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Der richtige Tip(p): Andere Länder – Andere Sitten

Wann wird Trinkgeld vom netten, bewahrenswerten Brauch zu einer unangemessenen Knechtung des Gastes? In einem Beitrag, der kürzlich auf der Seite einer großen deutschen Tageszeitung erschien, geht der Autor mit dem Trinkgeld hart ins Gericht. Michaela Bavandi gibt einen Überblick und fragt: Ist das wirklich so?

„Der Begriff ,Trinkgeld‘ scheint ein bisschen aus der Mode gekommen zu sein. Die Zukunft steht auf der Theke von New Yorker Coffeeshops“, schreibt der Autor Peter Richter in seinem Beitrag für die Süddeutsche.

Dipjar: Heilsbringer oder Fessel für den Gast?

„Dipjar“ ist im Kommen, ein Trinkgeld-Gerät für Kreditkarten, die die ursprüngliche Form des „Tip Jar“ in Form von Glasbehältern für Bares ablösen soll. Eine mühelose Geste, einfach, notwendig und eine besondere Verbindung zwischen Gästen und Mitarbeitern als neue Form des Trinkgeldes soll Dipjar sein, meinen Coffeeshop-Betreiber auf der Dipjar-Website.

„Darf’s ein bisschen mehr oder vielleicht anders sein?“ Auf diese Frage können Gäste in systematisch angelegten Kaffeebars lange warten. Kaffeequalitäten in Small, Medium und Large, trendige Zusatzaromen und genau berechnete Tortenstückgrößen sind an den Tresentafeln zu finden. Sonderwünsche? Gibt’s nicht. Dementsprechend unpersönlich, zwanghaft und vom eigentlichen Sinn eines Tips abweichend scheint die gängig gewordene Würdigung und Belohnung durch ein Trinkgeld nur noch leere Hülle zu sein.

Wo bleibt die Bindung zwischen Gast und Service?

Das gute, alte Trinkgeld als höfliche Geste und bereitwillige Leistung des Gastes an seinen Gastgeber sieht anders aus. Die Höhe richtet sich einerseits nach der Zufriedenheit des Gastes. Andererseits folgt sie nach prozentualer Empfehlung national und international unterschiedlichen gesellschaftlichen Gastro-Knigge-Regeln. Sie variiert daher in Ländern und Kontinenten. Das „Coperto“, also das „Gedeck“, ist beispielsweise eine beständige Größe in italienischen Restaurants und ein Extraposten in deren Speisekarten, um überhaupt mal mit Messer und Gabel essen zu dürfen.

Das Monster frisst seinen Schöpfer

Der Dipjar-Trend, der mittlerweile in europäische Coffeeshops übergeschwappt ist, wachse nun sogar den unter den Exzessen des Tippings ächzenden Amerikanern über den Kopf, meint der Autor. Amerikanische Touristen hätten zunächst aus Unsicherheit lieber zu viel als zu wenig gegeben und so erst die Preise in Europa hochgetrieben, gibt der Beitrag an. Denn jetzt werde am Hochschrauben der Summen gearbeitet, schreibt Peter Richter, und die Gäste würden kräftig zur Kasse gebeten.

Manche Coffeeshops hielten für das Bezahlen mit der Kreditkarte ein Lesegerät mit iPad zur vorgefertigten Wahl zwischen ein, zwei oder drei Dollar bereit. Wie sich Amerika durch die Institution des Tippings im Laufe des Jahrhunderts hat knechten lassen, beschreibt der von Richter beachtete Historiker Kerry Sedgrave in seinem Buch und Klassiker „Tipping – An American Social History of Gratuities“.

Tipping kommt von to tipple, gemeint: trinken. Tip(p)en Sie also weiterhin und werden Sie tippsy, denn glücklicherweise hat nicht alles im Leben System.

Credits

Foto: Trinkgeld via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

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