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Fakten: Sieben Berliner Spirituosen

Nein, keine Weisse mit grünem Sirup! Dann doch lieber Kräuter, Vodka, Gin, Kümmel und gleich nochmal Kräuter. Die Hauptstadt hat eine reiche Brenntradition. Wer sich auf eine historisch bildende Genusstour durch Berlin begeben will, der kann auch bei heimischen Bränden wahrlich aus dem Vollen schöpfen. Unser Vollzeit-Berliner Peter Eichhorn mit einem aromatischen Überblick.

Wie sang damals die wunderbare Hilde Knef? „Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen und dein Mund ist viel zu groß.“ In diesen Mund passt ganz schön was hinein. Mehr als Molle und Korn. Was trinken der Eckensteher Nante, der Berliner Bär und Hertinho am Spreeufer oder bei der Holzauktion im Grunewald? Berlin ist durstig. Berlin ist pfiffig. Ein Blick auf sieben Spezialitäten, welche die Berliner Getränkegeschichte prägten oder heute als Bestandteil aktueller Trend-Drinks in Frage kommen. MIXOLOGY hat mehr als nur einen Koffer voller flüssiger Schätze in Berlin. Ganz im Sinne von Harald Juhncke: „Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.“

1) Mampe Halb & Halb

Trinken ist Medizin. Wie viele unersetzbare Bestandteile des Barbetriebs hat die Cocktailwelt den Ärzten und Apothekern zu verdanken?! Es sind einige. Auch der Kräuterlikör mit dem Elefanten im Logo zählt dazu. Der Arzt und Königlich preußische geheime Sanitätsrat Dr. Med. Carl Mampe fügte 1831 einige geheimnisvolle Bestandteile mit Kräutern und Bitterorangen in flüssiger Form zusammen, um ein wirksames Mittel gegen die Cholera zu schaffen. Gegen die Krankheit half das Elixier wenig, dafür wurde es für durchaus wohlschmeckend empfunden, und schon bald zierten Mampe-Stuben in ganz Deutschland die Straßen.

Lange in den Regalen von verrauchten Eckkneipen der Hauptstadt vergessen, erlebt Mampe derzeit ein verdientes Revival. Ab und an sieht man noch die historische Flasche mit dem gelben Etikett mit Kutsche darauf und dem grünen Schraubverschluss, aber ein modernes, mattiertes Behältnis in rot-blau ist heute aktuell in Umlauf.

Geblieben ist der legendäre Elefant, der Ende der 1970er Jahre das Trikot der Fußballer von Hertha BSC zierte. Auch gab es lange eine Patenschaft im Berliner Zoo und im Elefantengehege rüsselte stets ein Dickhäuter mit Namen „Mampe“ umher.

Heute bewahrt ein Mampe-Museum in Berlin die Geschichte der Traditionsmarke und Fast-Food-Freunde wundern sich, wenn sie am Kurfürstendamm, nahe der Gedächtniskirche, die Hamburger-Filiale mit dem goldenen M betreten, und dort von Kachelöfen, Stuckaturen und Porzellan-Elefanten in historischen Räumlichkeiten umgeben sind. Tatsächlich bewahrt McDonalds drei Räume im Stile der Kaiserzeit, in denen sich früher die „Mampes Gute Stube des Westens“ befand.

2) Gilka Kümmel

Nach dem Elefanten erwartet uns ein Pinguin mit Pickelhaube. Dieser ziert die Flasche von Gilka Kaiser-Kümmel, hergestellt aus Kümmel-Samen, doppelt destilliert. Ob die Monarchen des 19. Jahrhunderts bereits auf Bio-Zertifizierung Wert legten, ist nicht überliefert. Der heutige Gilka Kümmel mit 38% Vol. wird jedenfalls ausschließlich unter Verwendung von natürlichen Rohstoffen in Bioqualität hergestellt.

Eisgekühlt dient die Spezialität als Digestif nach einem opulenten Mahl mit Eisbein und Bulette und bietet eine dezent süßere Alternative zum nordischen Aquavit.

Traditionell war Kümmelschnaps ein Bestandteil der ursprünglichen Berliner Weisse. Die Bestellung lautete: „Eine Weisse mit Strippe, bitte!“ Was die sirupseligen Touristen heute nicht ahnen: Die Weisse war auch ein Herrengetränk. Und dann bitte etwas kerliger, also mit Kümmelschnaps. Leider kennen nicht mehr allzu viele Gastronomen der Hauptstadt diese Version einer echten Weissen.

3) Persiko

Diese Vokabel zaubert so mancher reifen Dame noch ein Lächeln auf die Lippen und weckt Erinnerungen an alte Zeiten mit Cha-Cha-Cha, Petticoat, heißen Küssen und manchmal auch Kopfschmerzen. Abgeleitet vom lateinischen Begriff für Pfirsich – prunus persica – , waren es meist dessen Steine, die geschmacksbildend in dem Getränk wirkten. Andere Fabrikanten wählten zuweilen stattdessen Kirschen und deren Saft für ein ähnliches Aromenprofil.

Ein authentisches Produkt erhält der Berliner noch in der legendären Likörmanufaktur Leydicke. 1877 von den Brüdern Emil und Max Leydicke gegründet, fertigt die Marke heute noch immer eine vortreffliche Auswahl an Obstweinen und Likören, die in historischem Ambiente an der Mansteinstraße in Schöneberg verkostet und gekauft werden können.

Ebenfalls gängig erhältlich ist der Persico Sauerkirsch der Hardenberg Wilten GmbH.

4) Held Vodka

“And you, you can be mean / And I, I’ll drink all the time / ‚Cause we’re lovers, and that is a fact / Yes we’re lovers, and that is that.” Eine Liedzeile aus dem Song “Heroes” eines bekannten und leidenschaftlichen Teilzeit-Berliners: David Bowie. Der Held von heute ist ein Vodka. Die dreifach destillierte Spezialität geht zurück auf ein Rezept der Familie Meissner aus dem Jahre 1921. Die Familie stammte aus Oberschlesien (typisch berlinerische Abstammung) und betrieb dort eine Brauerei mit Spirituosenfabrik.

2005 wurde die Familie samt ihrem Rezept von zwei Wahlberlinern wiederentdeckt und neu aufgelegt. Die Jahreszahl 1921 auf den Flaschen steht für das Jahr der Rezeptur-Erschaffung und verweist auf eine Zeit, da Berlin eine immense Nachfrage nach Vodka erlebte. Das hing mit den russischen Exilanten zusammen, die damals, in Folge der Russischen Revolution, in Berlin eintrafen. Insbesondere der Bezirk Charlottenburg verdankt dieser Entwicklung seinen Beinamen als „Charlottengrad“. Den wehmütigen Heimweh-Gefühlen wollten die damaligen Refugees mit einem vertrauten Destillat begegnen. Auch die Berliner Marken Schilkin und Gorbatschow stammen übrigens aus dieser Zeit.

5) Berliner Luft

Und wieder wird es musikalisch. Als Paul Lincke 1904 die Musik komponierte, die 1922 Bestandteil der Operette „Frau Luna“ wurde, ahnte der Komponist vermutlich nicht, dass man seine Berliner Luft nicht nur atmen und hören, sondern auch trinken würde.

Der kraftvolle und grünlich leuchtende Pfefferminzlikör aus dem Hause Schilkin begeisterte bereits zu DDR-Zeiten die Ostberliner in der „Mokka-Milch-Eisbar“ und im „Gastmahl des Meeres“ rings um den Alexanderplatz. Die durstige DDR war froh, ein solches Produkt trinken und gerne auch als Frappé vermixen zu dürfen. Nicht ohne Grund erhielt so manche minderwertige Spirituose im Arbeiter- und Bauernstaat wenig liebevolle Beinamen, wie „Blauer Würger“ oder „Kumpeltod“. Mehr dazu steht in dem empfehlenswerten Buch „So trank die DDR“ von Thomas Kochan, der im Prenzlauer Berg zudem sein hübsches Geschäft „Dr.Kochan Schnapskultur“ betreibt und dort auch kundig Auskunft gibt zu aktuellen und historischen Spezialitäten der Region.

Aber zuvorderst wird die Berliner Luft stets mit der inoffiziellen Berliner Nationalhymne von Paul Lincke verbunden bleiben. Das Lied bildet alljährlich den Abschluss des Konzerts der Philharmoniker in der Waldbühne und das gesamte Publikum pfeift mit. Wer zudem noch einen Pfefferminzlikör dabei hat, kann die Begrifflichkeit des „Reinpfeifens“ auf bislang ungeahnte, doppelte Weise erleben.

6) Pijökel 55

Berlin und Kräuterliköre, das ist eine traditionsreiche Verbindung, die glücklicherweise auch modern fortgeführt wird. 1955 finden Abiturienten ein Wurzelholz und taufen es auf den Namen „Pijökel“, was im Plattdeutschen etwa so viel bedeutet, wie „Kleines Ding“. Noch heute wird „der Pijökel“ an einem geheimen Ort aufbewahrt und einmal im Jahr von den „Pijökelfreunden“ in einer legendären Zeremonie hervorgeholt und begutachtet.

Der pijökelkundige Apotheker Kuno Grote konzipiert später einen Kräuterlikör und nennt ihn nach dem Wurzelding und dessen Auffindungsjahr. Nach dem Tod des Apothekers entdeckt dessen Sohn Gabriel Grote das Rezept wieder und beschließt, gemeinsam mit Mitstreiter Henning Birkenhake, 2010 das Elixier neu zu beleben und in einem Hinterhof im Prenzlauer Berg handwerklich zu produzieren.

7) Adler Berlin Dry Gin

Gin und Berlin? Gin ist derzeit überall. Und wo London Dry draufsteht, kann durchaus Niederetteldorf oder Middlefritham drinstecken. Überall kommen derzeit Flaschen in die Regale und berichten dem Kunden, wie einzigartig, regional, exotisch oder manufakturell die enthaltenen Destillate sind. Es gibt allerdings einen Berliner Gin, der schon hergestellt wurde, lange bevor der Gin Craze des 21. Jahrhunderts über die Bartresen schwappte. Und das auch noch in klassischer, also wacholderbetonter Manier. Aber genug der Ironie.

Die Preussische Spirituosen Manufaktur (PSM) ist ein Ort der sachkundigen Alkoholherstellung. Geballte Fachkompetenz wendet ihr Wissen an — zum Glück für den Hauptstadtgaumen — und lässt dieses Wissen auch immer wieder in weitere externe Projekte einfliessen. Mal freiwillig, wie bei den Michelberger-Destillaten, mal eher unfreiwillig, wie beim Berliner Brandstifter Gin.

Von Schwedenpunsch über Getreidekümmel bis zum Weddinger Kräuterlikör reicht die Palette, die mit Vorliebe traditionelle Produkte und historische Rezepturen aufgreift.

Und wenn man nur einen Hauptstadtgin nennen sollte, so müsste es der Adler Gin sein. Eine Vakuumdestillation und eine Reifung von bis zu acht Monaten in Steingutgefäßen zeigen das Handwerk der Manufaktur. Heute keine Selbstverständlichkeit: auf Extrakte verzichtet die PSM. Die Hauptbestandteile innerhalb der Botanicals sind Ingwer, Koriander, Lavendel und Zitronenschale. Die Manufaktur ist im Originalzustand von 1874 erhalten und im angeschlossenen Museum sind auf Anmeldung Führungen und Verkostungen möglich.

Credits

Foto: Berlin via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

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