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Bon Vivant in Schöneberg Berlin

Das Bonvivant Berlin: Cocktail-Bistro mit Qualität und Protest

Cocktail-Bistro ist jetzt ein Berliner Konzept: Nach dem Wagner hat nun auch das Bonvivant in Schöneberg den schönen Begriff für sich gewählt. Zusätzlich etabliert die hauseigene Galerie „Dualities“ die Bar als Gesprächsforum. Ein Ort ohne Prätention, dafür mit Lockerheit und Protest: Wir haben uns mit Yvonne Rahm und Max Schulz über ihr Projekt im Akazienkiez unterhalten.

Erst am Donnerstag der vergangenen Woche hatte in Schöneberg, rund um den „Nolli“, also den Nollendorfplatz, ein alternativer CSD stattgefunden, der „Libertarian CSD“. Was diese Leute am CSD, wie er sich zuletzt entwickelt hat, so stört, dass es eine Splitter-Demo braucht? Es ist die „Kommerzialisierung alltäglicher Befreiungskämpfe durch die Parteien, große Konzerne, die Bundeswehr oder die Banken.“

Es geht gleichermaßen darum, über Missstände zu sprechen und ihnen in der großen Masse zu begegnen, als auch um eine Form des Hedonismus, die aufrecht erhalten bleiben soll. Aufgrund der florierenden Queerszene wie auch Sexarbeit in Schöneberg ist es gewiss sinnvoll, eine solche Demo dort stattfinden zu lassen; und nicht mit einem Marsch um den Boxi herum, also den Boxhagener Platz.

Warum man, um alles in der Welt, einen Artikel über eine neue Bar mit der Schöneberger Queerszene beginnen lassen soll, mag einzuleuchten erst einmal schwer fallen. Es hilft, den Begriff »Bonvivant« unter die Lupe zu nehmen.

»Trinken soll wieder Spaß machen. Der Blick auf die Karte lässt daran keine Zweifel. Der „Red Hat“ beispielsweise kommt mit weißem Rum, Johannisbeere, Doppelwacholder, Lavendel, Limette und Rotwein daher.«

Cocktail-Bistro im Kachelhaus

Der Bonvivant ist nämlich, recht wörtlich genommen, der Lebemensch, historisch vor allem kulinarisch verwendet, ausdehnbar aber auf jede Form des Auskostens. Der Bonvivant hat eine klare Vorstellung davon, wie er leben will – und die ist nicht gerade bescheiden. Warum auch, das Leben ist kurz und manchmal verwendet man zwei Jahre davon für die Suche nach einem geeigneten Ort – für einen Band-Raum mit Rooftop Bar, beispielsweise.

Nun, jetzt ist es ein Cocktail-Bistro im Kachelhaus in der Goltzstraße an der Ecke Pallasstraße, also inmitten des beschaulichen Akazienkiezes. Damit haben Max Schulz, eigentlich Commercial Director bei Our/Berlin, Jules Winnfield und The Anh Nguyen, allesamt bereits langjährig befreundet, gefunden, was sie nicht gesucht haben. Klappt scheinbar auch in dieser Reihenfolge. Das Bonvivant gehört Winnfield und Nguyen, Barmanager ist Schulz – und konzeptionell hat Tisk-Gründer Kristof Mulack unter die Arme gegriffen.

Let’s make it a Berlin concept

„Bistronomie“ nennt Max Schulz das Konzept und greift damit zurück auf einen von Restaurant-Kritiker Sébastien Demorand geprägten Begriff aus dem Jahre 2004. Irgendwie aus dem Französischen kommend, hat jener Ansatz auch in Deutschlands größeren Städten Fuß gefasst – beispielsweise im Wagner. Weil Sébastien Saris dort mit dem Begriff „Cocktail-Bistro“ bereits weitaus früher um die Ecke kam, hat Max gefragt, ob das Bonvivant auch so heißen darf: „Why not! Let’s make it a Berlin concept“, war die Antwort.

Da wir es hier nun also mit einem Cocktail-Bistro zu tun haben, braucht es natürlich jemanden, der für den Herd verantwortlich zeichnet: In diesem Falle ist das der mehrfach ausgezeichnete Biokoch Ottmar Pohl-Hoffbauer. Ziel ist es, dass dieser in den nächsten Monaten ein Konzept entwickelt, in dem die Küche mit den Cocktails perfekt harmoniert. „Man könnte durchaus sagen, dass es ein wenig in die Richtung des Münsteraner Rotkehlchens geht.“

Jenes Pairing allerdings geschieht mit keiner geringeren als der letztjährigen World-Class-Gewinnerin Yvonne Rahm. Die während der jüngst vergangenen Negroni-Woche Dinge gemixt hat wie den von Schulz kreierten „La Deutsche Vita“ aus Doppelwacholder, Uhudler Wermut und Amaro. Und außerhalb jener Woche, ja, da gibt es wenig, was es nicht gibt.

Im Bon Vivant in Schöneberg gibt es nicht nur fantastische Gerichte aus der Küche.
Im Bon Vivant in Schöneberg gibt es nicht nur fantastische Gerichte aus der Küche.

» Why not! Let’s make it a Berlin concept «

Bonvivant: ohne Betreuung und Bohei

Ob sich bei ihr viel verändert habe, seitdem sie bei der World Class als erste deutsche Frau den Sieg eingeheimst hat? „Erstmal nicht so richtig“, überlegt sie und schüttelt den Kopf. „Im Laufe der Zeit dann aber doch, man wird ernster genommen. Und selbstsicherer.“ Völlig zurecht zum einen, zum anderen wird auch Rahms Crew nicht müde, darüber zu sprechen. „Anfänglich haben wir schon auch gern ein bisschen mit ihr angegeben“, schmunzelt Max Schulz. Von Prätention kann allerdings nicht die Rede sein – im Gegenteil. Schulz und Rahm haben sich zwar beim BCB kennengelernt, aber so richtig ernst wurde das Projekt erst ab Mitte Februar, nachdem sie dann auch Winnfield und Nguyen getroffen habe.

„In dieser ersten Zeit haben wir viel gegessen, getrunken und oft gedacht: Das können wir doch besser“, meint Schulz. Und damit ist nicht gemeint, dass das Aromarad neu erfunden werden muss. „Die besten Drinks aus dem Amrit, nur besser“, witzelt er: Trinken soll wieder Spaß machen. Der Blick auf die Karte lässt daran keine Zweifel. Der „Red Hat“ beispielsweise kommt mit weißem Rum, Johannisbeere, Doppelwacholder, Lavendel, Limette und Rotwein daher.

Swedish Mule im Bon Vivant in Schöneberg
Der Swedish Mule im Bon Vivant
Almost Cosmo Cocktail im Bon Vivant in Schöneberg

Alle Gerichte sowie Drinks sind vegetarisch und bio

Natürlich sollen die Drinks solide und das Essen auf den Punkt sein – das steht bei Rahm und Pohl-Hoffbauer sowieso außer Frage. Zwei fundamentale Kanten zeichnen sich allerdings klar ab: „Wir machen hier kein ‚seriöses‘ Trinken, unsere ‚Betreuung‘ braucht auch keiner und ‚auf die Reise nehmen‘ wollen wir schon gar niemanden. Hier kann man einfach sein und etwas trinken. Und wer mit uns Nerd-Talks führen will, darf das aber auch“, so Max Schulz, mit Zeige- und Mittelfinger die Anführungszeichen verbildlichend.

Grundsätzlich mixt Yvonne Rahm alles Gewünschte, wenn sie die Zutaten parat hält. „Und wenn nicht, ja, dann finde ich eben etwas anderes, womit der Gast, ausgehend von seiner Bestellung, glücklich wird. Als Bartender muss ich imstande sein, aufgrund einer Aromen-Palette zu wissen, wie Zutaten ersetzbar sind“, findet sie. Sprite oder Zitronenlimonade hat sie beispielsweise nicht, dafür aber ein belgisches Mango-Bier, mit dem die meisten Radler-Besteller nicht nur überrascht, sondern auch ziemlich glücklich sind. Die zweite Kante außerdem: Alle Gerichte sowie Drinks sind vegetarisch und bio.

Komfortzonen, Krawall und Karamellisiertes

Yvonne Rahm nennt es das „Territorialverhalten“: Bartender, die meinen, es ginge um sie und die nicht verstanden haben, was Gastfreundschaft bedeutet. Und nicht, dass Gast und Host am Ende an einem Strang ziehen. Der eine soll einen spaßigen Abend haben und der andere Freude am Job. „Wenn sich da beide mal nicht allzu ernst nehmen würden, wäre dem Ganzen schon geholfen“, sieht sie die Sache nüchtern.

Und damit sei keinesfalls gesagt, dass Dinge generell nicht ernst genommen werden, es gilt der umgekehrte Fall: In den Kellerräumen des Bonvivant gibt es eine kleine Galerie. Eine Herzensangelegenheit seitens Yvonne war es immer schon gewesen, Bar und Gesprächsforum zu verbinden: „So wie das ja eigentlich immer schon gewesen ist in Bars.” Unter dem Überbegriff Dualities lädt sie Gäste aus der Schnittmenge von Barwesen und Politik, Sozial- oder Kulturwissenschaft ein und bittet zum Gespräch. Das passiert dann beispielsweise zum Thema „Macht, Führung und Faulheit“ und passiert bei einem Welcome-Drink aus Johnnie Walker Gold, Jasmintee, Mancino Bianco Ambrato, weißem Schokoladen-Espuma, karamellisierten Sonnenblumenkernen und Salz. Serviert in einer Auster.

Eros in Spargelform landet im Bon Vivant aus Gründen auf dem Teller

Bonvivant Cocktail Bistro

Goltzstraße 32
10781 Berlin

Mittwoch bis Sonntag, 18 bis 1 Uhr

Eine Kultur des Miteinanders, die zum Nachdenken anregt

Verbunden mit dem Talk ist eine Führung durch den Keller, wo Installationen aufgebaut sind. Beispielsweise über die eigene Comfort Zone. Da hört man dann etwa Wellen und weinende Kinder, man kann sich die Szenerie vorstellen. Außerdem eine Absperrung, auf der gewarnt wird: „Don’t leave your comfort zone!“ Und wer eben doch durchgeht, darf sich überraschen lassen. Wer einen solchen Abend im Bonvivant verbracht hat, geht gewiss anders hinaus als hinein. Und das liegt nicht daran, dass es von allen Richtungen Kräuterkunde schallt und Trinkkultur gelehrt wird. Aber eine Kultur des Miteinanders, die den einen oder anderen selbst zum Nachdenken anzuregen vermag.

Rahm, nach eigenen Angaben früher eher ein Rowdy, der die Eltern zum Mülltrennen gezwungen hat und ab dem 13. Lebensjahr auf vegetarisches Essen bestand, weiß, wovon sie spricht, wenn es um die Gratwanderung zwischen der politischen, der künstlerischen und der hedonistischen Dimension des Alltags geht, die im Schöneberger Bonvivant zusammen passt wie selten. So geht es nämlich, einzustehen für das ungebrochene Recht auf Spaß. Ohne dabei den Fokus und das Selbstbewusstsein zu verlieren.

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Credits

Foto: ©Bon Vivant

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