Ti Punch. Der süsse Tod.

Klassik 21.10.2011 4 comments

Unterschätzt und missverstanden? Rhum Agricole und der Ti Punch bieten viele Ansatzpunkte für Diskussionen und das nicht nur in Fachkreisen. Dabei begegnet man unterschiedlichen Ansichten auf den Heimatinseln Martinique, Guadeloupe, Réunion und Mauritius mit einer gehörigen Portion laissez-faire. Soll doch jeder so, wie er will. Chacun prepare sa propre mort.

Die Heimathäfen des Rhum Agricole liegen an den schönsten Landeplätzen der Erde. Die französischen Antillen, bestehend aus Martinique und Guadeloupe, dem französischen Überseedepartment La Réunion im Indischen Ozean, sowie dem, trotz 150 Jahren englischer Besatzung weiterhin französisch geprägten und seit 1968 unabhängigen Inselstaat Mauritius, 200 km östlich von Réunion. Allen Inseln gemeinsam ist die jahrhundertelange Tradition der Zuckerproduktion sowie damit unmittelbar zusammenhängend die Herstellung von Rhum Agricole.

Dieses aus frischem Zuckerrohrsaft an Stelle von Melasse gewonnene Destillat erfährt in der Bar jedoch größtenteils noch eine sehr stiefmütterliche Behandlung. Woran liegt das? »Die geschmackliche Divergenz zwischen den sehr fruchtigen weißen und den meist staubtrockenen gereiften Agricoles, die einen schon fast an Cognac oder Whisky denken lassen, ist enorm. Und gerade bei den gereiften Qualitäten ist ein (Melasse-)Rum-Trinker vielleicht sogar der falsche Adressat. Ich empfehle diese gerne Gästen, die vom Aromaprofil deutlich trockenere Spirituosen bevorzugen«, erläutert Robin Plöger (Lebensstern, Berlin). Ist es also die fehlende Erfahrung des Barpersonals im Umgang mit Rhum Agricole, die zu Fehleinschätzungen und somit vielleicht negativen Schlüsselerlebnissen führt? Marcus Wolff (Bar Marques, Berlin) stimmt teilweise zu: »Viele Gäste haben weder Rhum Agricole noch den Ti Punch auf dem Schirm und beides besitzt nicht einen Bruchteil der Popularität, die Cachaca und Caipirinha in Deutschland ihr eigen nennen. Man muss es ihnen nahebringen. Wenn man sich dann als Bartender ob der komplexen Aromatik von Agricole nicht bewusst ist, kann man natürlich einiges falsch machen.« Gezielt nach dem eingangs schon erwähnten Ti Punch (franz. Abkürzung für: Petite Punch) fragen, so die einhellige Meinung der Workshopteilnehmer, nur Gäste, die schon einmal mit dem Drink auf den Inseln in Berührung gekommen sind.

Auf die Frage, wie viele Agricoles in den am Workshop teilnehmenden Bars angeboten werden, war im Durchschnitt von ein bis drei Qualitäten die Rede. Im Berliner nhow Hotel führt die bekennende Rhum-Liebhaberin und Barchefin Christina Schneider gar fünf verschiedene Sorten. Die Alto Bar im Berliner Adina Hotel hingegen noch gar keinen, da es laut dem Bar Manager Patrick Seidel »bisher auch keinerlei Nachfrage nach Rhum Agricole gab«. Wirklich heraus sticht nur die Lebensstern Bar, die ja bekannterweise auch als »Spirituosenbibliothek« firmieren könnte und seinen Gästen eine mittlere zweistellige Anzahl an Rhum Agricoles aller Reifegrade und Qualitäten zur Auswahl bereithält.

Was dem Cachaca die Caipirinha ist dem Rhum Agricole der Ti Punch.

Diese einfache Kombination aus Rhum, Limetten und Zucker wird in mannigfaltigen Varianten seit Jahrhunderten von der einheimischen Bevölkerung genossen und ist so etwas wie der Signature Drink für Rhum Agricole geworden.

Rezeptvarianten gibt es dabei ungefähr so viele wie Einwohner auf den französischen Antillen. Dabei ist fast allen gemeinsam, dass der Ti Punch im Gegensatz zur Caipirinha eher ohne Eis getrunken und der Rhum Agricole mit Limettensaft und Rohrzucker dabei nur akzentuiert wird. Diese Trinkweise stellt für den Konsumenten durchaus eine Herausforderung dar, da dem Drink die erfrischende Kühle und das mildernde Schmelzwasser fehlt, zumal Rhum Agricole meist in Abfüllstärken von 50 bis 70% Vol. auf den Tisch kommt. Apropos Tisch. Auf den Heimatinseln des Rhum Agricole ist es durchaus üblich, die Flasche Rhum, Zucker und Limetten sowie ein separates Glas mit Eis an den Tisch zu bringen, sodass sich jeder »seinen Tod selber zubereiten kann« (»Chacun prepare sa propre mort«).

In den Bars fernab des französischen Einzugsgebietes wird der Ti Punch meist kälter und fruchtbetonter serviert. So rührt man im Lebensstern den Rhum Agricole mit Rohrzucker und Limettensaft im Verhältnis 5/2/2 auf Eis im Gästeglas, ähnlich auch im nhow, wo man das Ganze auf einem großen Eiswürfel serviert.

Ein Ti Punch ist und bleibt ein ernsthaftes Getränk

Die adäquate Serviermethode und das Mischungsverhältnis beim Ti Punch standen auch im Mittelpunkt des Workshops. So wurden als Ergebnis mehrerer Testläufe zwei in sich recht unterschiedliche Versionen favorisiert. Überraschend für die meisten dabei, dass Variante 1 (siehe unten) sehr wohl seine Berechtigung hat, denn der Rhum wird durch Zucker und Limette nur akzentuiert, so wie man es bei einem Old Fashioned mit Zucker und Bitters macht. Die volle Aromatik des Rhum eröffnet sich einem so wesentlich besser als beim reinen Purgenuss. Variante 2 wurde von den Teilnehmern schmeichelhaft »Limonädchen« genannt. Deutlich höherer Zucker und Saftanteil sowie der kühlende Schmelz der Eiswürfel sorgen so für eine Erfrischungskomponente, die bei Variante 1 nicht gegeben ist.

14 unterschiedliche Rhum Agricoles wurden in beiden Versionen während des Workshops verkostet und sorgten nicht nur für die Rhum- Agricole-Experten unter den Teilnehmern für sehr spannende Ergebnisse. Vor allem interessant war die Tatsache, dass sich manche Rhums ganz dezidiert für nur eine der beiden Spielarten empfahlen.

Aber auch wenn die Limonadenversion deutlich süffiger ist, fasste Christina Schneider die Ergebnisse des Tages treffend in einen kurzen Satz: »Ein Ti Punch ist und bleibt ein ernsthaftes Getränk.« Eine Tatsache, an der wohl kaum einer rütteln kann.

4 comments

  1. Pingback: Martinique und der Ti Punch | septembermorgen
  2. SH

    Original (Martinique) OHNE EISWÜRFEL.

Schreibe einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Ähnliche Artikel