TOP
Pink Gin Geschichte & Herkunft

Der überraschende Aufstieg des Pink Gin

Der Begriff Pink Gin ist in aller Munde. Er steht für eine junge Gin-Kategorie, der man derzeit beim Wachsen zusehen kann. Der Name selbst wiederum ist alt – und bezieht sich auf einen Cocktail. Was heute in den Flaschen zu sehen ist, hat mit den Ursprüngen also nur noch wenig zu tun. Klingt verwirrend? Keine Sorge. Wir klären auf!

Wer früher von Pink Gin sprach, meinte einen Cocktail, und nicht eine käuflich erwerbbare Spirituose. Ein „Pink Gin“, auch als „Gin & Bitters“ bezeichnet, bestand aus zwei Komponenten: Gin und dem Cocktail Bitters Angostura.

Das Ganze ergibt, wie man sich bereits beim Lesen vorstellen kann, einen sehr puren, starken Drink. Die ersten schriftlichen Erwähnungen tauchen ab den 1930er-Jahren auf. Man nimmt außerdem an, dass Offiziere der britischen Marine für die Verbreitung des Cocktails verantwortlich zeichneten. In den 1960er-Jahren fand der Cocktail sogar Eingang in einen der James-Bond-Romane.

Als die bekannteste Variante des Pink Gin Cocktails gilt im Übrigen die mit Plymouth Gin. Dieser Gin-Stil von der britischen Küste hat im Gegensatz zu London Dry Gin weniger Bitteraromen und einen größeren Anteil süßender Botanicals. Ist also weicher im Geschmack.

»Die Marke Plymouth stellte im Jahr 1999 einmalig eine Charge Plymouth Pink Gin her.«

Vom Pink Gin Cocktail zur Spirituose Pink Gin

Auch schon früher haben vor allem britische Gin-Hersteller geschmackliche Varianten hergestellt. Die bekanntesten sind Sloe Gin, basierend auf Schlehen, und Damson Gin, der unter Verwendung von Pflaumen hergestellt wird. Beide sind durch ihren starken Zuckergehalt als Liköre zu klassifizieren und haben häufig auch einen niedrigeren Alkoholgehalt.

Pink Gin als Kombination der Spirituose mit einer aromatisierenden Zutat kann man durchaus in derselben Tradition sehen.

Die erste uns bekannte kommerzielle Abfüllung des Cocktails stammt tatsächlich auch von der oben erwähnten Marke Plymouth. Stephan Berg, Spirituosenexperte und Gründer der Marke „The Bitter Truth“, hat eine Originalflasche dieser Plymouth-Variante mit 41,2% Vol. in seinem persönlichen Archiv.

Diese trägt den zusätzlichen Aufdruck „Liqueur“, obwohl das Produkt geschmacklich nach seiner Aussage keine zusätzliche Süßung durch Zugabe von Zucker vermuten lässt. Laut Firmenangaben wurde vom Plymouth Pink Gin im Jahr 1999 nur einmalig eine Charge hergestellt.

Stephan Berg und Alexander Hauck waren mit ihrem Unternehmen The Bitter Truth auch die ersten Hersteller, die sich später der Kategorie wieder annahmen.

Die Wiedererweckung des Pink Gin

Im Jahr 2009 produzierten sie für die Berliner Bar Lebensstern eine kleine Edition eines „Lebensstern Pink Gin“. Dieser folgte später eine weitere Auflage mit neuer Verpackung. Im Jahr 2011 wiederum kam der eigene „The Bitter Truth Pink Gin“ auf den Markt. Dieser wird gemäß Bergs Aussage „nach Navy-Vorbild gemacht und (…) unverändert bis heute produziert“.

Stephan Berg betont, dass beide Produkte, „abgesehen vom Namen und dem Konzept“, nichts miteinander zu tun hätten. Es seien jeweils „andere Bitters und auch andere Grund-Gins“ eingesetzt worden, die wiederum jeweils „mit anderen Botanicals hergestellt“ wurden.

In Großbritannien ging im Jahr 2015 der Spirituosen-Unternehmer Carl Stephenson einen ähnlichen Weg. Sein mit Charles Maxwell von Thames Distillers kreierter Gin Lane 1751 Pink Gin orientiert sich ebenfalls am Orginal mit der Verwendung von „Kräutern und Würzbitters“.

Angesichts der rollenden Pink-Gin-Welle auf den britischen Inseln betont er, dass sein Produkt „vor den großen Marken mit ihren süßeren Varianten“ auf den Markt gekommen sei. Was uns bereits zum nächsten Punkt in der Evolution von Pink Gin bringt.

»Wir haben uns für unser Produkt grob am traditionellen Pink Gin, also Gin und Angostura, orientiert.

Wir wollten aber ein eigenes Aromenbild gestalten.«

— Stephan Berg, The Bitter Truth

Was ist eigentlich Pink Gin?

Als neuer Stil etabliert sich seit 2017 die Gattung Pink Gin. Mit diesem Begriff bezeichnete man früher einen Cocktail aus Dry Gin und Angostura Bitters, der eine markante, dunkelrosa Färbung aufwies.

Damit haben die neuen Pink Gins nichts zu tun: Sie sind üblicherweise einfache, leichte Gins, die nach der Destillation mit unterschiedlichen Beeren oder Beerenextrakten versetzt werden, woraus sie ihre pinke Farbe beziehen. Sie sind meist gesüßt und haben nur sehr wenig (oder gar kein) Wacholderaroma.

Die neue, süße rosa Welle

Spätestens seit Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts erlebt der Gin sein großes Comeback. Und seitdem experimentieren Hersteller auch wieder mit neuen Geschmacksrichtungen.

Dabei beschränken sie sich nicht auf die historischen Varianten wie Sloe und Damson Gin. Immer mehr Marken testen Fruchtvarianten, die meist durch Zugabe von Essenzen bestimmte Geschmacksnoten wie Limette, Orange, Birne oder Rhabarber betonen.

Die Europäische Union hat in ihrer aktualisierten Verordnung von 2019 allerdings erneut festgesetzt, dass bei Spirituosen, die unter dem Namen „Gin“ vermarktet werden, „der Geschmack nach Wacholder vorherrschend bleiben muss“.

Der Abschied vom Wacholder

Bereits bei sogenannten „New Western Dry Gins“ sprach man in Expertenkreisen davon, dass diese EU-Regelung von vielen Herstellern äußerst großzügig interpretiert wird. Im Fall der neuen Fruchtwelle muss man wohl von einem finalen Dammbruch sprechen.

Im Jahr 2017 brachte eine der großen Volumen-Marken, Gordon’s Gin, eine Fruchtvariante unter dem Namen „Pink Gin“ auf den Markt. Und im Jahr 2018 stieg mit Beefeater eine weitere ikonische Gin-Marke in den rosafarbenen Reigen ein. Im Windschatten dieser Branchengrößen segeln nun immer mehr andere Hersteller auf der farbigen Welle mit.

Was genau aber ist das Merkmal dieser neuen Pink Gins?

Im Gegensatz zu den auf den historischen Cocktail bezugnehmenden Abfüllungen haben sie keine trockenen und bitteren Noten mehr. Vielmehr setzen sie primär auf den Geschmack von Beerenfrüchten wie z.B. Erdbeere, sowie eine präsente Süße. Während manche Hersteller bei der Herstellung ihres Pink Gins versuchen, das Fruchtaroma über die Destillation in das fertige Produkt zu bringen, mischen andere ihre Version im sogenannten „Cold Compounding“-Verfahren an. Dabei werden einer Grundspirituose über die Zugabe von Essenzen und Ölen Geschmacksnoten verliehen. Das führt mit dazu, dass einige der neuen Gins einen überraschend hohen Zuckergehalt aufweisen.

»Immer mehr Ginproduzenten springen auf den pinkfarbenen Zug auf.«

Die Kategorie Pink Gin

Seit diese Art von Frucht-Gins so präsent ist, taucht nun auch in Medien immer häufiger der Begriff von der „Kategorie Pink Gin“ auf.
Er wird auch bei der Bekanntgabe von Verkaufszahlen benutzt. Entsprechend darf man feststellen, dass er Teil des „allgemeinen Sprachgebrauchs“ geworden ist. Laut der Firma Nielsen CGA, die in der britischen Gastronomie Verkaufsdaten erhebt, hat sich etwa die Zahl der Briten, die Pink Gin trinken, im Vergleich zum Vorjahr von 2,2 Mio. auf 5,1 Mio. mehr als verdoppelt.

Und die britische Wine & Spirit Trade Association (WSTA) berichtet, dass Pink Gin derzeit den größten Anteil am gesamten Wachstum aromatisierter Gins ausmache. Darüber, wie groß die Nachfrage im deutschsprachigen Raum ist, gibt es derzeit noch keine Angaben.

Die großzügige Interpretation von Pink Gin

Barflys, Bartender und Spirituosenliebhaber sind also derzeit Zeuge, wie eine neue Gin-Kategorie entsteht. Diese hat den Begriff Pink Gin aus Vermarktungsgründen gekapert, interpretiert ihn dabei allerdings äußerst freizügig. Es ist daher gut zu wissen, wofür Pink Gin ursprünglich stand. Und das war schlicht ein Cocktail. Mit trockenen und bitteren Aromen, und nicht mit süßen und fruchtigen.

Wir wollen aber keine Spielverderber sein und wünschen viel Spaß beim Testen und Mixen der historischen und der modernen Varianten! Cheers!

Kommentieren

Ich akzeptiere