Das Wesentliche und Unwesentliche des Prince of Wales.

Klassik 5.8.2012 4 comments

Frauen, Glücksspiel, die prüde Queen Victoria. Trunkener Genieglaube und hoffnungsfroher Müßiggang, schufen im Verfall das Neue. Die Geschichte des Prince of Wales gebar des Wesentliche aus dem Unwesentlichen und somit einen Cocktail mit der gustatorischen Feinmechanik für Lebenskünstler.

Sexual- wie Berufsleben weisen mitunter erniedrigende Parallelitäten auf. Eine ist das grausame Phänomen, wenn man nicht zum Zuge kommt, das sich als extrinsische Apathie bezeichnen ließe. Es tritt ein, wenn eine Entscheidung nicht fallen will, sondern endlos hängen bleibt wie ein letztes vertrocknetes Blatt an kahlem Baum im Winterwind. Obwohl das Ziel greifbare Nähe suggeriert, zwingen externe Bedingtheiten, erregt zu verharren.

Während der extrinsischen Apathie sind Strategien vonnöten, die ein totales Verbittern verhindern. Zum Beispiel die ausgiebige Beschäftigung mit Nebensächlichkeiten, wie anderen Frauen, Glücksspiel, Drinks. Streift die Wartezeit Äonen, kann darin eine Meisterschaft erblühen, in der das Wesentliche mit dem Nebensächlichen oszilliert, final die Plätze tauscht und das ursprüngliche Ziel wie von Zauberhand verschwinden lässt. Ein Liedchen, das davon singt, ist das Leben des Bertie, geborener Edward Albert, Prince of Wales.

Seine Mutter, Queen Victoria von England, hielt ihn in ihrer ganzen Zuneigung für dumm, faul, zu fett und schuldig am Tod ihres geliebten Ehegatten. Dabei hatte Bertie lediglich die Militärausbildung genutzt, um mit leichtfüßigen Mädchen zu verkehren, die er anschließend als Nellie Clifden bei Hof einführte. Diese unrühmlich ruhmreiche Affaire brachte ihren Mann ins Grab, glaubte Queen Victoria zeitlebens, obwohl man auch hätte vermuten dürfen, dass es der Krebs war, an dem er litt.

Grandioser Trinker und Mixologe

Jedenfalls ließ Bertie Nellie fallen und Victoria Bertie, indem sie ihren Sohn von allen Amtsgeschäften fern hielt, hämisch steinalt wurde und ihn zu dem Prinzen machte, der bis dato am längsten auf seine Thronbesteigung warten musste. So bestieg er weiter anderes und verfeinerte Fähigkeiten, die indirekter mit der Amtsführung eines Königs zu tun haben. Er wurde ein veritabler Glücksspieler und ein grandioser Trinker und Mixologe. Seine größte Lebensleistung bestand in der Kreation eines monumentalen Cocktails, der noch heute zahllose Hedonistenzungen kitzelt und glorreich seinen Namen trägt: Prince of Wales.

Es ist eine herrlich dekadente Variation des Improved Whiskey Cocktails, dieser typischen Mischung des 19. Jahrhunderts, in der reichlich Whiskey mit winzigen Tropfen Maraschino und Angostura betupft wird. Irgendwann, in irgendeiner Bar, schmiss der große Bertie mit der ihm eigenen Leichtfertigkeit ein Stückchen Ananas und einen Spritzer Champagner hinzu und machte damit ihn und sich zum ewigen Prince of Wales.

Seither, vermutlich von victorianischen Epigonen verbreitet, gibt es unter dem Namen Prince of Wales zahlreiche Rezepte, die mit groben Flüssigkeiten guten Champagner zernichten. Irrgläubig wird dort vermutet, es handele sich bei diesem Whiskey Cocktail um einen Champagner Cocktail, dessen entscheidendes Element ein silberner Becher sei. Die  einzig wahre Anleitung zur Erkenntnis findet sich dagegen in dem 1901 erschienenen Buch „Private Life of King Edward VII“, geschrieben von einem Mitglied des royalen Haushalts. „A little Rye Whiskey“, also nach den Vorstellungen des neunzehnten Jahrhunderts mindestens 6 cl., ein Löffel Maraschino-Likör, ein Tropfen Angostura sowie ein walnussgroßes Stück Ananas, süß wie das Leben, werden mit viel Eis und brutalem shaken in ein Panoptikum der Nebensächlichkeit verwandelt und in ein Cocktailglas abgesiebt. Dann krönt ein Spritzer besten Champagners es zur Essenz des Wesentlichen. Historisch und metaphorisch evident ist die Tatsache, dass es nur ein nichtiger Spritzer ist, der krönt. Es soll nicht blubbern, das ist kein Jacuzzi. Das ist gustatorische Feinmechanik für Lebenskünstler.

Das Genie des Prince of Wales

Als Königin Victoria dann doch noch das Zeitliche segnete und Bertie mit 59 Jahren zu König Edward VII gekrönt wurde, war natürlich alles zu spät. Gerade noch, dass er die Entente cordial abschließen konnte, die wenig später mit dezenter Unterstützung deutscher Großmachtphantasien zum ersten Weltkrieg führte, starb er nach nur neun Jahren Regentschaft. Höchstens freudlose Gesundheitspietisten würden vermuten, dass ihn die zwölf Zigarren, die er täglich rauchte, dahin gerafft haben. Die große Wahrheit am Rande des Wahrscheinlichen aber ist, es war eine innere Erkenntnis, die das Wesentliche mit dem Unwesentlichen vertauschte und ihm das Dasein eines Königs als seinem Genie nicht angemessen erscheinen ließ. Die Manifestation dieser Erkenntnis ist der Prince of Wales Cocktail.

Es mutet an wie ein finaler Sieg über seine Mutter, nach der ein ganzes Zeitalter verklemmter, heuchlerischer Moralvorstellungen benannt wurde, wenn er, der Prince of Wales, im Silberbecher über die besten Tresen der Welt geht, um das Wesentliche des Lebens zu zelebrieren.

 

Prince of Wales

2 cl Madeira

2 cl Cognac

2 Dashes Angostura Bitters

1 BL Orange Curacao

Champagner

 

Glas: Champagner

Garnitur: Orangenzeste

Zubereitung: Alle Zutaten bis auf den Champagner in den Shaker geben, mit Eiswürfeln füllen und ca. 15 Sekunden (15 mal) schütteln. In das vorgekühlte Gästeglas abseihen und mit Champagner auffüllen.

 

Bildquelle: aboutpixel.de / es prickelt so schön…. © Martina Marschall

 

 

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4 comments

  1. Torben Bornhöft

    Ein feiner Artikel – gut geschrieben, daraus folgt Freude beim Lesen!
    Mich verwirrt jedoch das vom im Text beschriebenen Rezept vollkommen abweichende Rezept unter dem Artikel. Rye, Maraschino, Ananas, Bitters und ein Hauch Champagner vs. Madeira, Cognac usw., aufgefüllt mit Champagner… Irgendwie doch widersprüchlich, oder? 😉

  2. Redaktion

    Wir haben als Rezept die adaptierte Version aus dem Cocktailian verwendet. Das Originalrezept ist folgendes:

    60ml Rye
    1 kleines Stück Ananas
    dash Angostura
    1/2 Barspoon Maraschino
    sugar to taste (1/2 Barspoon)
    shake & strain
    Splash Champagner
    Zitronenzeste

  3. Stefan Stevancsecz

    Danke der Redaktion für die Zusatzinfo – und danke Herr Bornhöft für´s Nachfragen;-)

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