Südafrika

Südafrika und seine Spirituosen: Es craftelt zwischen Kalahari und Karoo

News 12.4.2018

Die Gin-Welle hat auch Südafrika erreicht. Robert Schröter blickt auf seiner Afrika-Tour hinter die Kulissen einer der vielfältigsten Nationen der Erde. 

Dort entdeckt er eine Aufbruchstimmung wie im Ostberlin Ende der 1990er-Jahre und einen Hang zu lokalen Produkten. Aber auch manch ungewohnten Engpass, den es zu überwinden gilt.

Meine alkoholische Expedition des subäquatorialen Afrikas wird auch nach dem traumhaften und vor Rhum überfliessenden Mauritius fortgeführt. Via dem alkoholisch wenig interessanten Kenia geht es in den Hochsicherheitstrakt Johannesburg. Ich komme mit leichtem Gepäck in der Stadt der Diamanten und des Goldes an, mein Koffer ging irgendwo in Nairobi verloren. Zum Glück habe ich keinen hochwertigen Schnaps gekauft! Schon im Flughafen werden Edelsteine parallel mit „top shelf liquors“ beworben. Ein guter Start, der Markt scheint Qualität herzugeben.

Gin im Zug nach Johannesburg

Die Sicherheitslage von Johannesburg zwingt mich, selbst kürzeste Wege von zwei Blocks auch tagsüber nur in Autos zurück zu legen. Unangenehmerweise wird mir schnell klar, dass mein Hotel sehr weit weg vom anscheinend coolen Sandton liegt, welches den Großteil der überregional bekannten Bars beherbergt.

Gleichzeitig stellt sich zügig heraus, dass ich im erst kürzlich der organisierten Kriminalität vorsichtig aus den Klauen gelösten Stadtteil Maboneng nächtige. Und hier Afrika in all seinen Facetten schillert – im Gegensatz zum „weißen“ Schickimicki-Sandton.

Junge Designer, lokale Restaurants und eine Aufbruchstimmung wie im Ostberlin Ende der 1990er bewegten auch die Destillerie Time Anchor dazu, hier ihren Anker zu werfen. Aktuell stellen sie einen London Dry Gin her, der viele lokale Kräuter und Wurzeln nutzt. Trotz seiner soliden Qualität und charmanten Aufmachung hinterlässt er jedoch keinen bleibenden Eindruck. Sehr viel interessanter hingegen ist ihr „African White Rum“, welcher in meinen Augen auf neuartige Weise Geschmacksprofile eines leichten, an Rhum Agricol erinnernden, sehr jungen Rums mit klaren Noten eines Gins zu verbinden weiß. Es gibt eine offensichtliche Kräuternote, welche ein Novum ist. Gepanscht wird aber wohl nicht, denn die Rumrichtlinien des pro Jahr 17 Millionen Tonnen Zuckerrohr produzierenden Landes sind ähnlich klar definiert wie in der EU oder der Karibik. Im Gegensatz zu Indien, beispielsweise. Und unterscheiden sich primär nur im Mindestalkoholgehalt von 43% Vol.

Abseits von Time Anchor findet sich jedoch primär Diageo oder Pernod Ricard in den Regalen. Bei lokal gebrautem Bier steht bisher vor allem Soweto Gold im Fokus. Und obwohl die Barszene hier noch in den Kinderschuhen steckt, sind Kreativbier und handgemachte Spirituosen ein boomendes Thema in Südafrika. Doch kommen fast all jene Abfüllungen aus der Kapregion.

Zug um Zug zum Kap

Richtung Kapstadt nehme ich den Zug und mache Bordküche und Getränkeservice unsicher, 1.500 Kilometer und 30 Stunden lang. Während die Kalahari, steile Bergpässe und wie mit einem Messer gekappte Berge an meinem Schlafwagen vorbei ziehen, kann ich bereits Weine und Brandys aus der Kapregion verkosten.

Und erneut bestätigt sich, dass Speisen und Getränke aus der gleichen Region ein gutes Pairing ergeben. Die heimische Züchtung des Pinotage-Rotweins passt sehr gut zur lokalen, „Wors“ genannten Wurst mit Schakalaka-Paprikasauce. Der hiesige Brandy hingegen bildet einen tollen Digestif nach Kalahari-Curry und Maisbrei, genannt Pap.

Ein Spitzenprodukt der lokalen Brandywirtschaft ist zum Beispiel Die Mas aus der Karoo genannten Steppe. Nach meiner Ankunft in Kapstadt werde ich ihn auch in der wohl experimentierfreudigsten Bar der Stadt finden: Cause Effect leistet sich Küche und Bar, sammelt viele Ingredienzien selbst im Umland und fokussiert sich auf Instagram-fähige Präsentation jedes einzelnen Drinks. Sie trauen sich als Erste, den auch hier mit angestaubtem Image belasteten lokalen Brandy voranzubringen. Denn es ist offensichtlich, wie sehr die hiesigen Weinländereien sich ebenso bemühen, die europäische Vielfalt in höherprozentigen Gefilden zu erreichen. Es werden mehrere lokale, verstärkte Weine à la Sherry, Port oder Wermut produziert.

Hervorgehoben werden muss dabei auf jeden Fall die Familienfirma Boplaas Cellar, welche jährlich Medaillen für ihre Weine im Portstil sowie Muskat-Süßweine einsammelt. Monis hingegen stellt einen Flor Method-Wein her. Er lässt noch etwas Tiefe und Charakter vermissen, weist ansonsten hingegen einen klaren Oloroso-Charakter vor.

Ale, Witbier und Pils

Die Geschichte Kapstadts ist seit langem von Handel, Aufwertung niederer Güter und Einfallsreichtum geprägt. Mehr oder weniger als Raststätte der frühen Seefahrrouten gegründet, wurde Ernährung der Stadt bereits in die Wiege gelegt. Und so findet sich heute nicht nur vieles, sondern vor allem eine vielfältige Essens- und Getränkekultur.

Abseits von klasse Kaffee, vielfältigen Tee-Optionen und dem allseits bekannten Wein surfen hier vor allem Kreativbier und Gin auf einer Hype-Welle. Devil’s Peak oder Woodstock Breweries brachten auch hier diverse Ales, Witbiere oder auch Pilse aufgrund herausragender Qualität Ruhm, womit sie im Zentrum der Gegenbewegung zum Hopfen-Einheitsbrei von SABMiller stehen, das alle sechs der verkaufsstärksten Marken Südafrikas besitzt.

Kap der guten Gin-Hoffnung

Noch interessanter wird es hingegen beim Gin. Als Lucy Beard und Leigh Link vor vier Jahren ihre Destillerie Hope on Hopkins gründeten, waren sie die Dritten mit einem Craft-Gin auf dem Markt. Inzwischen muss sich ihre Firma in einem Markt aus 135 Teilnehmern beweisen.

Ein explosionsartiges Wachstum, welches auch die beiden selbst mit ihrer vielfältigen Kontraktbrennerei anfeuern. Unabhängig von der stark wachsenden Gin-Nachfrage macht dem hiesigen Markt aber nicht nur das Überangebot zu schaffen. Leigh teilt mit: „Eine der größten Engpässe ist für uns inzwischen, Flaschen zum Befüllen zu finden!“

Denn die lokalen Glasproduzenten sind an derlei Kleinmengen nicht interessiert. „Deshalb importieren wir nicht nur unseren Wacholder aus England, sondern auch unser Glas aus Frankreich.“ Ein Umstand, der diesen extrem isolierten Markt natürlichen Wachstumsgrenzen unterwirft. Denn wo liegt der nächste, nicht-muslimische Markt mit notwendigem Lebensstandard für die Südafrikaner?

Demnach bleibt abzuwarten, was in zehn Jahren noch übrig ist von dieser Gin-Welle, oder ob sie schlichtweg im Sande verläuft. Aktuell ist Gin jedoch scheinbar nicht zu stoppen. Dennis Williams leistete mit seiner Ende 2013 gegründeten Gin Bar diesbezüglich Pionierarbeit und ist auch immer noch ganz oben auf den Listen der besten Bars der Stadt zu finden. Allerdings nutzten er und seine Partner Jeanne Marais und Michael De Klerk ihre gewonnene Erfahrung und Kapital zur Weiterentwicklung. Und besitzen nun unter anderem The Botanical Bar. Hier werden ganz offensiv selbstgemachte Bitters, Shrubs und Mazerate in den Fokus gerückt. Vormals Leichenschauhaus des Hospitals des Herztransplationspioniers Barnard, werden hier nun die mitunter innovativsten Getränke der Stadt bereitet. Lokale Kräuter, Rinden und Wurzeln werden in Brandys und Weine des Kaps transplantiert und ergeben so überaus herzliche Getränke. Inklusive einer Art „Kap Campari“. Und ist so auch eine der ganz wenigen Kapstädter Bars, die sich des langweiligen Klammergriffs der Spirituosen-Großkonzerne entziehen.

Kein Ende der Brände?

Unterm Strich ist gerade die Kap-Region also weiterhin ein überaus vielversprechender Treiber exquisiter Getränke. Wein und Bier, aber auch Spirituosen wie Gin werden anders und neu gedacht und lohnen allemal einen Vergleich. „Lokal“ wird auch hier großgeschrieben und birgt aufgrund der fast einzigartigen Artenvielfalt viele uns sonst unbekannte Aromen und Geschmäcker für eine zunehmend interessante Barszene.

Sollte Kapstadt also seine nun inzwischen dreijährige Dürre bald überwinden können (und Tourismus und Gastronomie an dem ab dem 12. April 2018 geplanten, absoluten Wasserstop nicht zu Grunde gehen), lohnt sich eine Reise hierher allemal!

Photo credit: Shutterstock

Schreibe einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Ähnliche Artikel