Die MIXOLOGY-Verkostungsrunde Dezember 2016

Drinks 6.12.2016

Es wird hochprozentig zum Jahresende: Sowohl der Matured Blue Gin als auch der Revolte Overproof knacken die 50-Prozent-Grenze. Nicht zu vergessen: Zweimal Vodka. Und zwar wie er verschiedener nicht sein könnte: Hier der elegante, milde Bénazet aus Baden-Baden, dort der anspruchsvolle, hochkomplexe Amaranth-Vodka des Freimeisterkollektivs. Wir beschließen das Jahr mit sensationellen Produktverkostungen.

Sie suchen noch Weihnachtsgeschenke? Wir haben da vielleicht ein paar Empfehlungen. Lange schon war die MIXOLOGY-Redaktion nach einer Verkostungsrunde nicht mehr so angetan von den sechs erprobten Neuheiten. Und: noch niemals gab es gleich zwei Vodkas im Test. Doch lesen Sie selbst. Doch keine Angst, wir fangen gewohnt alkoholfrei an!

Double Dutch Skinny Tonic

Die Bitterlimonadenmarke aus der Schmiede zweier niederländischer Schwestern konnte sich in den Monaten ihres Bestehens bereits einige Freunde auch in Deutschland erobern, der große Durchbruch steht indes noch aus. Vielleicht mit der in letzter Zeit immer obligatorischer werdenden Dry- bzw. Light-Variante?

Im Hause Double Dutch behilft man sich dazu des Begriffes „Skinny“, das Prinzip ist wie bei allen anderen Herstellern: Weniger Kalorien, aber auch spürbar weniger Süße – also nicht einfach die Süßstoff-Variante. Im Falle von Double Dutch wird man diesem Anspruch gerecht: Das Tonic verströmt einen herben Duft, der von Grapefruit dominiert wird, eine blumige Note lässt sich erahnen. Im Mund ist es angenehm trocken, allerdings müssten Trockenheit und präsente Bittere durch eine etwas kraftvollere Kohlensäure flankiert werden. Die Adstringenz hält sich in Grenzen, das Double Dutch ist gefällig und mündet in ein ganz leicht cremiges Finish. Ein anständiges Dry-Tonic, besonders für Freunde ausgeprägter Zitrusaromen.

Edouard Bénazet Vodka

Im Bénazet kommen französisches Getreide und schwarzwälder Wasser in einem Baden-Badener Vodka zusammen. Der Name des Produktes übrigens rührt nicht vom Hersteller, sondern zollt einem ehemaligen Casino-Magnaten der Glücksspielstadt eleganten, hochprozentigen Tribut. Der Auftritt des Vodkas passt dazu: Eine solide, bauchige Steinzeugflasche in Eierschalfarbe versprüht ein klein wenig Grandezza, das Labeling in Gold und Schwarz tut sein übriges. Man könnte das übertrieben finden. Ein Vodka nur fürs Auge?

Umso überraschender zeigt sich der Bénazet im Test. Zwar wird er mit für das Premiumsegment recht unüblichen, niedrigen 37,5% Vol. abgefüllt, dennoch zeigt er sich komplex und anregend: Aromen von Schnittblumen, frischem Gras, etwas Zitrus und eine Spur Moschus prägen das Profil. Beim Trinken dann punktet der Vodka mit einer unglaublich runden Milde, ohne belanglos zu wirken, die recht starke Süße wird gut abgefedert. Nach einigen Schlucken entwickelt er außerdem eine feine, getreidige Bindung. Im Finish leider ein klein wenig dünn, als Einstieg in das höherpreisige Vodka-Segment jedoch gut geeignet.

Ron Botucal Mantuano

Gestatten, Don Juancho. Der Gründer des venezolanischen Rum-Hauses prangt seit jeher auf dem Etikett. Nun bekommt er quasi endlich „seine“ ganz eigene Abfüllung. Denn ein Mantuano soll im Dialekt Venezuelas ein Edelmann sein, der seinen Reichtum als soziale Verpflichtung begreift. Es versteht sich von selbst, dass Don Juancho Melendéz ein solcher gewesen sein soll. Dementsprechend groß sind die Fußstapfen, in die der Mitte Oktober vorgestellte Botucal Mantuano nun tritt: als neue Standard-Qualität besetzt er in der traditionellen Range des Hauses ab sofort den Platz des klassischen Reserva, der vom Markt genommen wird.

Bis zu acht Jahre alte Brände kommen für den Mantuano zusammen, der kupfer-golden im Glas leuchtet. Trotz der „nur“ 40% Vol. steht er mit einer deutlichen Viskosität im Glas und eröffnet zunächst die typischen Aromen von Schokolade und Butterkaramell. Dazu gesellen sich recht schnell noch etwas Zimt und Trockenobst, natürlich auch eine Spur Tabakblatt. Verglichen mit der Erwartung aus dem Nosing ist der Mantuano dann im Geschmack wohltuend trocken, verleiht seinem schlanken Körper allerdings gleichzeitig durch unheimlich breite Trockenobst-Noten eine tolle Opulenz am Gaumen: Datteln, Rosinen und Feigen sind sehr prägnant zu schmecken, während die Schokoladentöne nun etwas außen vor bleiben. Ein wunderbar ausgewogener, komplexer Rum zu einem mit einer UVP von rund 23 Euro unschlagbaren Preis.

Freimeister Kollektiv Amaranth-Vodka

Quasi noch taufrisch ist die erste Angebotspalette des Freimeisterkollektivs, über das wir vor einigen Tagen berichteten. Alles andere als neu im Spiel hingegen ist einer der dortigen Akteure: Georg Hiebl gehört zu den angesehensten Brennern überhaupt im deutschen Sprachraum. Dem durchgängig identisch und minimalistisch gestalteten Sortiment der „Freimeister“ steuert er zu Beginn drei Vodka-Varianten bei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und zwar auf Basis von Dinkel, Quinoa und Amaranth. Letztere wurde von der Runde verkostet.

Obwohl mit moderaten 40% Vol. in der Flasche, ist der Vodka vom ersten Nosing an ausgesprochen fordernd, dicht und vielschichtig: Einerseits mit herben, schaligen und extraktreichen Noten von Tresterbrand und Frucht (Kernobst wie Quitte und Kochbirne), andererseits mit deutlich vegetalem Einschlag, ist der Brand von Hiebl extrem charakterstark und will eindeutig sein Terroir spiegeln. Dazu kommen waldige Töne von Moos und ein feines Umami. Im Mund dann gleitet das Bild nach und nach in Richtung einer reichhaltigen Nussigkeit, das Finish ist lang, voluminös, kontrahierend, deftig und sahnig. Ein außergewöhnlicher, grandioser, komplexer Vodka, der mit einem alles andere als übertriebenen Preis von 24 Euro à 500 ml auf seine Entdeckung in aufregenden Cocktails wartet.

Reisetbauer Matured Blue Gin

Es wäre unfair, nicht anzumerken, dass Hans Reisetbauer im Team von MIXOLOGY einen vortrefflichen Ruf genießt. Der österreichische Lebemann steht für exzellente Brennkunst, nicht nur, was allerlei Obst angeht, sondern auch mit seinem seit inzwischen 10 Jahren erhältlichen Blue Gin. Anlässlich des Jubiläums kommt nun die gereifte Varietät des Gins. Allerdings ist diese, im Gegensatz zu vielen anderen im Holz gereiften Gins, nicht nur eine vergleichsweise kurze Zeit, sondern sage und schreibe sieben Jahre im Eichenfass vollendet worden. Die Flasche, von der nicht ganz 2.000 verfügbar sind, ist klar angelehnt an das vertraute Gebinde, jedoch mit horizontalen Lamellen, die möglicherweise an die Fass-Dauben gemahnen sollen. Ein typisch eleganter Markenauftritt, wie bei allen Reisetbauer-Produkten.

Abgefüllt wird der Matured Blue Gin mit satten 51% Vol. was nach der genannten Lagerzeit mehr oder minder der Fassstärke entsprechen könnte. Was die Nase in diesem Brecher zuallererst ausmacht, ist eine starke Nuance von frisch geschnittener Zeder – hier offenbart sich die gelungene Kombination von Eiche und Wacholder. Danach offenbart sich eine herrliche Vielschichtigkeit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ätherisch-minzige, leicht medizinale Noten paaren sich mit zurückhaltendem Zitrus und prägnantem Koriander sowie Nelke. Am Gaumen knochentrocken, fein, elegant und mit einem klaren, erfrischenden Eichenton. Das eigentlich bewundernswerte ist dabei, dass der Gin trotz des starken Holz-Einflusses absolut weiter Gin sein „will“ – mit Sicherheit eine Offenbarung im Martinez Cocktail. Ein einzigartiges Produkt für Liebhaber. Nicht ganz günstig, aber wunderbar angelegtes Geld.

Revolte Overproof Rum

Felix Kaltenthaler aus der Brennerei Kaltenthaler in Westhofen bei Worms ist im vergangenen Jahr zu einem Goldjungen der Barszene geworden: Eben erst gelernter Brenner, konnte er mit seinem würzigen, estrigen und maskulinen Revolte Rum die Herzen der Bartender im Sturm erobern. Unterstrichen wird das etwa durch den Umstand, dass die beiden Erstplatzierten bei der diesjährigen Made in GSA-Competition ihre Drinks auf Revolte aufbauten. Pünktlich zum Bar Convent Berlin legte der ehemalige Leistungssportler nach, und zwar standesgemäß mit einer Overproof-Abfüllung. Das Etikett der ansonsten üblichen Revolte-Flasche zeigt es an: Signalrot weist darauf hin, dass wir es hier mit einem explosiven Rum zu tun haben.

Zwar liegt der Brand mit seinen 60% Vol. für die Overproof-Kategorie sogar noch im unteren Bereich, dennoch tritt er in gewohnt stämmiger, aber in sich feingleidriger Revolte-Manier aufs Parkett. Zunächst machen sich die Ursprünge des Rums bemerkbar: leicht hefige Töne, dunkles Karamell und die charakteristisch fruchtigen Esternoten eines Destillats aus einer Kupferblase zeigen sich. Nach kurzer Zeit schon schieben sich die typischen Fruchtnoten nach vorne: Honigmelone, Birne, Kochbanane, aber auch Gewürze wie Piment und weißer Pfeffer. Im Mund besticht dann eine beeindruckende Viskosität, der Rum füllt den Rachenraum komplett aus und betont nun seine deftig-fleischigen Komponenten. Natürlich mit leichter Alkoholschärfe, aber diese ist hervorragend eingebunden. Eine leichte Honigsüße bettet die fordernde Aromatik des Revolte Overproof sehr gut ein, der Rum tritt mit einem sehr langen und fein rauchigen Finish ab. Absolute Empfehlung!

Photo credit: Foto via Nils Wrage.

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Artikel