blue gin

Hans Reisetbauer: Der Vorausschauende

Drinks 10.5.2016

Der international renommierte Brenner Hans Reisetbauer feiert mit seinem Blue Gin sein zehnjähriges Jubiläum. Und strotzt vor Energie und Tatendrang. Beim Gespräch mit MIXOLOGY ONLINE erinnert er sich an den denkwürdigen Abend bei Audrey Saunders im Pegu Club vor zehn Jahren, bekennt sich zum Wacholder und hat noch einen Käse im Gepäck.

Hans Reisetbauer brennt für den Gin, den er brennt. Er ist eine Art moderner Prometheus. Wo Reisetbauer ist, da ist Feuer, da brennt es. Er kommt gerade vom Schlachtfeld. „Es war wie im Krieg, wir haben ganz Axberg eingenebelt.“ In der Nacht gab es Frost, Reisetbauer und sein Team haben 400 Strohballen mit Holzschnitzen beschichtet und angezündet. Die Rauchschwaden haben die Umgebungstemperatur erhöht und sollen so die empfindlichen Obstbäume schützen. Prometheus hat den Menschen eben nicht nur das Feuer gebracht, sein Name bedeutet auch „der Vorausschauende“ – und da beginnt die Geschichte des Blue Gin.

Wahnsinn in Flaschen

Von einer Gin-Welle ist noch nichts zu ahnen, der Gin & Tonic so hip wie ein alter Hut und Wackeldackel und Reisetbauer, der Edelbrenner, hat „null Ahnung“ von Gin. Und ein Gin aus Österreich? So wahrscheinlich, wie ein Sieg Austrias über Deutschland in einem Fußballspiel. So normal, wie ein Fiaker im Straßenbild New Yorks. Da befindet sich 2005 der Reisetbauer und hängt am Tresen von Audrey Saunders im Pegu Club rum. Vermutlich vor lauter Unentschiedenheit schlürft er an einem Gin & Tonic und ist wie elektrisiert. Perfektes Eis in ausreichender Menge, dazu ein etwas anderer Gin. Martin Miller´s, einer der Gin-Pioniere, wird mit Tonic leicht angegossen und nicht ertränkt. Der Brenner denkt sich, das will ich auch haben. In Axberg bei Linz liest er sich in die Materie ein und entwickelt 56 verschiedene Rezepturen. „Im Oktober 2005 sind zwei Gewürzmischungen übriggeblieben. Mit Bartendern haben wir das dann finalisiert. Wir haben mit Martin Miller´s und Tanqueray 10 gegenverkostet. „Wie verändert sich das Produkt und, ganz wichtig, wie stabil ist es nach dem Öffnen der Flasche?“, erinnert er sich. Nach einiger Zeit, im Frühjahr 2006, ist sie dann gefunden, die Mischung, die auch Reisetbauer und seinen Partner Markus Schenkenfelder überzeugt. 27 Botanicals ergänzen sich, wobei 69 Prozent der Wacholder ausmacht. Als kleine Besonderheit gesellen sich noch 0,5 Prozent Hopfenblüten hinzu. Natürlich hat er auch den Basisalkohol nicht zugekauft, sondern selbst hergestellt. „Unbedingt sollte man zum Trinken ein bauchiges Glas nehmen, dazu gutes Eis und je nach Laune ein süßeres oder herberes Tonic und bitte keine gespritzten Zitronen- oder Limettenzesten, dann ist alles perfekt“, schwärmt er.

Reisetbauer ist über die Land- und Weinwirtschaft zum Brennen gekommen. Er gewinnt bereits nach kurzer Zeit zahlreiche Auszeichnungen für seine Edelbrände und wird auch persönlich dekoriert. Bald hat er sich einen Namen gemacht und wird auch international wahrgenommen. „Ich will einfach selbst alles produzieren und vermarkten. Alles muss stimmen. Boden, Rohstoffe, Wasser, Handwerk. Und man muss ein gutes Gespür für den Zeitpunkt der Ernte entwickeln“, erläutert er seine Philosophie. Was dabei herauskommt, ist Kulturgut, manche bezeichnen es als „Wahnsinn in Flaschen“.

Gin Blues

Gin aus Oberösterreich also. Reisetbauer hat mit Blue Gin einen blitzsauberen, eleganten, wacholdrigen Gin kreiert. „Gin ist Wacholder oder nix, den muss man auch pur trinken können“, donnert er. In seinem Fall kommt der Wacholder aus Mazedonien. Andere würden Marketing machen, er mache Qualität. Da gerät er schnell in Rage: „Ich bin Gin-Enthusiast. Der Markt ist die letzten drei bis vier Jahre überhitzt. Die Preise sind reine Fantasie und das schadet Leuten, die für ein Produkt kämpfen. Ich mache immer nur etwas Neues, wenn ich mir die Frage beantworten kann: Was kannst Du besser machen?“, Gin-Blues vom Macher des Blue Gin.

Inzwischen ist Blue Gin in 32 Ländern von Europa über die USA, Asien bis nach Australien erhältlich. Der Kopf dahinter ist Andreas Mühlböck, er kümmert sich um Vertrieb und Präsentation. „Ich bin nur so gut wie meine Mitarbeiter, und die Familie ist die Kraft“, betont der Workaholic Reisetbauer energisch. Der Name Blue Gin scheint das Ergebnis eines gewittrigen Brainstormings zu sein, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass er sich weltweit und in jedem Zustand leicht aussprechen lassen müsse.

Wenn Reisetbauer auf die letzten zehn Jahre Blue Gin zurückblickt, ist er schon ein wenig stolz. „Unser Gin ist ein Jahrgangsprodukt, das sich je nach den klimatischen Bedingungen immer ein wenig verändert. Das gehen meine Kunden aus der Gastronomie aber mit.“ An die 100.000 Flaschen werden inzwischen produziert, mit Luft nach oben.

Dass er Gin so lebt, zeigt sich schon an seinem Verkostungsverhalten von Spirituosen. „Ich spucke alles immer aus, aber beim Gin oder Gin & Tonic ist es um mich geschehen, da komme ich nicht dran vorbei“, sagt er augenzwinkernd. So nimmt es nicht Wunder, dass er auch einen Gin-Käse zusammen mit dem Spitzenkoch Roland Trettl entwickelt hat. Der kommt von der Südtiroler Feinkäserei Capriz, heißt Ginepro und ist ein würziger Begleiter zum Gin & Tonic. Wahrscheinlich, weil Reisetbauer nicht auf den Abend warten will, an dem er den ersten Gin & Tonic genießt, hat er kürzlich den Sloeberry Blue Gin gelauncht. Der lässt sich durchaus auch am Nachmittag in gemäßigter Form trinken.

Zehn Jahre. Eine Sonderedition und eine Sause

Für den Herbst kündigt er eine Sonderedition an. Etwa 1.500 Flaschen eines sieben Jahre in Eichenholzfässern gelagerten Blue Gin verlassen den Axberg, leicht fallen wird Reisetbauer das nicht. Am 29. Mai steigt auf seinem Vierkanthof eine große Sause. Gemeinsam mit 300 Gastronomen werden bei Essen und lässigen Drinks zehn Jahre Blue Gin und 50 Jahre Reisetbauer gefeiert. Unlängst hat der seinen Axberg Vodka, ursprünglich nur für den amerikanischen Markt produziert, für den europäischen Markt bereitgestellt. Das wird bei so manchem Bartenderideologen für Naserümpfen oder blasiertes Desinteresse sorgen.

Aber Vorsicht! Reisetbauer, der Vorausschauende, hat schon einmal bewiesen, dass er die Renaissance einer abgehängten Spirituose in der Nase hat. Falls es aber dazu käme, dass er mit seinem Axberg Vodka eine neue Vodka-Welle losträte, dann würden ihn die Bartender dieser Welt in der Hölle schmoren, die Kessel befeuert mit Blue Gin in Fassstärke.

Photo credit: Hans Reisetbauer via Manfred Klimek

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