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Zum Launch von Fords Gins in Deutschland: „Für Bartender muss Gin nach Gin schmecken.“

Wie der von New Yorker Bartendern kreierte „Fords Gin“ eine Weltmarke wurde, schildert Mit-Gründer Simon Ford knapp ein Jahr nach dem Verkauf an Brown-Forman. Das ausführliche Gespräch mit MIXOLOGY-Autor Roland Graf könnte auch heißen: Management-Lehren eines Martini-Liebhabers.

Mit der TV-Romantik von „Höhle der Löwen“ oder „2 Minuten, 2 Millionen“ hat die Geschichte, die Simon Ford erzählt, nichts zu tun. Allerdings reüssierte der Brite auch nicht mit High-Heel-Schonern oder Grillanzündern aus Mais, sondern schuf in acht Jahren eine globale Marke. Spätestens seit dem Verkauf von Fords Gin an das Whiskey-Emporium von Brown-Forman ist Fords Geschichte reif für die Management-Lehrbücher.

Allerdings würde dort wenig Ermutigendes für die Generation „alles und gleich“ stehen. „Das erste Jahr verbringt man damit, das Konzept zu teilen und die Ideen zu präsentieren  – das hilft dir, Vertrauen zu entwickeln, dass die eigene Idee gut ist.“ 2007 hatte der damals als Bartender in New York arbeitende Engländer die Idee zu eine, Spirituosen-Start-up. Erst 2012 existierte es auch real.

Der Gin „überlebte“ alle anderen

Denn bevor es Fords Gin gab, war da die „86 company“. Deren Geschichte wiederum sagt einiges über die zeitgenössische Bar-Szene aus. Allerdings nicht, weil mit Dushan Zaric und Jason „Jay“ Kosmas zwei weitere Bartender (damals noch im New Yorker „Employees Only“ zugange) zu den Gründern gehörten. Sondern weil die Spirituosen-Firma ursprünglich Vodka, Rum und Tequila genauso im Portfolio hatte. Sie erwarb Brown-Forman allerdings nicht. Weil es sie im Vorjahr schlicht nicht mehr gab. „Ab 2015 wurden die Verkäufe der anderen Produkte immer geringer, nur Fords Gin wuchs ständig weiter“, ist Simon Ford ziemlich offen, warum er alle anderen Produkte über die Jahre sterben ließ.

Dabei hatte es ihm ausgerechnet der klare Wacholder-Brand schwer gemacht. „Du brauchst drei Wochen, bis ein Batch fertig zum Kosten ist.“ 84 solcher Kleinchargen sollten es aber werden. Und die ließ man nicht um die Ecke in New Jersey brennen, sondern bei Charles Maxwell („Thames Distillers“) in London. Als Kenner der Gin-Szene – u. a. war Ford Markenbotschafter für Plymouth Gin – hatte er an etliche Brenner sein Rezept verschickt. „Maxwells Rezepturen waren immer die besten.“ Doch Gin, folgt eine weitere Erkenntnis, sei wie Backen: „Du brauchst zu jeder Zeit absolute Genauigkeit.“

Fords Gin: der Name entstand auf Anraten des Martini-Fans Sasha Petraske
„Jeder in unserer Firma kann mit dem Shaker umgehen“, erklärt Simon Ford

With a little help from my friend Sasha

So nützte etwa auch die Begeisterung von Bar-Legende Dale de Groff („That’s it, Simon!“) für Batch Nr. 64 vor Ort in London nichts. Den Martinis, die zurück in New York gemixt wurden, fehlte dennoch die Viskosität. Dass der heutige Gin einen merklich hohen Gehalt an ätherischen Ölen aufweist, verdankt sich dieser Lernphase. Und dem mäßigenden Einfluss von Charles Maxwell, der für Dutzende Unternehmer Gin brennt. „Natürlich suchten wir anfangs nach verrückten Botanicals, Sasha Petraske aus dem Milk & Honey hatte einige wirklich experimentelle Ideen.“ Doch weder Lorbeer noch Bergamotten schafften es ins finale Rezept. „Sie können in der Qualität variieren und sind mitunter schwer zu beschaffen“, riet Maxwell zu Grapefruit.

Heute ist Simon Ford überzeugt, „dass Bartender wollen, dass ihr Gin nach Gin schmeckt“. Der verstorbene Martini-Fan Petraske unterstützte den Griff zu zitrischen Botanicals (Zitrone, Orange und eben Grapefruit), denn schließlich sollte er „in der Bar in klassischen Gin-Drinks wie einem Gimlet oder einem Rickey funktionieren“. Und er entwickelte auch den „Wasser-Test“, den Ford allen Barkollegen empfiehlt: „Gib 10% Wasser – das entspricht der Verwässerung eines Martinis – zum Gin. Er sollte auch dann noch alle Aromen und Kanten besitzen.“

Zurück an den Start, Flasche bauen!

Das lange Nachdenken war aber nicht von Vorteil. Die Gin-Landschaft hatte sich ausgerechnet in diesem Zeitraum komplett verändert. „Als wir endlich im Regal standen, gab es hunderte Mitbewerber“, erinnert sich Ford. Dem nicht genug, nahm sich ein braver London Dry Gin unter all den ausgeflippten Geschmacksrichtungen ziemlich hausbacken aus: „Wir standen plötzlich im Schatten der Flavored-Gin-Bewegung.“ Man kann aber auch zum Bilderstürmer werden, indem man den Ölschinken hängen lässt. Was Bartender aus der Neigungsgruppe „Spirituosen-Start-up“ weiters lernen können, ist der Zielgruppe zu vertrauen. Für die „86 co.“ waren das die Bartender. „Jeder in unserer Firma weiß, was es heißt, als Bartender zu arbeiten“, sieht Simon Ford nach wie vor eine hohe Verbundenheit mit den Frauen und Männern hinter dem Tresen. Auch wenn sich diese als retardierendes Element am Weg zur Gin-Weltherrschaft entpuppten.

„Ich war am Anfang so naiv zu glauben, dass die Leute einfach das ‚liquid‘ kaufen wollen“, erinnert sich Ford. Als er mit seinen Bar-Freunden die am Markt erhältlichen Flaschen durch dekliniert, stellte sich aber schnell heraus, dass gegen alle kleine, aber berechtigte Vorbehalte vorhanden waren: Einige passte nicht ins Speedrack, andere waren zu schwer, zu breit, zu hoch. „Mein Finanzpartner rollte nur mehr mit den Augen, als ich ihm eröffnete, dass wir wohl auch eine eigene Flasche entwickeln würden müssen.“ Input für die Ergonomie der Verpackung eines Gins, denn es noch nicht einmal gab, hatte man jedenfalls genug; die Form des Halses etwa geht auf Eric Alperin („Varnish“, Los Angeles) zurück, der eingekerbte Ring in der Mitte auf „Speedrack“-Gründerin Lynnette Marrero. Am Ende redete selbst ein Physiotherapeut mit. Doch der Kreditgeber durfte sich entspannen. Den Entwurf gab es für kleines Geld von einem Designer, den sein Mitbewohner kannte – und der es spaßig fand, „dienstlich“ nächtelang mit den Alko-Entrepreneuren in Bars abzuhängen.

Eine Statue für Simon Ford in Tennessee

In gewisser Weise stellt der Gin auch ein weiteres Vermächtnis von Sasha Petraske an die Bar-Welt dar: „Der Name kam von Sasha, denn er meinte nur: Du bist schließlich für Gin bekannt.“ Auch wenn es keinen Apostroph im Markennamen gibt, es also genau genommen nicht Simon Fords Gin ist, ergäbe das unter dem Dach von „Jack Daniel’s“-Eigentümer Brown-Forman plötzlich neue Perspektiven: „Vielleicht bekomme ich als Gründer ja auch einmal meine eigene Statue“, lacht Ford in Anspielung auf das bekannte Standbild in der Konzernzentrale Lynchburg.

Doch weiter im Business-Lehrbuch. Denn einer Frage widmen sich die wenigen global erfolgreichen Start-ups entweder blauäugig oder gar nicht: Wie wird sich der Geschmack durch das Hochfahren für den weltweiten Vertrieb ändern? Ford kennt die Frage („auch durch meine Zeit im Consulting“) sieht aber nicht, dass sich an der Größenordnung von Maxwells zwei 500-Liter-Brennblasen etwas ändern würde. Mehr noch; „Die „scalability“ (in etwa: Größenverstellbarkeit) ist beim Gin gegeben.“ Der Einkauf der Botanicals würde in größeren Mengen klar günstiger, wodurch die Kosten sinken. Es gäbe also keinen Spardruck. „Gin ist eines der wenigen Beispiele, wo die größere Menge auch das Produkt verbessern kann.“

Auch im Konzern: Kein Bananen-Gin

Und die Begehrlichkeiten von Konzern-Controllern und -Marketingleuten? „Es wird von uns keine Rosé-farbenen Abfüllungen oder Bananen-Gin geben“, winkt Simon Ford ab, wenn man ihn auf die Flut an neuen Varianten anspricht. Er selbst könne sich lediglich „klassische“ Erweiterungen der Range vorstellen, nachdem man als „London Dry“-Erzeuger gestartet sei. Als Beispiel nennt der Englishman in New York etwa das zweite Batch der „Officers‘ Reserve“, der Navy-Strength-Variante von Fords, die im Amontillado-Fass gereift wurde. „Wenn das im 17. Jahrhundert an Bord eines Schiffes war, dann wohl in einem Fass“, gibt der Firmengründer den Historiker.

Und mag es auch sonst konservativ: Der wahrhaftigste Ausdruck eines Gins sei nun einmal der Dry Martini, sagt der Mann, der stets „fünf oder sechs Flaschen Wermut offen hat“, um damit zu experimentieren. Orange Bitters und Lemon Twist seien für ihn obligat. Aktuell liebt Ford Mancino Vermouth Ambrato als Ergänzung. Sein Gin stünde auch bei einem Mischverhältnis von 1:1 noch gegen den Wermut auf, lässt sich der Hersteller aber auf keine Diskussion über kanonische Relationen für den ikonischen Drink ein. Selbst wenn: Mit wem sollte man sie aktuell diskutieren?

Nach dem Virus? Nach Deutschland!

Dass man beim Bartender-Gin Fords mit dem aktuellen Zustand der Gastronomie wenig Freude hat, ist klar. Zumal es in etlichen US-Staaten auch nicht möglich ist, mittels Abholung von Cocktails oder Zustellung einen Teil des Umsatzes zu retten. Aktuell sorgt Fords mit einem Online-Programm für Tipps, wie man „bottled drinks“ herstellt. Doch schon im ersten Lockdown, als die verkürzten Öffnungszeiten den Kollegen Schichten und somit Verdienst raubten, sprang die Gin-Marke ein. Und bezahlte im Rahmen von „Lost shift bartender“ den Durchschnittslohn an die ansonsten beschäftigungslosen Mixologen.
Ob Ford selbst Weihnachten bei seiner britischen Familie – „Ich lebe als einziger nicht in England“ – feiern wird, ist unsicher. Gebucht wäre das Ticket ja, aber…. Doch lassen wir das mit dem Virus!

Ein Jahr nach dem Verkauf an den Whiskey-Giganten aus Tennessee wirkt Simon Ford jedenfalls zufrieden. „Irgendwann stößt du als Unternehmer auch an die Grenzen dessen, was du selbst machen kannst.“ Tatsächlich sei nun auch wieder Gelegenheit, sich um Innovationen zu kümmern, seit ihn ein Stab an Mitarbeitern im Tagesgeschäft entlaste. Nicht nehmen lassen allerdings will sich Ford die Vorstellung des Gins in Deutschland. „Der BCB ist ein internationales Zentrum für die Barwelt, sobald das also möglich ist, springe ich in einen Flieger.“

Immerhin hätte er auch in der Aufbauphase dort zwei seiner Importeure – den für Spanien und die Österreicher von „Punk’s Finest“ – kennengelernt. Und auch eines seiner Vorbilder, die Bayern von „The Bitter Truth“, stammen schließlich aus Deutschland: „Was sie erreicht haben, hatte einen der größten Einflüsse auf mich.“

So was schreiben wir doch gerne ins Gin-getränkte Start-up-Lehrbuch!

Credits

Foto: Brown-Forman

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