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Böses Bierland Belgien?

Biervielfalt at its best! Aber: Fundamentalistische Verfechter des Reinheitsgebotes dürften die Brauwaren aus Brüssel, Flandern und Wallonien wohl teilweise als Teufelswerk ansehen, wenngleich einige der besten Biere von Mönchen gebraut werden.

Koriander, Kandis, Orangenschale, Kirsche und weitere Früchte und Gewürze als Zutat im Bier treiben Zornesröte ins Gesicht der traditionell-reaktionären Prediger des Reinheitsgebot-Dogmatismus’. Man könnte meinen, sie waren es, die einigen belgischen Bieren die Namen gaben: Duvel, Lucifer, Satan, Malheur, Barbar, Judas, Black Ghost, Canaille, Delirium Tremens oder Zeven Zonden.

Was die einen verdammen, nach dem lecken sich andere alle zehn Finger. Eines der begehrtesten und rarsten Biere Belgiens ist zugleich das Bier, welches am meisten genannt wird, wenn die Frage um das beste Bier der Welt diskutiert wird: Westvleteren 12.

Der Kauf dieses legendären Trappisten-Bieres, von Mönchshand an nur 75 Tagen im Jahr gebraut, erweist sich als durchaus anspruchsvoll. Entschlossenheit und Durchhaltevermögen sind Voraussetzung. Quasi Speak-Easy-Klosterbräu. An einem bestimmten Tag in einem bestimmten Zeitfenster gilt es, die Rufnummer des Sankt Sixtus Klosters zu wählen, um dann immerfort mit dem Besetztzeichen konfrontiert zu werden. Hartnäckigkeit zahlt sich aus, sofern man keine Rufnummernunterdrückung aktiviert hat. Irgendwann erklingt eine menschliche Stimme, die entweder bedauert, dass bereits alle Kontingente vergeben sind, oder man erhält tatsächlich die Möglichkeit, zwei Kisten à 24 Flaschen Westvleteren-Bier zu ordern. Dann wird ein Zeitfenster zugewiesen, in dem die Abholung erfolgen muss. Dieses ist exakt einzuhalten. Dazu muss der Käufer sein Autokennzeichen angeben. Rufnummer und Kennzeichen werden überprüft. Die gleiche Rufnummer darf frühestens nach 60 Tagen erneut Bier bestellen und das gleiche Autokennzeichen darf frühestens 60 Tage nach einer Abholung erneut vorfahren. Zudem leisten die Käufer einen heiligen Eid, das Bier nicht weiterzuverkaufen. Bezahlt wird dann nicht in den Klingelbeutel, sondern mit Kreditkarte. So einfach kann Bierkaufen sein.

Zwischen Beichtstuhl und Braukessel – Mönche als Braumeister

Die Trappisten, ein Orden, der zu den Zisterziensern zählt, blicken auf eine lange Brautradition zurück. Nur elf Brauereien dürfen ihre Biere als Trappistenbiere deklarieren. Sechs davon liegen in Belgien und gehören zum Pflichtprogramm jedes Bier-Connaisseurs: Achel, Chimay, Orval, Rochefort, Westmalle und eben Westvleteren. Die weiteren Trappistenbiere sind La Trappe und Zundert aus den Niederlanden, Mont des Cats in Frankreich, Engelszell in Österreich und Spencer in Massachusetts, USA.

Um die 160 Brauereien zählt das kleine Land zwischen Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Deutschland und der Nordsee. Der Bierautor und Braumeister der Brooklyn Brewery, Garrett Oliver, beschreibt die belgische Braukultur folgendermaßen: „Belgien ist durchzogen von religiösen, sprachlichen und politischen Trennlinien. Belgisches Bier verbindet daher französisches Flair, deutsche Präzision und niederländische Robustheit innerhalb einer einmaligen Bandbreite von Bier.“

Diese Einmaligkeit stößt weltweit auf Begeisterung, und so exportiert Belgien mehr als 60 Prozent der Produktion ins Ausland. Für viele Brauer innerhalb der aktuellen Craft-Brewing-Bewegung dienen etliche der belgischen Bierstile als Inspiration. »In Belgien selbst wird der Begriff ›Craft Beer‹ gar nicht so häufig genannt«, berichtet Bart Neirynck, der in Berlin die Bierbar Herman betreibt. „Die Belgier kennen ihre eigenen Biere nicht anders. Es ist ja Craft, ohne dass man es so nennen muss.“ An die 120 Biere seiner belgischen Heimat präsentiert Neirynck dort mit viel Liebe und Sorgfalt und weiß zu jedem seiner Produkte Wissenswertes zu berichten. Selbstverständlich bereicherten in den letzten Jahren auch junge, neue Brauprojekte die Bierlandschaft, wie Brasserie de la Senne, Bueckenholt, Wilderen oder Brasserie des Fagnes. Der belgische Gastronom freut sich über die Nachfrage an seinen Spezialitäten und stockt das Sortiment beständig auf. Wobei zu beobachten ist, dass internationale Besucher weniger Berührungsängste mit der Aromenvielfalt des westlichen Nachbarn haben als deutsche Gäste. Das Land des Reinheitsgebots zeigt wieder einmal Zurückhaltung. „International verfügbare Marken, wie beispielsweise einige der Trappistenbiere oder andere Klosterbiere mit höherem Ausstoß, allen voran Leffe, prägten in den letzten Jahren das positive Bild von Bier-Belgien in der Welt.“

Zwischen Kloster und Konzern

Der Markt für Genussbiere wächst in Deutschland, und so erhalten auch die Biere belgischer Machart mehr Aufmerksamkeit. Händler wie beispielsweise Bier-Deluxe, Bierkompass, Bierzwerg oder der Belgien-Spezialist schlechthin, Bierlinie, stocken konstant ihr Angebot auf.

Die Global Player erkennen ebenfalls eine neue Zielgruppe für Genussbiere und eine bislang in Deutschland rare Bereitschaft, mit angemessener Bezahlung die Wertigkeit von Bier zu honorieren. „Wir wissen, dass die Menschen heute im Schnitt nicht mehr so häufig in die Gastronomie gehen, dafür aber bereit sind, bei ihren Besuchen für Qualität und Premium auch entsprechend Geld auszugeben«, erklärt Steve McAllister, Deutschlandchef bei AB InBev. Der Konzern sieht neuerdings Potenzial im Premium-Bereich in Deutschland und führt seit März 2014 das Abteibier Leffe verstärkt in den hiesigen Markt ein. Das Leffe Blonde und Leffe Brune, beide mit um die 6,5 % Vol., ist international bereits eine Erfolgsgeschichte und behauptet in Belgien die Position als Marktführer im Bereich der Klosterbiere.

Leffe ist eines der ältesten belgischen Abteibiere, mit Wurzeln aus dem Jahr 1240. Die Rezeptur schafft einen unverwechselbaren Charakter mit Zutaten wie Malz, Mais und Hopfen. Das Unternehmen empfiehlt Leffe als Aperitif, was viele Belgier verwundert, die das Bier zwar schätzen, seine Verwendung als Aperitif aber bislang nicht kannten.

Neben dem Weltmarktführer AB InBev hält auch die Nummer drei der Braukonzerne eine belgische Marke bereit, die nun im Land des Reinheitsgebots erprobt wird. Heineken verfügt mit Affligem ebenfalls über eine faszinierende und schmackhafte Abtei-Biermarke aus Flandern. Die Besonderheit ist eine Gärung in der Flasche. Unmittelbar vor der Abfüllung fügen die Brauer eine spezielle Hefe bei, die einen zweiten Gärvorgang bewirkt. Das Ergebnis ist ein komplexes, fruchtiges und leicht prickelndes Bier mit einem Alkoholgehalt von 6,8 % Vol. Ein neues Design begleitet die Markteinführung in Deutschland, genauso wie eine reduzierte Füllmenge. Bislang betrug der Inhalt einer Affligem-Flasche 0,33 Liter, nun beträgt der Inhalt nur noch 0,3 Liter. Die meisten Händler haben in ihren Broschüren und Internet-Auftritten diesen Wert noch nicht korrigiert. Also Obacht bei der Kalkulation.

Prozente durch Prohibition

Auf die Zahlen sollte noch ein Blick geworfen werden. Wie bei den oben aufgeführten Beispielen fällt auf, dass Biere aus Belgien gerne einmal einen höheren Alkoholgehalt aufweisen als ein typisches Pils mit um die 5 % Vol. Tatsächlich ist es keine Seltenheit, wenn ein Bier zwischen 6 und 12 % Vol. enthält. Nicht selten steht hinter dem Biernamen eine Ziffer aus der Reihe 4, 6, 8, 10 oder 12. Darunter das genannte Westvleteren 12, aber auch hervorragende Biere wie das Rochefort 10 oder das St. Bernardus 8. Die Ziffer verweist grob auf einen milden oder kraftvollen Charakter des Bieres, wobei Geschmack und Alkoholgehalt dabei eine Rolle spielen.

Dazu kommen Bezeichnungen wie Single, Dubbel, Tripel oder Quadrupel. Die Bezeichnung, so vermuten Bierhistoriker, kommt aus der Zeit, als viele Menschen des Lesens unkundig waren und Markierungen auf Fässern mit ein bis vier Kreuzen vollzogen wurden. Die Angaben beziehen sich auf die Malzmenge und indirekt auf die Alkoholstärke. Der Dubbel-Stil hat seinen Ursprung in der Brauerei Westmalle im Jahr 1926, als im Kloster die Bierqualität verbessert werden sollte. Das Ergebnis war derart wohlschmeckend, dass der obergärige, sehr dunkle Braustil bald überall im Lande Nachahmung fand. Die dunkle Farbe stammt übrigens nicht vom Röstgrad des Malzes, sondern aus der Beimengung von flüssigem Kandiszucker, der für Nuancen von Rosinen und Crème brûlée sorgt.

Das Tripel ist ein starkes, malzintensives Bier mit meist goldener Farbe. Erstmals gebraut 1932 in der De Drie Linden Brauerei in Braasschat unter dem Namen »Witkap Pater«. 1934 folgte ein vergleichbares Bier von Westmalle, das bis heute Maßstäbe setzt. Ein weiterer Probiertipp ist das Chimay Blanche, ebenfalls ein Trappistenprodukt. Der Bierstil ist sehr vielseitig und inspiriert Brauer in aller Welt. In Deutschland verfügbar ist beispielsweise das Local 1 der Brooklyn Brewery, das eine spannende US-Interpretation der belgischen Spezialität bietet.

Am 29. August 1919 trat das Vandervelde-Gesetz in Kraft und es begann eine sehr lange Ära der Trockenheit. Die Verordnung trug ihren Namen nach dem damaligen Justizminister und Führer der belgischen Sozialisten, Émile Vandervelde, und beinhaltete ein Verbot des Ausschanks hochprozentiger Alkoholika in öffentlichen Restaurants, Schankstuben und Bars. Nur in privaten Clubs durften Spirituosen diskret hinter verschlossenen Türen konsumiert werden. Diese eigenwillige Form der Prohibition veranlasste in der Folge die Brauer, hochprozentiger und aromatisch abwechslungsreich zu brauen, um eine getränkespezifische Vielfalt zu gewährleisten. Zahlreiche Abtei- und Klosterbrauereien waren dabei wegweisend.

Erst 1983 hob die Regierung in Brüssel das Gesetz auf.

Von Westvleteren zum Weltkulturerbe?

Um die bemerkenswerte Biervielfalt Belgiens in Gänze zu entdecken, muss man die Klostermauern hinter sich lassen. Dann warten erfrischende Lambic-Biere, säuerliche Geuzes, fruchtige Krieks, Spezialitäten nach Méthode champenoise, süße Faros und erfrischende Saisons. Außerdem Rotbiere, Braunbiere und regionale Besonderheiten. Dazu gesellen sich selbstverständlich auch die gängigen, erfolgreichen Lagerbiere für den entspannten Massengeschmack, wie Jupiler und Stella Artois. Über die belgische Variante von Weizenbieren, das Witbier oder Biére Blanche, bei dem teilweise Rohweizen mit gemälzter Gerste gemischt wird und weitere Zutaten beim Brauvorgang hinzukommen wie Koriander, Muskat oder Schalen von Orangen, informierte Mixology bereits in Heft 4/2014.

Insgesamt kämen wir auf über 1000 Biere aus ungefähr 40 Bierstilen. Eine unglaubliche Vielfalt für ein Land von der Größe Nordrhein-Westfalens.

Möchte ein Craft-Brauer in Deutschland bestimmte Stile nach belgischem Vorbild brauen, die eben nicht dem Reinheitsgebot entsprechen, so darf die Bezeichnung »Bier« nicht vorkommen. »Brauspezialität« oder »Ale« lauten dann notgedrungen die Begriffe, mit denen die Brauer sich behelfen müssen. Eine merkwürdige Ausnahme erreichte Köstritzer für sein belgisches Witbier, welches eine Sondergenehmigung eines thüringischen Ministeriums erhielt und tatsächlich als »Bier« tituliert werden darf (MIXOLOGY berichtete in Ausgabe 4/2014). Ein erster Schritt, das Reinheitsgebot auszuhebeln? Eine Anfrage von MIXOLOGY an das Ministerium, um Begründung und Wortlaut zu erfahren, blieb vielsagend unbeantwortet.

Geht es um Whisky, so muss Schottland genannt werden, bei Wein denkt man an Frankreich, die Zigarre führt nach Kuba und bei Pasta schwingt die italienische Lebensart mit. Bei Bier? Auch wenn manch Brauspezialist in Deutschland, England und Tschechien womöglich anders entscheiden würde, für einen Großteil der Bierfachleute wäre die spontane und selbstverständliche erste Wahl doch: Belgien.

Und so uneins die Flamen, Wallonen und Brüsseler zuweilen in politischen Fragen sein mögen, das Bier eint sie. Daher reichte Belgien in diesem Jahr bei der Unesco in Paris den Antrag ein, das belgische Brauwesen in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. Eine Entscheidung wird zum Jahresende 2015 erwartet.

 

Dieser Artikel erschien erstmals in der MIXOLOGY Ausgabe 5/14.

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