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Drink Masters auf Netflix

Binge oder Cringe? Mit der Netflix-Serie „Drink Masters“ kommt Bartending im Streaming an

Das Format ist bekannt: Eine Gruppe von Kandidat:innen stellt sich spezifischen Herausforderungen vor einer Jury, bis am Ende eine:r übrig bleibt. In der Netflix-Serie „Drink Masters“ sind das nun zwölf Bartender:innen, die um ein Preisgeld von 100.000 US-Dollar mixen. Ist das gut oder schlecht?

„Your time starts … “ Moderator Tone Bell macht eine bedeutungsschwangere Pause „… now!!“ springen ihm Julie Reiner und Frankie Solarik unisono zur Seite und heben die Zeigefinger beider Hände wie angedeutete Pistolen, woraufhin die Kandidaten an ihre Bar-Stationen hechten.

Dieses Bild wiederholt sich vor jeder Challenge erneut. Die Gruppe nimmt die Beschreibung der zu bewältigenden Aufgabe entgegen, stramm und angespannt steht sie vor der dreiköpfigen Jury. Zuerst zwölf Kandidat:innen, dann elf, dann zehn. Am Ende der zehn Folgen wird eine:r übrig bleiben und mit 100.000 Dollar Preisgeld nach Hause gehen.

Zwölf Mixolog:innen und ein Ziel

Dieses Preisgeld, diese „life changing opportunity“, wird Moderator Tone Bell, in den USA eigentlich bekannt als Comedian, immer wieder erwähnen. Ist ja auch ein Haufen Kohle. Und somit sind wir schon mittendrin in „Drink Masters“, der ersten Serie auf Netflix, die sich Bartender:innen oder, wie in der Serie ausnahmslos als Begriff verwendet wird, „Mixologists“ widmet.

Zwölf Bartender:innen hat man dafür gecastet, allesamt in den USA oder Kanada tätig, wobei nur die Stadt erwähnt wird, in der sie wirken, nicht jedoch die Bar. Vor zehn Jahren hätte eine Show dieser Art vielleicht aus einem Großteil bärtiger Typen mit Tattoos bestanden, das ist hier nicht der Fall. Es ist offensichtlich, dass Netflix eine möglichst heterogene Gruppe gecastet hat, die alle Anforderungen der Diversität erfüllt, was Gender, Ethnie, Body Positivity und sexuelle Orientierung betrifft. Zumindest an diesem Punkt ist ein moderner Barszene-Querschnitt gut repräsentiert.

Der Talk Master für die Drink Masters: Tone Bell führt durch die Serie
Der Talk Master für die Drink Masters: Tone Bell führt durch die Staffel
Ob klassisch, modern oder dekonstruiert: Die Cocktails finden in allen Formen und Texturen den Weg ins Glas

I´m here to win!

Wie für ein Format dieser Art bekannt, lernt man die Kandidat:innen mit Fortdauer der Serie in eingeblendeten Einzelgesprächen besser kennen; da ist die 42-jährige Barbetreiberin aus Albuquerque, die das „I’m here to win!“ am stärksten verkörpert, deren Stimme jedoch bricht, wenn sie von einer neuen Bar träumt, an der sie ihre Mitarbeiter:innen beteiligen wird, da ihr Team alles für sie bedeuten würde; da ist der 36-jährige, weit gereiste Bartender-Cowboy, der vor Selbstvertrauen nur so strotzt und Cocktails „very creative and unique“ denkt, oder die 28-jährige Bartenderin, die in ihrem Schaffen an schwarze Bartender erinnern will, die in der Entstehungszeit der Cocktailkultur eine größere Rolle gespielt haben, als die meisten Menschen wissen.

Man soll eine Beziehung zu den einzelnen Kandidat:innen aufbauen, oder eben nicht, man soll manchen das Fortkommen wünschen und anderen weniger. Wie das menschliche Zusehergehirn eben so tickt: Daumen hoch, Daumen runter.

Was kommt eigentlich ins Glas?

Mehr, als über Sympathie und Erscheinung der einzelnen zu urteilen, bleibt einem letztlich auch nicht übrig, denn die Drinks – das eigentliche Kriterium – kann man ja nicht verkosten. Handwerklich und aromatisch zumindest wirkt alles auf Höhe der Zeit. Die Drinks werden Rapid-Infused, re-destilliert oder zum Milk Punch gemacht, es gibt Drinks als Gelees und kaum eine Zutat, die nicht adaptiert und gepimpt wird. Bei einer Aufgabe bekommt jeder Kandidat beispielsweise ein Dessert zugelost, dessen Geschmack als Cocktail nachgebaut werden muss, wie Bananen Eclair, Pain au Chocolat, Fruit Tart oder Macaron – der ultimative Beweis, dass sich das Mixolog:innentum heute hinter der Kochplatte abspielt, wo sich die Mitmachenden ohnehin zu 90% der Showzeit aufhalten. Wenn eine Kandidatin bei einer anderen Challenge einen Adonis Cocktail zitiert – „to play it safe“, wird auch demonstriert, dass das historische Bar-Wissen sitzt.

Großteils aber will die Jury, dass sich diese hier versammelten „world’s best mixologists“ natürlich „outside the comfort zone“ bewegen und „mind blowing“ Drinks machen. Das tun sie vor allem in einem mind-blowing Tempo, das der Dramaturgie der Sendung geschuldet ist: Die Kandidat:innen haben 90 Minuten Zeit für eine Aufgabe und rühren und pürieren und quatschen und quieken, bis am Ende Kunstwerke von Cocktails auf dem Tresen stehen, für die Instagram-Bartender:innen töten würden.

Die bekannten Bar-Protagonist:innen Frankie Solarik (BarChef, Toronto) und Julie Reiner (u.a. Clover Club & Leyenda, New York) bilden den Kern der Jury der Drink Masters
Die bekannten Bar-Protagonist:innen Frankie Solarik (BarChef, Toronto) und Julie Reiner (u.a. Clover Club & Leyenda, New York) bilden den Kern der Jury

Die Jury bleibt etwas blutleer

Bei der Bewertung muss man dann also voll und ganz auf das Urteil der Jury vertrauen. Julie Reiner (New York) und Frankie Solarik (Toronto) sind fachlich über jeden Zweifel erhaben und vermögen, das handwerkliche Vorgehen der einzelnen Kandidat:innen auch für Laien immer wieder kurz und präzise darzustellen, etwa wenn es um Wahl eines spezifischen Glases für einen spezifischen Drink geht. Gleich in Folge Eins etwa brüskiert Solarik einen Kandidaten mit der Tatsache, dass er ihm einen Drink mit Trockeneis vorgesetzt habe, der ihm aufgrund der chemischen Zusammensetzung das Leben kosten könnte.

Das Feedback zu den Drinks wiederum ergießt sich jedoch häufiger in Floskeln wie „this is a very complexe drink“ und „this cocktail takes me back to the carribean“. Vor allem aber wirken Reiner und Solarik als Typen etwas hölzern und steif. Keiner der beiden ringt sich im Laufe der Sendung zu einem herzhaften Lachen durch, was auch nicht von dem stets lockereren, aber bemüht einstudiert wirkenden Tone Bell aufgefangen werden kann.

Mit Fortdauer der Serie erfährt man dann auch, dass die 100.000 Dollar Preisgeld von Pernod Ricard beigesteuert werden – was zumindest erklärt, warum eine Old Fashioned Challenge ausgerechnet mit Jameson Irish Whiskey und ein Tequila-Drink mit Olmeca Tequila gemacht werden muss

Die Interaktion: Binge oder Cringe?

Bleiben am Ende die Kandidat:innen und das, was sie von sich preisgeben. Sollten Feindseligkeiten während der Aufzeichnungen entstanden sein (die Anfang November 2021 begannen und über einen Monat andauerten), werden sie nur spärlich gezeigt. Da Bissigkeit und Ellbogendenken aber durchaus ein Motor dieser Showformate sind, ist anzunehmen, dass es womöglich tatsächlich keine größeren Beefs gab.

Dazu passen würden zumindest die Abschiedsszenen, wenn ein ausgeschiedener Kandidat die Serie verlassen muss. Dann liegt sich die Gruppe mit einem tränenreichen „I love you!“ und „I love you so much!“ in den Armen, was immer wieder den letztlich nie ganz verschwindenden Eindruck verstärkt, einem Haufen Drama Queens und Drama Kings bei der Arbeit zuzusehen, bei denen sich sehr viel um das eigene Ego dreht. Das sind die Momente, an denen die Gedanken auf Wanderschaft gehen und man sich vorstellt, dass eine Show dieser Art hierzulande wohl „Deutschland sucht den Startender“ heißen würde und hoffentlich niemals gedreht werden wird.

Eine Lanze für den Barberuf?

Bleibt die Frage, was ein artifizielles Setting dieser Art über Bararbeit an sich aussagt. Bricht es eine Lanze für den Job? Entfacht diese küchenchefartige Präsentation des Aromenkünstlers auf der konsequenten Suche nach Perfektion eine Leidenschaft für den Beruf des Bartenders? Ist es der Image-Boost, den die vielfach noch zweifelhaft betrachtete Nachtarbeit des Bartenders braucht, um in den Hafen der Seriosität einzulaufen? Und braucht es das überhaupt?

Wohl kaum. Das muss wohl jede:r für sich herausfinden.

Your time starts … now!

Credits

Foto: Netflix

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