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Der Deauville Cocktail: In diesen sauren Apfel kann man beißen

Der Deauville Cocktail ist benannt nach einem französischen Strandbad, erfunden wurde er angeblich in New Orleans. Die Kombination aus Calvados und Cognac ergibt einen harmonischen, unkomplizierten Drink, der gleichzeitig eine zeitgenössische Aufklärung in Sachen Calvados bietet.

Der Mixology Podcast

Deauville

Zutaten

2 cl Calvados (bzw. Applejack)
2 cl Cognac
2 cl Orangenlikör (z.B. Cointreau)
2 cl Zitrone

Der Deauville Cocktail ist vermutlich kein Cocktail, dessen Rezeptur die meisten Bartender aus dem Stand beherrschen. Man hat den Namen schon mal gehört, das ja, aber in der inneren Datenbank ruft man ihn nicht mal eben so schnell ab wie viele andere.

Verwunderlich ist das nicht. Der Deauville schleicht auf leisen Sohlen durch die Cocktail-Historie. Erfunden sei er, so heißt es im Allgemeinen, in den 1920er- und 1930er- Jahren in New Orleans. Eine richtige Quelle gibt es dafür nicht, man muss sich an Mutmaßungen halten.

Dazu dient am besten zuerst mal die Rezeptur in ihrer heutigen Form: Diese besteht aus zu gleichen Teilen aus Cognac, Calvados, Triple Sec. und Zitrone. Auf den ersten Blick macht ihn das zu einem einfachen Twist eines Sidecar, bei dem praktisch die Hälfte des Cognac durch Calvados ersetzt wird. Deauville ist ein luxuriöses Seebad mit Casino und Pferderennbahn im Départment Calvados in der Normandie, und diese wiederum bekannt für ihre Cidre- und Calvados-Produktion. Das macht die Namensgebung für den Drink schlüssig.

Immer wieder New Orleans

Auf den zweiten Blick könnte der Deauville durch seine Verwendung der Zutaten zu gleichen Teilen sowie Zitrone und Orangenlikör auch ein Twist auf den Corpse Reviver sein, der zu der Zeit bereits bekannt war. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass Stanley Clisby Arthur in seinem Buch Famous New Orleans Drinks and how to mix ’em aus dem Jahre 1937 den Deauville Cocktail in keiner Weise erwähnt. Wohl aber – und das in durchaus überschwänglichen Worten – einen Ambrosia aus Cognac/Brandy, Applejack, Cointreau, Zitrone und Champagner. Also gewissermaßen eine Royal-Fizz-Variante des Deauville.

Ein wahrer Ausreißer ist wiederum William Boothby, der in seinem The World’s Drinks and How to Mix Them aus dem Jahre 1934 einen völlig anderen Deauville Cocktail präsentiert, bestehend aus zu gleichen Teilen Calvados, Himbeersirup, Chartreuse und zwei Dashes Zitrone. Der Drink mag einem den Mund verkleben, klingt aber, adaptiert an den modernen, trockeneren Gaumen, nach einer durchaus erfrischenden Rezeptur.

Der Deauville ist ein Calvados-Drink

Zumindest lässt sich durch Boothbys Version, die keinen Cognac vorsieht, festlegen, dass der Deauville ein Calvados-Drink ist. Anzunehmen ist weiterhin, dass es sich in seinen Anfängen um einen ungelagerten Calvados gehandelt haben muss, nicht um eine fassgelagerte Spirituose zeitgenössischer Prägung. Wie unser Autor Armin Zimmermann schlüssig darlegt, wurde Calvados in Frankreich erst ab den frühen 1940er Jahren gesetzlich durch eine Fasslagerung von mindestens zwei Jahren definiert. Zuvor wurde die aus Apfelcidre gewonnene Spirituose traditionell ungelagert konsumiert.

Somit liegt auch der Schluss nahe, dass bei historischen Rezepturen aus den 1920er- und 1930er-Jahren beispielsweise kein V.S.O.P., sondern ein ungelagerter Calvados genommen worden sein muss. In den USA war dies natürlich der durch den Vorgang des Jacking gewonnene, in seiner Qualität zwischen Fausthieb und Fechtfinte schwankende Applejack. Auch Robert Vermeire schreibt 1922 in seinem Buch Cocktails – How to mix them: „In den U.S.A. wird Apple Jack Brandy auch Jersey Lightning genannt. In Frankreich nennt man ihn gewöhnlich Calvados.“

Deauville Cocktail im Original wohl mit Jersey Lightning

Wer sich nahe an diesem Original bewegen möchte, kann etwa den Jersey Lightning von Laird’s probieren, den historisch wichtigsten Hersteller von US-amerikanischem Applejack. Ungelagerter Schnaps gibt dem Drink eine völlig andere Richtung, so wie auch ein Daiquiri mit ungelagertem und gelagertem Rum zwei unterschiedliche Cocktails sind; eine ungelagerte Spirituose macht den Drink knackiger, frischer, der Cognac mit seiner fassgelagerten Tiefe und Komplexität trifft auf jugendlichen Überschwang mit fruchtigen Ecken und Kanten.

In der 1930 bei Harry Craddock niedergeschriebenen Variante des Deauville, die alle Zutaten zum gleichen Teilen verwendet und zur Blaupause der Rezeptur wurde, funktioniert der Drink erstaunlich gut. Im Gegensatz zum Sidecar, dem moderne Bartender zwei Dashes Zuckersirup zur Abrundung zur Seite stellen, braucht der Deauville diese zusätzliche Süßung nicht. Auch die Variante bei Charles Schumann hält dem Test stand, er verwendet 2 cl Calvados, 2 cl Brandy, 2 cl Zitronensaft, 1/2 cl Triple Sec und den von ihm gerne verwendeten Barlöffel Puderzucker.

Ein unkomplizierter Drink, auf dem man aufbauen kann

Und so hat dieser Text doch vielleicht mit einem großen Irrtum begonnen. Wenn Charles Schumann, bekanntermaßen ein großer Frankreich-Freund, den Deauville in seinem Buch erwähnt hat, haben ihn vermutlich doch Generationen von Bartendern ausprobiert.

Die leichte Fruchtigkeit und Säure machen den Deauville Cocktail jedenfalls zu einem unkomplizierten, aber harmonischen Drink. Einem, auf dem sich für weitere Twists gut aufbauen lässt. Also ruhig mal in den sauren Apfel beißen .

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

Comments (2)

  • Ulrich

    Und warum jetzt “Bretagne”?! Du schreibst doch ganz richtig über Deauville in der Normandie.

    reply
    • Mixology

      Lieber Ulrich,

      danke für den Hinweis. Ich nehme an, Du verweist auf meinen Newsletter-Titel von heute? Da muss ich tatsächlich offen zugeben: Leider ist mir – trotz mehrfacher Aufenthalte in beiden Regionen Nordwestfrankreichs – schlicht ein Dreher bzw. ein unbeabsichtigter Tausch in der Zuschreibung unterlaufen. Selbstverständlich geht es um die Normandie, nicht die Bretagne. Ich bitte diesen Fehler, der sich im bereits versendeten Newsletter nun freilich nicht mehr ändern lässt, zu entschuldigen.

      Herzliche Grüße
      // Nils Wrage

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