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Sieben Fakten über die Sperrstunde

Die Sperrstunde: Fluch oder Segen? Was dem einen nur als wohlmeinender Schutz des Volkes im Sinn steht, bedeutet für den anderen blanke Bevormundung. Heute gerät die Sperrstunde immer mehr aus der Mode. Zu Recht, wie wir meinen. Dennoch gehört sie zur Bar wie Shaker und Eis. Zeit, einmal einen Blick auf die Geschichte der trockenen Stunde zu legen.

Giffard Alkoholfrei

Im Gegensatz zu vielen anderen heute gebräuchlichen Sitten in der Bar und im Gastgewerbe ist die Sperrstunde ausnahmsweise keine Erfindung der jüngeren Vergangenheit. Sie ist vielmehr eine konsequente Weiterführung dessen, was über Jahrhunderte, teilweise Jahrtausende in vielen Herrschaftsgebieten mehr oder weniger gängig war: die nächtliche Ausgangssperre bzw. die verordnete Nachtruhe.

1) Die Ruhe der Nacht Historisches zur Sperrstunde

Bis tief in die Neuzeit hinein war es üblich, zu gewisser Stunde die Stadt quasi „auf Sparflamme“ zu schalten. Die großen Tore der Stadtmauer wurden geschlossen, alle Geschäfte stellten den Betrieb ein und die Nachtwächter übernahmen die Aufsicht über das spärliche Geschehen auf den Straßen — oder eben über die Einhaltung der Ausgangssperre. Das abendliche Leben spielte sich dann daheim oder aber in den Gasthäusern ab (die lange Zeit auch immer gleichzeitig Übernachtungshäuser für Reisende waren). Für die Schänken ohnehin wenig einträglich, war es in vielen Gegenden üblich, dass die öffentlichen Ordnungshüter irgendwann am Abend die „Polizeistunde“ in den Wirtshäusern durchsetzten.

2) Der Schutz vor dem Suff

Eng mit dem Gedanken der Nachtruhe verknüpft ist ein weiterer Gedanke, der jedoch gleichermaßen das gesundheitliche Gemeinwohl beachtet: in den Pinten und Kneipen wurde auch früher gesoffen, was das Zeug hielt. Besonders mit dem Aufkommen industrieller, billiger Möglichkeiten zur Branntweinherstellung im frühen 19. Jahrhundert verbreitete sich das, was man heute wohl Komasaufen nennen würde, besonders unter der einfachen Bevölkerung. Das flächendeckende Saufen nach Feierabend betraf vor allem die kinderreichen Arbeiterfamilien in frappierendem Ausmaß: zur Abendstunde quollen die öffentlichen Wirtshäuser über vor betrunkenen Männern, die hier Abend für Abend ihr Gehalt versoffen, während die Familien zuhause Hunger und Not litten.

In einigen Ländern reagierte man seitens der Politik mit generellen oder modifizierten Alkoholverboten, wie etwa in den USA, Belgien oder dem skandinavischen Raum. Ein anderer vermutlich weniger resoluter Weg war die Sperrstunde, wie sie beispielsweise in Großbritannien bis 2002 praktiziert wurde. Denn sie bot zwar nach wie vor die Möglichkeit, öffentlich und in Gesellschaft zu trinken, begrenzte jedoch ganz eindeutig und im Vornherein die Zeit, die dafür zur Verfügung stand. Zumal alkoholische Getränke lange Zeit fast ausschließlich in Wirtshäusern erhältlich waren — abgesehen von Wein oder fremdländischen Erzeugnissen, die sich aber sowieso nur eine reiche Minderheit leisten konnte.

3) Die Glocke

Das wahrscheinlich prominenteste Symbol zur Verkörperung der Sperrstunde ist wohl weltweit die metallene Glocke, die auch heute noch über vielen — mittlerweile sperrstundenbefreiten — Tresen hängt. Mit ihrer Hilfe wurde seinerzeit unüberhörbar klar gemacht, dass es Zeit für die Bestellung des letzten Glases ist.

Die Glocke hatte für den Wirt viele Vorteile. Erstens war ihr Klang bis vor die Türen des Gasthauses vernehmbar, es musste also allen Beteiligten klar sein, dass wirklich gleich Schluss ist — Diskussionen ausgeschlossen. Gleichzeitig war die Glocke für die Bevölkerung ein Gegenstand von zwar nicht direkt hoheitlicher, aber autoritärer Assoziation: wo eine Glocke war, waren die Regeln klar definiert, wie etwa an Bord eines Schiffes, in der Kirche, am Rathaus oder an der Eisenbahn. Sie ersparte dem Wirt die mündliche Ankündigung der letzten Runde und stellte ihn als Autorität der Nacht dar.

Gebräuchlich ist die Glocke bis heute dennoch, um das Ende des Ausschankes bekannt zu geben. Eine besonders bekannte Glocke findet sich übrigens in der St. Stephen’s Tavern am britischen Parlament: wenn dort das Metall läutet, wissen die Abgeordneten, die sich gerade ein kühles Pint genehmigen, dass es Zeit ist, zurück in den Sitzungssaal zu gehen: acht Minuten später beginnt nämlich eine Abstimmung.

4) Die skurrilen Seiten der Sperrstunde

Wie jedes Regularium hat auch die Sperrstunde ihre kruden, mitunter erheiternden Seiten. Man stelle sich etwa vor, wie viele Zehntausende Australier sich nach Dienstschluss um 17 Uhr in rasender Eile auf den Weg machen, um einen Platz in der nächsten Hotelbar zu ergattern. So geschah es auf der anderen Seite der Erde zu Beginn des letzten Jahrhunderts einige Jahre lang, denn die Hotelbars durften bis 18 Uhr Alkohol geöffnet bleiben. Da die meisten Arbeitnehmer um 17 Uhr Feierabend hatten, kam es täglich zum sogenannten „six o’clock swill“ auf die Hotelbars, die regelmäßig in dem durstigen Schwall untergingen.

Ein weiterer abstruser, unschöner Nebeneffekt vieler Sperrstunden war die alles andere als beabsichtige „Umdeutung“ durch die Gäste: so wurde die Sperrstunde nicht als Anreiz genommen, weniger zu trinken, sondern vielmehr als Zielpunkt des Rausches. Will sagen: wenn um 23 Uhr Schluss ist, muss man eben bis dahin randvoll sein. Vor allem jener Impuls zum Binge-Drinking war es, der die Behörden vielerorts irgendwann am Sinn und Zweck jener Institution zweifeln ließ.

5) Ein weiterer Grund dagegen: die Straßen voller Säufer

Abgesehen von der Tatsache, dass man im Laufe der Zeit durch Vergleiche mit liberaleren Ländern einsehen musste, dass eine Sperrstunde eindeutig nicht zu geringerem Alkoholkonsum oder weniger Trunkenheit führt, ergab sich besonders an den Wochenenden in den größeren Städten folgendes Problem: da ein Großteil der Gäste die Zeit bis zur Sperrstunde komplett ausreizte, kam es konsequenterweise zu dem Umstand, dass Tausende von Betrunkenen nahezu zeitgleich auf die Straßen gespült wurden. Die Straßen auf einen Schlag gefüllt mit besoffenem Pöbel auf der Suche nach einer Möglichkeit zum Weitersaufen oder zum Abbau des Ärgers über die Sperrstunde — nach gesundem Menschenverstand eine Art soziologischer Super-Gau.

Mit der Zeit sah man in vielen Amtsstuben ein, dass man mit der Sperrstunde letztlich nicht den Alkoholkonsum, sondern lediglich dessen Rahmenbedingungen steuern konnte. Das sicher bekannteste Beispiel einer Abschaffung vollzog sich im November 2002 in Großbritannien: dort wurde die ehrwürdige Sperrstunde um 23 Uhr abgeschafft. Seither dürfen Pubs auf der Insel länger öffnen.

6) Die Abschaffung in Schritten

Die Abschaffung der Sperrstunde vollzog sich in unterschiedlichen Ländern auf verschiedenste Weise. In vielen Staaten verlagerte sich der Genuss alkoholischer Getränke mehr in den privaten Bereich. Das war meist nicht nur billiger, sondern wurde auch dadurch begünstigt, dass alkoholische Getränke in immer stärkerem Maße im Lebensmitteleinzelhandel erhältlich waren. Freilich gibt es auch hier nach wie vor große Unterschiede. Während in London heutzutage jeder Supermarkt wie selbstverständlich auch harten Alkohol verkauft, sitzt man z.B. in Sydney auf dem Trockenen, sofern man nicht tagsüber schon in einem lizenzierten Liquor Store vorgesorgt hat, denn auch die Nightshops dürfen in der Regel keinen Alkohol — noch nicht einmal Bier — verkaufen.

Spätestens mit dem Aufkommen jener mittlerweile in vielen Städten üblichen 24/7-Konzepte, etwa den Berliner „Spätis“, New Yorker Delis oder der weltweit agierenden 7Eleven-Kette ist die Sperrstunde, sofern es sie denn noch gibt, obsolet geworden.

7) Die Situation in Deutschland

Bezogen auf Deutschland kann man mehr oder minder behaupten, dass es keine Sperrstunde mehr gibt. Durch den Föderalismus ist auch die Sperrstunde Sache der Bundesländer. Mittlerweile ist diese aber sogar im konservativen Bayern auf eine sogenannte „Putzstunde“ zwischen 5 und 6 Uhr morgens eingestampft worden, in einigen Bundesländern gibt es nicht einmal mehr diese. Daneben gibt es zahlreiche, strenger und freiere, Sonderregelungen für Volksfeste und Außengastronomien, und auch einige Kommunen führen zudem eigene Sperrfristen ein.

Generell nutzen die Deutschen jene hinzugewonnenen Freiheiten aber aus: viele Bars und Kneipen sind an den Wochenenden fast die ganze Nacht hindurch geöffnet, sodass so mancher Bartender den Laden erst verlässt, wenn schon wieder der Morgen graut.

Anders handhaben es übrigens unsere britischen Nachbarn: Obwohl dort seit mehr als 12 Jahren die Sperrstunde aufgehoben ist, haben die Pubs im UK durchschnittlich nur eine knappe halbe Stunde länger geöffnet als früher. Auch schließen viele der eingesessenen Londoner Hotelbars nach wie vor häufig schon gegen Mitternacht. Eine flächendeckende Nachfrage nach den längeren Öffnungszeiten bleibt seit der Abschaffung aus, so der Branchenverband der über 50.000 „Public Houses“. Aber man muss sich ja auch nicht immer die komplette Nacht um die Ohren trinken.

Credits

Foto: Closed Schild via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

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