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Berliner Bierfabrik – Balkonbrauer, Sell-Out, Wegbereiter?

„Alkohol ist keine sogenannte ‚leichte‘ Droge! Sie verursacht gigantischen volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Schaden. Alkohol ist gefährlich!“ Stammt diese Aussage von Gesundheitsfanatikern? Neo-Abolitionisten? Nicht ganz…sie kommt von Brauern.

Vor nur vier Jahren… Als der Autor dieser Zeilen André Schleypen (28), Julian Schmidt (28) und Sebastian Mergel (27) anno 2011 zum ersten Mal begegnete, waren sie allesamt Studenten für Brau- und Getränketechnologie an der Technischen Universität Berlin. Nun gut, genau genommen sind sie das auch heute noch, allerdings mit ein paar klitzekleinen Unterschieden:

Damals brauten sie auf den Balkonen ihrer Wohnungen in Berlin-Wedding, nannten sich Beer4Wedding und hatten soeben mit ihrem India Pale Ale „Halt die Fresse, das muss so schmecken!“ beim studentischen Brauwettbewerb der Braugemeinschaft „Campusperle“ den zweiten Platz errungen (und den ersten verdient).

The Times they are A-changing!

Heute brauen sie auf einer modernen 10-Hektoliter-Anlage auf dem wiederbelebten Gelände der Alten (Vieh-)Börse in Berlin-Marzahn, haben Investoren, werden von der Stadt Berlin gefördert und beschäftigen neben Sanni Penack (26), der neu hinzugestoßenen Team Managerin, auch weitere Angestellte und Praktikanten. Ihr Weizenbier „Heimat“ erreichte unlängst beim MIXOLOGY TASTE FORUM eine ausgezeichnete Wertung von 90 aus 100 möglichen Punkten, und auch der Rest des stetig wachsenden Sortiments findet großen Anklang in der Berliner Bier- und Barszene, so zum Beispiel in Gregor Scholls extravaganter Bar Le Croco Bleu. Mergel ist zudem als Präsident der Global Association of Craft Beer Brewers (GACBB) tätig und versucht so, kreative Kleinbrauer international zu vernetzen.

Doch wie kam es dazu, dass aus der beschaulichen Balkonbrauerei eines der vielversprechendsten Craft Beer-Start-ups Deutschlands wurde? Jedenfalls nicht ganz ohne den ein oder anderen Rückschlag…

Katastrophales Crowd-Funding

Zu Beginn 2013 versuchte Beer4Wedding, inspiriert vom Erfolg der Berliner-Weisse-Kampagne von Andreas Bogk, sich ebenfalls am Crowd Funding. Doch die Initiative ging völlig in die Hose, womit man bei der Bierfabrik inzwischen jedoch locker umgehen kann.

Mergel dazu: „Unser Bekanntheitsgrad war zu niedrig, und gerade dann braucht so eine Kampagne eigentlich 24 Stunden am Tag Aufmerksamkeit. Bei uns hatten zu dieser Zeit Studium und Tagesgeschäft aber Vorrang. Zudem verbietet startnext.de, Kapital für eine bereits bestehende Firma zu sammeln, also blieb uns nur der Umweg über unser Oyster Stout als Bierprojekt. Das war dann für viele einfach nicht bewegend genug.“
Doch war die Verzweiflung am Ende so groß, dass das junge Berliner Bierprojekt seinen Idealen untreu wurde und sich von einem Konzern schlucken ließ?

Sell-Out an den Medienkonzern?

2014 kam dann der Anruf, der alles veränderte: Das Studio 8 in der Grüntaler Straße, die erste Bar, die Beer4Wedding-Bier verkaufte, meldete sich und stellte den Kontakt zu einem vom Bier begeisterten Kunden her: Rudolf Hetzel, Geschäftsführer der Helios Media Verlags-GmbH, sowie sein Amtskollege Torben Werner wollten investieren — als Privatpersonen, wohlgemerkt, nicht als Firma. Dieser beträchtliche Unterschied wurde in der Empörung über diesen angeblichen Ausverkauf von allem, was Craft Beer hold und heilig sei, gern übersehen.
„Natürlich hat uns die Unterstützung unserer privaten Investoren neue Möglichkeiten eröffnet, aber wir schlafen nicht plötzlich auf Taschen voller Geld und gehen mal eben Brauanlagen shoppen. Auch wir haben für die Gründung jeden Cent zwischen den Dielen hervor gekratzt. Allerdings konnten wir mit dem Rückenwind durch die Investoren die GRW-Förderung ermöglichen, und dann war auch die Bank bereit, mit uns zu sprechen.“
Hier könnte die Bierfabrik als Wegbereiter für andere gedient haben, denn Bankkredite für Start-up-Brauereien waren bisher ein sehr heikles Pflaster. Gut möglich, dass sich nun eine Trendwende abzeichnet. Die steigende Anzahl der Brauereineugründungen spricht dafür, dass auch die Banken dem Craft Beer-Markt Wachstumschancen einräumen, wenn ein solider Businessplan vorliegt.

Doch wie steht es um das Mitbestimmungsrecht in der eigenen Firma? Hat man bei der Bierfabrik womöglich das Ruder abgegeben, um das Schiff zu kaufen? Auch hier verneint Mergel: „Die Stimmrechte sind so verteilt, dass Entscheidungen auch gegen nur zwei der Gründer von den anderen Gesellschaftern nicht durchgedrückt werden können.“

Interne Querelen oder wichtigtuerisches Gewäsch?

Inzwischen haben die drei Gründungsmitglieder die Anteile von Hetzel wieder zurückgekauft, Gerüchten zufolge für einen eher symbolischen Obolus, und erneut kochte die Küche über. Von internen Querelen und Unzufriedenheit über den Ablauf des ersten GACBB-Festivals war die Rede. Mergel entgegnet dazu schulterzuckend: „Viele Leute reden viele Dinge. Natürlich hatte jeder seine Gründe, aber die sollen intern bleiben, und wir hängen immer noch zusammen rum. Torben ist nach wie vor Teilhaber, und Rudolf hat uns erst kürzlich wieder den Kontakt zu einer neuen Bar vermittelt. Von bösem Blut kann keine Rede sein. Tiffany Herrington (Initiatorin der Berlin Beer Week) hatte zwar Recht, als sie meinte, die deutsche Craft Beer-Szene sei eine erfreulich ‚arschlochfreie‘ Zone, aber sie ist auch ein Dorf, und in einem Dorf wird getratscht. Manch einer leidet leider an verbaler Inkontinenz.“

Back to the Brews

Bei all dem Gerede wird der Mund trocken, und letztlich soll es ums Bier gehen. Auch hier ging die Bierfabrik mit ihren Lohnbrauverfahren in Landsberg, in der Nähe von Karg sowie in Neuzelle Wege, die sich für Berliner Bier-Start-ups ohne eigene Brauerei als lohnend erwiesen haben – auch für die Bierfabrik selbst: Man befindet sich in Listungsgesprächen, um neue Vertriebswege und den Pfad in die Supermärkte zu öffnen. Zwei Edeka-Filialen führen die Biere der Bierfabrik bereits. Solang man keine Knebelverträge unterschreibt, ist das für die Bierfabrik nicht nur mit dem Craft Beer-Gedanken vereinbar, sondern auch notwendig, um mehr Leute zu erreichen und um die Miete zu bezahlen.

Ansonsten wollen sie vor allem nicht auf der Stelle treten. Zwar sehen auch sie das Alltagsgeschäft eher im Bereich Fassbier und Drinkability, aber deshalb muss man nicht das Überraschungsmoment aufgeben, so etwa im Bereich Biercocktails: „Vor vier Jahren wusste niemand etwas mit Craft Beer anzufangen, und wir waren in der Erklärungsverantwortung. Heutzutage schauen uns auch Bartender in renommierten Bars manchmal noch schief an, wenn wir von Beer-based Cocktails reden. Zum Glück haben wir mit Damian Corrigan einen Mixologen gefunden, der sich mit Feuereifer auf unsere Biere gestürzt und ein paar sehr feine Rezepte entwickelt hat, die wir während der Berlin Beer Week und in der Mapu Bar bereits präsentiert haben und nun auch hier zugänglich machen wollen.“

Doch auch jenseits der mit Corrigan entwickelten Rezepte offenbaren sich im Sortiment der Bierfabrik Biere, die vom Aromenprofil her ungemein spannend für ambitionierte Biercocktailians sind. Etwa die Kollaborationssude Maple Walnut Stout (mit Spent Brewers Collective, Berlin) oder der bald erscheinende Tee-Bock (mit Jing A Brewery, China).

Bleibt nur die Frage, wie bei all der Begeisterung für berauschende Getränke die eingangs getätigte Warnung ins Bild passt. Nun, mit einem Nachtrag:

Sebastian: „Alkohol ist gefährlich.“ Sanni: „…und lecker!“ Sebastian: „…gefährlich lecker.“

Credits

Foto: Alle Bilder via Patrick Albertini

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