Teilen statt Tunnelblick: FÜNF! Köstliche Collaboration Brews

News 13.3.2016 3 comments

Craft Bier-Produzenten bestechen mit Geschmacksvielfalt und Experimentierfreude. Dabei hilft oft der Austausch mit Kollegen und Braupartnern-In-Crime. MIXOLOGY ONLINE mit fünf spannenden – und extrem leckeren – Collaboration Brews aus Gemeinschaftsprojekten.

Gemeinschafts-Sude. Sie sind eines der sympathischsten Elemente der neuen Kreativbierwelt. Brauer aus unterschiedlichen Brauereien, verschiedenen Städten oder sogar weit entfernten Ländern treffen sich am Sudkessel, um gemeinsam ein Brauprojekt zu verwirklichen und eine spannende Rezeptur auszuprobieren.

Eine wundervolle Maßnahme. Der Austausch von Verfahren, Zutaten und Bierstilen wirkt für die Beteiligten inspirierend und bereichernd, der brautechnische Blick über den Tellerrand lohnt stets und im besten Fall entstehen neue Freundschaften. Oftmals folgen Einladungen zu Festivals und Gegenbesuchen, womöglich sogar weitere neckische Projekte. Für den Biertrinker bedeutet es meist: ein köstliches, zuweilen sogar sehr ungewöhnliches Gebräu im Glas. Fünf davon präsentieren wir an dieser Stelle.

Maisel und Stiegl

Smoked Baltic Porter und Weizen IPA

Kaum ein Brauprojekt in Deutschland sprüht derzeit so vor Tatendrang und Kreativität wie Maisel & Friends. Jüngst eröffnete in Bayreuth, am Sitz der Brauerei, das Bierkulinarik-Konzept „Liebesbier“ und sorgt seither für Furore. Neben den bewährten Weizenbieren mit Familientradition rief Jeff Maisel das „Maisel & Friends“-Brauprojekt ins Leben, bei dem beinahe ausschließlich in Gemeinschaftsprojekten gebrütet, gemaischt und gebraut wird. Mit Ratsherrn in Hamburg entstand das vorzügliche „Citrilla Wheat“ und mit dem Team des Buchprojekts „Cocktailian 3 – Bier und Craft Beer“ entstand in den Sudkesseln ein Imperial Pale Lager.

Zuletzt überquerten die Traditionsbrauer aus Bayreuth und ihre Kollegen von Stiegl aus Salzburg die Ländergrenzen. Und das sogar doppelt: In beiden Brauereien wurde gebraut. Dazu brachte Jeff Maisel seinen speziellen Opalhopfen aus der Fränkischen Schweiz mit nach Österreich, im Gegenzug trug Dr. Heinrich Dieter Kiener ein besonderes Bordeaux-Weizen vom Stiegl-Gut Wildshut nach Bayreuth. Die daraus resultierenden Starkbiere verfügen beide über mehr als 7 % Vol. Ein Smoked Baltic Porter mit Rauch-, Kakao- und Mokkaanklängen. Sowie ein Bordeaux Weisse Weizen IPA mit herb-fruchtigen Aromen, in die sich subtile florale und würzige Nuancen mengen.

Fünfmal Hamburg

Senatsbock

Die Hansestadt nimmt eine großartige Entwicklung am Braukessel, und ihre Kreativbrauer bringen konstant mit das Beste in die Gläser, was die Kehlen der deutschen Biertrinker derzeit erquickt. Neben ihren modernen Craft-Interpretationen und trendigen Hopfenexperimenten richten die Hamburger Brauer ihren Blick aber auch zurück in die reichhaltige Brauhistorie der Elbmetropole und erweckten eine ausgestorbene Tradition zu neuem Leben: den Senatsbock.

Hoch her ging es in den 1950er und 60er Jahren zum Jahresbeginn, wenn die fünf damals beteiligten Hamburger Brauereien ihr alljährliches, gemeinsames Winter-Starkbier anstachen. Jedes Jahr brauten sie ein anderes Bock-Rezept ein. Das rauschende Fest zum Anstich lockte die Prominenz um Max Schmeling und Uwe Seeler an die Biertische und der Zylinderhut war Pflicht für die Herren. Mit der Marktbereinigung und Brauereischließungen der 1970er Jahre starb die Tradition aus und geriet in Vergessenheit.

Nun beleben fünf junge und frische Brauereien die bewährte Tradition neu: Blockbräu, Gröninger Privatbrauerei, Gasthausbrauerei Joh. Albrecht, Kreativbrauerei Kehrwieder und die Ratsherrn Brauerei. Dank sei dem engagierten Five-Pack, denn seit 2015 verfügt Hamburg wieder über seine fünfte Jahreszeit: die Bockbierzeit.

Braukollektiv und Sainte Cru

Friendly Fire Smoked Rye IPA

„Der Name war schnell gefunden. Friendly Fire sollte eigentlich nur eine Assoziation mit dem Rauchmalz sein, aber eine positive Neuinterpretation dieses militärischen Begriffs hat auch etwas für sich“, erklärt Gil, einer der vier Brauverbündeten und neben James, Chris, Bjørn verantwortlich für dieses faszinierende Bier. Gefeuert und geschossen wurde zwischen Deutschland und Frankreich in den vergangenen 200 Jahren leider tatsächlich allzu oft. Da macht ein friedliches Bierchen zur Abwechslung doch viel mehr Sinn.

Das Braukollektiv aus Freiburg ist sowieso sehr international geprägt, stammen die Mitglieder doch aus drei unterschiedlichen Kontinenten. Nun traten sie die Reise in den Elsass an, wo in Colmar die Kollegen der Sainte Cru Brasserie seit 2007 kraftvolle, moderne Bierstile erkunden. Im Jahre 2013 bezogen sie eine neue, leistungsfähige Braustätte und gelten mit ihren Bieren als einer der Motoren der Craft-Bewegung in Frankreich.

Bei einer Begegnung im Sommer 2015 teilten alle Beteiligten eine große Sympathie füreinander und beschlossen, demnächst gemeinsam zu brauen. Eine spontan gelieferte Palette Rauchmalz und ein paar Säcke Roggenmalz dienten als Anlass, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Brauen, Hopfenstopfen, Flaschengärung – alles wurde ein munterer Prozess, immer wieder unterbrochen durch einen Gang in den Pub und so manche gemeinsame Verkostung mit Fachdiskurs.

Die größte Herausforderung bedeutete dann aber natürlich die europäische Bürokratie der ach so freien Grenzen. Gil berichtet: „Das war der unsexy Teil der Story: Um verkehrsfähiges Bier zu haben, mussten wir Mehrwegflaschen aus Deutschland exportieren und wieder importieren. Freier Warenverkehr in der EU? Nicht bei Verbrauchssteuer-Unterschieden wie der unterschiedlichen Biersteuer. Seither kennen wir Formulierungen, wie ‚Antrag auf registrierte Empfänger im Einzelfall‘. Den Spaß und die Freude haben wir uns aber davon nicht verderben lassen“.

Das merkt man. Subtile Rauchnoten harmonieren angenehm mit dem Hopfenduft von Equinox, Centennial und Cascade. À votre santé!

Weihenstephaner und Samuel Adams

Infinium

Womöglich das Kollaboration-Urgestein in Deutschland. Bereits 2010 nahmen erste Händler staunend die edle schwarze Flasche mit mondäner Goldschrift, Naturkorken und Schaumweinoptik in Empfang, um sie dann für knapp 20 Euro in die Regale zu dekorieren. Zu diesem Zeitpunkt – die Kreativbier-Kultur in Deutschland steckte noch nicht einmal in den Kinderschuhen – ein absolutes Kuriosum.

Über zwei Jahre hinweg hatten die Braumeister der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan mit jenen von Samuel Adams in Boston, einem der ganz frühen Pioniere der US-Craft-Bewegung, an der Rezeptur für das Infinium gewerkelt. Es galt, ein Bier zu kreieren, welches als elegante Champagner-Alternative zum Aperitif gelten könne. Das Ergebnis ist ein tiefgoldenes, angenehm spritziges Bier, bei dem unter- und obergärige Hefen, darunter Schaumweinhefen, die Aromatik prägen. Eine zarte Säure trifft auf Karamellnoten, während das Bier einen weinigen Duft verströmt und sich auch als Speisebegleiter empfiehlt. Der Alkoholgehalt von 10,5 Vol. kommt ohne Zuckerzusatz zustande, womit das Bier dem Reinheitsgebot entspricht und zeigt, was doch so alles innerhalb dieser Grenzen möglich ist.

Ein wenig traurig, beinahe beschämend, ist die Präsentation des Bieres auf der Homepage von Weihenstephaner, die nicht einmal den Partner der Kooperation nennt. Das entspricht nicht dem Geist der modernen Bierkultur, sondern eher der kommunikativen Rückständigkeit zahlreicher deutscher Brauereien in Fragen von Transparenz.

Kehrwieder und Sierra Nevada

Old Skool

Als Brauer – und insbesondere als Kosmopolit – fühlt sich Oliver Wesseloh mit seiner Kreativbrauerei Kehrwieder dem Collaboration-Brewing ganz besonders verbunden und verpflichtet. Zuletzt sorgte das alkoholfreie IPA ü.N.N. für Furore, welches er gemeinsam mit dem Brauhaus Nittenau in der Oberpfalz entwickelte. Auch die Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Kult-Brauhaus Uerige trug hopfige Früchte: Das „Jrön“ fasziniert als kraftvolle, malzintensive Doppel-Sticke mit frischem Grünhopfen im Starkbier-Sud. Gemeinsam waren die Brauer bei der Grünhopfen-Ernte zugegen und begleiteten auf diese Weise den kompletten Werdegang ihres kraftvoll gehopften Spezialsudes.

In Kooperation mit Alexander Himburg vom BrauKunstKeller hatte Wesseloh vor einiger Zeit bereits einen verschollen geglaubten Bierstil wiederentdeckt: Moll. Aus dem Berliner Raum stammt die historische Rauchbier-Rezeptur, die mit getoasteten Maulbeerbaum-Chips veredelt wird. Der aktuelle Paukenschlag des quirligen Hamburger Jung‘ heißt: Old Skool. Dahinter verbirgt sich ein opulentes Imperial India Pale Ale, welches mit der US-Kultbrauerei Sierra Nevada entstand. Es ist der allererste Gemeinschaftssud, den Sierra Nevada in Deutschland gebraut hat. Just in diesen Augenblicken schwingt sich Oliver Wesseloh in den USA an die Braukessel von Sierra Nevada, um beim Gegenbesuch ein weiteres Gemeinschaftsprojekt auszuhecken. Wir sind gespannt, womit er wiederkehrt.

Photo credit: James Tutor

3 comments

  1. Johannes Weiss

    Lieber Peter Eichhorn,
    mir ist rätselhaft warum Sie hier fehlende Transparenz anprangern, denn fehlende Transparenz würde bedeuten, dass man etwas mutwillig verschweigen würde oder „unter den Teppich kehren“ möchte. Beides ist nicht der Fall. Wir verschweigen keineswegs, dass das Infinium ein Gemeinschaftsprojekt mit Samuel Adams war, es ist nur in der Geschmacksbeschreibung auf unserer Website nicht explizit erwähnt, weil es hier eben ausschließlich um den Geschmack und nicht die Geschichte hinter dem Bier geht. Man könnte dies zusätzlich erwähnen, keine Frage, aber fehlende Transparenz ist das nun wirklich nicht. Auf jeder Flasche und jedem Neckhanger sind die Logos beider Brauereien und es wird explizit darauf hingewiesen, dass es sich um eine Kooperation mit Boston Beer handelt. Auf dem Neckhanger ist die darüber hinaus auch die Geschichte des Bieres erzählt.
    Beste Grüße aus Weihenstephan,
    Johannes Weiss

  2. Peter Eichhorn

    Lieber Johannes Weiss,
    vielleicht können wir der Rätselhaftigkeit ein wenig beikommen.
    Ich bin tatsächlich der aufrichtigen Meinung, dass wenn zwei Partner zusammen etwas Gemeinsames schaffen, dann gehört es zu Stil und Benimm, beide Partner zu nennen. Sie halten in der Kommunikation den Flaschenanhänger für ausreichend, ich nicht.
    Ich möchte Ihnen keineswegs ein „mutwilliges unter den Teppich kehren“ unterstellen, nein. Aber ich werfe zahlreichen – und in diesem Fall ausgerechnet Ihrer – Homepage vor, dass sie mich nicht ausreichend informiert. Noch schlimmer: mich langweilt.
    In den einzelnen Biervorstellungen ist ein Kasten mit der Überschrift „Detailinformationen“. Darunter verstehen Sie: Stammwürze, Bitterwert, Alkoholgehalt und Kaloriengehalt. Ich würde mir zuweilen von Brauerei-Homepages genauere Informationen wünschen: enthaltene Malzsorten, Hopfensorten, empfohlene Trinktemperatur, Braumeister. Und wenn ein Bier eine besondere Geschichte hat, warum sie nicht erzählen?
    An Platzmangel kann es nicht liegen. Es gibt Raum für die schönen Auszeichnungen, die das jeweilige Bier erhalten hat- Und – sehe ich das richtig? – unter jedem Bier steht tatsächlich der Satz: „Gebraut mit der Jahrhunderte währenden Biertradition am Weihenstephaner Berg.“
    Bitte sehen Sie das nicht als Vorwurf, eher als Anregung, ihre Online-Präsentation zeitgemäß zu überdenken. Der moderne Biertrinker von heute ist bereit für konkrete Informationen und weniger gebetsmühlenartigen Werbe-Sprech.
    Sorgfältige Kommunikation kann eine gewaltige Stärke für ein Produkt bedeuten. Verschweigen kann nur eine Schwächung sein.
    Die feinen Biere aus dem Hause Weihenstephaner verdienen eine angemessenere Präsentation als das, was ich derzeit auf Ihrer Homepage wahrnehmen kann.
    Ich grüße Sie herzlich aus Berlin,
    Peter Eichhorn

  3. Peter Eichhorn

    Gerade flattern aktuelle Informationen zu dem „Old Skool“ ins Haus: In Kürze wird es über den Vertrieb von One Pint erhältlich sein: Ein Double IPA mit stolzen 100 Bittereinheiten und 8,5% Alkohol, gebraut mit fünf Hopfengaben aus Amarillo, Simcoe, Columbus und Chinook.

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