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Das Call Saul in München ist eine Parallelwelt. Und sie funktioniert

„I want that, too!“ Das Call Soul in München ist eine Parallelwelt. Und sie funktioniert

In der Call Soul Bar in München dreht sich alles um die Erfolgsserie „Breaking Bad“. Das reicht von aufwändigen Cocktail-Präsentationen in eigens kreierten Gläsern bis zu Interior und Beleuchtungskonzept. Mittlerweile haben die drei Alija-Brüder eine internationale Klientel, die den (Feuer-)Zauber der Bar-Kreativen nicht nur digital abfeiert.

„Radikal authentisch und avantgardistisch“ – die Beschreibung für den Stil der Call Soul Bar kommt bei Adnan Alija schnell. Wichtiger aber ist dem Münchner der Nachsatz: „Der Wandel bleibt weiterhin unsere stetige Konstante.“ Was anderswo als Platitüde gelten wurde, ist in Schwabings Biedersteiner Straße die Ursache, dass es die Bar noch gibt. Denn lange war man am Zweifeln, ob das Konzept einer Trinkstätte, die bewusst „positiv überraschen und schockieren“ wollte, im alten Ausgehbezirk aufgehen würde.

Das begann bei der Namensgebung nach einer TV-Serie, in der es – bei aller Brillanz der Show – um Drogenerzeugung und -handel ging. Denn als im Mai 2016 die Call Soul – Breaking Bar eröffnete, stand die Optik gänzlich im Zeichen der TV-Serie „Breaking Bad“.

Neongrün-schwarze Optik ist in der Parallelwelt der Call Soul Bar tonangebend
Neongrün-schwarze Optik ist in der Parallelwelt der Call Soul Bar tonangebend

Zweifler gingen, Begeisterung blieb

Die neongrün-schwarze Optik, um das ikonische Periodensystem aus den Abenteuern um Jesse Pinkman und Walter White gebaut, sah zu sehr nach Hype mit Ablaufdatum aus. Wer das glaubte, verwechselte (wie Legionen vor ihm) Form und Inhalt. Ja, bis heute serviert man die „Heisenberg Nachos“ als Bar-Snack. Die Buchstaben-Kürzel aus dem Periodensystem erwiesen sich hingegen als äußerst nützlich, um auf der Cocktail-Karte anzuzeigen, welche Spirituose verwendet wurde bzw. ob es den Drink auch alkoholfrei gibt. In diesem Rahmen allerdings baute man eine neue Dimension ein: Cocktail trinken, als sozial interaktives Erlebnis verstanden. Neben den Illustrationen an den Wänden und dem ausgeklügelten Licht- und Sound-System spielte die Musik nun bei Tisch: Tägliches Feuerwerk anstelle des Schlummertrunks, Eventkultur im Becher!

Doch dann kamen erst einmal nur die Münchener Cocktail-Versteher, die nach wenigen Minuten wieder das Kellerlokal verließen. Denn mit den erwarteten, alkohol-satten Dreiteilern hatte die Crew des Call Soul so gar nichts am Hut. Dafür mit Humor, gerne auch schrägem, und künstlerischen Elementen, die nicht aus dem Jahrhundert Franz von Stucks stammen. Das begann bei den eigenen Spirituosen, die älter sind als die Bar selbst. „Affengeil“ würde man einen Rumlikör heute vielleicht nicht mehr nennen, aromatisch aber steht der u. a. mit Portwein aromatisierte bayrische „Spiced“ über vielem, was heute als „Spirituose auf Rumbasis“ angeboten wird.

Alle Signatures kommen in speziell gefertigten Gläsern und Gefäßen
Alle Signatures kommen in speziell gefertigten Gläsern und Gefäßen

Call Soul – Breaking Bar

Biedersteiner Str. 6
80802 München

Diese Bar wird brüderlich geteilt

Und dennoch: „Machen wir vielleicht alles falsch?“ Diese Frage stand am Anfang als Bangemacher im Raum. Bis sich jedes Wochenende der Kellerraum ein wenig mehr füllte. Die Woche darauf: wieder ein bisschen mehr Gäste. Daran änderte auch die Pandemie nichts, nach der die fröhliche Cocktailwelt plötzlich gefragter war als eine Diskussion über ätherische Öle am Tresen. Mittlerweile feiert die Bar ihren achten Geburtstag, was schon deshalb nicht absehbar war, weil am Anfang nur ein Showroom für die Spirituosen gesucht wurde: Zum „Affengeil“, der bis heute bei Vollmond gefüllt wird, gesellten sich der Haselnuss Likör „Natali“ und der Haus-Gin „Legindary“. Als dieser 2017 kreiert wurde, gab es aber bereits die funktionierende Bar, die zudem bis heute eine echte Familien-Angelegenheit darstellt.

Die Rollenverteilung der drei Brüder ist dabei klar: Die Gästeströme kanalisiert Adrian Alija im Apothekermantel, „Mex“ Alija, der mit Vornamen eigentlich Armend heißt, fungiert als Chef-Mixologe. Und Adnan hält als Gründer und Visionär des Hauses die kreativen Ideen des Duos zusammen. Womit auch Agron Bytyqi in Spiel kommt. Als „Brother from another Mother“ ist der 47-jährige Bankkaufmann „Tyqi“ für alles Operative in Schwabing zuständig. Mit Ausnahme von Mex Alija als „Youngster“ mit seinen 37 Lenzen gehören übrigens alle „Call Soul“-Macher der Alterskohorte 45plus an. Das ist nicht unwichtig: Das Quartett muss weder jemandem etwas beweisen, noch strebt es nach goldenen Nasen. Vielmehr geht es ihnen darum, selbst Spaß zu haben, sooft sie in ihrem Laden stehen.

Gegenmittel in giftgrün

Der Moment, in dem das ganz offensichtlich wird, ist gekommen, als Adrian mit verschwörerischer Geste einen Metallkoffer auf den Tisch wuchtet. Er weist exakt das Format und das geheimnisvolle Panzerketten-sichere Aussehen auf, wie es jene Behältnisse haben, in denen James Bond Uranproben entsorgt oder denen Wolverine das Gegenmittel gegen das X-Waffen-Programm entnimmt. Auch der Inhalt schimmert gefährlich Grün. Das verschwörerische Gehabe Adrians, der mit seinem gezwirbelten Schnurrbart ohnehin eine Dosis Mad Professor in den Schwabinger Keller bringt, tut ein Übriges. Und doch wird hier „nur“ ein Shot Islay-Whisky serviert – in einer Manier, die man sich aber lange merkt.

Seit 2016 wird Cocktail trinken im Call Soul als sozial interaktives Erlebnis verstanden
Seit 2016 wird Cocktail trinken im Call Soul als sozial interaktives Erlebnis verstanden
„Darf ich kurz ein Bild von eurem Drink machen?“ wird im Call Soul selbstverständlich gefragt
„Darf ich kurz ein Bild von eurem Drink machen?“ wird im Call Soul selbstverständlich gefragt

Bilder-Diebe jagen den Trink-Astronaut

Braucht es dieses Brimborium für den Geschmack? Sicher nicht. Dafür reicht dem Fass-Stärken-Torfmonster auch ein Zahnputzbecher. Doch um Gäste in Zeiten wie diesen anzuziehen, ist die Cocktail-Wunderwelt mit ihren Gadgets Goldes wert (vielleicht deswegen der Koffer?). Zumal ja nicht nur am Tisch gezaubert wird. Alle Viertelstunden wabbert Trockeneis-Nebel durch die Bar, blinkende Elemente lenken immer wieder den Blick vom eigenen Getränk woanders hin. Das geht allen Gästen so. „Darf ich kurz ein Bild von eurem Drink machen“, wird hier so selbstverständlich gefragt wie anderswo Salz vom Nebentisch geliehen wird.

Der Schauwert ist aber auch zu hoch, wenn ein Tequila-Yuzu-Highball im Jet-Pack eines 40 cm großen Astronauten serviert wird, der vor dem Gast noch minutenlang „ausglüht“. Der „C10H15N“ um 25 Euro mag der spektakulärste Cocktail sein. Doch für Instagram wartet auch eine Badewanne zum Ausschlürfen („Breaking Bath“, 23 Euro), die nach Sake und Bergamotte schmeckt. Oder ein giftgrüner „High Seltzer“ aus der Bong. Zwischendurch wird als Teil eines Serves auch eine Tube „Zahnpasta“ gereicht. Oder fachmännisch der Umgang mit dem „Blood of Nature“ (22 Euro) erklärt. Zu infantil? Nun, dieser Rum-Manhattan in Infusionsoptik zeigt eine Balance aus herb-säurigem Biss und dem süßen Rum, zu der neben dem Wermut auch Aroniabeeren beitragen. Und immer wieder geht an irgendeinem der Tische der Bestseller des Hauses – „Burning Man“ (19 Euro) – in Flammen auf.

Dass hinter den experimentellen Trinkgefäßen die Beauftragung von Künstlern steht, die teils fast Unikate liefern, ist vielen Party-People offenbar nicht bewusst. Die Diebstähle von Gläsern und Deko „macht mich echt traurig“, wird Adnan Alija plötzlich ernst. Denn rund um die unkonventionellen Serviergefäße hat man eine Dramaturgie entwickelt. Da nehmen es die Stammgäste auch in Kauf, auf einen Cocktail länger zu warten, bis ein rares „Glas“ wieder bei der Servicestation frei wird.

Das ikonische Periodensystem, Jesse Pinkman und Walter White sind allgegenwärtig
Das ikonische Periodensystem, Jesse Pinkman und Walter White sind allgegenwärtig

Konzept-Kunst in heiterer Verpackung

Die Mischung aus opulenter Optik und solidem Mix-Handwerk speist sich auch aus der Biografie der Gründer. Am deutlichsten wird das bei Adnan Alija, der nach der Bartender-Ausbildung u. a. im Pusser’s shakte. „Da war ich nicht so lange, habe aber sehr viel klassische Mixologie gelernt“, erinnert er sich an die Tage bei Bill Deck. 14 Jahre hingegen blieb der heute 49-Jährige bei Sausalitos – als nationaler Bar-Leiter. Trends und Styling, das sich am Tresen gut verkauft, gehörten da zum täglichen Geschäft. Bruder Adrian wiederum lernte die (System)Gastronomie in seinen Jahren bei der Deutschen Bahn ausführlich kennen. Und dann ist da noch die künstlerische Ader der Familie Alija: Mex hat eine Vergangenheit als Rap-Musiker, Adnan stellte eben erst seine Gedichte bei einer Vernissage vor.

Ein wenig erinnert das poppige Konzept an die alten Tage im Londoner Nightjar. Auch dort sah man nicht, wie im Hintergrund gemixt wurde, doch das Ergebnis beeindruckte. Und schmeckte erst in zweiter Linie. Der bombastische Drink war das Ziel, nicht der Weg. In Schwabing pflegt man ebenfalls elaboriertes Prepping, Re-Destillieren inklusive. So ist es ein aufwändiges Shiitake-Destillat, das zusammen mit Cognac dem „Glückspilz“ (19 Euro) den Geschmack gibt. Gepflückt wird das Glas natürlich von einem täuschend lebensechten Baumstamm.

Bestens betreut mittrinken und mitreden

Doch die Vorarbeit übersieht man angesichts der spektakulären Endstufe, die hier oft im wörtlichen Sinne gezündet wird, allzu leicht. Im mixologischen Stolz verletzt fühlt sich dabei dennoch keiner. „Das Erlebnis muss unaufdringlich und balanciert zelebriert werden“, kommentiert Adnan Alija druckreif und in deutlichem Kontrast zum anarchisch-bunten Drink-Kosmos.

Vor allem ist die Service-Crew, teils von Beginn an im Team, ein wesentliches Element des Gesamtkunstwerks Breaking Bar: Novizen wird von ihr die Schwellenangst genommen. Und gesagt, wo die Hand nicht liegen sollte, wenn die Flammen über den Cocktail züngeln. Den zu lustigen Gästen aber wird mit freundlichen Worten die Grenze aufgezeigt. All das ist Teil eines Konzept-Albums zum Trinken, die das „Umwandeln unserer authentischen Kunst in verdauliche Kost schafft“.

Dass diese Art der Cocktail-Dramaturgie schnell das Eis bricht, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Bei der Tinderia sowieso, aber auch bei Expats, die sich mit Bayern treffen, aber nicht durch ein Drinks-Menü voll deutscher Strenge ackern wollen. Hier reicht ein Fingerzeig zum Kuriosum, das der Nachbar schlürft: „I want that, too“. Inklusion statt „Wos moanan ‘S?“. Die Brüder selbst freut diese Diversität der Kulturen: „Vor allem am Wochenende kann es sein, dass an jedem zweiten Tisch eine andere Sprache gesprochen wird. Das schafft eine ganz besondere Atmosphäre.“

Wobei: An der hat es im Call Soul ohnehin noch nie gemangelt.

Credits

Foto: Daniel Schvarcz

Comments (2)

  • Christian Eder

    So eine geile Bar. Immer eine geile Zeit. Super Artikel und top Bar.

    reply
  • Cornelius

    Seit mir dieses Kleinod in 2018 gezeigt wurde, ist der Besuch ein fest eingeplanter Termin bei jeden Münchenaufenthalt. Nicht nur sind die Drinks und die Präsentation absolut cool, der Service war jedesmal perfekt – egal wie voll die Bar war.

    reply

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