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„Alkoholfrei“ von Nicole Klauß

Nicole Klauß präsentiert mit „Alkoholfrei“ ihr zweites Werk – und womöglich das „Sexiest Fachbuch alive“ für 2024

Schlicht „Alkoholfrei“ heißt das neue Werk von Nicole Klauß („Die neue Trinkkultur“), laut Verlag das „erste umfassende Grundlagenbuch zum Thema“. Robert Schröter durfte vorab einen Blick in das Buch werfen und stellt fest: Mit ihrem Zweitwerk lässt Nicole Klauß tatsächlich die zahlreichen, oberflächlichen Veröffentlichungen der vergangenen Jahre auf diesem Gebiet weit hinter sich.

Nicole Klauß did it again. Nachdem ihr bereits 2017 erschienenes Buch Die Neue Trinkkultur inzwischen in den Regalen der meisten, an alkoholfreiem Genuss interessierten Menschen zu finden ist, legt sie nun nach. „Alkoholfrei“ ist zwar ein einfacher, dafür aber treffender Buchname. Außerdem kann er nicht mehr von anderen Marken oder Vortragenden angeeignet werden. Auch ihr Markenzeichen „ohne ist das neue mit“ legte sie ab, wohl aus Müdigkeit gegenüber den zahlreichen (ungefragten) Kopien. Was aber bleibt ist der Vektor, die Energie ihres Erstlingswerkes von 2017: ganz viel Info.

Die weite Welt der Biologie und Physik

Denn, so sagt sie selbst: „Mein erstes Buch war mein Versuch, mich der Thematik zu nähern, da damals nur sehr selten Alternativen zur klassischen Weinbegleitung angeboten wurden. In den Jahren nach dem Erscheinen hat sich herausgestellt, dass viele Profis in der Gastronomie Bedarf bei den Grundlagen haben. Deswegen tauche ich nun ein bisschen tiefer ein, um hier möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen, die es braucht, um alkoholfreie Begleitungen zu konzipieren.”

Dieses „tiefere Eintauchen“ gelingt Dank liebevoller Anekdoten, tiefschürfender Vergleiche und ausführlicher Erklärungen. Sie werden kombiniert mit einem lockeren Ton und einem Fokus auf zeitgemäßem Design. Denn so hochwertig die Inhalte ihrer Texte auf über 300 Seiten breitgetreten werden, so schön gesetzt ist das Buch und so zauberhaft auch die Bilder der wieder brillierenden Fotografin Jule Frommelt. Auch die dezente, aber konsequent durchgezogene grafische Linie besticht.

Nicole Klauß war in den letzten Jahren also nicht untätig, sondern hat sich (und ihr Portemonnaie) um Kopf und Kragen gekostet. Seltene Tees, Fermente, Salze und Zucker waren vor ihr ebenso unsicher wie zahllose neue Limonaden, Weine, Schaumweine und Destillate. Dieses Buch strotzt daher nur so vor Beispielen und Verkostungsnotizen. Dabei hört es aber bei weitem nicht auf.
Das Buch geht in die Tiefe und taucht ein in die Welt der Biologie und Physik. Dort endet es dann aber doch, weil „ich Physik in der elften Klasse abgewählt habe“, wie sie selbst sagt. Doch auch so ist dieses Werk ein Schatz an Informationen, das mit Sicherheit die Aufnahmefähigkeit vieler Erstleser:innen übersteigen mag. Und beweist so den Mut der Verleger Urs Hunziker und Urs Hofmann. Kudos dafür!

„Alkoholfrei“ von Nicole Klauß
„Alkoholfrei“ von Nicole Klauß

Alkoholfrei in Sommelierschulen nach wie vor Randnotiz

„Das Buch richtet sich an Sommelièren und Sommeliers, Bartender:innen, Weinkellner:innen, Gastronom:innen und natürlich an alle, die sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchten.” Sich diesem hohen Anspruch bewusst, fügt Nicole Klauß immer wieder kleine Nerdboxen in den Text ein: knappe Einschübe inhaltlicher deep dives bezüglich eines Details. Aber im Grunde ist das gesamte Buch eine einzige, große Nerdbox. Dies wird dem Zielpublikum auch gerecht, denn, so Nicole Klauß weiter: „In den Sommelierschulen ist das Thema Alkoholfrei bis heute eher eine Randnotiz, und daher müssen sich die Absolvent:innen eigenständig fortbilden; entweder aus eigenem Interesse oder spätestens, wenn die ersten Gäste nach der alkoholfreien Getränkebegleitung fragen.“

Dies soll wohl mit dem oft auch umgangssprachlich klingenden Schreibstil aufgelockert werden, denn das Buch kommt im Ton häufig daher wie ein intelligenter Kaffeeplausch. Lediglich über die häufig wiederkehrenden doppelten Verneinungen stolpert man gelegentlich. Es gibt sozusagen „nicht wenige davon in diesem Buch“, um es mit den Worten der Verfasserin zu sagen.

Wer Nicole Klauß kennt, weiß um ihre nicht-enden wollende Kenntnis von Aromen und Geschmäckern rund um Speisen und Getränke. Geboren aus Lebens- und Genussfreude, mäandern Gespräche mit ihr von einer Spezialität zur nächsten. Dieses neugierige Wandern findet sich auch im Buch wieder — aber übersichtlich und aufgeräumt. Sie geht strukturiert auf sehr viele Zutaten und Prozesse ein. Analog zu ihrem Vortragsstil ist es unterhaltsamerweise wohl das Fachbuch mit den meisten Ausrufezeichen – aber auch das sexiest Fachbuch alive für 2024.

Alkoholfrei in Theorie und Praxis

Ein gutes Beispiel für diese Dualität ist ihre Aufstellung diverser Zuckerarten: 13 verschiedene Süßungsquellen werden mittels Text, Herkunft, glykämischen Index, Brix, Verarbeitungsgrad und Fruktoseanteil übersichtlich, detailliert, vergleichbar und professionell gegenübergestellt. Auch enthält das Buch zahlreiche Tipps zur Prozessverbesserung für Heim- und Profibartender:innen. Bestes Zitrussaft-pressen wird ebenso erklärt wie der Einsatz von Salz in Drinks. Selbst die Geschichte und das Material der Teebeutel wird betrachtet (S. 196). Hinzu kommen vielfältig betrachtete Aspekte, wie beispielsweise die Herausforderungen mit der Entalkoholisierung von Wein (S.171). Auch werden stichpunktartig mögliche alkoholfreie oder niedrigalkoholische Pairings anhand verschiedener Gastronomien exemplarisch angeregt (S. 217ff). Denn es geht diesem Buch nicht nur um Auflistung und Erklärung alkoholfreier Flüssigkeiten. Auch deren Einbettung in hochwertige Kost, ob einfach oder mit Stern, ist die zentrale Mission von Klauß’ Vortragsarbeit sowie dieses Buches.

Damit einher geht die Hoffnung, die Qualität von alkoholfreien Getränken in den Bars und Restaurants des deutschsprachigen Raumes weiterhin zu steigern. Eine ihrer Paradedisziplinen ist Tee, der in diesem Buch auch wieder prominent behandelt wird. Über Selbstverständlichkeiten verliert dieses Buch hingegen kaum Worte. Kaffee wird abgewatscht. Dafür gibt es eine Nennung und Erklärung, wie man Rooibos und Hōjicha per Espressomethode noch einmal ganz neu und gastronomiefähig erfahren kann. Endlich schreibt darüber mal jemand (S. 206)! Schade nur, dass in den Rezepten immer gewechselt wird zwischen Gewicht und Volumen. Eine durchgängige Linie basierend ausschließlich auf Gewicht wäre vielleicht stringenter gewesen.

„Alkoholfrei“ von Nicole Klauß
„Alkoholfrei“ von Nicole Klauß

Größer aus dem Buch rausgehen

Und um es klar zu sagen: Es geht Nicole Klauß nicht um fundamentalistische Alkoholverteufelung. Auch niedrigalkoholische Optionen dürfen in ihrem Buch Platz haben. Sie selbst sagt über sich: „Ich habe überhaupt nichts gegen Wein!“ Bei den Rezepten und Vorschlägen darf daher neben wunderbar ungewöhnlichen Einsatzmöglichkeiten von Blättern, Pilzen, Beeren und Nüssen auch etwas wie der Milano Torino genannt werden.

Der bekannte Barbetreiber Kai Wolschke (Goldfisch, Berlin) kommt im Buch in einem der Gastbeiträge zu Wort. Er trägt mit einem Plädoyer pro Gastfreundschaft bei: auch alkoholfrei Ausgehende müssen ernst genommen und mit erwachsener Auswahl begegnet werden. Die Quintessenz seines Beitrages lautet „…Menschen, die durch unsere Tür kommen, eine gute Zeit zu bereiten, sodass sie ein Stückchen größer wieder hinausgehen.”

Unterm Strich kann dies auch hervorragend auf das vorliegende Buch angewendet werden. Denn wer diesen Buchdeckel aufklappt, klappt es am Ende größer wieder zu — mit Wissen zu alkoholfreiem Genuss. Ob es erneut ein Standardwerk werden wird, kann zwar nur die Zeit zeigen. Aber schon jetzt muss dieses Buch unbedingt und nachdrücklich als Lektüre für alle Professionelle der Gastronomie sowie auch Heimbartender:innen empfohlen werden!

Alkoholfrei – Nicole Klauß

VÖ: 27. November 2023

AT-Verlag, 336 Seiten

€ 36-, bzw. CHF 42,-

Offenlegung: Der Autor dieses Artikels ist auch ein Gastautor im Buch. Die Fotografin des Buches ist auch Fotografin von Mixology. Auf die redaktionelle Berichterstattung hat das keinen Einfluss, zudem besteht keine Kooperation zwischen Mixology und dem veröffentlichenden Verlag oder der Autorin.

Credits

Foto: AT Verlag

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