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Beerbook? Social Brewing? Kommandosaufen?

Während auf der einen Seite die Bierkultur erblüht, schickt sich das Internet an, den Saufkult anzuheizen.

Eine Schwemme von Trinkvideos überschwemmt den sozialen Äther, von den Ausführenden als Social-Beer bezeichnet. MIXOLOGY-Autor Nils Wrage widmet dem zweifelhaften Trend ein paar kritische Gedanken.

Eine Welle schwappt über das digitale Land. Klebrig, bitter und gekrönt von schleimigen Schaumresten dessen, was man früher die „Krone“ nannte. Oder die „Blume“. Aber mit royalen oder zarten Assoziationen hat die sogenannte „Neknomination“ oder das „Social-Beer-Game“ nicht das Mindeste zu tun.

Gefilmter Dreck

Um was es sich dabei handelt, ist schnell umrissen und dieser Tage sowieso in aller Munde: Jugendliche oder teilweise leider nicht mal mehr junge Erwachsene filmen sich dabei, wie sie einen Humpen Bier in einem Zug hinunterkippen. Auch erste Gehversuche mit härteren Glasinhalten gibt es selbstverständlich schon. Das Video wird auf einem sozialen Netzwerk veröffentlicht und im Nachhinein drei Freunde „nominiert“, es dem stolzen Trinker gleichzutun, und zwar innerhalb von 24 Stunden, ansonsten wird eine Strafe fällig. Über die Herkunft gibt es mehrere Angaben. Es wird von England und Australien gesprochen. Auch Irland wird genannt. Allen drei Nationen wäre es zuzutrauen. Ebenso wird allerdings auch niemand ernsthaft infrage stellen, dass auch Deutschland bestens qualifiziert wäre, sich so einen Dreck auszudenken.

Eigentlich nichts für Interessierte

Denn genau das – und nicht anderes! – ist dieses Spiel: ein gewaltiger, spritiger Haufen Dreck. Warum das Thema bei MIXOLOGY ONLINE dann überhaupt auftaucht, mag sich der Leser fragen. Und die Antwort soll nicht fehlen: Wer sich das Bewahren der Trinkkultur auf die Fahnen schreibt, muss sich zu so etwas äußern. Und gerade in diesen Tagen, in denen die Bierlandschaft sich nachhaltig ändert, in denen Craft-Brauereien versuchen, den Trend von Bier als Genussmittel zu forcieren, kann eine solche Unart nicht ungesühnt bleiben. Überall sprießen kleine, feine Firmen aus dem biergetränkten Boden, die sich anschicken, Gerstensäfte herzustellen, die gerade nicht als Durstlöscher gedacht sind, sondern die zur Aromenexpedition aufrufen. Dass gleichzeitig junge Männer mit tränenden Augen und das Aufstoßen unterdrückend, glasig-lächelnd in erbärmlichen Störgeräuschvideos bekannt geben, wem ihrer „Freunde“ sie das gleiche wünschen, ist ein Schlag ins Gesicht einer sich entwickelnden Bierkultur.

Unter einer guten Mehrheit junger Menschen, vor allem derjenigen, die sich als gebildet verstehen, gab es über alle Zeiten einen Gemeinschaftshass auf das entsetzliche Kommandosaufen, wie es gelegentlich in zweifelhaften Burschenschaften praktiziert wird. Aber auf Facebook geht es plötzlich. Das Social-Beer wird zur verzweifelten Pseudolegitimation für etwas Unwürdiges, zum Pendant der Bad-Taste-Party. Schlager geil finden? Ist nicht erlaubt, aber wir tarnen es einfach als Ironie wenn wir zu Dr. Alban und Andrea Berg feiern. Nichts anderes ist die Neknomination: Kampfsaufen auf Anweisung? Mit Sanktion bei nicht erbrachter Leistung? Igitt, Proletenkram, Widerlich! Aber als Social-Media-Game? Geil, her damit!

Freier Wille oder Zwang. Ist das noch Spaß?

Über den Aspekt der Nötigung soll hier gar nicht erst gesprochen werden. Ein Siebtel der Menschheit ist mittlerweile bei Facebook, von einem privaten Raum kann in keiner Weise mehr die Rede sein. Und wer dann, sich auf die Konventionen eines „sozialen Spiels“ berufend, Menschen dazu auffordert, etwas zu tun, das nichts anderes als ekelhaft ist, der setzt diese Leute einem Druck aus, der auch mit Freundschaft nichts zu tun hat. Wer Ergötzen daran findet, dass andere Menschen sich mit einem Genussmittel quälen – möglicherweise sogar auf die Kamera kotzen – und das als Spaß markiert, hat nach gesundem Menschenverstand einiges falsch verstanden. Und über die gesundheitlichen Risiken, von denen andere Medien mehr verstehen, soll hier gar nicht erst gesprochen werden.

Die Szene wehrt sich stumm

Im Zuge dessen ist es eine kleine Wohltat, dass unter den zahllosen, alle Kanäle verstopfenden Videos, tatsächlich noch keines war, das von einem der mit dem Autor befreundeten Bartender stammte. Wie es scheint, bleiben wenigstens die „Profis“ standhaft. Neknomination hat hier, in diesem Rahmen!, nichts verloren. Sie hat nichts mit Barkultur zu tun. Sie ist eher das Gegenteil dessen. Und daher auch ein Angriff auf eine Szene sowie auf ein Verständnis des Alkoholkonsums, das sich in den letzten Jahren so bemerkenswert gewandelt hat. Wer das Hinunterstürzen alkoholischer Getränke zu einem Spiel macht, gibt unversehens den griesgrämigen, genussfeindlichen Mahnern Recht. Denen, die dieses eigentlich so kostbare und wunderbare Produkt mit all seinen Facetten am liebsten in eine Reihe stellen wollen mit Kokain, Extasy und ähnlichem. Denen, die den Alkohol verteufeln, weil sie ihn für etwas halten, das den Menschen schadet.

Diejenigen, die sich am Neknomination-Spiel beteiligen, geben diesen Leuten weiteres Futter für ihre Polemik gegen eine ernsthafte Trinkkultur. Daher dieser Rant. An dieser Stelle. Das Social-Beer-Game ist vor allem eins: asozial.

 

Bildquelle: Trinkender Mann via Shutterstock, Post-Production Tim Klöcker

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