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Sieben Fakten über Glas

Ohne Glas kein Spaß. Der glänzende Stoff hält die Barwelt zusammen, schützt den Schnaps, lässt uns schöner Trinken und bringt angeblich auch noch Glück, wenn er zerbricht. Blicken wir also nicht länger nur durchs Flaschenglas hindurch, sondern einmal genauer darauf.

Haben Sie schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, wie wohl ein 15-jähriger karibischer Rum aus der PET-Flasche schmecken würde? Wie ihr Rückbuffet aussehen würde, wenn es dort nur Plastik-Mehrweg gäbe? Die Vorstellung allein jagt uns in der Redaktion schon einen eiskalten Schauer über den Rücken. Aber eben vor jener Situation stünden wir, wären die flüssigen Schätze des Bargeschäfts nicht zumeist hinter Glas – wie übrigens insgesamt rund 40 Prozent aller Getränke. Doch was genau ist, kann und soll der Alltagsgegenstand Flaschenglas eigentlich? Zeit für ein paar Zahlen und Fakten.

1) Die Grundlagen

Schaffen wir zunächst die Basis: Glas, ob nun fürs Fenster oder für die Flasche, wird grundlegend aus den natürlichen Rohstoffen Sand, Soda und Kalk hergestellt. Je nach Art des Glases werden der Mixtur allerdings noch einige Mineralien hinzugefügt. Durch einen erhöhten Anteil an Bleioxid, Bariumoxid oder Kaliumoxid im Glas entsteht so beispielsweise das bei Bartendern beliebte Kristallgas – Laienhaft ausgedrückt ein Glas, das aufgrund dieser Zugaben wesentlich dicker produziert und somit auch problemlos geschliffen werden kann, ohne an Klarheit einzubüßen.

Gebrannt und in Form gebracht, überzeugt das fertige Glas dann im Lebensmittelbereich vor allem mit seiner Neutralität, denn es gibt in der Regel praktisch keine Wechselwirkungen zwischen Inhalt und Ver­packung. Es ist absolut geschmacksneutral, gibt keine Inhaltsstoffe ab und nimmt auch keine auf. Ein Grund, weshalb gerade auch Spirituosen hinter Glas verpackt werden.

Begonnen damit hat man bereits in der Antike, ungefähr vor 5.000 Jahren. Die älteste in Deutschland bekannte, noch immer gefüllte Flasche jedoch ist „nur“ rund 1.650 Jahre alt, als Römerwein von Speyer bekannt und steht im Historischen Museum der Pfalz. Vermutlich könnte man den Inhalt – man schätzt, es handelt sich um einen Gewürzwein – sogar noch trinken.

2) Der Durchschnitt

Um das Trinken und den eigentlichen Inhalt geht es bei Flaschen ja ohnehin meistens. Doch auch im Glas stecken ein paar interessante Fakten: So stammen beispielsweise die Flaschen vieler großer Marken aus nur einer Hand. Bei sehr vielen Produkten aus dem vereinigten Königreich etwa zeichnet allein die Firma Allied aus Leeds für die Glasware verantwortlich. Zu den Kunden zählen mitunter Tullamore Dew, Bloom Gin, Bulldog Gin, The Famouse Grouse sowie The Macallen und andere Whiskyhersteller. Die Flaschenpreise richten sich hier nach Aufwand der individuellen Formen und ihrer Menge, liegen in der Regel aber im mittleren zweistelligen Euro-Cent-Bereich.

Kurios wird es, wenn man einmal auf die Preisoptimierung in der Produktionskette bei den ganz großen Konzernen blickt. Denn nicht selten, verriet uns aus eigener Erfahrung der ehemalige Deutschland-Manager eines karibischen Rums, kostet die Glasflasche dann sogar mehr als der eigentliche Inhalt.

Um mehr Ressourcen und damit auch Kosten zu sparen, arbeiten Hersteller stetig daran, Glasflaschen noch leichter zu machen. Mineralwasserflaschen aus Glas sind heute nur noch etwa halb so schwer wie vor 40 Jahren und Bierflaschen sind seit den 1950er Jahren im Durchschnitt sogar um zwei Drittel leichter geworden. Und auch Spirituosenhersteller Bacardi setzt bei der gesamten Range die Waage neu an. Bis 2017 sollen 10%, bis 2022 15% Gewichtseinsparungen unter dem Strich des Fledermauskonzerns stehen. Der Umwelt zu Liebe, wie man dort sagt. Wahrscheinlich aber natürlich auch, um ein bisschen an den Kosten für die Logistik zu sparen.

3) Die Haute Volée

Dass es in der Spirituosenindustrie eine preisliche Obergrenze für irgendetwas gibt und Sparbemühungen alles sind, ist ohnehin nur eine nette Legende. Denn vor allem Whiskies und Rums, aber auch Weine und Champagner legen alljährlich die Messlatte mit Rekordpreisen immer noch einmal ein paar Tausender höher. Und neben dem x-fach gereiftem Inhalt spielen für die Preisgestaltung der heißen Ware auch die Dekanter und Umverpackungen eine immer entscheidendere Rolle.

Die Krone in diesem Wettstreit gebührt dabei wohl Ludwig dem Gerechten, pardon, in der flüssigen Welt als Louis XIII bekannt. Der Cognac des französischen Spirituosenherstellers Rémy Cointreau wird bereits in, nun ja, „normaler“ Abfüllung mit einem höchst aufwendig gestalteten Dekanter geliefert. Die teuerste Flasche der Welt jedoch – wir reden hier nur vom Glas – gehört zur limitierten Edition Rémy Martin Louis XIII Rare Cask: 738 Karaffen aus nur einem Fass abgefüllt, einzeln präsentiert in schwarzem Baccarat-Kristallglas. Der Preis dafür, sofern denn mal wieder eine der leeren Flaschen in den Auktionshäusern auftaucht, liegt bei circa € 8.000. Für die noch ungeöffnete Flasche werden dann übrigens knapp € 20.000 veranschlagt.

4) Die Formenlehre

Jedes Jahr erscheinen rund 1.000 neue Flaschen auf dem Markt – alleine im Whisky-Segment. Und die meisten davon ähneln sich sehr in ihrer Form. Der Grund für diese jeweils arttypischen Flaschen der unterschiedlichen Spirituosensegmente lag vor Jahrhunderten vor allem in der Funktionalität und heute in der Tradition der jeweiligen Spirituose begründet. So wurden vor der Massenproduktion von Glasflaschen vor allem noch Weinflaschen zweckentfremdet, um Hochprozentiges abzufüllen. Und die damals typische Form mit schlankem Körper und kleiner „Beule“ am Hals erweis sich sowohl in der Herstellung als auch im Gebrauch als äußerst praktikabel und stabil. Sie diente daher auch als erstes Muster für die Serienproduktion von Glasflaschen im vereinten Königreich. Und viele Whiskyhersteller blieben ihr – bis auf ein paar zeitgenössische Anpassungen – bis heute treu.

Nach dem gleichen, simplen Motto „Form folgt Funktion“ wurden und werden beispielsweise auch Champagner-Flaschen mit einem langen Hals zum Degorgieren des Hefedepots produziert oder insbesondere dieser Tage auch viele typische Mix- und Speed-Rack-Produkte wie Vodka oder Barliköre mit einer schlichtweg guten Handhabbarkeit und Balance für Bartender gefertigt.

Allen Flaschen gleich ist, trotz mannigfaltiger Formen, die Culot de Bouteille, also die typische Einbuchtung im Flaschenboden. Sie ist ursprünglich keineswegs dazu gedacht, Platz für den Daumen beim Ausgießen von Weinen zu bieten, sondern stammt aus der Zeit, in der Flaschen noch einzeln mundgeblasen wurden. Um einer Auswölbung am Flaschenboden und dem damit verbundenen instabilen Stand vorzubeugen, drückten die Flaschenbläser den Boden nach innen, gaben dem Glaswerk so schlichtweg mehr Standfestigkeit und sorgten zugleich für eine bessere Verteilung des Flaschendrucks bei Schaumweinen.

5) Die Farbenlehre

Neben der Form von Glasflaschen sticht zumeist auch die Farbe sofort ins Auge. Blau, Grün, Braun und andere Nuancen haben ihren Ursprung üblicherweise in der Zugabe von Mineralien und darüber hinaus weit mehr als nur einen schmückenden Nutzen. Vielmehr haben gerade dunkle Farben auch den Vorteil, dass sie den Inhalt gegen UV-Licht abschotten und so theoretisch eine längere Lagerung möglich machen. Dass auch Biere, die es meistens gerade mal bis zum nächsten Bundesliga-Anpfiff schaffen, hinter dunklem Glas verpackt werden, liegt am sogenannten Lichtgeschmack. Dieser ist ein Fehlaroma im Hopfentrunk, der durch die chemische Reaktion von UV-Licht und den im Hopfen enthaltenen Alphasäuren entstehen kann. Und auch Sommeliers kennen das Problem. Im Falle von Weinen und Champagner spricht man bei der Aromenumfärbung allerdings vom sogenannten „Käseln“.

Um dem leidigen Thema den Garaus zu machen, arbeiten einige Glashersteller unterdessen bereits mit der Zugabe von Vanadiumpentaoxid in der Glasschmelze, einem Stoff, der auch Weißglasflaschen undurchlässig für UV-Strahlung macht und Bildung eines möglichen Fehlaromas unterbindet.

6) Die Mähr von Mehrweg

Wenn man sich dem Thema Flaschen nun schon einmal genauer widmet, ist es kaum möglich, Pfand und Mehrweg zu umschiffen. Vielmehr läuft man krachend auf ein Riff aus Plastikteilen und Scherben auf. Denn das Mehrwegsystem mag zwar weitaus ökologischer als Einwegpfand sein, bedeutet für die Hersteller aber vor allem einen riesigen Berg von Kosten für Logistik und Reinigung. Denn Mehrweg-Glasflaschen sind durchschnittlich sechs Jahre im Umlauf, werden bis zu 50 Mal gereinigt und wiedergefüllt, bevor ihre Reise auf dem Recyclinghof von Neuem beginnt.

So besteht heutzutage bereits jede klare Flasche im Schnitt zu ungefähr 60% aus Recyclingglas-Scherben, bei grünen Flaschen beträgt der Anteil sogar annähernd 90%.

Wie angespannt die Mehrweg- und Pfand-Situation bei allen Umweltgedanken aber wirklich werden kann, zeigte sich bereits im Frühjahr dieses Jahres, als der Gigant Coca Cola ankündigte, künftig auf Mehrweggebinde verzichten zu wollen und eine Welle an Verärgerung und Spekulationen lostrat. Beschwichtigend einigte man sich letztlich darauf, das Mehrwegaufkommen um nur 25% zu reduzieren. Die kleinen Gastro-Glasfläschen bleiben davon ohne gänzlich ausgeschlossen.

7) Die Sache mit dem Kristallglasdekanter…

…oder ist es eine Karaffe? Tatsächlich gibt es einen kleinen Unterschied dieser zwei oft synonym verwendeten Begriffe, den wir klären möchten: Ein Dekanter dient dazu, insbesondere ältere Weine durch Umfüllen vom Depot zu trennen, sie sind meist schmal gehalten und bieten eine geringe Luftspiegelfläche, um das oxidationsbedingte „Umkippen“ vom Wein zu verhindern. Karaffen hingegen sind meist sehr bauchig gehalten, um tendenziell jungen Weinen etwas mehr Oberfläche und damit Luft zu geben.

Ganz unabhängig vom Wein kennt man die feingeschliffene Kristallglas-Königsklasse der Dekanter aber wohl am ehesten vom Weinbrandfreund und Oberinspektor Derrick oder aber aus der Fernsehserie Mad Men. Dort ist der einzige Zweck des Dekanters die finale Beantwortung der Stilfrage, weshalb im Inneren der facettenreichen Glasschönheiten von Don Draper dann auch kein Chateau Petrus, sondern meist ein guter Scotch oder Cognac ruht – aber bitte nur unter gewissen Voraussetzungen. Schließlich ist es ja der gute Stoff und der Verschluss des Dekanters das wichtigste. Er sollte im Bestfall ebenso gut schließen, wie der Korken auf der Originalflasche, um das Verflüchtigen des Alkohols zu unterbinden. Darüber hinaus wurde nachgewiesen, dass Dekanter aus Bleikristallglas in Kontakt mit Alkohol über einen sehr langen Zeitraum kleine Mengen des Schwermetalls an die Flüssigkeit abgeben. Vorsicht also beim Kauf! Auch, wenn das dann in der Menge ungefähr so ungesund wie 250 g luftgetrocknete italienische Salami ist.

Credits

Foto: Glass & hand via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

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