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Bamboo Cocktail

Auf dem Trockenen mit dem „Bamboo Cocktail“

Sherry, Wermut und etwas Orange Bitters – fertig ist der Bamboo Cocktail, von dem es heißt, er gehe auf den deutschen Bartender Louis Eppinger zurück. Warum das vermutlich doch nicht so ist, der Cocktail aus dem 19. Jahrhundert aber trotzdem wieder mehr Aufmerksamkeit verdient, erklären wir heute.

Die Äste der Welt tragen in so manchem abgelegenen Urwald Chinas das Gewicht süß anzuschauender Panda-Bären. Dieser will im Grunde genommen nur eines: seinen Bambus. Den isst er täglich, ihm dabei zuzugucken versprüht ein Gefühl zwischen Ruhe und Genugtuung.
Hört sich das staubtrocken an? Dabei weist der Bambus einen recht milden Geschmack auf, angesiedelt zwischen Artischocke und Spargel. Reich an Kieselsäure und Vitaminen ist er, damit also sehr gesund.

Bamboo Cocktail von dem Deutschen Louis Eppinger erfunden?

Ein altes chinesisches Sprichwort besagt: Wenn ein Mensch eine Lüge verbreitet, verbreiten sie hundert andere als Wahrheit. So und nicht anders – schenkt man Fachmeinungen Glauben – ist es auch dem Bamboo Cocktail ergangen, der angeblich in Japan und doch eigentlich ganz woanders entstanden ist. Auf Louis Eppinger, einen deutschen Bartender mit Wirkungszeit Ende des 19. Jahrhunderts, soll er zurückgehen. Eppinger, einer der Väter der japanischen Barszene und ein wahrer Weltenbummler, gerade erst aus San Francisco kommend, sollte den in Japan stationierten Amerikanern im Grand Hotel Yokohama mal ein bisschen Amerika im Glas servieren. Es mutet da durchaus ironisch an, dass der Bamboo Cocktail alles andere als amerikanisch ist.
Der Bamboo Cocktail nämlich ist eine mutige Reduktion, ein progressiver Sprössling einer Zeit, die doch eher für spirituosenreiche Cocktails Bekanntheit erlangte. Und doch ist der Bamboo ein Cocktail, den man im New York der späten 1890er-Jahre auf jedem guten Menü fand und heute oftmals nicht mal mehr auf Nachfrage bekommt. Er ist herrlich antiquiert.
Denn mit seinen zwei primäralkoholischen Komponenten Sherry und trockenem Wermut schreit er geradezu danach, im Schatten des Urwalds und nicht in den Baumkronen serviert zu werden. Er verlangt dabei keine klassische Spirituose, sondern drängt sich in das oftmals missverstandene Korsett eines vergessenen Aperitifs, das so trocken ist wie der Bambus selbst – und daher wahrscheinlich auch so heißt.

Dry-faltigkeit des Bamboo Cocktails

Lässt der Drink beim Verkosten dieses nussig-trockene und doch leicht fruchtige Aroma – geschuldet durch wohlig dosierte Tropfen Orange Bitters – zurück und bereitet den Trinkenden mental und gustatorisch darauf vor, eine alkoholischen Reise durch die Nacht zu machen, so ist der Drink tatsächlich keine deutsche Erfindung.
Oftmals als Twist eines Adonis (süßer Wermut statt trockenem) aus dem Rampenlicht verdrängt, ist der Bamboo Cocktail dessen rebellischer und eigenwilliger Bruder, der es nicht darauf abgesehen hat, die Gäste zu umgarnen, sondern anecken will. In der Regel mit Fino gemixt, kann über die unterschiedliche Qualität des Sherry ein durchaus entscheidender geschmacklicher Impuls gesetzt und der Bamboo in süßlichere Sphären gelenkt werden.

Back to Bamboo

Bereits der St. Paul Daily Globe berichtet so am 19. September 1886 von einem britischen Bartender, der einen „heimtückischen“ Drink namens „Bamboo“ präsentiert hat. Louis Eppinger tourte zu diesem Zeitpunkt noch in den USA.
Der Bamboo-Cocktail ist ein aus der Zeit gefallenes, jedoch unheimlich erfreuliches Relikt, das es verdient, wieder das ein oder andere Mal als Aperitif auf Barkarten dieser Welt aufzutauchen.

Credits

Foto: Tim Klöcker

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