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Wurst und Bierstock

Wurst & Bier in der Markthalle IX

Wurst und Bier klingt in vielen Ohren nicht nach einer Veranstaltung, die das Genießertum in den Vordergrund stellt. Dass es auch anders geht, sollte in der Markthalle IX in Berlin-Kreuzberg bewiesen werden. Gelingt es, ein Massenpublikum für Nicht-Massenware zu begeistern?

Vor zehn Jahren noch war die „Eisenbahnmarkthalle“ ein deprimierendes Beispiel urbanen Niedergangs: ein Lebensmitteldiscounter, ein Drogeriediscounter, ein Textildiscounter. Der Rest der Halle war ein karges, manchmal wenig schmeichelhaft riechendes Betongrau.
Die Markthalle 9 am Sonntag, dem 9. Februar 2014: Mit dem Schlachtruf „Wurst und Bier!“ auf den Lippen folgten Tausende dem Aufruf von „Wurstsack“ Hendrick Haase und Kleinbrauer Johannes Heidenpeter, diese oft unterschätzten Lebensmittel von einer neuen Seite kennenzulernen.

Sind Wurst und Bier sexy?

Der Weg hierhin war nicht einfach. Anno 2009 stand die Markthalle vor dem Abriss durch einen Großinvestor, der hier ein modernes Einkaufszentrum errichten wollte – weil Berlin davon noch nicht genug hat. Das „Projekt Markthalle IX“ verhinderte dies mit Unterschriftensammlung und einem denkmalgerechten Sanierungsplan. Seitdem werkeln die Initiatoren des Projekts, Florian Niedermeier, Bernd Maier und Nikolaus Driessen, an der Wiederbelebung der Markthalle mit Wochenmärkten, einem anspruchsvollen Street-Food-Konzept, und Sonderveranstaltungen wie dieser.
Nach dem sehr erfolgreichen Käsemarkt „Cheese Berlin“ im letzten Jahr blieb eigentlich nur eine Frage: Sind Wurst & Bier sexy genug, das noch zu toppen? Die Antwort gaben ersten Schätzungen zufolge an die 12.000 Besucher an einem einzigen Sonntag.

Trubelig, laut, Fass-End

Die Liste der Bieraussteller las sich mit wenigen Ausnahmen wie ein who is who der deutschsprachigen Craft-Beer-Welt: Von Freigeist Bierkultur aus Köln über „Bierzauberer“ Günther Thömmes aus Niederösterreich bis zu den Gesichtern der Berliner Szene. Ebenso vielfältig war auch die Bierauswahl. Wo Liebhaber traditioneller Gebräue eher bei Flessa Bräu oder der Schlossplatzbraurei Ceopenick fündig wurden, fanden sich an anderen Ständen dunkles Dattel-Gewürzbier, Leipziger Gose (ein Sauerbier) aus Bonn oder ein Vanille-Porter des Hausherrn.
Mit Spannung erwartet wurde die Wood Series aus dem BrauKunstKeller, ein rotes Ale in fünf verschiedenen Ausführungen. Ähnlich der Yeast Series von Mikkeller, bei der ein Sud mit verschiedenen Hefen vergoren wurde, diente hier ein Bier als Basis und wurde auf Woodchips verschiedener Holzarten gereift. Beim Wein eine durchaus umstrittene Methode, fand diese bei den Bierliebhabern offenbar großen Anklang, denn schon bald waren sämtliche Flaschen fort. Kein Einzelfall: Die Vagabund Brauerei aus Berlin-Wedding musste bereits zwei Stunden vor Ende der Veranstaltung Fass-End bekannt geben.
Bei aller Begeisterung der Brauer über leergetrunkene Fässer teils exotischer Biere gibt es aus Besuchersicht durchaus auch Kritisches zu vermelden. Billy Wagner, Sommelier und Rutz-Rebell, ist längst von der Bierbegeisterung gepackt:
„Eine tolle Veranstaltung, ehrlich und authentisch, und hoffentlich bleibt es so. Ich habe eigentlich jedes Bier, das ich noch nicht kannte, probiert. Die Verkostungssituation hingegen war eine Katastrophe. Mit dem unschönen Glas kann man leben, aber wenn geleitete Verkostungen in der Halle stattfanden, musste gebrüllt werden, um überhaupt etwas zu verstehen. Dadurch fehlt einfach die Ruhe, sich auf teils hervorragenden Produkte überhaupt einzulassen.“
Bei einer volksfestartigen Veranstaltung wenig erstaunlich – die geleiteten Tastings im Heidenpeterschen Braukeller gingen in dem Trubel schlicht unter.

Wo bleibt die Lieferung

Auch die Verbindung von Konsument und Gastronomie funktioniert noch nicht perfekt, Verfügbarkeit ist nach wie vor ein Problem kreativer Kleinbrauer.
„Für mich wäre es lohnender, wenn ich das Bier nach so einer Veranstaltung auch irgendwie beziehen kann. Ständig „nur im Brauhaus“ oder „Ich liefere nicht!“ zu hören, hilft nicht gerade dabei, diese Produkte bekannter zu machen.“ meint Wagner.
Auch vielen Besuchern ohne Gastro-Hintergrund dürfte es so gehen. Hier zeigt sich eine Kombination aus Kapazitäts- und Vertriebsproblemen, mit denen sich die kleine Craft-Beer-Familie wird beschäftigen müssen, wollen sie nicht links und rechts überholt werden. Gerade auf Events wie diesem wird deutlich, dass Berlin (und nicht nur Berlin) Bock auf diese Art Bier hat. Wer diese vom Industriebier gequälten Kehlen zuerst bequem bewässern kann, erschließt sich eine kaufkräftige Kundschaft.

Presswurst in der Bierschlange

Der sporadisch geäußerten Idee, diese Veranstaltung im Sommer zu wiederholen, möchte ich jedoch aufs Schärfste widersprechen. Mehr als 10.000 Menschen in drückender Sommerhitze in die Markthalle zwängen? Das schreit förmlich nach Kreislaufkollaps! Eher ratsam erscheint, „Wurst und Bier“ weiterhin bei kühleren Außentemperaturen stattfinden zu lassen, vielleicht auf zwei Tage ausgedehnt, um den Druck etwas zu nehmen. Denn trotz der sehr positiven Resonanz – wie eine Presswurst in der Bierschlange zu stehen, fördert nicht unbedingt die Genusskultur.
Oder, um es mit den Worten der Vagabunden zu sagen: „Mancher, der sich an unserem Stand ein Bier holte, hatte es schon ausgetrunken, bevor er den Stand wieder verlassen konnte. Man kam einfach nicht vorwärts.”

 

Credits

Foto: Wurst und Bier via Shutterstock

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