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Bryggeri | Mixology — Magazin für Barkultur

Zur Nazi-Debatte um die finnische Brauerei Bryggeri in Berlin

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ie finnische Brauerei Bryggeri unterhält eine Filiale in Berlin. Doch der Geschäftsführer Pekka Kääriäinen war im Vorstand eines SS-Veteranenvereins. Eine Analyse nach dem Tumult.

An einem grauen Tag im April fahre ich in den Prenzlauer Berg in Berlin. Mitten in dieser rotgrünen Idylle soll ein SS-Fan Bier ausschenken. Ich bin auf dem Weg, mich mit dem Finnen Pekka Kääriäinen zu unterhalten, dem mutmaßlichen SS-Fan.

Kääriäinen ist unter anderem Geschäftsführer der Bryggeri Helsinki. Die finnische Brauerei hat im Herbst 2018 eine Gaststätte im Prenzlauer Berg eröffnet, Anfang des Jahres beschrieb die Restaurantkritikerin Tina Hüttl in der Berliner Morgenpost die Bryggeri noch als „unaufgeregt und lecker“. Die unaufgeregten Zeiten sind spätestens seit der „Grünen Woche“ 2019 vorbei.

» Der Verein pflegt unter anderem die Erinnerung an die finnischen Kameraden, die Teil der SS-Divison „Wiking“ waren, in der auch Freiwillige aus skandinavischen Ländern dienten, unter anderen eben auch Finnland. «

Bryggeri und die Verbindung zur Waffen-SS

Finnland war das diesjährige Partnerland der Messe in Berlin, und zur Eröffnungsfeier gab es unter anderem finnisches Kreativbier der Bryggeri Helsinki. Ein paar Tage vor Eröffnung erschien in der Tageszeitung taz ein Artikel, der sich kritisch mit Kääriäinens weiteren Tätigkeiten beschäftigte. Der sitzt nämlich im Vorstand eines finnischen Veteranenvereins, dem „Veljesapu-Perineyhdistys ry“ [Brüder Hilfe e.V.]. Der Verein pflegt unter anderem die Erinnerung an die finnischen Kameraden, die Teil der SS-Divison „Wiking“ waren, in der auch Freiwillige aus skandinavischen Ländern dienten, unter anderen eben auch Finnland.

Die einzige Division der Waffen-SS mit ausländischen Mitgliedern wurde 1940 gegründet. Auch Kääriäinens Vater war Teil der Division. Mit 17 meldete er sich als Freiwilliger, um nach Deutschland zur militärischen Ausbildung zu gehen. Einen Monat später, so erzählt mir Kääriäinen, ging es an die Front. Kärriäinens Vater hatte bereits 1939 im Sowjetisch-Finnischen-Winterkrieg gedient, vermutlich plante die Sowjetunion die Annexion ganz Finnlands, wurde aber vom zahlen- und materialmäßig stark unterlegenen, finnischen Heer in die Schranken gewiesen. Doch die gefühlte Bedrohung durch die Sowjetunion blieb bestehen.

» Pekka Kääriäinen sieht sich als Opfer. Die ganze Situation hat ihn sehr überrascht. In der Heimat habe es solche Angriffe nie gegeben. «

Plötzlich schreiben alle über Bryggeri

Um kulinarische Kritik ging es nicht, aber über Bryggeri schrieben plötzlich alle, von der taz bis zur FAZ. Das Berliner Bündnis gegen Rechts [BgR] verteilte Flugblätter in der Nachbarschaft, in denen es aufforderte „Kein Bier von, für und mit Nazis-Fans“. Was ist aber so problematisch an Kääriäinens Tätigkeit als Geschäftsführer in einem finnischen Veteranenverein? Während ihres Einsatzes an der Ostfront beging die Wiking-Division Kriegsverbrechen. Juden und nicht mehr marschfähige Häftlinge und Zwangsarbeiter wurden erschossen. Eine Auseinandersetzung mit diesen Kriegsverbrechen findet seitens des Brüder Hilfe e.V. nicht statt.

Als ich am Nachmittag die Braustube betrete, werde ich von Maria Mannerman begrüßt. Mannerman ist ebenfalls Geschäftsführerin der Bryggeri. Sie bringt mich in ein Hinterzimmer des Restaurants zu Kääriäinen und lässt uns nach wenigen Minuten alleine.

Pekka Kääriäinen sieht müde aus. Er spricht leise. Er sieht sich als Opfer. Die ganze Situation habe ihn sehr überrascht. „In der Heimat gab es nie solche Angriffe.“ Mit dem BgR hat er nicht gesprochen. Warum, das wird mir David Kiefer, der Pressesprecher des BgR, in ein paar Tagen erklären. Die taz und auch Neues Deutschland, die ebenfalls über die Angelegenheit berichteten, haben mit ihm das Gespräch gesucht. Er fühlt sich dennoch unverstanden. Er sagt, er habe das Gefühl, dass es nichts hilft, egal was er sagt. Immer wieder betont er, dass er kein Nazi sei und auch nichts mit Nazis zu tun habe. Er versteht den Verein als unpolitisch und beteuert, dass die Verwaltung des Vereins alle Mitglieder auf extremistische Gesinnung prüfen würde. Insgesamt hat der Verein nach Selbstauskunft ca. 300 Mitglieder, die Aufgaben des Kameradenvereins besteht in der Bereitstellung einer Rente für die noch neun verbliebenen Veteranen und Mahn- und Grabsteinpflege sowohl in Finnland als auch im Ausland.

Alles neu? Verein mit neuem Internetauftritt und ohne Nazi-Kitsch

In der Folge der medialen Aufmerksamkeit hat der Verband seine Internetpräsenz drastisch verändert. Nach wie vor springt einem die Frakturschrift sofort ins Auge, aber die Hakenkreuze und andere nationalsozialistische Symbole sind entfernt worden. Außerdem findet sich eine umfangreiche Stellungnahme zu den Vorwürfen.

Kääriäinen, so erzählt er mir, hat seit der Proteste viel über seinen Vater nachgedacht. Wie hätte er damals im Alter von 17 gehandelt. Kääriäinens Vater ist 2001 im Alter von 73 Jahren gestorben. Zu welchem Schluss Kääriäinen beim Nachdenken über seinen Vater gekommen ist, sagt er mir nicht.

Stattdessen verdächtigt er einen ehemaligen Mitarbeiter der Gaststätte, die deutschen Medien überhaupt erst auf das Thema aufmerksam gemacht zu haben. Kurz nach der Kündigung des Mitarbeiters meldeten sich die Zeitungen und die Artikel erschienen. Macht das aber Kääriäinen überhaupt zum Opfer? Er jedenfalls fühlt sich wie ein „Kriegsverbrecher behandelt“. Er kritisiert vor allem das BgR. Er sagt, sie nähmen das Recht in ihre eigenen Hände und sehen sich auf der moralisch richtigen Seite.

» Auf Fotos hält Kääriäinen Devotionalien seines Vaters in den Händen. Auf einem der Fotos hält er den mit SS-Runen verzierten Helm. «

Bilder aus der Nazi-Vergangenheit

Ein paar Wochen später, am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, treffe ich mich mit David Kiefer in Kreuzberg. Kiefer ist Pressesprecher des „Bündnis gegen Rechts“. Ich will wissen, wie sie davon erfahren haben, dass ein „SS-Fan“, wie sie Kääriäinen auf ihren Flugblättern bezeichnen, im Prenzlauer Berg eine Gaststätte betreibt. Von dem Sachverhalt habe das Bündnis aus den Zeitungen erfahren und dann begonnen, selber zu recherchieren.

Ich frage, warum das BgR nie mit Kääriäinen geredet hätte? Die Antwort fällt konsequent aus. Zu den Grundsätzen des BgR gehört es, nicht mit Rechten zu sprechen, um diesen keine Bühne zu geben. Ich erzähle Kiefer, dass Kääriäinen den Brüder Hilfe e.V. als unpolitischen Verein sieht. Kiefer erwidert darauf, dass die Waffen-SS nicht unpolitisch war und der Veteranenverein sich nicht kritisch mit den Kriegsverbrechen auseinandersetzt. Selbstverständlich dürfe man sich in einem historischen Kontext mit der militärischen Vergangenheit eines Landes auseinandersetzen, aber gerade die Fotos Kääriäinens mit dem Helm seines Vater in der Hand sind eben nicht nur rein dokumentarisch.

Es geht dabei um Fotos, die erst zu dem Aufschrei geführt haben. Fotos, die von und für finnische Nachrichtenseiten gemacht wurden. Auf diesen Fotos hält Kääriäinen Devotionalien seines Vaters in den Händen. Auf einem der Fotos hält er den mit SS-Runen verzierten Helm. Ich erkundige mich, wie auf die Flugblattaktion seitens der Bryggeri reagiert wurde. Zunächst wurde die ganze Sache abgewiegelt, dann wurde mit rechtlichen Schritten gedroht, schließlich doch wieder zurückgerudert und von einer Klage oder ähnlichem abgesehen. Ich frage nach dem Ziel der Aktion. Kiefer sagt, dem BgR „liegt es fern, der Bryggeri Geschichtsbewusstsein zu lehren“, aber die allgemeinen Ziele des BgR sind „politische Bildung und Aufklärung“, und das Ziel war es, (nicht nur) in der Nachbarschaft zu informieren. Und das habe funktioniert.

Pekka Kääriäinen ist nicht mehr Geschäftsführer von Bryggeri Helsinki

Neben der Aufmerksamkeit hat man allerdings noch mehr erreicht: „Herr Kääriäinen hat nach eigenen Angaben nicht nur den Vorsitz des SS-Traditionsvereins abgegeben, sondern ist auch nicht mehr Geschäftsführer von Bryggeri Helsinki.“ Mittlerweile wurde die Gaststätte auch mit Farbe „markiert“. In Chromfarbe wurde über die gesamte Fensterfront „Kein Bier für Nazis“ und „FCKNZS“ gesprüht.

Ich spreche ihn auf Hannah Bethkes Kommentar in der F.A.Z. vom 25.03.2019 an. Da nennt sie den Boykottaufruf „radikal dumm“. Bethke kritisiert, dass das direkte Gespräch ausgeblieben sei. Ihrer Meinung nach reicht es nicht, Mitglied in einem Traditionsverein zu sein, um eine Bezeichnung als Nazi zu rechtfertigen. Für den Kommentar hat Kiefer nur ein müdes Lächeln übrig. Bethke berichtet auch von einer der Podiumsdiskussionen, zu dem das BgR geladen hatte. Sie zitiert eine Frau, die dort gesagt haben soll, der Boykott erinnere sie an das „Kauft nicht bei Juden“ der Nazis.

Dieser ungeheuerliche Vergleich ist dann auch gleichzeitig Bethkes Schluss aus der Causa Kääriäinen.
Da scheint angemessen, was kürzlich David Schneider, Autor eines Politmagazins, in anderer Sache, aber ähnlicher Gestalt kommentiert: „Die gleichermaßen stupide und niederträchtige Obsession, das bedauernswerteste aller Opfer zu sein, kommt hier zweifelsohne in besonders abstoßender Form zum Ausdruck.“

Credits

Foto: Foto: Shutterstock, Montage: Editienne

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