie. Ikea und Fahrrad, gehetzt und ein klein wenig zu spät – besser an Berlin angepasst könnte Cristal Peck wohl nur sein, würde sie nebenbei noch eine Currywurst jonglieren. Dabei verbindet sie mit Berlin eine Hassliebe, wie sie selbst sagt, obwohl oder gerade weil die Stadt an der Spree gewisse Ähnlichkeiten mit dem heimatlichen Melbourne hat.

Cristal, was hat dich dazu bewogen, Australien den Rücken zu kehren? Du hattest es ja dort eigentlich ziemlich komfortabel …

Das stimmt. Ich arbeitete für eine renommierte Einrichtung, die Gymnasiasten mit Leistungskurs Biologie, für die an normalen Schulen die Mittel und die Ausrüstung fehlen, weiterführende Techniken vermittelt. Das war ziemlich cool. Die Schüler kamen quasi auf Exkursion zu uns, wir zeigten ihnen spannende Sachen wie Restriktionsverdau (eine Methode, bei der mittels Enzymen DNS geschnitten wird) und schickten sie dann klüger nach Hause, ohne den ganzen Kladderadatsch mit Hausaufgaben zu kontrollieren und Aufsätzen zu bewerten. Sehr angenehm. Es war eine sehr bevorzugte Lehrstelle, mit so etwas wie Beamtenstatus.

Dennoch zog es dich weg?

Ich habe schon in meiner Kindheit beschlossen, irgendwann in Europa zu leben. Meine ältere Schwester entflog dem heimischen Nest zuerst, nach Genf. Meine jüngere Schwester folgte bald und zog nach Schottland. In Australien bekommt man bis zum 30. Lebensjahr recht problemlos ein einjähriges Arbeitsvisum, und als ich diese Möglichkeit davongleiten sah, packte ich kurz entschlossen meine Sachen und schmiss mein altes Leben hin.

Warum Berlin?

Da war ziemlich wenig Überlegung dabei, um ehrlich zu sein. Von dem, was ich so gesehen, gelesen und gehört hatte, konnte ich mir gut vorstellen, dass die Stadt und ich auf einer Welle liegen würden, aber einen konkreten Grund gab es nicht. Heute finde ich die Stadt manchmal zu rau, zu hektisch, und möchte zurück in mein weicheres, wärmeres Melbourne.  Aber da war ich inzwischen auch wieder, und habe festgestellt: Ich bin nicht fertig mit Berlin, ich muss zurück, auch wenn die Leute hier meine ausladende und lebhafte Art manchmal für unaufrichtig halten, womöglich ein Klischee über US-Amerikaner, dem ich fälschlicherweise subsumiert werde.

Hast du hier sofort bei Bierlieb begonnen?

Nein, ich habe durch meinen Hintergrund eine Laborstelle im Forschungsinstitut für Molekulare Medizin in Berlin-Buch bekommen. Da ging es dann geraume Zeit um DNS-Injektionen in Fruchtfliegeneier und natürlich darum, Deutsch zu lernen. Doch schon in Melbourne war meine Leidenschaft für die Laborarbeit einmal erkaltet. Ich dachte, ich könnte sie wiederbeleben, aber das hat nicht geklappt.

Warum ging es dann mit Bier weiter? Hattest du Brauerfahrung?

Oh ja. Ich hatte sogar ein eigenes Bierlabel in Melbourne, benannt nach meinem Bezirk: Sunshine Brewery. All meine Biere waren nach meinen Haustieren benannt: Angry Peter Pale Ale und Oh Jemima (Puddleduck) Oatmeal Stout waren meinem Entenpärchen gewidmet. Sehr loyal. Cheeky Alfie Black IPA hingegen ist nach meinem Hund benannt, einem Schnauzer. Meine Haustiere sind etwas, das ich wirklich vermisse. Ich schreibe sogar illustrierte Geschichten für Kinder über diese Zeit… Cristal in Sunshine, in ihrem Gemüsegarten, der kleinen Brauerei in der Laube, ihrem Hund und ihren zwei drollig watschelnden Enten. Das war eine sehr idyllische Zeit. In Melbourne war ich von einem Kokon extrem guter Heimbrauer umgeben, von denen viele inzwischen professionell brauen. Als ich in Berlin ankam, stolperte ich in eine Szene, in der die Expertise bei weitem nicht so hoch war. Auf der Suche nach einem Ort, wo Heimbrauen zelebriert wurde, fand ich Bierlieb und rutschte nach und nach in eine wichtigere Rolle, von der Teilzeitaushilfe zum Store Manager.

Bierlieb ist ja nicht bloß ein Bierladen, sondern ziemlich breitgefächert aufgestellt: Verkostungen, Vorlesungen, Heimbraubedarf und Braukurse, Präsenz auf Festivals, Musik …

Tja, um ehrlich zu sein, war das anfangs auch eines der Probleme: zu viel von allem und nichts richtig. Doch inzwischen wandelt es sich zu einer Stärke, die wir auszubauen gedenken. Ich bin jetzt hauptsächlich für die Ladenseite und Promotion-Aktionen zuständig, die Kurse und Weiterbildungen sind das Metier von Holger Trabant.

Wie gedenkt ihr, das auszubauen?

Flaschenbiere sind tot! Fassbier kommt. Nein, natürlich werden wir weiterhin unser Flaschensortiment pflegen, aber ich möchte verstärkt von unserer Ausschanklizenz Gebrauch machen, Fassbier zum Mitnehmen anbieten, ob in Growlern oder auf andere Weise. Am liebsten gleich mit acht Hähnen.

Planst du, wieder ein eigenes Label aufzubauen?

Nicht konkret. Ich habe allerdings bereits ein Bier in für mich riesigem Maßstab gebraut, das sich ganz gut verkauft hat.

Was für ein Bier war das und wie kam es dazu?

Es war Teil des Heimbrauerwettbewerbs bei der Berlin Beer Week 2015. Wir durften etwas von der Würze (unvergorenes Bier) abzweigen und unser eigenes Bier daraus machen, 20 Liter. Ich versuchte mich an einer belgischen Hefe und Himbeeren, heraus kam ein Saison Framboise. Allerdings braute ich zwei Biere à zehn Liter, das andere mit Rhabarber statt Himbeeren, und durfte nur eines zum Wettbewerb bringen, während alle anderen 20 Liter hatten. Als ich hörte, dass der Hauptpreis ein 1000-Liter-Sud des Gewinnerbieres sein würde, brach mir das das Herz. Ich hatte meine Chancen halbiert, denn der Gewinner wurde durch eine Publikumsabstimmung gewählt. Weniger Bier zu verkosten kam also weniger Stimmen gleich. Aber durch eine Fügung glücklicher Umstände gewann ich trotzdem.

Vielleicht war ja auch einfach dein Bier so gut. Dann durftest du also an den großen Kessel?

Na ja, das war gar nicht so einfach. Die Brauerei, die den Preis ausgelobt hatte, schien irgendwie zu hoffen, dass ich ihn nicht einfordern würde. Vielleicht nervte es sie auch einfach, dass sie in einer stressigen Zeit auch noch Platz für eine Heimbrauerin schaffen musste, jedenfalls gestaltete sich die Kommunikation extrem schwierig. Nach einigem Nachhaken und langer Sendepause kam dann plötzlich ein derart kurzfristiger Termin, dass er für mich fast unmöglich zu bewerkstelligen war. Woher sollte ich plötzlich Unmengen von Himbeeren nehmen, die Hefe in entsprechender Menge besorgen? Dank einiger Expresslieferungen und mir als Himbeer-Fahrradkurier mit Zentnerlast hab ich das gepackt, aber glücklich war ich natürlich nicht. Beim Abfüllen war es dann das Gleiche: Fässer her, das Bier muss weg.

Die Organisatoren der Berlin Beer Week griffen mir zum Glück unter die Arme, besorgten die Fässer und lieferten das Bier für mich aus. Das klappte phänomenal gut, und das Vertrauen, das mir von den Barbesitzern entgegen schlug, war grandios, nahmen sie doch teils mehrere Fässer, ohne probieren zu können, manchmal gar ohne mich überhaupt zu kennen. Die Feier zum Release des Bieres in der Herman Bar wird mir immer in Erinnerung bleiben. Das war ein Moment, wie er im Buche steht! Später kam dann ein Vertreter der besagten Brauerei zu mir. Plötzlich wollten sie das Bier nochmal brauen. [Cristal gestattet sich ein süffisantes Lächeln] Ich habe abgelehnt.

Photo credit: Photo via Adam Berry.

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