FÜNF! Bücher zum Saufen

Bars 10.4.2016 1 Kommentar

Fitzgerald, Dos Passos oder Lowry: Der harte Suff und die Schriftstellerei sind schon seit Langem untrennbar miteinander verbunden. Welche FÜNF! Bücher sind dafür die besten Beispiele? Wir haben einige Exemplare herausgesucht, aus denen der Fusel nur so trieft.

Der Suff und die Literatur gehören schon immer zusammen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Rausch als zentraler Bestandteil künstlerischen Schaffens ist zwar Klischee, aber gleichzeitig eines, das sich aus zahlreichen Beispielen speist. Denn die Herren und Damen der schreibenden Zunft waren in vielen Fällen dem Trunke sehr ergeben. Oder zumindest ihre Figuren, denn wer will schon von etwas aus dem Leben eines Abstinenzlers lesen?

Eine Auswahl der besten „Trinkerliteratur“ ist stets unmöglich, erst recht, wenn man sich auf die Zahl fünf beschränken muss. Sie bleibt willkürlich, unvollständig und alles andere als erschöpfend. Aber eines ist sie sicher nicht: langweilig. Und schon gar nicht: trocken. Schaffen wir Platz neben Savoy Cocktail Book und Jerry Thomas für FÜNF! Bücher zum Saufen (Achtung: Spoiler Alarm). Und das wirklich ganz ohne Ernest Hemingway!

1) F. Scott Fitzgerald: Der Große Gatsby (1925)

Fitzgeralds Jahrhundertroman speist sich aus zwei Hauptquellen: Der eigenen Lebensführung und dem allgemeinen Geist der frühen 1920er Jahre in der Haute Volée der Vereinigten Staaten. Insgesamt fünf mal wurde der Roman über die tragische Figur Jay Gatsby, einen mysteriösen Neureichen, der auf Long Island überbordende Partys für die New Yorker Society schmeißt, bislang verfilmt, und vor allem jene Fassung mit Robert Redford und Mia Farrow aus dem Jahre 1974 war richtungsweisend für die Interpretation des Stoffes. Übrigens ist auch jene kommerziell noch wesentlich erfolgreichere, bombastische und zugegebenermaßen großartige Verfilmung mit Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan aus dem Jahre 2013 zu großen Teilen inspiriert von der Bildsprache dieser Fassung.

Am Ende bleiben zwei Dinge hängen: Der traurige Suff, der das einzige ist, was die bigotte und verlogene Gesellschaft zusammenzuhalten scheint. Und die traurige Einsicht, dass wir es bei Jay Gatsby – entgegen des Bildes, das der Roman zu Anfang von ihm zeichnet – nicht mit einem steinreichen Angeber zu tun haben, sondern mit einem guten Menschen, der alles, aber auch wirklich alles der Wiederfindung seiner großen Liebe unterordnet und sich für sie nicht nur zum Affen macht, sondern sich am Ende auch für sie opfert. Und dabei ist er tatsächlich der einzige Charakter im Buch, der nie wirklich betrunken ist.

2) Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum (1998)

Man mag die Geschichte über den hedonistischen Irgendwas-mit-Medien-Mittzwanziger Ben auch gerne ablehnend in die schwierige Ecke namens „Pop-Literatur“ sortieren und liegt damit auch vollkommen richtig: Es geht in diesem Buch über weite Strecken vor allem um eins – um Konsum. Aber eben auch um den Konsum zahlreicher Mengen Alkohol und Drogen, die Ben dann offenbar doch braucht, um mit der Tatsache klarzukommen, dass seine Freundin ihn verlassen hat.

Dabei macht es am meisten Freude, mitzuerleben, wie dieser affektierte Wicht im Rausch einfach ständig eine dicke Lippe riskiert, die Kohle, die er nicht hat, mit vollen Händen raushaut und sich dabei entsetzlich auf der Stelle dreht – aber das alles mit einem Witz und einer Sprachgewalt, die in Stuckrad-Barres Generation mehr oder weniger ihresgleichen suchte und sucht. Es liest sich etwas bitter-komisch, dass in diesen Tagen die Autobiografie des Autors erscheint, in der er sich vor allem seiner wirklichen, echten Drogen- und Alkoholsucht widmet. Mit „Soloalbum“ jedoch ist ihm, ganz unabhängig von seiner eigenen Geschichte, ein wunderbares, hochbeachtliches Debüt gelungen, das zwar durch seinen Neunzigerjahre-Geist mittlerweile ein wenig aus der Zeit kippt, aber nichts von seinem Unterhaltungswert verloren hat.

3) John Dos Passos: Manhattan Transfer (1925)

Alles in diesem Roman fließt und strömt. Die Gedanken der Figuren, die nicht wirklich vorhandene Bruchstückhandlung in den Straßenschluchten New Yorks, die vom Autor montierten Versatzstücke, die übergangslos ineinandergreifen – und der Alkohol. Alle saufen sich in „Manhattan Transfer“ zur Besinnungslosigkeit oder – noch präziser ausgedrückt – sind einfach niemals nüchtern. Es ist, auch mit Blick auf den Gatsby, immer wieder erstaunlich, dass Alkohol in der USA scheinbar niemals davor oder danach wieder so dermaßen präsent war wie zu Zeiten der Prohibition.

John Dos Passos, dieser Mann aus bestem Juristenhause und spätere Kommunist, zeigt uns in seinem großen Soziogramm eine Welt und eine Gesellschaft, in der alle verloren sind, in der niemand wirklich kommuniziert, in der der Schein wichtiger ist als die Wirklichkeit und in der fast alle getrieben sind – wahlweise von Hoffnung oder blanker Gier. Heute viel zu wenig bekannt, ist dieses Buch eines der eindrücklichsten Beispiele, was der Amerikanische Traum aus Menschen, aus einer vorgeblichen Gemeinschaft machen kann. Ohne Sinn und Verstand ist die erzählte Welt, dafür mit präzisestem Blick analysiert und mit schärfster Sprache erzählt. Zwar sind darin alle besoffen, aber zum Lesen sollte man wenigstens anfangs nüchtern sein, um sich in diesem Dschungel orientieren zu können.

4) Christian Kracht: Faserland (1995)

Die wichtigste Frage zuerst: Bringt sich der namenlose Ich-Erzähler am Ende auf dem Bodensee eigentlich um oder nicht? Wir werden es nie wissen. Die Bootsfahrt am Schluss des Textes symbolisiert aber nicht nur das Ende einer Nord-Süd-Reise durch Deutschland, sondern in jedem Fall ebenso den Übergang des Protagonisten in einen anderen Zustand.

Zwischen Sylt und dem Bodensee liegt im „Faserland“ Deutschland das vielleicht kälteste Bild, das in der jüngeren deutschen Literatur jemals ein Autor von einem Land und von nicht vorhandener Zwischenmenschlichkeit gezeichnet hat. Die Sprache der Hauptfigur – eines snobistischen, aber tief vereinsamten Widerlings aus schwerreicher Familie – oszilliert zwischen Angeberei, gekünstelter Weltläufigkeit, Fluchen oder einfachem, leeren Gebrabbel mit sich selbst, als wolle er sich durchgehend gegenüber sich selbst rechtfertigen. Er ist die ganze Zeit besoffen, ständig unter dem Einfluss anderer Drogen, vollkommen fertig und entgleitet all jener Noblesse, die er nach außen hin zu verkörpern sucht. Der Versuch, die vom Erzähler erwähnten gerauchten Zigaretten zu zählen, scheitert bei jeder Lektüre aufs Neue. Eines der traurigsten Bücher unserer Zeit, dessen Autor mit seinen Figuren derart erbarmungslos und ohne jedes Mitgefühl agiert, dass einem das Mitleid fast im Halse stecken bleibt.

5) Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan (1947)

Eigentlich darf man über dieses Buch überhaupt nicht sprechen. So trist ist es. Man will nach der Lektüre von „Unter dem Vulkan“ zunächst einmal vor allem eins: Nie wieder Alkohol trinken. Das Buch schildert nichts anderes als das finale Ende eines Schwerstalkoholikers, der als arbeitsloser britischer Konsul im Mexiko der 1930er Jahre seinem Niedergang entgegen trinkt. Wir erleben einen Menschen, der von nichts und niemandem mehr gebraucht wird und der sich deshalb selbst und scheinbar bewusst zugrunde richtet.

Man weiß am Schluss gar nicht, was einen eigentlich derart traurig stimmt: Die kaputte Beziehung zu seiner im Ausland lebenden Partnerin Yvonne. Oder der Schnaps, der im Garten hinter buchstäblich jeder Hecke versteckt ist. Oder die tote Statik der Szenerie, die jeder Vitalität oder wirklicher Handlung entbehrt. In diesem Buch gibt es von der ersten Seite an für die Hauptfigur nur eins: den Tod. Und es ist die letzte Gemeinheit der Welt, dass er jenen Tod am Ende dann doch nicht selbst durchs Saufen herbeiführt.

Photo credit: Buch & Whisky & Hand via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

Ein Kommentar

  1. Gunnar

    Interessante Aufstellung. Gut hierher gepasst hätte auf jeden Fall noch „Die Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew, aber wie schon in der Einleitung geschrieben, ist diese Auflistung eben „willkürlich, unvollständig und alles andere als erschöpfend“. 😉

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