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Inventur

Inventur am 13. September 2020 – Frankfurter Bartender arbeitet trotz Quarantäne & World’s 50 Best Bars findet statt

Willkommen! Was uns beim Tippen dieser „Inventur“ auffällt: Heute ist es schon beinahe auf den Tag genau sechs Monate her, dass die deutsche Gastronomie komplett geschlossen wurde – ein halbes Jahr Corona-Pandemie haben wir alle inzwischen hinter uns. Manchmal fühlt sich das an wie ein Wimpernschlag, dann wieder wie eine Ewigkeit. Ist das noch normal oder wirklich schon #NewNormal? Schräg und ungewiss bleibt jedenfalls noch immer fast alles. Mit einem unserer Artikel der ausklingenden Woche haben wir dementsprechend auch ein Corona-Zukunfsthema angeschnitten, das wohl bald aufgrund der nahenden kalten Jahreszeit für viele Bars eine wichtige Frage werden könnte: Müssen Bars zur effizienten Nutzung ihrer Innenfläche vielleicht neue Wege im Bereich Reservierung beschreiten? Unser Autor Martin Stein, der seine eigene Regensburger Bar im Zuge der Pandemie aufgeben musste, hat mit unterschiedlichen Gastronomen gesprochen und dieses sensible Thema analysiert – wie immer gewohnt launisch und lakonisch, aber faktensicher. Unterdessen schauen wir uns die weiteren News und Themen der letzten Tage an. Beginnen wir in London.

World’s 50 Best Bars werden im November gekürt

Die Betreiber des Preisformats World’s 50 Best Bars halten nach wie vor daran fest, ihre vielbeachtete Bestenliste auch im Krisenjahr zu vergeben – das gab die offizielle Website der Rangliste am Freitag bekannt. Demnach soll die Liste mit den 50 besten Cocktailbars der Welt mit rund vierwöchiger Verspätung am 5. November in einer digitalen Zeremonie veröffentlicht werden. Auf welcher Grundlage dieses Jahr bewertet werden soll, können wir uns allerdings nicht so ganz vorstellen – schließlich haben die Bars mehrere Monate geschlossen gehabt und kaum jemand der Juroren konnte wirklich reisen. Nun ja.

Fast parallel dazu veröffentlichte die Fachzeitschrift Class Magazine Mitte der Woche auch wieder ihre Liste mit den 100 einflussreichsten Personen der globalen Barszene, u.a. Class-Chefredakteur Hamish Smith machte das Präsentationsvideo mit allen 100 prämierten Namen und Bildern zugänglich. Schön und gut. Doch auch, wenn wir mit den MIXOLOGY Bar Awards oft ähnliche Vorwürfe hören, müssen wir ehrlich sagen: Liest sich wie die Liste aus dem Jahr davor. Oder dem Jahr davor. Auf jeden Fall irgendwas vor Corona. Nach wie vor jedenfalls genügt es noch immer, mehrere Bars in London zu eröffnen und nach kurzer Zeit wieder zu schließen, um ziemlich weit vorn mit dabei zu sein. Egal, Hauptsache London.

Frankfurt: Bartender geht trotz Corona-Infektion arbeiten

Einen skandalösen Fall von Unvorsicht hatte zu Beginn der Woche als erstes die FAZ veröffentlicht: Ein Bartender war in Frankfurt trotz positivem Covid-19-Test und entsprechend angeordneter Quarantäne ganz regulär zum Dienst erschienen. Offenbar hatte er sich eigenmächtig über die Anordnung hinweggesetzt und auch seinen Arbeitgeber nicht informiert.

Zunächst hatten das Frankfurter Gesundheitsamt und weitere Stellen schlimmste Befürchtungen: Mit bis zu 400 Menschen habe der Mann unter schlechtesten Umständen zu tun gehabt, hieß es erst. Diese düstere Prognose konnte zwar inzwischen nach unten korrigiert werden, da die meisten Personen keinen ausreichend langen Kontakt mit dem Bartender gehabt hätten, so eine Ärztin vom örtlichen Gesundheitsamt. Gleichzeitig wurde jedoch eine weitere Mitarbeiterin des Betriebs nachweislich ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert, heißt es weiter. Der Angestellte wird sich in jedem Fall vor Gericht für sein Handeln verantworten müssen – und ein erneuter fader Beigeschmack beim Blick auf die angeblich oft laxe Haltung einiger Gastronomen wird sich in der Öffentlichkeit behaupten.

Coronafälle nach Feier in Ostfriesland: Klage wegen fahrlässiger Tötung?

Wesentlich drastischere Konsequenzen als in Frankfurt könnte es für Beteiligte einer Feier geben, die im Mai in einem ostfriesischen Gasthof stattgefunden hat. Wie etwa das Gastro-Portal Tageskarte berichtet, waren nach Angaben der dortigen Staatsanwaltschaft mehrere Personen unter den Gästen, die schon beim Besuch der Feier angeblich eindeutige Symptome von Covid-19 gezeigt hätten.

Mit drastischen Folgen, denn das Fest wurde zum klassischen Hotspot: Insgesamt hatten sich etwa 30 der 50 Gäste mit dem Coronavirus infiziert, von denen in der Folge zwei an den Folgen der Erkrankung verstorben sind. Die Staatsanwaltschaft Aurich hat im Zuge dessen weitreichende Ermittlungen eingeleitet und gibt an, dass es im Extremfall sogar zu einer Klage und einem Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung kommen könnte. Im Gegensatz zum Frankfurter Fall gibt es wenigstens eine positive Randnotiz: Allem Anschein nach haben hier nicht die Mitarbeiter, sondern Gäste unverantwortlich gehandelt.

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Halewood-CEO: Kein Interesse an alkoholfreien „Spirituosen“

„Spirituosen“ oder Destillate ohne Alkohol sind und waren definitiv eins der großen Themen der letzten ein bis zwei Jahre – inzwischen hat fast jeder der großen Spirituosenkonzerne sein eigenes Pferd ins „trockene“ Rennen geschickt. Zahlreiche kleinere, auch komplett junge, neue Marken bereichern diesen Reigen. Die Sache scheint ein echter Zukunftsmarkt.

Einer bezieht allerdings eine entschieden Gegenposition: Stewart Hainsworth, CEO der britischen Firmengruppe Halewood (u.a. Hersteller von Whitley Neill Gin), gibt im Gespräch mit dem Branchendienst The Spirits Business zu Protokoll, dass sein Unternehmen die Finger von diesem Segment lassen wird, und er nennt sogar deutliche Gründe: Die entsprechenden Produkte seien gerade für Bars aufgrund der kurzen Haltbarkeit nicht nachhaltig und letztlich auch viel zu teuer – Hainsworth geht so weit, die Preispolitik vieler einschlägiger Marken als „lächerlich“ zu bezeichnen. Ein durchaus interessanter Punkt, wenn man bedenkt, dass viele alkoholfreie Spirituosen trotz viel geringerer Besteuerung genauso viel kosten wie ihre hochprozentigen Vorbilder.

Credits

Foto: Everett Collection / shutterstock.com

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