Agavenknappheit Tequila

Tequila Sundown? Was hinter der Agavenknappheit steckt

News 7.2.2019

Die momentane Agavenknappheit und der damit verbundene Preisanstieg beschäftigen viele Tequila-Hersteller. Tatsächlich ist der Engpass jedoch kein Phänomen der Gegenwart: Der Agavenanbau unterlag schon immer einem Boom-Bust-Zyklus und ist nicht genau prognostizierbar, wie Michaela Bavandi bei einer ausführlichen Betrachtung feststellt.

„Agaven-Knappheit“, „Tequila-Krise“, „Der Schnaps geht aus“ – diese und ähnliche Titel kursierten bereits im Vorjahr durch die Medienlandschaft. „Die Agavenpreise sind so hoch wie nie. Es liest sich natürlich dramatischer und erregt mehr Aufmerksamkeit, wenn man von einer Krise spricht, aber der Agavenzyklus ist eine ganz bekannte Kurve“, sagt Sonja Erler von der Hagener Sierra Madre Trend Food GmbH, die sich als Expertin und Botschafterin für Tequila und Mezcal längst dem „Agavenherz“ verschrieben hat.

Kleine unterliegen den Schwankungen

Es ist ein Boom-Bust-Zyklus, der in alternierender Weise für beide Seiten – Hersteller wie Agavenbauern – ein strapaziöses Unterfangen darstellt. Einmal für Hersteller, die auf den Preissturz der Weberagave warten. Dann wiederum sind es die Bauern, die darauf hoffen, dass ihnen die im Überfluss vorhandene Ware abgenommen wird, oder die Preise steigen. Manche Hersteller sehen sich aus Kostengründen dazu veranlasst, auf die billigere Produktionsart im Diffusor umzusteigen oder auch jüngere Pflanzen für die Herstellung zu ernten.

Große, autarke Häuser verfügen über ihre eigenen Felder oder halten feste Verträge mit Agavenbauern. Kleinere Produzenten hingegen sind den Marktentwicklungen oft ohne feste Handhabe ausgeliefert. Die zur Verfügung stehenden Anbauflächen für die Blaue Weberagave sind noch nicht vollends ausgeschöpft. „Aber das ginge zu Lasten anderer Agrarerzeugnisse, und alternative Mais- oder Bohnenfelder stellen in Mexiko eine Überlebensnotwendigkeit dar“, gibt Erler zu bedenken.

Agavenknappheit ist kein Phänomen der Gegenwart

Wenn der Rohstoff Agave – wie gerade – zur Neige geht, da er nicht so schnell wächst wie die weltweite Nachfrage mit neuen Märkten gedeiht, dann wird der Rohstoff zu einer Aktie. Laut Tequila-Datenbank Tequila Matchmaker befinden sich die innerhalb weniger Jahre steil in die Höhe gezogenen Preise für ein Kilogramm der Blauen Weberagave zur Zeit mit rund 26 mexikanischen Pesos (zirka 1,20 Euro) für ein Kilogramm auf dem Höchstniveau.

Das sei die gute Nachricht, betonen die Blog-Autoren Grover & Scarlet in Tastetequila.com. Die schlechte sei, dass eine ähnliche und vielleicht noch schlechtere Situation in zirka zwölf Jahren eintreten könne. „The story of boom and bust of agave prices goes all the way back to the time of my great-greatfather, 140 years ago“, erzählt auch Guillermo Erickson Sauza, Eigentümer von Tequila Fortaleza, im Gespräch mit Grover & Scarlet.

Agavenknappheit hat mehrere Gründe

Das schnelle Wachstum der Tequila-Kategorie und der eingeschränkte Agavenbestand bewegen derzeit die Industrie. „Sowohl der mexikanische Staat als auch das Wetter haben Einfluss auf den Anbau der Blauen Weberagave. In 2016 gab es nicht nur eine gesteigerte Nachfrage nach Tequila. Auch das Wetter in Mexiko war ungewöhnlich“, erklärt Dr. Tina Ingwersen-Matthiesen von der Hamburger Borco-Marken-Import. Die Nachfrage vor allem nach 100-prozentigem Agaven-Tequila in den USA, sowie auch ungünstige bis verheerende Wetterbedingungen, hätten schließlich zu dieser nun akuten Agavenknappheit geführt.

Generell aber unterliegt der Anbau der Blauen Weberagave einem Zyklus. „Von 1997 bis 2000 gab es bereits Preiserhöhungen als Folge einer Agavenknappheit. Um darauf zu reagieren, pflanzten viele Bauern mehr Agaven, was schließlich in einem Überangebot in den Jahren 2000 bis 2015 und einer Entspannung der Preissituation resultierte“, schildert Dr. Ingwersen-Matthiesen, die für die Produktion der Sierra-Tequila-Flotte Qualitätseinbußen oder Engpässe ausschließen kann.

Tequila Shutdown in mehreren Ländern

Bei Beam Suntory Deutschland hat die wachsende Tequila-Nachfrage bei eingeschränkter Agavenversorgung zu Engpässen und dazu geführt, den Vertrieb von Sauza Tequila zu Anfang dieses Jahres in weniger nachfragestarken Ländern wie Deutschland, Österreich, Schweiz, Irland und Portugal vorerst einzustellen.

„Neben steigenden Produktionskosten besteht die Problematik, dass die zur Verfügung stehende Tequila-Menge die globale Nachfrage nicht mehr abdecken kann und wir als Hersteller gezwungen sind, schwierige Entscheidungen über die Zuteilung des bestehenden Vorrates zu treffen“, so Beam Suntory. Der Versuch, auf Jungpflanzen zurückzugreifen, stelle für das Unternehmen keine Lösung dar, denn das führe wiederum zu einer Knappheit im Folgejahr.

Gibt es einen Tequila-Boom oder nicht?

Bereits vor Jahren wurde der mexikanischen Nationalspirituose Tequila, die ausschließlich aus der Blauen Weberagave in definierten Anbaugebieten hergestellt werden darf, ein Boom vorausgesagt. Ein solcher lässt noch immer auf sich warten, doch das Interesse an dem Agavendestillat wächst. Vor allem der Anteil an Tequilas aus 100 Prozent Agaven am Markt steigt stetig.

„Es gibt keinen Tequila-Boom“, findet Erler und meint weiter: „Aber nennen wir es gestiegene Wahrnehmung vor allem für guten, qualitativ hochwertigen Tequila, dessen Wachstum kontinuierlich voran geht. Das ist besser als ein Boom.“ Davon ist Erler überzeugt und immer noch froh über die stete Tequila-Progression. Denn ein Boom ziehe vorüber. „Irgendwann hört die Hochphase wieder auf. Wie bei Gin, dessen Hochblüte nun vorbei ist und dessen Angebot überall reduziert wird“, meint sie.

Viel eher ordnet sie dem verwandten Agavendestillat Mezcal Trend- oder Boom-Charakter zu: „Alle, und vor allem China, schreien danach. Das hat neben dem interessanten, fruchtig-rauchigen Geschmacksprofil des Mezcals auch mit dem Interesse an handcrafted und traditionellen Produkten zu tun.“

Steigende Tequila-Nachfrage weltweit

Dem britischen Marktforschungsinstitut The IWSR zufolge ist die Nachfrage nach Tequila in den vergangenen vier Jahren weltweit um 18 Prozent gestiegen. Den größten Anteil nimmt der amerikanische Markt mit 56 Prozent des weltweiten Volumens ein. Die wachstumsstärksten Märkte sind die USA (+27 Prozent) und Großbritannien (+46 Prozent).

„Man kann durchaus von einem Tequila-Trend sprechen, der vor allem von der positiven Entwicklung und dem gesteigerten Interesse an Tequila in den USA angetrieben wird“, meint Dr. Tina Ingwersen-Matthiesen. US-amerikanische Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey oder George Clooney, beide sich öffentlich bekennende Tequila-Liebhaber, trügen ihren Anteil dazu bei, das Image des Tequilas mehr und mehr zu heben.

Wie hoch Tequila gehandelt wird, zeigt der Eigentümerwechsel der Tequila-Marke Casamigos. Erst im Sommer 2017 hat sich der Getränkeriese Diageo die von Clooney mitbegründete Brand mit einer kleinen Gegenleistung von rund einer Milliarde Dollar einverleibt. Auch in Russland, Südafrika oder im asiatischen Raum sprießt das Interesse an dem Exportgut aus der stacheligen Wüstenpflanze.

Das Ende der Agavenknappheit?

Trend oder nicht Trend: Faktum ist, dass das mexikanische Kulturgut ein großes Thema ist und seine Aufmerksamkeit wie Nachfrage in neuen Märkten wie China gestiegen sind. Dieser internationalen Nachfrage steht ein begrenzter Rohstoff gegenüber, dessen Anbau einem speziellen Zyklus folgt. Tequila darf im Gegensatz zu Mezcal nur aus der Blauen Agavensorte und in den vom Consejo Regulador del Tequila A.C. (CRT) zertifizierten Anbaugebieten in der Region um Tequila im Bundesstaat Jalicso und in den Staaten Guanajuato, Michoacan, Nayarit und Tamaulipas gewonnen werden. Und diese Agavensorte benötigt bis zu acht Jahre, um ihre volle Reife bis zur Ernte zu entwickeln.

„Offizielle Statistiken des Consejo Regulador del Tequila (CRT) und der Camara Nacional de la Industria Tequilera (CNIT) zeigen, dass das Agavenangebot in den nächsten fünf bis sechs Jahren dramatisch ansteigen wird“, verlautbart Tastetequila.com, und meint weiter: „Bis zum Jahr 2023 sollten wir einen Überfluss an Agaven sehen, bei dem der Wert der Agave im Bereich von einem mexikanischen Peso pro Kilogramm liegen könnte. Aktuelle Prognosen deuten darauf hin, dass bis zum Jahr 2023 das Fünffache der verfügbaren Agave zur Verfügung stehen wird, als dies die Industrie benötigt.

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