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Happy Hour: ein Zombie der Bar im Jahre 2015

Die Happy Hour gehört für viele Menschen noch immer zum zentralen Wesen einer Bar. Doch lassen sich hochwertige Barkultur und Rabattsaufen vereinen? Zwar ist die Angelegenheit komplex, die Antwort aber nicht: Nein. Eine Rundschau durch schlechte Erfahrungen und ein Plädoyer für eine Barszene, die sich für angemessene Preise nicht rechtfertigen müssen sollte.

Die „glückliche Stunde“. So, oder so ähnlich, würde man den Begriff „Happy Hour“ etwas ungelenk-wörtlich ins Deutsche übertragen. Was sich dahinter verbirgt, ist allerdings wesentlich konkreter: es geht um günstige Drinks, um große, volle Gläser für kleines Geld. Um volle Bars und zufriedene Gäste, die ein liquides Schnäppchen schlagen. Doch wer ist glücklich, wenn die Happy Hour schlägt? Ist überhaupt noch irgendjemand froh über sie? Gibt es an der vernünftigen Bar im Jahre 2015 wirklich noch eine Legitimation für die Happy Hour? Für dieses Relikt der 1980er- und 1990er-Jahre?

Die frühfrohe Stunde nach Feierabend

Es war grob zur Zeit der Prohibition, als der schon vormals gebräuchliche Terminus „Happy Hour“ erstmals mit Alkoholausschank in Verbindung gebracht wurde. Nicht nur in den Speakeasies jenseits des Atlantiks, auch in den Pubs Großbritanniens hatten die Wirte die Idee einer frühen Stunde mit günstigen Drinks. Denn vor dem Abendessen kamen nur wenige Gäste auf einen Schluck vorbei. Die Idee der Happy Hour war geboren, indem man in der Zeit ab 17 Uhr mit günstigen Drinks um die Gunst früher Gäste warb, die dann — im besten Falle — auch nach dem Essen kamen, im Pub aßen oder das Essen gleich durch noch mehr Bier ersetzten. Der positive Effekt, der sich lang- und mittelfristig anschließen sollte, war klar. Die Happy Hour fungierte als Werbung für die eigentlichen Hauptzeiten, außerdem als Garant dafür, dass in der Kneipe nie wirkliche Leere herrscht. Und wenn die Gäste zufrieden waren, kamen sie beim nächsten Mal vielleicht am Abend, wenn das Pint wieder mehr kostete.

Nach welchen Mechanismen die Happy Hour dabei funktionierte, war unterschiedlich. Der eine Wirt gab sogenannten Naturalrabatt, d.h. etwa zwei Drinks zum Preis von einem. Oder der Gast zahlte nur einen bestimmten Teil des regulären Preises. Oder der Wirt operierte gar mit Festpreisen für ganze Gruppen von Getränken.

Halber Preis, ein Bruchteil Geschmack

Daran hat sich im Wesentlichen bis heute nichts verändert: Happy Hours finden sich in vielen selbst ernannten Cocktailbars. Und das nicht nur zu „schwachen“ Zeiten. Man braucht nur durch die Zentren halbwegs großer Städte zu schlendern, rasch sieht man die eine oder andere Kettenbar mit einer Happy Hour werben, die Montags bis Donnerstags von jeweils 17-21 Uhr abgehalten wird. In einer Woche macht das dann insgesamt 16 glückliche Stunden. Die Tafeln an jenen „Bars“ sind meist nach ungefähr folgendem Muster beschriftet: „Alle Cocktails € 4,50 (außer Mai Tai und Long Island)“. Man mag an die insolvente Baumarktkette „Praktiker“ und die dortige Behandlung von Tiernahrung denken.

Im Prinzip sind die Optionen so trostlos wie simpel. Der Wirt nämlich nimmt erst einmal das Risiko auf seine Seite, indem er Drinks zu Schleuderpreisen verkauft, die vielleicht gerade einmal Wareneinsatz und Personalkosten decken. Oder aber er setzt regelrechte, günstige Happy Hour-Spirituosen ein, um ein akzeptables Verhältnis von Wareneinsatz und Verkaufspreis zu erzielen, wobei der Gewinn meist trotzdem auf der Strecke bleibt. Oder die Getränke schmecken grausig. Die Idee ist in jedem Fall die selbe: die Happy Hour soll den Laden füllen, in der Hoffnung, den eigentlichen Umsatz mit Speisen zu machen, oder mit anderen Getränken. Denn bei Cocktailpreisen wie oben beschrieben ist die Marge beim Bier plötzlich ziemlich attraktiv. Und die Gäste, die zur Happy Hour „glücklich“ waren, kommen dann bestimmt nächstes Mal zum regulären Geschäft wieder. Oder? Da ist sie wieder, die Idee der flüssig-günstigen Werbung.

Gezieltes Rabatt-Saufen wider die Barkultur

Doch die Realität sieht anders aus: wie man es dreht und wendet, die meisten Happy Hour-Gäste kommen für gewöhnlich eben nicht zu regulären Zeiten. Die Erfahrung, dass die meisten Happy Hour-Gäste gezielt nur zur Rabatt-Stunde erscheinen, haben viele Gastronomen machen müssen. So auch Christian Schroff, Inhaber der Orientierbar in Hofheim bei Frankfurt: „Wir haben das ganz am Anfang auch probiert. Und es kamen jedes Mal die gleichen Gesichter, die schnell noch einen billigen Drink wollten. Zu normalen Zeiten sah man diese Gäste kaum.“ Seinen Eindruck teilen zahllose Wirte und Bartender: Happy Hours ziehen eine Klientel an, die weder ein Gefühl für die Wertigkeit guter Drinks hat, noch bereit ist, eine Sensibilität dafür zu entwickeln. Wobei Markus Altrichter, Urgestein der Wiener Gastroszene und Bartender im brandneuen Botanical Garden, einräumt: „Von 10 Happy Hour-Gästen werden vielleicht zwei oder drei zu regelmäßigen Gästen — und das aber nur, wenn auch zu Happy Hour-Zeiten die Servicequalität nicht abnimmt.“

Damit spricht Altrichter einen weiteren wichtigen Punkt an: denn während vielleicht 80% der Gäste keinen Wert auf Service, sondern nur auf billige Drinks legen, fragt keiner nach jenen 20%, denen der Preis egal ist, die aber dafür nach Qualität im Glas und im Service suchen. Jene werden kaum eine Bar erneut aufsuchen, wenn sie sie beim ersten Besuch als Happy Hour-Hölle erleben. Im schlimmsten Fall hat der Wirt nur Gäste, die entweder ausschließlich zur Happy Hour wiederkommen oder gar nicht mehr. Und das praktisch ohne Gewinn.

Die Großstadt als Flucht?

Wobei man sagen muss, dass die Happy Hour heut eher eine Problematik in kleineren Städten ist, deren Barkultur weniger entwickelt ist und deren Einwohner noch ein überkommenes Konzept mit dem Begriff „Bar“ verbinden. Die wirklich gehobene und hohe Barkultur, die sich schon immer in den Großstädten konzentrierte und sich seit jeher an Genießer richtet, die mehr Verständnis für den Preis eines guten Drinks mitbringen, braucht sich mit dem Thema Happy Hour oft nur aus der Distanz der Negation zu beschäftigen.

So meint Tony Galea, Betreiber des Jigger, Beaker & Glass in Berlin mit zusätzlicher Erfahrung aus London und Melbourne, dazu: „In so großen Städten wie Berlin haben die guten Bars den Vorteil, dass sie sich in einem Maße spezialisieren können wie kaum sonst irgendwo. Dadurch richten sie sich von vornherein an eine ganz spezielle Klientel.“ Galea sieht aber auch lokale Gegebenheiten als Faktor in der Gestaltung des Angebots: „In vielen Städten Australiens etwa herrscht eine Sperrstunde um Mitternacht oder 1 Uhr. Der Barbetreiber hat dann keine Wahl: er muss den Laden möglichst früh voll kriegen um später seinen Umsatz zu machen. Ein Weg dahin ist die Happy Hour. In Berlin, wo viele Bars ‚open end‘ arbeiten, verhält sich das natürlich anders.“

Diese These des lokalen Faktors bekräftigt auch André Pintz, Barmanager im neuen Leipziger Bar- und Restaurant-Konzept Imperii. Mit Blick auf die in seiner Wahlheimat noch nicht wirklich präsente zeitgemäße Barkultur berichtet er: „In Leipzig ist die Happy Hour noch immer ziemlich verbreitet. Studenten wünschen sie sich, und besonders die einfachen Bars, in denen auch Studenten arbeiten, bieten sie an. Wenn man wollte, könnte man in Leipzig täglich zu Dumpingpreisen saufen.“

Der Kampf mit dem Standard

Eine ähnliche Beobachtung hat auch Torsten Spuhn gemacht, der seit vielen Jahren in Erfurt seine Bar Modern Masters führt. Nach über 14 Jahren Happy Hour hat der Barbetreiber zum Jahresanfang aber einen Schnitt gemacht: „Wir haben die Happy Hour schon in den Jahren davor mehr und mehr verkürzt, da wir gesehen haben, dass sie letztendlich nur ‚Stammgäste’ im falschen Sinne des Wortes züchtet“, so Spuhn. Im Umfeld seiner Bar und in Erfurt generell, erklärt er, sei die Happy Hour fast noch Standard. „Wir haben uns dann aber dagegen entschieden, auch weil wir es unfair empfanden gegenüber jenen Gästen, die später kommen und den regulären Preis zahlen“, meint Spuhn. Ein interessanter Punkt.

Und er wird konkreter: „Wer im normalen Geschäft den Standardpreis zahlt, der fragt nicht zu Unrecht, warum frühere Gäste ihren Drink günstiger bekommen. Vor allem störten mich aber mit der Zeit immer mehr die ganzen unschönen Nebeneffekte der Happy Hour — etwa besetzte Tische auch nach dem Ende, die dann aber ohne Umsatz belegt blieben. Und noch schlimmer: nach der Happy Hour ist das Team oft schon ziemlich erledigt. Und die Gäste, die dann zu Recht sehr guten Service erwarten, tragen die Konsequenzen der Billig-Stunde. Das wollte ich einfach nicht mehr. Auch, wenn es vielen Erfurtern nicht gepasst hat.“ Letztendlich, und damit schließt Torsten, gehe es ihm auch darum, sich als Bar mit einem gewissen Stolz zu positionieren und deutlich zu machen, dass ein gewisser Preis eben keine Frechheit, sondern die aus der gesunden Vernunft geborene Regel ist.

Das Auslaufmodell der klassischen Happy Hour

Das klassische Modell „Happy Hour“ scheint in der erwachsenen Bar keinen Platz zu haben, wie man sieht. Zu hoch ist der Aufwand, den Bartender und Barbetreiber heute investieren, als dass sich Ramsch-Preise lohnen. Dann lieber nur wenige Gäste zu Beginn, die dafür normal konsumieren. Die nötige Frage scheint also eher, wie einer breiteren Schicht von Konsumenten deutlich zu machen ist, welche Preise angemessen sind.

Es lebe die Alternative!

Dass es trotzdem Möglichkeiten gibt, dem Gast entgegen zu kommen, zeigen einzelne, spezifische Lösungen, etwa mit einem Aperitif des Tages, der zu den frühen Stunden günstiger angeboten wird. „Die Aperitivo-Idee finde ich persönlich super“, meint z.B. Christian Schroff, ergänzt aber: „Ob sich das jedoch in Deutschland durchsetzt?“ Er wirkt skeptisch. Dennoch scheint dieses Modell Anhänger zu gewinnen, wie man beispielsweise am Konzept der vor Kurzem in Berlin eröffneten Bar Zentral sieht. Torsten Bender und Sebastian Mathow halten dort ebenfalls täglich eine Aperitifstunde mit speziellen Preisen ab.

Der österreichische Wahl-Berliner und Pop-Up-Unternehmer Roger Breitenegger hingegen sieht die Möglichkeiten eher im klassisch südeuropäischen Apero- oder Tapas-Stil: „Statt eines rabattierten Cocktails finde ich es schöner, den Gästen lieber ein kleines Foodpairing aufs Haus zum Drink zu reichen. Das betont sogar die Wertigkeit des Drinks.“ Frei nach dem Motto: der Gast bezahlt den Drink, weiß aber, dass er — ohne überlegen zu müssen — bereits ein Häppchen dazu bekommt. Solche Tapas haben zudem den Vorteil, dass sie sich sehr gut vorbereiten und kalkulieren lassen, dem Gast aber dennoch eindeutig zeigen, dass man sich für die frühen Stunden ein besonderes Angebot hat einfallen lassen.

Die andere günstige Werbung

Und bei André Pintz in Leipzig? „Wir wurden zwar bislang nur sehr selten nach einer Happy Hour gefragt, haben uns nun aber ein Konzept überlegt, mit dem man beides kann: einen guten Drink für weniger Geld anbieten und die Leute gleichzeitig dafür sensibilisieren, was einen solchen Drink ausmacht“, meint er. So bietet man im Imperii nun stets einen Tages-Punch an, der vorbereitet und auf Bestellung frisch und gekühlt auf Eis gezapft wird. Pintz lobt den Punch in den höchsten Tönen. Er gibt dem Barteam bei sehr vollem Hause nicht nur eine flexible Lösung, falls jemand an der Bar rasch einen Drink wünscht. „Wir haben dadurch außerdem die Möglichkeit, diesen Drink jeweils zu einem fairen Preis anzubieten, ohne in den Low-Budget-Bereich gehen zu müssen. Und die Gäste lernen, warum dieser eine Drink günstiger ist.“

All jene Maßnahmen vereinen die positive Haupteigenschaft der Happy Hour, und das bei gleichzeitigem Ausschluss der unschönen Seiten. Dem Gast wird signalisiert, dass er in den frühen Stunden durchaus „ein gutes Geschäft“ machen kann. Und der Gastronom verscherbelt eben nicht sein komplettes Angebot, sondern hat — im Gegenteil — sogar die Gelegenheit, ganz gezielt auf seinen Stil und sein Profil hinzuweisen, indem er nur einen Drink oder lediglich eine kleine Auswahl rabattiert.

Da vorne ist die Tür!

Die echte, die böse, die billige Happy Hour aber, die immer noch vielen durstigen Geizhälsen ein zentrales Feature im Cocktail-Umfeld zu sein scheint, hat in zeitgemäßen Bars keinen Platz. Dem pflichtet auch Torsten Spuhn bei: „Mittlerweile gibt es, wie bei Restaurants, zwei Sorten von Bars: die, in die man schnell geht, weil sie in der Nähe sind und man durstig ist, und jene, die man wegen eines echten kulinarischen Erlebnis besucht. Diesen Unterschied müssen wir einfach immer weiter kommunizieren.“

Die Happy Hour hingegen vermittelt den Eindruck, dass das, was am Tresen verkauft wird, grundsätzlich wertlos sei, nach dem Leitsatz „nur Zuhause ist es noch billiger“. Freilich gibt es sie noch vielerorts, und sie wird, wie Jörg Meyer es einst so schön über jenen oben erwähnten Long Island Iced Tea sagte, noch lange „in schmerzhafter Agonie“ weiterleben. Aber sie ist kein lebendiger Teil der Barkultur mehr. Sie ist nur noch ein Zombie. Ein Untoter, der auch gute Bars manchmal heimzusuchen probiert. Weisen wir diesem Zombie die Tür!

Credits

Foto: Uhr via Shutterstock.

Comments (2)

  • Lucky

    Hallo liebes Mixology Team….warum muss man auf einmal für Eure Beiträge zahlen? Was ist der Hintergrund?(ausser das Ihr Geld verdienen wollt)

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  • Helmut Adam

    Hallo Lucky!

    Eine berechtigte Frage. Wir haben das bereits vor vier Wochen hier angekündigt: https://mixology.eu/drinks/neues-mixology-redaktion

    Wieso kosten einzelne Beiträge auf MIXOLOGY ONLINE seit Kurzem etwas? Wir möchten auf unserer Online-Plattform künftig längere Reportagen und tiefer recherchierte Fachtexte veröffentlichen. Wir möchten uns hier qualitativ steigern.

    Das bedeutet natürlich auch, dass wir unseren freien Autoren dafür höhere Honorare bezahlen werden. Für diese Art von Artikeln werden wir ab sofort kleinere Beträge erheben. Es wird aber auch weiterhin viele Artikel und gewohnte Formate geben, die frei zugänglich sind.

    Lässt sich dieser Mehraufwand nicht mit Werbebannern auffangen, fragst Du Dich vielleicht? Nein, das, was wir vorhaben, lässt sich mit Online-Werbung nicht refinanzieren. Deshalb haben wir uns ein, wie wir denken, faires Gebührenmodell ausgedacht. Wir sind gespannt, ob und wie unsere Leser unseren neuen Weg annehmen werden und freuen uns über Rückmeldungen und Kritik.

    Für die Redaktion mit besten Grüßen

    Helmut Adam
    Herausgeber Mixology Verlags GmbH

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