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Bartender-Geschichten Nr.1: In rotem Lack…

Weil das Leben nicht verrückt genug ist, werden manche Menschen Bartender. In dieser Kolumne bekommen sie Raum für ihre wildesten Geschichten. Heute: Auf Pornodreh in der Hansestadt.

Wer sich viel in Bars aufhält, erlebt Geschichten, das weiß jeder, der diese Zeilen liest. Je mehr Zeit man nun am Tresen verbringt, desto breiter wird das Spektrum an Erlebnissen, desto vertrauter wird man mit den Menschen, die sich mit Leidenschaft von der Nacht aufsaugen lassen; und desto möblierter werden die Abgründe, die sich den meisten am Tage kahl und verschlossen halten.

In unserer neuen Kolumne sprechen wir mit denen, die mit Abstand am meisten Zeit am Tresen verbringen und deswegen am meisten sehen. Neben dem zeitlichen Faktor liegt das außerdem daran, dass sie in der Regel die nüchternsten im Raum sind und sich das Gesehene sogar merken können. So gut merken, dass sie es auch nach Jahren noch zu erzählen vermögen. Wir sprechen über die Bartender, die Zentren der Szene, die Köpfe, auf die wir unsere Augen gerichtete halten, ob am Tresen oder in der Redaktion. Und über die Augen, die alles sehen, sei das Licht auch noch so schummrig und die Rauchschwaden zu einer dicken Decke aus Dunst geworden. Der optimale Nährboden für alles, was uns an den Tresen treibt, uns wach hält und bei Tagesanbruch wieder in die Ecken und Ritzen des Alltags huscht. Eine Ode an die Geheimwissenschaft des Bartenders: Menschologie bei Nacht.

Ein Spektrum an Schatten

Einmal, zum Beispiel, war da das in seinen Blickfang geratene Paar, das sich an der Hamburger Hotelbar Platz macht. Sie ist Anfang zwanzig und auffällig aufgekratzt, „hammerhart tätowiert, begleitet von einem Anfangsdreißiger, der eher vom Typus farbloser Bürohengst war.” Eine klare Ketchup auf Vanilleeis-Situation also.

Sie ist quirlig und aufgedreht, während er sie bloß devot anguckt. Klassiker. In einer für unseren Bartender des Vertrauens unfassbaren Geschwindigkeit verleibt sich die junge Dame fünf bis sechs Drinks ein, steht dabei weiterhin erstaunlich gerade. Sie ist nicht besonders groß und recht schmal, es liegt daher auf der Hand, dass hier weitere „Dinge“ im Spiel sind, „klassischerweise Koks oder MDMA“, schätzt unser Bartender. Man kennt ja seine Pappenheimer. Er, also unser Bartender, fragt sich, ob es sich hierbei wohl um eine ‚Professionelle’ handle, kommt dann allerdings zu dem Schluss, dass die sich erfahrungsgemäß deutlich diskreter verhalten. Vielleicht aber auch ein Sugar-Daddy-Date – er der Jurist, sie eine mittellose Pädagogikstudentin? Jaja, das sind Klischees, aber man hat es ja alles schon mal gehabt. Und manchmal fällt das Intervenieren schwer, wenn die Fantasie einmal richtig in Fahrt gekommen ist.

Erwachsenenunterhalter in der Bar…

Falsch: „Das ist Melody*, sie ist Pornodarstellerin”, erklärt der kellnernde Kollege, dem das Duo bereits bekannt ist. Melodys Begleitung ist Insolvenz- und Steueranwalt, 1,75 Meter groß, trägt einen schnöden Scheitel und die Brille randlos. Die Hotelbar hat logischerweise Zimmer und eines davon soll an diesem Abend von besagten Gästen in Anspruch genommen werden. Man ist ja nicht zum bloßen Vergnügen hier. Es geht allerdings nicht los, ehe Melodys Kollegin die Szenerie betritt, „mit grellroten, gesäßlangen Haaren.“ Wir würden lügen, wenn wir behaupteten, nicht gerne dabeigewesen zu sein. Die zweite Dame hat keinen Namen, könnte aber Roxana heißen. Oder Harmony. Melody und Harmony.

Man bestellt also eine Flasche Vodka und verschwindet aufs Zimmer. Nachhaltig beeindruckt ob der weiterhinnigen Trinkgeschwindigkeit, auch seitdem die Kollegin mitmischt, ist die Stimmung unseres Bartenders zu diesem Zeitpunkt durchwachsen. „Natürlich ist eine solche Situation unterhaltsam und lustig. Gleichzeitig zu wissen, dass diese Verfassung nur mit Drogen möglich ist, dass diese Leute auf keinem besonders guten Weg sind und dass dieser Lebensentwurf ein ziemliches Spektrum an Schatten wirft, ist durchaus verstörend.“ Verstörend auch, weil jener randlose Brillentyp die Figur eines jenen macht, der in der Tempo-30-Zone auch wirklich nur Tempo 30 fährt. Dass der nun gleich einen Porno dreht, scheint ihm dann eben doch schräg. Schwer zu sagen, bei welcher Erscheinung es das nicht wäre; man ist einfach so selten in Situationen, in denen man denkt, „hab ich’s doch gewusst“, wenn jemand von seiner Pornokarriere erzählt.

Von Hausverbot und Haltung

Am nächsten Tag erzählt auch der Nachtportier ein wenig irritiert von seinem Gang zum Zimmer – denn selbstverständlich wird Champagner aufs Zimmer nachbestellt. Da steht dann beim Abliefern der Ware an der Zimmertür eine Dame in rotem Ganzkörperanzug aus Lack; wir können uns nicht wehren und denken unweigerlich an Britneys Outfit aus dem Video zu Oops, I did it again. Zur Verblüffung des Portiers „sind auch die Stiefel direkt am Anzug dran.“

Es stellt sich heraus, dass die beiden, beziehungsweise drei Herrschaften irgendwann Hausverbot bekommen sollten, keiner hat sie danach am Tresen jemals wieder gesichtet. Hamburg, zu dieser Zeit wohl ohnehin ein dankbarer Ort für Pornoleute, die nicht in Berlin wohnhaft sind: „Man kann einfach alles einsauen und irgendwer putzt es weg.“ Nichtsdestotrotz hat unser Bartender bis zu diesem Zeitpunkt nicht allzu viel lebensweltliche Schnittmenge mit der Pornobranche, weshalb ihn diese Begegnung nachhaltig beschäftigt: „Was sollen die denn machen, wenn die 35 sind, das ist ja kein Sportlerberuf, wo man irgendwann Trainer werden kann,” fragt sich unser Bartender. Wobei man ja auch als reife Frau mit Berufserfahrung in höhere Positionen einsteigen kann, so zumindest in Film und St. Pauli-Literatur. Wir wissen es alle beide nicht und schweifen ab mit der Frage, ob man die berufliche Praxis Prostituierter in Bars generell verbieten oder erlauben sollte. Wir erinnern uns an einige Hotelbars der Bundesrepublik, in denen das durchaus zum Konzept gehört. Gute Bars. Der Bartender, mit dem wir sprechen, hat einmal eine minderjährige Prostituierte am Tresen gehabt: „Die mussten wir von der Polizei abholen lassen, da kann man dann nichts machen.“ Gut, Minderjährige in der Bar, sowieso schwierig und berufsunspezifisch. Und nun sind Pornodarsteller ja nun seltenst Prostituierte. „Wenn die das Hotelzimmer ordentlich verlassen, können die da meiner Meinung nach machen, was sie wollen,“ findet unser Bartender. Das klingt nach Haltung, wenn auch die Nächte bisweilen vor wenigem Halt machen. Sondern sich in regelmäßigem Turnus die Kleider vom Leib reißen, das Nervenkostüm der Bartender testen und derweil „I’m not that innocent“ grölen.

 

 

*Name von der Redaktion geändert

Solltet ihr, liebe Bartender, auch eine schöne oder aufwühlende, eine verstörende oder schlichtweg unvergessliche Geschichte zu erzählen haben, die ihr einmal mehr mit der Welt teilen chtet, meldet euch gern. Ihr bleibt anonym und eure Geschichte unsterblich.

Credits

Foto: Editienne

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