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Inventur

Inventur am 27. September 2020 – Hessischer Hof schließt & Jim Murray erntet Shitstorm

Da ist er nun also auch offiziell: der Herbst, vor dem sich viele Gastronomen diesmal schrecklich fürchten. Normalerweise sind diese jetzigen Tage genau jene, an denen die richtige Bar-Saison beginnt – die Terrassen sind endgültig abgebaut, die Sonnenschirme eingemottet, Zeit für ein paar Drinks in einer Bar. Im Corona-Herbst 2020 sieht das anders aus. Schon machen die ersten neuen Sperrstunden in einzelnen Städten die Runde, zusätzlich geistern mögliche Alkoholverbote durch den Äther. Für kleine Bars, die ohnehin nur einen Bruchteil ihrer Kapazitäten belegen dürfen, wird die Bedrohung somit nochmal deutlich krasser: Kaum Gäste und eine verordnete Schließzeit deutlich vor Mitternacht bedeuten so gut wie keinen Umsatz – erwirtschaften doch viele Bars den Großteil ihrer Einkünfte erst in der Nacht.

Besonders hart trifft es derzeit etwa die Bars in London bzw. ganz Großbritannien, wo eine drastische Sperrstunde ab 22 Uhr herrscht. Da wirkt es fast ein wenig wie Ironie, dass just in dieser Woche die Preisträger der Spirited Awards der Tales Of The Cocktail Foundation bekanntgegeben wurden, von denen einige wie immer in London zu finden sind. Angesichts der aktuellen Lage wirken Prämierungen à la „Best International High Volume Bar“ doch eher eine Spur hämisch. Aber nun ja. Wir schauen indessen auf die weiteren Themen der Woche, zunächst in den Hessischen Hof nach Frankfurt am Main.

Grandhotel Hessischer Hof vor der Schließung

Ein trauriger Paukenschlag kam Mitte der Woche aus Frankfurt: Das Grandhotel Hessischer Hof an der Festhalle wird geschlossen. Dieser Schritt sei „schmerzlich, aber alternativlos“, wie die FAZ einen Sprecher der Unternehmensgruppe Prinz von Hessen zitiert, die das Hotel betreibt. Die erheblichen Umsatzverluste im aktuellen Jahr sowie die mangelnde Aussicht auf eine mittelfristige Konsolidierung der Lage würden zu einer „Portfolioanpassung“ zwingen, heißt es weiter.

Der Hessische Hof ist eines der berühmtesten deutschen Grandhotels und das letzte inhabergeführte 5-Sterne-Haus in der Mainmetropole. Besonders für die Barkultur ist das Haus von immenser Relevanz: Um die legendäre „Jimmy’s Bar“ ist es zwar in den letzten Jahren etwas stiller geworden, dennoch war die klassische, luxuriös ausgestattete Hotelbar des Hessischen Hofs über Jahrzehnte stilprägend, aus ihr gingen zahlreiche heute einflussreiche Bartender und Barbetreiber hervor. Zu welchem Termin die Schließung des Grandhotel Hessischer Hof final eintritt, wurde vorerst nicht genannt.

„Whiskypapst“ Jim Murray erntet Shitstorm

Damit hatte Jim Murray wohl nicht gerechnet: Der allgemein als Whiskypapst bezeichnete, sehr selbstsichere Mann, der seit Jahrzehnten seine ebenso selbstsicher betitelte „Whisky Bible“ herausgibt, muss sich schwerwiegenden Sexismusvorwürfen stellen. Am Montag postete die renommierte und einflussreiche Fachjournalistin Becky Paskin per Instagram eine traurige Auswertung des jüngst erschienenen neuen Guides: In den Beschreibungen von insgesamt 34 Whiskys fänden sich teils drastische Korrelationen und Assoziationen zu Sex mit Frauen bzw. Darstellungen von Frauen als Sexobjekten.

Paskins Post blieb nicht ohne Wirkung: Führende Händler und Brenner distanzierten sich sogleich öffentlich von Murray, einige Anbieter nahmen das Buch aus ihrem Sortiment, wie The Spirits Business berichtet. Und Murray selbst? Der bleibt in seinem kurzen Statement gegenüber dem Branchenblatt recht uneinsichtig und verteidigt seine Arbeit. Wir hingegen begrüßen jedes Signal und jede Debatte, die dazu führen, dass die noch immer arg sexistische Whiskywelt sich endlich modernisiert und liberalisiert.

Älter = besser? Auch beim Bourbon nicht immer richtig

Das „Age Statement“ von Spirituosen bleibt ein zweischneidiges Schwert: Einerseits hat die Industrie den Verbraucher in jahrzehntelanger Arbeit daraufhin konditioniert, dass ältere Destillate immer auch gleichzeitig die besseren seien – ein Aspekt, der besonders beim Scotch evident ist und seit einigen Jahren immer stärker diskutiert wird. Denn tatsächlich bedeutet „älter“ in vielen Fällen nicht unbedingt „besser“, sondern „spezieller“. Und immer bedeutet es „seltener“, was auch die hohen Preise rechtfertigen soll.

Passend zur Premiumisierung von American Whiskey in den letzten Dekaden, macht Autor Brad Japhe – man verzeihe uns den Wortwitz – dieses Fass beim Punch Magazine nun auch für die Kategorie Bourbon auf. Denn wie bei allen Spirituosen gilt gleichsam für American Whiskey: Nur sehr wenige Destillate vertragen eine Extremreifung, ebenso sind nur wenige Fässer so beschaffen, dass sie einen Brand über mehr als 12 bis 15 Jahre wirklich veredeln können – danach wird es meist schwierig, denn das Holz beginnt, die Aromen des Destillats abzuflachen. Dennoch gibt es Menschen, die für einen völlig mit Tanninen überlasteten Bourbon knapp 2.000 Dollar bezahlen. Ein amüsantes Lesestück, zu dem man am besten einen schlichten Whiskey Sour nimmt.

Berliner Zeitung nimmt Clubs in Schutz und attackiert Gesundheitssenatorin

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) musste sich im Laufe der Corona-Pandemie viel Kritik von unterschiedlichster Stelle anhören. Ein immer wieder aufflackernder Vorwurf bezieht sich nicht nur auf eine generelle Panikmache und angebliche Übervorsicht, sondern auch darauf, dass die Aussagen der Senatorin in Bezug auf Infektionsverläufe oft nicht mit Zahlen untermauert sind, sondern auf Vermutungen basieren. Ebenso würde Kalaycis Ministerium der Presse keine validen Auskünfte erteilen.

In diese Kerbe schlug diese Woche auch die Berliner Zeitung, und das unterfüttert mit einer provokanten These: Die angeblich so gefährlichen Clubs der Stadt – seit März geschlossen – hätten allein durch ihre Schließung schon mehr für die Pandemiebekämpfung in Berlin getan als die Senatorin, die stets darauf hinweist, dass Clubs und Partys per se als Hotspots einzustufen seien. Kritik kommt sogar von den Kabinettskollegen der Grünen und Linken, die gern endlich präziser und gezielter vorgehen, aber eben vom Gesundheitsressort nicht ausreichend unterstützt würden.

Credits

Foto: Everett Collectin / shutterstock.com

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