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Von Freude, ein neues Bierprojekt

Woran man merkt, dass Bier mehr und mehr an Attraktivität gewinnt? Immer mehr Leute schmeißen ihre gutbezahlten Jobs hin und machen sich in der Bierbranche selbstständig. „Von Freude“ heißt ein neues Projekt, das mit Lebensgefühl und kulinarischem Charme die Hamburger Bierwelt bereichern soll.
Was erwartet man im Resumé eines Brauers? Was immer es ist, ein Studium in Textil- und Bekleidungsmanagement und ein Diplom als Bankkaufmann stehen ziemlich weit unten auf der Liste. Dennoch haben Natalie Warneke (31) und Martin Schupeta (35) sich davon nicht abhalten lassen, ein eigenes Bier-Start-up aus der Taufe zu heben. Verrückt? Die Marke “Von Freude” ist nicht umsonst Teil der Wahnsinn UG.
Was geht, Digga?
Fast völlig ohne Vorkenntnisse, einzig mit kulinarischer Begeisterung, ging man ans Werk. Aufgerüttelt durch den 2012er ZDF-Fernsehbericht „Hopfen und Malz verloren“ suchten die beiden Hamburger eine andere Herangehensweise an dieses als selbstverständlich erachtete Genussmittel. Es lag an ihrem Hang zum Selbermachen, aber vielleicht auch an dem sehr negativen Bild, welches besagter Bericht von der deutschen Bierwelt zeichnete, dass Natalie und Martin gar nicht erst versuchten, die bereits aktiven Kreativen der Szene auszumachen. Stattdessen schnappten sie sich einen 20-Liter-Kessel, kauften Rohstoffe und wagten den Übergang von Konsument zu Produzent.
Ihre Herangehensweise glich und gleicht dabei noch immer ihrer anderen großen Leidenschaft, dem Kochen. Gute Rohstoffe so verbinden, dass etwas Einzigartiges entsteht. Sortentreue und Reinheitsgebot spielen dabei eher Nebenrollen. „Wir nehmen uns nicht vor, ein IPA zu brauen. Wir kombinieren die Zutaten so, dass am Ende die von uns gewünschten Aromen zusammenfinden. Wenn es dafür ein IPA sein muss, schön. Wenn nicht, auch gut.“ Das erste Bier mit dem Namen „Ale Primeur“ ist ebenso organisch entstanden. „Natürlich kann man es als hopfengestopftes Alt bezeichnen, aber das ist eben nur eine Sortenkennzeichnung, die einem sogar etwas von der Freude nimmt, unser Bier unbefangen zu erfahren.“ sagt Schupeta.
Glaubwürdige Schweiger
Diesem Weg folgt auch das Packaging, das Informationen auf dem Etikett bewusst minimal hält. Entgegen dem Craft-Trend, der sämtliche Rohstoffe bis hin zu IBU und Farbton nach EBC minutiös auflistet, gibt Von-Freude-Bier sich schweigsam. Hat man gar etwas zu verbergen? „Nein, wer wissen möchte, was drin ist, kann sich jederzeit bei uns oder auf der Homepage informieren.“ versichert Warneke. „Uns ging es um ein unaufgeregtes, modernes Design.“
Doch wie steht es um Glaubwürdigkeit? Der hemdsärmelige, authentische Brauer in seiner Brauerei scheint so gar nichts gemein zu haben mit dem Hamburger Genießerpaar, das man sich auch sehr gut im Yachtclub vorstellen könnte. Wie reagieren Brauer auf die Freudebringer aus dem Norden? “Negative Reaktionen hatten wir noch gar keine. Jeder Brauer freut sich, wenn wir erzählen, dass wir auch Bier machen.” meint Warneke, und Schupeta ergänzt: „Eigentlich sind wir innerhalb von Sekunden am Fachsimpeln.
Und auch wenn wir in den vergangen Monaten sehr viel sehr schnell lernen mussten, wir haben noch viel vor uns. Trotzdem, wir fühlen uns nicht irgendwie benachteiligt, weil wir Quereinsteiger sind.“ Hier greift er erneut die Analogie zum Kochen auf: „Es gibt genügend ausgebildete Köche da draußen, die in Kantinen faden Fraß zusammenkochen. Und es gibt ambitionierte Amateure ohne Ausbildung, die Fantastisches zaubern. Wie viele können behaupten, sie hätten noch niemals tolles Essen von einem Hobbykoch gegessen? Beim Brauen ist das für uns nicht anders.“
Unangepasst und experimentell
Ein Beispiel für die Lernkurve sind die Flaschen. Anfangs kamen für die beiden nur Weißglasgebinde in Frage, um die schöne Bierfarbe zu betonen. Doch um schädliche Lichteinflüsse zu vermeiden, sattelte man schnell auf Braunglas um. Auch die Distribution erledigt Von Freude selbst. „Wir suchen Restaurants, Bars und Läden, wo man Bock auf die eigenen Produkte hat, wo sie erklärt werden. Wir passen nicht überall rein.“ Was darf man in Zukunft mit/von Freude erwarten? „Ein spritziges, sonniges, saftiges Untergäriges für den Sommer“, kündigt Warneke an. „Danach vielleicht ein Weihnachtsbier. Wir möchten ein Basissortiment aufbauen, aus dem sich jeder einen Liebling picken kann. Dann werden wir experimentell.“
Experimentelle Brauer, die keine sind. Doch an Quereinsteiger sollte man sich im Braugeschäft gewöhnen. Als die Crew Republic als CrewAle ihre ersten Schritte unternahm, geschah das ohne Zertifikat oder Diplom. Auch Hans Müller Sommelierbier lässt Biere per Auftragsbräu herstellen. Was in den Augen mancher wie ein Affront wirken mag, birgt einen ganz erheblichen Vorteil: Es kann nicht nur darum gehen, gutes Bier zu brauen. Das ist der unabdingbare, erste Schritt. Doch danach muss einer angeödeten Öffentlichkeit vermittelt werden, warum dieses Bier so gut ist, und dafür hat nicht jeder Kleinbrauer Zeit und Talent. Quereinsteiger geben der Bierbranche kreative Impulse in allen Bereichen, die ein Bier durchläuft, bevor es durch unsere durstigen Kehlen läuft.

Credits

Foto: Hamburg via Shutterstock

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