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Bart-ender und poetisches Trinken in Dublin

Dublin ist schön, Dublin ist kantig und vielseitig. Die Stadt an der Liffey war lange Boomtown. Dann kam die Krise. Seither ist Dublin noch internationaler geworden. Sie lebt von ihren Traditionen und ist gleichzeitig modern. Ein Streifzug durch die Nacht, die Pubs, Bars und Clubs und eine kleine Erinnerung an seine dichten Dichter. 

Wenn Trinken in Irland wie Philosophie ist, dann ist Trinken in Dublin wie Poesie. Es ist das, was in Dublin wirklich jeder macht. Ob in den gewöhnlichen Pubs, oder jenen, in denen die staunige-touristische Erinnerung an berühmte Schriftsteller und deren Lieblingsplatz an der Theke gesucht wird. Oder in den schicken, berstend-trubelnden Cafés und Pubs in der Fußgängerzone. Wer den auf den Hund gekommenen Wahnsinn sucht, geht in den Bezirk Temple Bar am Wochenende und bestaunt, wie ein ehemaliges Szene- und Bohémeviertel in schmalen, mittelalterlichen Gassen in Grund und Boden gekotzt und dessen architektonische Schönheit vielkehlig weggegrölt wird. Oder man sucht sich eine Speakeasy-Bar, in der meisterhafte Barkultur betrieben wird.

Bier, Bart, Bloom

Der erste Nachmittag und die Nacht soll den Pubs, Dive Bars und dem hemmungslosen Hedonismus gewidmet sein. Ein Schild am Eingang zieht den Flaneur magisch an. Im Mac’s wird ein BrewDog Punk IPA vom Fass ausgeschenkt. Die Bar in einer kleinen Seitenstraße ist bereits am Nachmittag voller ausgelassener Menschen. Das Pint Punk wird lässig in die dritte Reihe durchgereicht und ist mit 6, 90 Euro gleich ein erster Hinweis, was der Börse heute noch droht.

Wer nach Dublin reist, der kommt an James Joyce und seinem berühmten Buch „Ulysses“, das einen 24-stündigen Streifzug seines schillernden Protagonisten Leopold Bloom durch die Stadt an der Liffey beschreibt, nicht vorbei. Auf der Schlenderei zu seiner Lieblingsbar fallen gleich zwei Dinge auf: die Freundlichkeit der Menschen und die Barbershops. Überall findet man sie und die Verdinger um die Bartkultur. Eingetroffen im Davy Byrnes in der Duke Street ist alles bereits augenfällig. Zitate aus dem Ulysses, Joyce Büste, Zeichnungen von Leopold Bloom. Bemalte Decke, Holz, Marmor sowie rote und schwarze Sitzecken aus Leder. Am Rückbuffet antike Statuen, die Kunst und Wissenschaft symbolisieren. Der hintere Barraum glänzt durch eine mit Intarsien verzierte, schwarze Bar. Die Atmosphäre ist noch etwas entspannter, fast bedächtig, heiligen Hallen angemessen. Der Bartender trägt Stutzbart. Da man auch an Guinness nicht vorbeikommt, soll ein Pint Hop House aus jenem Hause die kleine literarische Reminiszenz begleiten. Die frischen Zitrustöne begleiten frisch die angenehm präsente, aber dennoch distanzierte Hopfigkeit. Weiter mit Leopold Bloom.

Temple Bar und Pubkultur

Ein Stadtviertel, das den Namen Bar in sich trägt, verrät sogleich sein Programm. Es liegt direkt an Dublins flüssiger Lebensader, der oft besungenen Liffey, wo die arbeitenden Menschen in die Nord-Süd-Achse stürzen und sich in Sicherheit bringen vor dem Treiben in Temple Bar. Vor der Bar gleichen Namens blitzlichtert der Fotografenmob, aus dem Innern dringt bierölige Kakophonie durch die alten Mauern. Die engen Gässchen sind dicht gedrängt von Amüsanten, Souvenirs lungern in den Auslagen, Türsteher verhindern das Schlimmste.

Etwas abseits, jenseits der Liffey, aber immer noch in Temple Bar, findet sich Dublins bekanntester Pub, das Palace. Die Wände sind voller historischer Fotografien berühmter Besucher. Zwei kleine Räume und die abgelauschten Wortfetzen verraten erfreuliches: Es sind Dubliner. Die Einwohner haben also noch nicht alles an den Klamauk der Pub Crawler hergegeben.

Fans der klassischen irischen Pubkultur kommen im Oliver St. John Gogarty, nach einem Freund von James Joyce benannt, zu ihrem Recht. Live-Musik auf drei Etagen, typisches Interieur aus viel Holz, freundliche Bartender – mit Bart; sowie eine schöne Mischung aus Dublinern und auswärtigen Besuchern. Bier und sechs Austern für neun Euro, aber auch deftige Speisen und Seegetier auf den Tellern. Bilder von Beckett, O´Casey und Joyce, kleine und große Nischen, Backstein. Ein guter Ort für Traditionalisten.

Derwisch, Laster, Opium

Stürmisch endet die Nacht im Süden des Zentrums von Dublin. Das Whelan’s zelebriert sich als riesige Divebar. Es wird getanzt und getrunken zu Chart-Hits, der Gin & Tonic heißt hier Gordon´s & Splash und wir für läppische 5,50 Euro ins Glas geworfen. Ein verrückter Drummer in einem Nebenraum drischt wie ein Derwisch auf seine selbst gebauten Instrumente und trägt dabei eine Maske, als sei er eine technizid-surreale Figur von HR Giger.

Dann die Sensation. In Irland ist kaum etwas so restriktiv geregelt wie das Rauchen. Sogar das Dampfen von E-Zigaretten wird meist unterbunden. Im Whelan’s verbindet eine schlauchartige Raucherlounge die beiden Stockwerke, mehrere Bars für schnelle Drinks. Das Publikum ist cool und riecht nach Kunst. Hier wird die Zeit nicht totgeschlagen, sondern einfach über den Haufen getrunken.

Eine Tür weiter folgt eine Late-Bar mit dem verlockenden Namen Opium. Panasiatisches Restaurant soll sich hier mit exzessivem Nachtleben paaren. 20 Euro Eintritt. Dann das Nichts aus Backstein, goldenen Tönen, edlem Leder, lasziven Wandgemälden. Der Bartender mit Bart befreit das Tresenblatt von den restlichen Glasrändern, ein paar Restmenschen halten sich aneinander fest oder gähnen. Ratlosigkeit. Da rettet das Laster. Die Frage, ob man hier auch Rauchen könne, wird lapidar mit „in the Garden“ beantwortet. Ein dürres Schild, eine Tür öffnet sich und umschließt den Eintretenden mit energetischer Wucht. Der Garten ist ein von Technoklängen erzitternder Raum, gefüllt von hunderten schwitzenden Leibern. Überall Rauch, nackte Haut, edler Zwirn, viel Wohlgestalt. Gin & Tonic wird in Litern transpiriert. Verführung und Sünde. Garten Eden in Dublin. Grandios!

Wurstfabrik und poetische Barkultur

Die folgende Nacht fühlt nach der Sensorik, den Aromen und der Balance. Der wohl populärste Abendstarter Dublins ist das Bar-Restaurant The Market. Die ehemalige Wurstfabrik empfängt in einer großen, hellen Halle mit einer Cocktailbar. Trotz seiner Dimensionen hat das Gemäuer viel Atmosphäre und glänzt mit exzellentem Seafood und Salaten zu fairen Preisen. Kaum ein Platz bleibt leer, lange Tische fangen die Hungrigen dicht an dicht ein. Babylonisches Sprachgewirr, prompter Service. Die Bar liefert zum Dessert einen Mandel-Butter Rum Old Fashioned. Im Handwerk perfekt. Leicht cremig auf der Zunge, Süße und Bitters sind ausgewogen, ausreichende Kühlung. Das lädt ein zur Bar Black Market eine Treppe aufwärts. Plüschig, in rot getaucht, eklektizistisches Interieur, das vom Schwarzmarkt, auf jeden Fall aber vom Flohmarkt stammt. Schwarz ist der Hipster-Bart des Tenders. Das ist leider das einzig definierte. Der Tequila Old Fashioned ist leicht zu warm und dominiert vom Chocolate Bitters. Ein handwerklicher Fehler, der hier eher überraschend ist. Allerdings auch wieder kompensiert von distinguierter Höflichkeit und doch genügend Stärkung vor dem nächsten Gang.

Erneut droht Temple Bar. Zunächst an die Liffey in The Liquor Rooms. Zwiespältig. Ein Augenscan in die beiden Räume und ihre jeweiligen Bars verstärkt die Skepsis ebenso wie das Konzept. Ein Hybrid aus Bar und Club, hallige Atmosphäre, viel Bier und Longdrinks auf den Tischen. Der Mundschenk drängt wortreich auf einen Gin & Tonic mit Monkey 47. Eben so viele Sätze später, die in der Lautstärke untergingen wie die drei Eiswürfel im Glas, steht das Getränk auf dem Tresen. The Liquor Rooms macht den Fehler zu vieler Bar-Club Konzepte. Musik zu laut, der Atmosphäre und Gästefülle nicht angepasst. Es ist halb leer, so bleibt auch das Glas. Gibt es noch Rettung?

Wenige Schritte entfernt, vorbei an Pub Crawlern, die Hau den Lukas auf der Straße spielen, eine schummrige Gasse. Eine unscheinbare Tür mit den kryptischen Zeichen VCC, bewehrt von Zerberussen. Eine Treppe höher empfängt den Gast eine resolute Dame in einem gut gefüllten Gastraum. Schwere Teppiche dämpfen die Schritte. Es geht wieder abwärts, aber nur räumlich. Im Keller entlässt uns die Abendregisseurin an der Bar. Ruhig und klar, beinahe schon karg ist der erste Eindruck. Spartanisch mit ironischen Detail- und Stilzitaten. Gedanken an Samuel Becketts Bühneninstallationen. Auch der Bartender hält Distanz. Der freundliche Service übernimmt die Kommunikation und ordert die Getränke beim Zeremonienmeister. Zeit, um noch einmal einen Blick in die mittlere Etage zu werfen.

Drinks, die Schweigen machen

Auch hier eine eigene Bar. Tabakgeruch weht heran und hält erneut eine Überraschung bereit. Im Obergeschoss befindet sich noch eine Bar, eine Raucherbar. Heterogenes Publikum wird von Bartendern mit Lederschürzen umsorgt, Kompetenz hinter der Bar kann man spüren, kein Platz ist zu finden. Zurück im Keller warten ein Sazerac und ein Vieux Carré. Es gibt einfach Drinks, die mit ihrer Qualität alles versöhnen, die Schweigen machen. Hier stimmt jede Nuance und die Gedanken wandern zurück zur Poesie und zu Dublins Dichtern. Hier kann man trinken wie Brendan Behan: gerstig-derb im Pub. Man kann sich auch Dorian Gray-gleich alles ewig schön trinken, bis es doch wieder hässlich wird, wie in den Tränken in Temple Bar. Wie John Banville die Liebe feiern und die Vergänglichkeit vergessen, wie im Garten des Opium. Man findet aber auch das Glück, langsam und komplex zu genießen, gleich der Buchstabenrührerei eines James Joyce. Ebenso wie im VCC, dem Vintage Cocktail Club. Auf Niveau gebracht von einem Bart-ender.

Credits

Foto: Dublin via Shutterstock.

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