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Steins Steter Tropfen: In seiner neuen Kolumne fragt Martin Stein, warum so viele Gläser bemalt sein müssen

Steins Steter Tropfen: Muss denn jedes Glas bemalt sein?

Unser Autor Martin Stein ist ein Cocktailreisender, der seine Zeit am liebsten in Bars verbringt. In seiner Serie „Steins steter Tropfen“ geht es um gute Getränke und Gedanken, die sie verbinden. Es geht um Beobachtungen von unterwegs und Betrachtungen von der anderen Seite des Tresens. Diesmal: Die wachsende Unsitte bemalter Gläser.

Das Gute am Altern ist, dass die Welt nicht müde wird, einen mit Albernheiten zu versorgen, über die man sich aufregen kann. Das hält den Kreislauf in Schwung. Außerdem gebietet es die Natur, sich über Dinge zu ereifern, die man selbst anders gemacht hätte, und zwar mindestens seit der vorletzten Währungsreform. Musikalische Untermalung jetzt, wenn möglich: „The Circle of Life.“ Nichts schlimmer als ein alter Sack, der Verständnis für die Jugend hat; derartige Anwandlungen sind geeignet, einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum zu verursachen.

Momentaner Blutdruckpusher für mich ist eine Unsitte, die meiner Ansicht nach besonders mit Julie Reiners Netflix-Cocktail-Kochshow erheblich an Fahrt aufgenommen hat, und die mir regelmäßig die wenigen noch passenden Hemden versaut: die eigenartige Tendenz, irgendwas Farbiges außen aufs Glas draufzumalen.

Schaut schick aus, und man schmeckt dual: Inhalt plus Lackierung in der sensorischen Kombi, quasi Salzrand für Fortgeschrittene. Salz freilich hatte einen unschlagbaren Vorteil: Salz klebt nicht und macht auch keine Flecken. Was man mittlerweile so am Glas findet, ist somit eher das Gegenteil von Salz.

Bedienungsanleitung fürs Cocktailtrinken

Cocktails, wie gesehen bei den „Drink Masters“, so aufzubauen, als wären sie Schaustücke fürs Miniatur-Wunderland, mag seinen Reiz haben, ist aber im Alltag der Bar kaum zu bewerkstelligen. So ein bisschen farbiger Papp andererseits ist ja ganz fix auf die Coupette gebatzt und wirkt dann, vermutlich, irgendwie weltmännisch. Nicht mehr weltmännisch wirkt es, wenn man nach dem Genuss aussieht wie in Zweijähriger, den man mit einem Teller Bolognese allein gelassen hat.

Gut, klassischer Bedienerfehler, könnte man sagen, man sollte halt schon selbständig essen und trinken können, bevor man in eine Bar geht. Cocktailkultur setzt schon ein bisschen Bildung voraus, da kann man doch dem Drink keine Bedienungsanleitung beilegen. Oder braucht man in diesen beschwerdefreudigen Zeiten sogar Warnhinweise jener Art, dass man doch den Pizzakarton bitte schön nicht mitessen möge?

Oft genug, je nach Etablissement, wird einem durch einen Getränke-Conferencier auch die Handhabung des Getränkes nahegelegt. So weit, so gut. Allerdings ist der nachhaltige Lerneffekt oft kurzfristig; vergessen wir nicht: es ist Alkohol im Spiel. Der Conferencier ist weg, wir sind im Gespräch, und spätestens beim dritten Anlauf langt man doch wieder voll in die Pampe. Selbst merkt man das natürlich erst eine Stunde später auf der Toilette, während man vorher rumsaß wie weiland Loriot mit der Nudel im Gesicht.

Ich finde, dass da auch der Cocktail, so gut er auch sein mag, ein bisschen viel Aufmerksamkeit für sich einfordert. Auch mit größter Sorgfalt, herausragendster Kennerschaft, von elitärster Hand bereitete Drinks dürfen schließlich auch mal beiläufig konsumiert werden, mit Blickkontakt zum Gegenüber und nicht zum Glas. Wenn schon der Cocktail ein Narzisst ist, was soll denn das mit dem Konsumenten machen?

Eine Chichi-Allergie

Den gustatorischen Gewinn der Technik halte ich auch eher für begrenzt. Die Momente erfreuten Innehaltens ob der gelungenen Kombination waren in etwa so häufig wie die Freude über eine neue Best-of-CD der Amigos.

Wäre mal interessant zu wissen, wer das gut findet unter den Gästen. Kann ja wieder so eine generationsbedingte Unverträglichkeit sein bei mir. Oder eine Chichi-Allergie. Wenn der Trend aber doch nicht mehr ist als, wie ich vermute, eine Reminiszenz an unschuldige Kindertage, und zwar durch eine Neuinterpretation von Gummibärchen, Prinzessin Lillifee und Fingerfarben, dann schlage ich als nächsten Trend vor, Cocktails in einer Pfütze neben dem Bürgersteig zu servieren, damit man vor dem Trinken noch ein bisschen hineinhüpfen kann. Kommt bestimmt auch gut an.

Ich verstehe den Drang, in einem grundsätzlich eng umgrenzten Tätigkeitsbereich innovativ sein zu wollen. Paradigmen hinterfragen, neue Techniken einsetzen, all das ist für die Barbranche nicht weniger wichtig als in anderen Bereichen. Die Fragen aber, ob das Flüssige flüssig sein muss und ob das Konzept Glas – eine nach oben orientierte Öffnung, gleichermaßen zur Auf- wie auch zur Entnahme von Flüssigkeit geeignet, unterhalb der Öffnung dichte Geschlossenheit – neu gedacht werden muss, scheinen mir nicht drängend. Wenn irgendwann endlich jede Aperitivo-Butze über einen eigenen Teilchenbeschleuniger verfügt, dann ist erst mal Ruhe im Karton.

Vielleicht.

Vielleicht stehen wir aber auch grade erst am Anfang der Getränkeglasfassadengestaltung. Mit dem Fortschreiten der Technik gibt es bestimmt auch bald essbare Werbebildchen am Glas, die man schon deshalb nicht ignorieren kann, weil sie einem an den Fingern so lange kleben bleiben, bis man das völlige natürliche Vanillearoma des Rum-Herstellers zur Gänze abgeleckt hat. Wenn es das nicht eh schon irgendwo gibt. Mich wundert nix mehr. Wobei, die oben erwähnte Julie Reiner befeuert nicht nur in gewissem Maße entsprechende Trends, sie ist auch lange genug aktiv, um mit einem Augenzwinkern vergangene Hypes dem Orkus der Vergessenheit zu überantworten, so etwa den früher recht häufig anzutreffenden Heim-Bitters-Brauer, genauso wie den ambitionierten Zestenzündler und den Rosmarinkokler. Vielleicht, hoffentlich, gehört auch bald der Getränkeglasmaler in diese Kategorie.

Ein Komplott der Lebensmittelfarbenmafia?

Denn, zurück zum Nutzen: Was bringt‘s dem Drink, selbst falls man es schaffen sollte, sich beim Konsum nicht anzusauen? Als Komplementärarona fand ich das, wie gesagt, meist verfehlt. Selbst wenn der Drink ein Bolschoi-Ballett der Geschmäcker ist, das in perfekter Anmut elegant Akrobatisches vollbringt, so ist der Farbanstrich die Entsprechung zum gwamperten Karli Leimsieder, den irgendjemand mit auf die Bühne geschickt hat, damit er dort Purzelbaum macht. Und, lassen Sie es sich gesagt sein, so ein Leimsieder kann auch den begabtesten Nurejew zu Fall bringen.

Wo kommt‘s her? Wann kam‘s auf? Ist Rémy Savage schuld, weil nun jeder Nicht-mehr-Studierende aus dem Fachbereich Kunst, den es hinter den Tresen verschlagen hat, seinem Mischgetränk eine gestalterische Dimension mitgeben zu müssen glaubt? Steckt ein Komplott der Lebensmittelfarbenmafia dahinter? Haben Kölner Karnevalisten beim Schminken alle Zurückhaltung verloren? Zuzutrauen wäre es ihnen.

Ich jedenfalls gehe da nicht mit.

Ich bin Getränkefaschingsmuffel.

Credits

Foto: Editienne

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