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Der Claridge Cocktail ist kein Star, hat aber durchaus seine Allüren

Der Claridge Cocktail hat einen großartigen Namen, richtig bekannt gemacht hat das den Drink aus den 1920er-Jahren aber nicht. Dabei wäre es durchaus angebracht, dem eleganten Shortdrink mit der Aprikosennote ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen.

Es gibt sie ja zuhauf. Diese Drinks, die in vielen Büchern stehen, über die aber kaum ein Bartender je spricht. Die auf so gut wie keiner Barkarte stehen. Deren Herkunft nicht akribisch ermittelt wurde, weil sie nie so sehr den Zeitgeist trafen, dass sich die Granden der Cocktailgeschichtsschreibung mit ihnen befasst haben. Dabei sind sie in vielen Fällen großartig. Wie etwa der Claridge Cocktail, um den es heute gehen soll.

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Von wegen „zu süß“!

Dass der Claridge Cocktail vielleicht einer jener Drinks ist, die oft nicht zubereitet werden, weil sich das Rezept auf dem Papier zu süß „liest“, mag eine Erklärung dafür sein, dass viele Bartender ihn gar nicht erst ausprobieren. Vier Zutaten, von denen drei Zucker mitbringen, geben ihm seinen Charakter: Dry Gin, Orangenlikör, Apricot Brandy und trockener Wermut (der trotz seines Namens auch Zucker enthält). Doch kann das allein der Grund dafür sein, einen Cocktail gar nicht erst auszuprobieren? Eigentlich nicht, sonst müsste – zumindest streng genommen – auch ein gewisser Herr Martinez in den Schubladen der Bars verstauben.

Als einen fruchtigen Martini-Twist hat Cocktail-Blogger Jay Hepburn den Claridge Cocktail vor einigen Jahren einmal bezeichnet, das Urteil jedoch gleich wieder revidiert mit der Begründung, dass man dem Drink damit nicht wirklich gerecht würde. Eher mag man ihn eigentlich als Anlehnung an die ältere Generation des Improved Gin Cocktails verstehen, in der Orangenlikör stets eine gewichtige Rolle spielte. Gleichzeitig verlangt das Rezept jedoch nach keinerlei Bitters, wodurch auch dieser Einordnung ein Aspekt fehlt. Und zu welchem Anlass soll der Claridge Cocktail herhalten? Dem einen mag er als Aperitif zu süß sein, dem anderen wiederum nach dem Essen zu substanzlos.

Die Geschichte eines Drinks, der kein Star ist

Lange Zeit wurde die älteste Erwähnung dem 1930 erschienenen The Savoy Cocktail Book von Harry Craddock zugeschrieben. Er sei auch nicht im weltberühmten Claridge’s Hotel im Nobelviertel Mayfair entstanden, sondern bei dessen Konkurrenten aus Covent Garden, wo der vor Prohibition zurück in seine britische Heimat geflohene Craddock bereits 1920 die Leitung der American Bar im Savoy angetreten hatte.

Der Cocktail-Forscher Armin Zimmermann wies jedoch darauf hin, dass er eine Erwähnung des Claridge Cocktail bereits im 1925 erschienenen The Buckstone Book of Cocktails von Robert Buckby & George Stone gefunden habe, und zwar in der Rezeptur 1/3 Gin, 1/3 French Vermouth, 1/6 Apricot Brandy, 1/6 Cointreau. Entstanden wiederum sei der Cocktail auch nicht in London, sondern im Claridge Hotel in Paris. Vom Erfinder kenne man jedoch nur den Vornamen, Leon, so zumindest stehe es im 1926 veröffentlichten Harry’s ABC of Mixing Cocktails von Harry McElhone – wo übrigens die völlig idente Rezeptur wie in The Buckstone Book of Cocktails aufgeführt wird.

Claridge Cocktail

Claridge Cocktail

Zutaten

4,5 cl Dry Gin
4,5 cl trockener Wermut
1,5 cl Orangenlikör bzw. Triple Sec
1,5 cl Apricot Brandy

Der Claridge Cocktail besitzt Unaufdringlichkeit und Eleganz

Von der Herangehensweise her trägt der Claridge Cocktail (dessen Rezeptur übrigens in anderer Gewichtung auch unter dem Namen „The Frankenjack“ geläufig ist) auch ganz deutlich die Handschrift der 1920er und frühen 1930er-Jahre; eine Zeit, in der die Cocktails zwar schon sehr trocken waren, aber eben noch oft mit gewissen fruchtigen oder herbalen Einschlägen, bevor nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig alles „bone-dry“ wurde.

So darf man sich auch wahrlich keine überbordende Süße vorstellen, sondern vielmehr eine leichte Fruchtigkeit, die das vordergründige Zusammenspiel von Gin und Wermut begleitet, zumindest bei jeweils drei Teilen Gin und Wermut zu jeweils einem Teil der Liköre. Um Jay Hepburn zu widersprechen: Vielleicht ist der Claridge Cocktail doch ein Martini – aber eben keiner, der ernsthaft und griesgrämig seziert, sondern einfach und unkompliziert genossen werden will, ohne dabei ins allzu Gefällige abzugleiten. Vor allem aber ist er ein Drink, der durch seine Unaufdringlichkeit und Eleganz sowie herausragende Ausgewogenheit begeistert.

Für Freunde der Trockenheit

Freilich tun sich zahlreiche Möglichkeiten auf, den Claridge Cocktail zu variieren. Neben einer Veränderung der Gewichtung (Gin und Wermut sollten allerdings stets die Oberhand behalten) kann etwa durch einen hochwertigen Eau de Vie von Aprikose oder Pfirsich anstelle von Likör zusätzliche Trockenheit hinzugefügt werden. Gleiches gilt für den Orangenlikör, bei dem mit verschiedenen Abfüllungen und Süßegraden gearbeitet werden kann – auch hier setzen kraftvollere, holzig-bittere Sorten mit weniger Zucker einen feinen Akzent. In beiden Fällen wird der Claridge Cocktail dadurch etwas kantiger, herber, aber keinesfalls sperrig. Einige Kenner verzichten auf die meist obligatorische Zugabe einer Zitronenzeste, da gerade diese das feine Aprikosenaroma überdecken könnte.

Der Claridge Cocktail, ein lebensbejahender Drink

Jedenfalls sollte man, wie auch beim Genuss, den Claridge Cocktail in der Zubereitung zwar ernst, aber nicht verbissen betrachten. Denn dafür ist er ein viel zu lebensbejahender, großartiger Drink aus den Roaring Twenties. Und nun haben wir ja bekanntlich schon wieder die „Zwanziger“, die in Punkto Lebensfreude extrem holprig aus den Startlöchern kommen.

Aber dafür kann der Claridge Cocktail ja nun wirklich nichts.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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