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Low-ABV Drinks: Low-Alc fürs High-Life?

Bars 4.7.2017

Keine Frage, Low-ABV Drinks passen zum gesundheitsbewussten Lebensstil unserer Tage. Doch sind sie wirklich „gesünder“ – oder nicht vielmehr Wölfe in Schafspelz? MIXOLOGY ONLINE sucht zwischen morgendlichen Joggingrunden, Yoga-Flow und hochprozentigen, würfelzuckerstarken Old Fashioneds nach Antworten.

Sind Low-ABV Drinks in unserer durchtrainierten und „self-improve“-Welt eine so zwingende wie zukunftsweisende Entwicklung? Oder stellt dieser leichtfüßige Drink-Trend sogar eine gefährliche, liquide Strömung dar, welche den unkontrollierten Alkoholgenuss und das Abrutschen in die Abhängigkeit fördert?

„Bei der Idee oder der Bezeichnung ‚gesunde Drinks‘ stellen sich mir die Nackenhaare auf. Das ist heuchlerisch. Alkohol ist ein Nervengift – auch, wenn ich es in einer pürierten Kiwi serviere. Es ist viel ehrlicher, kräftige Sachen und dazu ein Glas Wasser zu trinken. So merkt man, was man im Glas hat und kann gezielt dosieren. Bei den meisten angeblich leichteren Sachen schmeckt man gar nicht, dass man Alkohol trinkt, was oftmals viel gefährlicher ist.“

Der hochprozentig erprobte Barprofi Klaus St. Rainer ist ein Freund ehrlicher, klarer Worte sowie ebensolcher Drinks. Und tatsächlich muss man dem Chef der Die Goldene Bar in München Recht geben – spätestens, wenn man sich an jenen sonnigen Nachmittag erinnert, an welchem man ein Schörlchen nach dem nächsten gesüffelt hat, um anfangs leicht benebelt dahin zu schweben und später stockbesoffen vom Barhocker sowie der Bildfläche zu verschwinden. Vom anfänglich erfrischenden Prickeln auf der Zunge blieb einem am nächsten Tag neben eines verdammt launigen Katers auch noch ein Loch im Portemonnaie – schließlich haben auch drölfzig Brausen ihren Preis. Dieses weniger leichte, sondern eher beschwerliche Schicksal wäre einem vermutlich mit einem kräftigeren Drink, welchen man tiefer gelegt auf der Zunge spürt und der sich Sip-by-Sip ins Gehirn vortastet, nicht passiert. Einem Drink, bei dem man eben weiß, was man hat und trinkt.

Low-ABV Drinks als Symbole des Zeitgeist

Doch Rainer belässt es nicht dabei, auf die heuchlerische Verschwommenheit angeblich gesunder Cocktails aufmerksam zu machen, sondern geht noch einen Schritt weiter, denn schließlich dürfe man auch die langfristige Entwicklung eines solchen Trinkverhaltens nicht auf die leichte Schulter nehmen. „Ich würde gesunde Drinks sogar als politisch unkorrekt bezeichnen, da sie definitiv dazu verleiten, mehr zu trinken. Man merkt gar nicht, dass Low-ABV Cocktails Alkohol enthalten und kann dann getrost auch schon mal vormittags mit dem Trinken starten. Deshalb können leichte Drinks, genauso wie Alkopops, in die Abhängigkeit führen.“

Neben dieses heimtückischen Risikos von Low ABV-Drinks, welche eben genau das Gegenteil von einem kontrollierten Alkoholgenuss bewirken, weiß Rainer um eine weitere, ungesunde Nebenwirkung, welche weder auf etwaigen „Beipackzetteln“ noch im Barmenü angeführt werden muss. „Die meisten leichten Drinks sind mit zuckrigen Sirups und billigsten Weinen gestreckt.“ Eine süße Wahrheit, die nur all zu gerne vergessen wird und eventuell auch bei der so hartnäckigen wie zart besaiteten Spritz-Fraktion ein nervöses Augenzucken sowie extra Einheiten auf der Yoga-Matte bewirken könnte.

Low-ABV Drinks als zahnfreundliche Sundowner

Da sich Rainer nicht zuletzt bei seinem beliebten Sunday Sundowner auf der Goldene Bar-Terrasse besagten Spritz-Verfechtern stellen muss, kontert er so zahnfreundlich wie gaumenschmeichelnd mit einer Low-ABV und Low-Sugar Alternative, welche aus restsüßem Rosé in Demeter-Qualität sowie dem extra herben Goldene Bar-Tonic Water besteht. „Ich habe nichts gegen leichte Drinks, solange sie nicht vorgaukeln, gesund zu sein. Ich persönlich greife im Sommer gern zu Champagnerschorle auf Eis, die man in Wien ‚Feingespritzen‘ nennt.“

Denn obgleich Rainer ein Verfechter des ehrlichen Trinkens und des schmeckbaren Alkohols ist, weiß auch er, dass manche Situationen nicht nach einem klein-schluckigen, sondern einem groß-zügigen Drink verlangen. Gerade bei steigenden Temperaturen und sinkendem Flüssigkeitshaushalt können Low-ABV Cocktails mit weniger Alkoholgehalt schließlich Sinn machen und den Sommerabend retten.

„Als Bar hat man eine gewisse Verantwortung, was den Umgang mit Alkohol angeht“, weiß auch Kathrin Scheurer, welche an der Seite von Marco Beier das Münchner Patolli bespielt und beshaked. „Gerade in den Sommermonaten, in denen der Gast aufgrund der Hitze wenig gegessen, zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen oder zu viel Zeit in der prallen Sonne verbracht hat, sollte man sich über sein Angebot Gedanken machen.“

Ist Low-ABV also lediglich ein Sommertrend, passend zum leichten Hemd und kurzen Röckchen? Leichtere Drinks seien, so Scheurer, weniger eine Lifestyle-Frage, sondern eher eine auf der Natur des Menschen beruhende Tresen-Tatsache: „Im Sommer hat man Durst. Dementsprechend trinkt man schneller, daher ist die Frage nach Low Alcohol durchaus angebracht.“

Low-ABV: Aroma versus Alkohol und wermütige Glasfantasien

Auch die Highball-Spezialisten Ella Sinds und André Meier, welche mit ihrem lässigen The High das Münchner Glockenbachviertel bunter und trinkstärker machen, wissen um den Vorteil leichter Drinks und schneller Züge. Als Betreiber einer Bar, in welcher ausschließlich kleinglasige Highball-Varianten serviert werden, sind Sinds und Meier damit vertraut, Aromabömbchen zu kreieren, ohne dabei in rauen Mengen auf den einschlägigen Geschmacksträger Alkohol zurückzugreifen.

„Wir beschäftigen uns gerade viel mit Portwein, Wermut oder Sloe Gin – drei Spirituosen mit geringerer Umdrehungszahl, die trotzdem geschmacklich viel hergeben und sehr schön mit Fillern wie Tonic Water harmonieren. Zur Zeit haben wir auf unserer Karte zum Beispiel den Antispritz aus Lillet, Weißwein, Mediterranean Tonic und Apfel-Thymian-Bitters. Ein wunderbarer Sommerdrink ohne zu viel Sprit.“

„Get low“ oder „fly high“? Alles eine Frage des Konzepts.

Doch nicht nur bei gefühlten 40 Grad und hitzewelligen Durstanfällen können Low-ABV Drinks eine den Geist und Körper erquickende Alternative zu so manchem, kräftigen Schluck darstellen. Oftmals ist das „Get low“ oder „Fly high“ vielmehr eine Frage des Konzepts. In Bars, welche durch dunkles Interieur und klassische Drinks darauf ausgelegt sind, dass man sich dem gepflegten Rausche hingibt und, ganz nach Rainerscher Manier, den Alkohol langsam und kontrolliert in den Geist vordringen lässt, macht es gewiss weniger Sinn, etwas Leichtes, blubbernd Fröhliches zu bestellen.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Tresenkonzepte, welche sich außerhalb dieser brettstarken, nachtschwarzen Welt bewegen und deren Gäste eher selten Barflys oder trinkerprobte Connaisseure sind. „Old Fashioned oder Manhattan bestellt nur ein kleiner Kreis geübter Trinker. Da muss man schon herangeführt werden. Die meisten Leute mögen eher leichte Sachen. Ich arbeite in großen Läden mit angegliederten Restaurants, in denen eben nicht nur eine handvolle Connaisseure sitzt, sondern viele Gäste, die etwas Gefälliges möchten“, weiß David Metz, der als Barchef der Dine and Drink-Konzepte Blitz, Kismet und Kiss neben erfrischender Cocktails auch eine große Auswahl alkoholfreier Drinks im liquiden Repertoire hat.

Low-ABV und High-Profit

Aufgrund der vegetarischen Ausrichtung der Restaurants merkt auch Metz, dass Low-ABV definitiv zum Lifestyle einer größer werdenden Trinkerschaft passt – eben denjenigen, die zwar am Wochenende auf die Rolle gehen, aber unter der Woche gerne ihre Yogamatte ausrollen. Jegliche Beurteilung, ob dies nun well-balanced oder eine gezielte Selbstlüge ist, sei an dieser Stelle außer Acht gelassen, doch macht es natürlich durchaus Sinn diesen, so inkonsequenten wie vielseitigen Bedürfnissen nachzugehen und einige „Nur ein bisschen“-Drinks auf die Karte zu setzen.

„Das Kiss und Blitz sind vegetarische Restaurants, in die auch viele gesundheitsorientierte Leute kommen. Zudem haben wir im Blitz auch noch einen angegliederten Club, so dass wir unsere Gäste natürlich auch im Laden und bei Laune halten wollen. Es macht demnach auch wirtschaftlich gesehen mehr Sinn, Drinks mit weniger Alkoholgehalt anzubieten. Dann trinken die Leute mehr und bleiben länger fit.“

Low-ABV für High-Profit? Auch diese Frage ist wohl ein zweischneidiges Barmesser, denn natürlich ist es bei einem Konzept wie dem Blitz clever und sinnvoll, seine hungrigen Gäste nicht bereits beim Aperitif mit einem kräftigen Martini ins Träumeland zu schicken, sondern sie vielmehr bei der Stange und bei Sinnen zu halten. Andererseits kann das „Produzieren“ vieler, schwacher Drinks auch seine schweißtreibenden Nachteile haben, denen so manche, kleinere Bar im wahrsten Sinne des Wortes nicht gewachsen ist.

Think and Drink: Liquide Leichtgewichte ohne beschwerliche Nebenwirkungen

Ist Low-ABV also nun eine Frage des Lifestyles, der Jahreszeit, der Situation oder des Konzeptes? Und viel wichtiger noch: Sollte man Low-ABV als einen unserer Zeit geschuldeten Zukunftstrend bewerten? Ob ein ordentlich umdrehender Bumms im Glas oder das fizzige Schörlchen die besseren Tresen-Partner sind, kann wohl nicht eindeutig beantwortet werden. Und auch die These, dass Low-ABV in Anbetracht eines nachhaltigeren und bewussteren Lebensstil die Zukunft der Bar bedeutet, ist eher fraglich. Die Beschäftigung mit diesen liquiden Tiefstaplern ist allerdings, aus Bartender- und Gästesicht gleichermaßen, von Wichtigkeit und Belang. Zum einen sollte man nämlich bei Low-ABV Cocktails niemals leichtgläubig sein, sondern sich vielmehr klar machen, dass Alkohol eben in jeder Dosierung ein Nervengift ist. Zum anderen ist auch das Argument, dass weniger Alkohol oftmals ein Mehr an Zucker bedeutet, nicht von der Hand, sondern besser vom Tresen zu weisen. Aber wenn man sich diese Tatsachen einmal bewusst gemacht hat und ein kleines, alko-poppiges Muntermacherchen nicht zur täglichen Frühstücksroutine gehört, kann man sicherlich eines festhalten: Leichte Drinks haben ihre Berechtigung. Low-ABV sichert in vielen Situationen und innerhalb einiger Kontexte einen unbeschwerten Glasspaß und einen ebensolchen Abend.

Auch Sinds und Meier aus dem The High wissen: „Gerade an einem schönen Sommertag unter der Woche sind Low-ABV Drinks eine schöne Möglichkeit, den Tag ausklingen zu lassen und sich am nächsten Tag nicht gleich schlecht zu fühlen.“ Vorbei sind schließlich die Zeiten, in welchen man sich im Don Draper-Stil schon zum Lunch zwei bis drei Martini genehmigte, um danach den Tag mit Scotch, Zigaretten, seinen Sekretärinnen und wichtigen Geschäften dahinfließen zu lassen.

So kann man wohl getrost zu einem wunderbar leichten Fazit kommen: Wer einen gesunden Drink will, sollte sich besser an die gute, alte Apfelschorle halten oder gleich zum Wasser greifen. Und auch wer denkt, dass Low-ABV ebenso wie Yoga-Flow, Low Carb oder Low Fat zu einem glücklicheren Leben und top Leberwerten führt, der irrt mit hochprozentiger Wahrscheinlichkeit. Doch ein kühles Glas Wein als Aperitivo am frühen Abend oder ein locker-flockiger Port and Tonic an einem heißen Sommernachmittag machen das Leben zwar nicht gesünder, aber herzerfrischend genussvoller.

Photo credit: Foto via Shutterstock.

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