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Kolumne Theken & Marken: Was macht gutes Barkarten-Design aus?

Täglich begegnen uns Marken in der Barkultur, monatlich sucht Kommunikationsdesigner Iven Sohmann das Gespräch. Was uns Leuchtreklamen, Produktverpackungen oder gar Tischdekorationen zu erzählen haben, hinterfragt diese Kolumne. In der heutigen Ausgabe: Was macht ein gutes Barkarten-Design aus?

„Die Karte ist das (!) Aushängeschild einer Bar“, heißt es. Gleiches wird wahlweise aber auch vom Service, von den Signature Drinks oder der Inneneinrichtung behauptet. Selbst die Toilette nimmt in manch galliger Google-Rezension die Rolle eines „inoffiziellen Aushängeschildes“ ein. Donnerbalken – Donnerwetter! Ich als Gestalter bin mir jedoch sicher: in erster Linie ist das Aushängeschild einer Bar das Aushängeschild einer Bar. Boom, Mic Drop.

Zur Theorie und Praxis von Barkarten-Design

Verzeihung, im übertragenen Sinne sind die obigen Aussagen natürlich nachvollziehbar. Wenn wir das metaphorische „Aushängeschild“ jedoch als wichtigstes Element einer Corporate bzw. Brand Identity begreifen sollen, sind sie leider nicht haltbar. Zu hoch gehangen! Die Theorie: Ein einzelnes Medium wie die Barkarte ist lediglich ein Teil des visuellen Erscheinungsbildes, das wiederum nur einen Teil der Markenidentität ausmacht. Neben dem Design können beispielsweise auch die sprachliche Tonalität, die gelebten Werte und Normen sowie das Verhalten des Personals die Identität einer Bar prägen. Derlei Faktoren formen dann das ebenfalls zur Identität gehörende Image der Bar bei Außenstehenden, das sich folglich immer nur indirekt beeinflussen lässt. Sonst wäre es ja einfach …

Betrachten wir die Barkarte also lieber als Puzzlestück, als Zahnrad oder noch besser als eines von vielen Instrumenten im Orchester, dem je nach Komposition mehr oder weniger Bedeutung beigemessen wird. Vor allem weil die Karte vergleichsweise leicht zu spielen ist, halte ich ihre Geringschätzung per se für eine vertane Chance. Für ihr erfolgreiches (Re-)Design im Folgenden ein paar Praxis-Tipps. Ein Blick auf statt in die Karte.

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Barkarte aus dem Ménage in München

Think before you print gilt auch nach Corona

Zuallererst empfiehlt es sich, das eigene Angebot thematisch sinnvoll zu ordnen. Klar, Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps. Manchmal ist Bier aber auch „Malz & Hopfen“ und Schnaps „Mais & Roggen“. Klug gewählte Cluster und Wordings können das Profil einer Bar schärfen – „Alte Schule“, „Liquid Kitchen“, „Boozy & Honest“. Wichtig hierbei ist, dass die Kategorienamen die dazugehörigen Drinks zumindest assoziieren lassen, um die Ordnung nicht ad absurdum zu führen. Zudem sind diese Überlegungen ein guter Anlass, um sich zu fragen: Was muss, was kann, was darf? Unter Markengesichtspunkten gilt für die Barkarte im Kleinen, was für die Bar im Großen gilt: Schwerpunkte setzen (oder doch die Happy Hour ausrufen)!

Das lässt sich auch auf die einzelnen Seiten übertragen. Die Hervorhebung bestimmter Drinks hat beratenden Charakter, schärft abermals das Profil und sorgt für zusätzliche Orientierung beim Durchblättern. Stichwort „durchblättern“: ein Wälzer sollte selbstredend vermieden werden. Designikone Dieter Rams kommentiert: „Weniger, aber besser!“ Das geschlossene Format changiert dabei meist zwischen DIN lang und DIN A4. Von kleineren oder größeren Dimensionen ist hinsichtlich Layout und Handlichkeit eher abzuraten, alles dazwischen aber legitim. So unsexy es klingt, sich der „Deutschen Industrie-Norm“ zu beugen, so praktisch ist es zugegebenermaßen. Dass ein A5-Hochformat zum Beispiel einiges an Druck- und Produktionskosten sparen kann und mit etwaigen Klemmbrettern, Ringbindungen (bitte nicht) und Klarsichtfolien (wehe) besonders kompatibel ist, lässt sich nicht leugnen. In einer Welt mit Corona haben ja sogar abwaschbare Laminierungen ihre pragmatische Daseinsberechtigung. Trotzdem schön, wenn es anders kommt.

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Ganz ohne Kartenlesegerät

Ähnlich verhält es sich mit der Farbwahl. Ein Schwarz-Weiß-Druck schont das Budget und stellt den nötigen Kontrast bei tendenziell schummrigem Licht sicher. Was nicht heißen soll, dass Farben verboten sind. Selbstverständlich darf das Papier eine Perlmutt-, Creme- oder Elfenbein-Tönung aufweisen … okay, auch akzentuierende und identitätsstiftende Farben haben ihre Daseinsberechtigung und selbst für vergleichsweise bunte Karten, kann es schlüssige konzeptionelle Argumente geben. Dennoch empfiehlt es sich, alle gestalterischen Entscheidungen permanent zu hinterfragen. Designen statt dekorieren!

Während sich die Untauglichkeit der Comic Sans für Barkarten bereits herumgesprochen haben dürfte, sei die Liste der Font-Don’ts noch um folgende, allgegenwärtige Schriften ergänzt: Arial, Calibri und Verdana sowie Mistral, Edwardian Script und Zapfino. Der Excel-Tabellen-Charme der ersteren ist dem Bar-Ambiente einfach wenig zuträglich, die Schörkelhaftigkeit der letzteren stellt internationales Publikum zum Teil vor unnötige Herausforderungen. Auch die Wahl der Schriftgröße darf als Service-Leistung verstanden werden und sich im Scheine von Kerzen und Hängeleuchten gerne um die zwölf Punkt (12 Pt) für den Standardtext einpendeln. Wobei die Leserlichkeit natürlich von vielen Faktoren abhängt, wie es sich auf der Website leserlich.info vortrefflich vertiefen lässt.

Alles hat seinen Preis, oder?

Nicht einleuchten will mir, dass Preise auf Barkarten mitunter unauffindbar scheinen: ohne Abstand zur Warenbezeichnung, ohne Währungsangabe, einer Fußnote oder Allergenkennzeichnung zum Verwechseln ähnlich. Noch schlimmer, wenn sie tatsächlich nicht vorhanden sind. Mag sein, dass das Klientel mancher Etablissements nicht auf das Geld und somit nicht auf die Preise schauen muss. Dies aber vorauszusetzen respektive die Schlechterbetuchten durch die notwendige Erfragung des Preises vorzuführen, ist Klassismus wie er in der Karte steht. Just don’t!

So viel zur kurzen Abrechnung mit der Preisliste. Die subtile Wirkung typografischer Gestaltung wird leider häufig unterschätzt. Wer Wert auf ein eigenständiges und professionelles Erscheinungsbild legt, kommt um die Verwendung lizenzpflichtiger Schriften übrigens kaum herum. Eine lohnenswerte Investition, wenn die Barkarte in der Folge mit ihrer Umgebung im Einklang ist und damit ordentlich „auf die Marke einzahlt“. Um diesen Effekt zu verstärken, lassen sich in einem weiteren Schritt natürlich auch allerhand Veredelungen und Verarbeitungsraffinessen in Erwägung ziehen. Vom gelaserten Holzeinband samt Gummikordel bis hin zum gehämmerten Naturpapier mit Blindprägung. Alles kann, nichts muss.

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Design von Barkarten als ganzheitliches Storytelling

Damit das durchdachte Fundament nicht zur Materialschlacht verkommt, bleibt der stete Abgleich mit der restlichen Baridentität jedoch unabdingbar. Wenn es sich nicht ohnehin um eine Themenbar handelt, können dabei beispielsweise die Lage, das Interieur, die Historie oder auch die musikalische Untermalung aufgegriffen oder bewusst gebrochen werden. Für ein ganzheitliches Storytelling lassen sich zudem Aphorismen und Anekdoten einstreuen und auch Illustrationen und Piktogramme haben sich in vielen Karten bewährt.

Vor allem als schlanke Variante passt die Barkarte außerdem bestens in (digitale) Briefkästen und Timelines. Unerhoffterweise kommt sie ihrem Ruf als „Aushängeschild“ damit in Zeiten von Cocktail-Lieferdiensten dann doch näher als je zuvor. Inwiefern sich ihre Charakteristika erhalten lassen, wenn an ihrer Stelle künftig QR-Codes auf nur beschränkt individualisierbare Design-Templates Dritter verweisen, bleibt abzuwarten. Die Digitalisierung der Barkarte birgt aber zweifelsohne auch Chancen hinsichtlich Aktualität, Sprachbarrieren und Filterfunktionen. Hoffen wir, dass Design und Entwicklung hier Hand in Hand gehen.

Credits

Foto: Mr. Fred

Comments (1)

  • Kris

    Ein sehr schönes Feature ist Lesbarkeit.
    Schriftgröße 8 und dunkelgrün auf schwarzem Grund oder andere Designperlen sind gar nicht so selten zu finden.

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