2893928352_508891227c_o

Der Boulevardier. Irgendwo zwischen Manhattan und Negroni.

Klassik 20.8.2013 1 Kommentar

Es gibt diese Momente, da fällt es schwer sich zu entscheiden. Soll der Abend mit einem Manhattan begonnen werden oder startet man lieber mit fruchtigen Aromen in Form eines Negroni? Dieses Dilemma ist kein Phänomen der Neuzeit. Harry McElhone hatte bereits in den 20er-Jahren eine Lösung für diesen Zwiespalt parat. Den Boulevardier.

Geboren in der Prohibition, ist der Boulevardier ein Cocktail der besonderen Art. Für Cocktailhistoriker Ted Haigh dient er sogar als Beweis dafür, dass das Verkaufsverbot für Alkohol in den Vereinigten Staaten für die Cocktailkultur auch positive Seiten hatte. „Vor der Prohibition ist der Cocktail zu einer Art ausgestopftem Vogel in einem verstaubten Käfig verkommen“, beginnt er seinen Artikel zum Ursprung des Boulevardier im Imbibe Magazin. Durch die Prohibition seien viele Bartender gezwungen worden, ihre angestammten Tresen zu verlassen und ihr Können in Europa weiterzugeben.

 

Ein Drink aus der Prohibition

Harry McElhone war einer der ersten amerikanischen Bartender, die ihre Heimat verliessen. Nach Stationen in London und im französischen Deauville öffnete er in Paris seine eigene Bar, die berühmte Harrys New York Bar. Laut Haigh ist auch hier der Geburtsort des Cocktails, der nach einer Zeitschrift benannt wurde, die ein Stammgast McElhones verlegte. Der Boulevardier.

Obwohl seine Veröffentlichung lang vor der des Negroni lag war, konnte sich der Boulevardier nie so ins Rampenlicht spielen wie der Gin-haltige Aperitif. Die Gründe hierfür sind schleierhaft. Am Geschmack kann es nicht liegen. Um einiges intensiver und vielschichtiger als sein Florentiner Kollege, dürfte der Boulevardier in allen Epochen seine Freunde gehabt haben. Und auch wenn er es nicht zum Klassiker auf jeder Barkarte geschafft hat, so ist er doch gerade immer mehr Bartendern bekannt und ein beliebter Drink mit reichlich Spielraum.

 

Aktuelle Interpretationen

Mohammad Nazzal aus der Kölner Al-Salam Orient Lounge zum Beispiel sieht den Cocktail eher als Randerscheinung, „da die Aromen den Gaumen vieler Gäste überfordern.“ Persönlich finde er ihn interessant, „wenn man den Campari Anteil niedrig hält und mit Bourbon und Wermut spielt“.

Anders hingegen Hayden Scott Lambert, Barchef der Bar Americano in Melbourne. Für ihn ist die Aromendichte essenziell. „Ich serviere ihn wie einen Negroni. Alle Zutaten zu gleichen Teilen und auf Eiswürfeln im Tumbler.“ Nicht nur das Mischungsverhältnis, sondern auch das Servieren auf Eis ist für Lambert wichtig. Trotz der gewissen Verwandtschaft zum Manhattan „macht der Boulevardier nur Spaß, wenn man ihn langsam genießen kann“.

Roggen als Variation

Und das gesamte Ensemble wird noch durch einen Nebendarsteller ergänzt, der sich immer mehr in Szene zu setzen weiß. Selbstverständlich lässt sich der Bourbon auch durch einen Rye ersetzen und man erhält einen Drink, in dem sich zu Beginn Campari und Wermut vor den Whiskey schieben können. Im Nachhall aber kann der Rye sich vollends entfalten und belohnt den Genießer mit einer geschmacklichen Grenzüberschreitung. Da immer mehr Gäste den Geschmack hocharomatischer Cocktails wie Manhattan oder Negroni zu schätzen wissen, ist es langsam an der Zeit, dass auch der Boulevardier mehr vom Rampenlicht am Tresen  abbekommt.

 

Boulevardier

2 cl Bourbon (oder Rye)

2 cl Campari

2 cl süßer Wermut

 

Glas: Tumbler

Garnitur: Orangen- und Zitronenzeste

Zubereitung: Alle Zutaten ins Gästeglas auf Eiswürfel geben und gut umrühren.

 

Bildquelle: Kenn Wilson (CC BY-NC-SA 2.0)

Ein Kommentar

  1. Robert

    Was ich mich schon länger frage: Wo bekam man 1927in Paris Bourbon her?

Hinterlasse eine Antwort