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Marmion Bar Frankfurt: alles, außer gewöhnlich

Im Frankfurter Ostend thront die Marmion Bar fernab von Krawallbarwellen der Innenstadt im 5. Stock des Hotels Lindley. Klassische Hotelbar ist die Marmion Bar aber keine. Vielmehr ist sie die ästhetische Erweiterung der beiden Betreiber Malwin Hillier und Torsten Martini. Und somit ein eleganter Rückzugsraum.

Bevor wir hier versuchen, eine Schublade aufzumachen, lasst es uns doch einmal anders angehen: Die im Juli 2019 in Frankfurt eröffnete Marmion Bar des Hotels Lindley von der Lindenberg-Gruppe sieht aus wie die fleischgewordene Instagram-Kulisse. Hausfotograf Oliver Tamagnini nutzte das prompt für seine Marketing-Shoots. Sein Bild sticht im Instagram-Feed der Bar hervor. Auf dem thront ein Dalmatiner auf dem Art-déco-Tresen, fünf weitere Hunde und eine barfüßige Femme fatal posen drum herum, die Gastgeber hinter der Bar. Eine perfekte Inszenierung – und doch nur die halbe Wahrheit.

Marmion Bar besticht durch Champagnerauswahl

Denn wer in einer gewöhnlichen Freitagnacht in den fünften Stock fährt, trifft zwar die beiden Inhaber in adretter Garderobe, doch am Tresen hockt ein junger Mann mit Basecap, und auf den Stühlen, in denen Wiener Geflecht gespannt ist, zücken Frauen und Männer ihre Smartphones, aber nur, um mit ihren Taschenlampen die Karten zu studieren. Im Gegensatz zu den meisten Bars, in denen es entweder Cocktails oder Wein gibt, lesen sie hier adaptierte Cocktailklassiker und eine Auswahl aus rund 150 Positionen Wein und Champagner. Kleinigkeiten zu Essen gibt es auch, zum Beispiel Solei und Rohmilchkäse, welche die Herren am Nebentisch sogleich bestellen.

Tatsächlich wirkt hier alles in der Nacht ein wenig so wie unter einem Filter, der Sonnenbrille-Ohropax heißen könnte. Farben, die im Tageslicht Decken und Böden überzogen, sind jetzt zu einem Grau verschmolzen. Heruntergedimmte Lampen spiegeln sich in der Glasfassade, hinter der man die Industriekomplexe des Frankfurter Ostends und den Main nur noch erahnen kann. Gitarrenklänge tönen so leise aus den kabellosen Boxen, dass sie die Bargäste subtil zu piano ermutigen. Nur die Inhaber spielen ihre Solos, begrüßen höflich, mit fester Stimme und manierlichem Sie. Darauf wird hier Wert gelegt.

Malwin Hillier (links) und Torsten Martini (rechts) leiten die Geschicke der Marmion Bar auf elegante Weise

In der Marmion Bar ruht das Auge auf Design

Sind Augen und Ohren erst einmal umgewöhnt, werden all die Details sichtbar, die Malwin Hillier und Torsten Martini hier so bewusst ausgewählt haben. Die Basis für das Interior war der Grundraum. „Zu Anfang war hier alles modern in your face. Wir haben das mit Details und klassischen Artefakten gebrochen, wie der Vase auf der Bar oder dem Midcentury-Barwagen vor dem Fenster,“ erklärt Hillier, der jüngere der beiden, der für gewöhnlich hinter der Bar anzutreffen ist.

Obwohl das Hotel für Design bekannt ist, hatten sie „bis zu 90 Prozent“ Gestaltungsfreiheit. Und so ist der Teppich rot, weil das Bar-Duo es so wollte, die Stühle sind im Thonet-Stil, weil beide Fans von Designklassikern sind. Torsten Martini, der nicht nur in Service und Getränken, sondern auch in Antiquitäten versiert ist, hat das ein oder andere Stück mitgebracht..

Malwin Hillier und Torsten Martini strahlen Stilsicherheit aus

So war es nicht nur das gustatorische, sondern auch das ästhetische Verständnis, das die beiden Herren, zwischen deren Geburtsdaten zwanzig Jahre liegen, zusammengeführt hat. Beide strahlen Stilsicherheit aus, beide tragen Schnauzbart und einen klassischen Herrenschuh, die Bundfaltenhose des 30-Jährigen ist in der Taille geschnürt, beim 52-jährigen harmoniert die Sockenfarbe mit jener der Weste.

„Wir beide mögen klassische – mancher würde sagen: konservative – Aspekte. Aber eben nicht nur!“ erklärt Malwin Hillier. Sie seien nicht versteift auf etwas, das aus einer gewissen Zeit kommt, am Ende ginge es nur um schöne Dinge. „Ich renne manchmal mit einer NVA Offiziershose, Doc Martens und maßgeschneidertem Jackett der Royal Navy rum, weil ich es lustig finde. Gewisse surrealistische Aspekte gehören einfach mit dazu,“ ergänzt sein Partner.

Im Logenhaus lernten die beiden sich vor dreieinhalb Jahren kennen. Hillier war Barchef, Martini leitete den Service und suchte schon lange nach Selbstständigkeit. „Endlich frei entscheiden über alles war mein Ziel: über das Licht, die Musik, die Möbelauswahl, die Getränke, die Umgangsformen,“ erinnert sich Torsten Martini. Seinen Partner fand er auf Anhieb, nach einem halben Jahr Freundschaft suchten sie nach etwas Eigenem.

Die Marmion Bar liegt im 5. Stock

Marmion Bar

Lindleystraße 17
60314 Frankfurt am Main

So - Do 17 – 1 Uhr, Fr – Sa 17 – 2 Uhr

Gimlet Donaire

Zutaten

5 cl Pisco El Gobernador
1 cl Italicus Rosolio di Bergamotto
1 cl Lime Cordial (hausgemacht)

Marmion Bar ist benannt nach der Yacht von Charles H. Baker jr.

Wohlgemerkt sind beide Quereinsteiger. Hillier etwa studierte Soziologie in Frankfurt, arbeitete nebenbei in der Gastro und fand daran Gefallen. Seine erste Auseinandersetzung mit Alkohol fand früher statt, in der Kindheit, in der sein Großvater ihm erlaubte, die Schaumkrone des Bieres mit der Gabel zu essen. Was ihn außerdem prägte, war Literatur. „Ich habe nach dem Abitur viel Hunter S. Thompson gelesen, in dessen Büchern der Alkoholkonsum glorifiziert und sehr eindrücklich beschrieben wird,“ sagt der Bartender. Es folgten Charles Schumann und der The Gentleman’s Companion von Charles H. Baker jr., was sich hier widerspiegelt, da diese schöne Bar nach seiner Yacht benannt ist.“

Die Marmion Bar sollte jener Ort werden, „der eigentlich unsere Lieblingsbar wäre.“ Der Inhalt der Karte setzt sich aus Klassikern zusammen, insbesondere aus solchen, die gerne vergessen würden. In einer Kategorie auf der ersten Seite, die sich „Lost & Found“ nennt, ist gerade der Aviation gelistet. Die Frage nach den richtigen Klassikern auf der Karte trieb Malwin Hillier um. „Es stellt sich die Frage, wo fängst du an, wo hörst du auf? Natürlich kann man seine liebsten Cocktails listen oder die klassischen nehmen, Negroni, Manhattan, Martini. Deswegen haben wir Signatures entwickelt, die fast alle so ein bisschen die Kategorien widerspiegeln.“

So auch sein Gimlet Donaire, der aus Pisco El Gobernador, einem hausgemachten Lime Cordial und Italicus Rosolio di Bergamotto besteht und 14 Euro kostet. Pisco ist für Malwin wie ein Blatt Papier, auf dem man „super easy und super viel“ schreiben kann. Der Gimlet, ein sehr beliebter Drink hier, läge eine unfassbare Aromenvielfalt an den Tag, obwohl er nur aus drei Komponenten bestehe.

Marmion Bar ist definitiv keine Krawallbar

Am wichtigsten ist den Inhabern aber die gesamte Atmosphäre. „Wir wollen keine Krawallbar sein, wie es leider irgendwie Überhand nimmt, mit extrem lauter E-Pop-Musik und Rauchen,“ erklärt Torsten Martini. Sein Mantra lautet: Wir sind eine inhabergeführte Bar. „Man geht immer zu Menschen, man geht immer zu Gesichtern.“

Und so verkörpern die Inhaber zwei Persönlichkeiten, die nicht in Schubladen gesteckt werden können – und mit denen man sich stattdessen viel lieber unterhalten und gepflegt einen heben möchte.

Credits

Foto: Interieur: Steve Herud; Porträt: Simon Bolz

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