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Sven Goller geht in die Politik: „Ich nehme es so ernst, wie es erlaubt ist. Sehr ernst!“

Als Betreiber der Bar „Das schwarze Schaf“ ist Sven Goller einer der führenden Protagonisten der Barkultur in Bamberg und darüber hinaus. Nun zieht der studierte Politikwissenschaftler für „Die Partei“ als Direktkandidat in den Bundestagswahlkampf. Was, wenn er es schafft? Wir haben Sven Goller zu einem ausführlichen Interview gebeten.

Sven Goller hat es mit seiner Bar Das Schwarze Schaf geschafft, als erster die gehobene Trinkkultur in der oberfränkischen Bier-Stadt Bamberg an den Start zu bringen und zu verorten. Gerade jetzt ist auch er wie die gesamte Bar-Community nach einer fast siebenmonatigen Schließzeit, digitaler wie Außer-Haus-Barkultur auf den Beinen und dabei, sich auf den Re-Start mit der Öffnung der Außengastronomie vorzubereiten. Seit mehr als fünf Jahren engagiert sich der studierte Politikwissenschaftler auch als Mitglied der Satire-Partei Die Partei, die sowohl im Deutschen Bundestag als auch im Europa-Parlament mit jeweils einem Mandat vertreten ist. Bei den Kommunalwahlen im Vorjahr kandidierte Goller bereits für den Stadtrat, nun stürzt er sich auf Anfrage der gleichen Partei als Direktkandidat für den Bundestag in den Wahlkampf. Nicht um Berufspolitiker zu werden, das war nie sein Ziel. Er möchte Sprachrohr für jene sein, die zu wenig oder gar nicht gehört werden. Auch die Belange der Gastronomie sind Teil eines breiten Themenspektrums, das ihn bewegt. Was dem Franken noch am Herzen liegt und verändert werden sollte, verrät er, der sonst über Drinks und Spirituosen befragt wird, in seinem ersten „politischen“ Interview.

MIXOLOGY: Sven, Du kandidierst als Direktkandidat für die Satire-Partei Die Partei in Bayern. Wofür genau, für den Bundestag?

Sven Goller: Ich bin Direktkandidat für den Wahlkreis 240, der sich über Kulmbach, Lichtenfels und Teile des Bamberger Landkreises erstreckt. Im bin im Landkreis Lichtenfels aufgewachsen, wohne allerdings in der Stadt Bamberg. Neben der Direktkandidatur bin ich auf Platz Vier der Landesliste gelistet. Sollten wir also die Fünf-Prozent-Hürde knacken, würden wahrscheinlich die ersten Fünf der Landesliste in den Bundestag einziehen. Bei den letzten Bundestagswahlen haben wir eine Stimmgewalt von einem Prozent geholt, bei der Europawahl 2019 allerdings schon 2,4 Prozent. Es ist also eher unrealistisch, vor allem das Direktmandat zu gewinnen. Da trete ich in Bayern gegen die CSU-Kandidatin an, die bei der letzten Bundestagswahl schlanke 59 Prozent holte. Eigentlich ein „Kinderspiel“. Aber wenn uns alle Leute wählen, die uns gut finden, könnten wir es schaffen, die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass viele Wählerinnen und Wähler Angst haben, ihre Stimme zu „verschenken“.

MIXOLOGY: Du betreibst die Bar „Das schwarze Schaf“ und machst damit der Barkultur in Bamberg alle Ehre. Kommt es nicht eher selten vor, dass Bartender oder Gastronomen so offen in die Politik ziehen?

Sven Goller: Ich denke, ja. Ich kenne das zwar aus der CSU-Lokalpolitik, wo einige Wirte vertreten sind, nicht aber aus der Bundespolitik. Aber ich bin nicht der einzige Bartender, der sich neuerdings politisch engagiert. Mein Berliner Kollege Sven Breitenbruch von der Truffle Pig Bar ist auch politisch aktiv und kandidiert für die Klima Liste Berlin-Neukölln.

»Ich würde nicht sagen, dass ich mich in die Politik schlage. Eher, dass ich mein Recht als Bürger wahrnehme, mich wählen zu lassen.«

— Sven Goller

MIXOLOGY: Du hast Politikwissenschaft in Bamberg studiert und nebenbei Wurzeln in der Gastronomie geschlagen. Warum schlägst es dich jetzt von der Polit-Theorie in die Praxis?

Sven Goller: Ich würde nicht sagen, dass ich mich in die Politik schlage. Eher, dass ich mein Recht als Bürger wahrnehme, mich wählen zu lassen. Meine Beteiligung als Bürger am politischen Prozess ist mein Ziel, so wie es in einer Demokratie auch sein sollte. Man kann nicht immer nur nörgeln, sondern muss selbst und aktiv versuchen, zu Veränderung, Verbesserung und Behebung von Missständen beizutragen und Alternativen zu bieten. Ich bin seit mehr als fünf Jahren Mitglied der Partei mit mittlerweile über 50.000 Mitgliedern. Im Vorjahr ist die Partei an mich herangetreten, für den Stadtrat zu kandidieren. Mit nur einer Stimme im Stadtrat bin ich als Drittplatzierter der Stadtpartei nicht im Stadtrat gelandet, seither aber noch engagierter, in viele Prozesse verstärkt eingebunden und jetzt auf Anfrage der Direktkandidat für den Bundestag.

Allzu viel praktische Partei- oder Politikerfahrung habe ich noch nicht, durch das Studium aber natürlich Expertise, und ich weiß, wie die Politik in diesem Land funktioniert. Als Gastronom habe ich auch Kenntnisse darüber, was von der Politik vernachlässigt wird, und wo man Verbesserungen erreichen könnte. Als Parlamentarier braucht man aber doch einige Skills, die sich Politikerinnen und Politiker über Jahre erarbeiten. Im Grunde aber ist Politik alles. Sie beginnt im Kleinen, beim Einkaufen, unserem Verhalten anderen Menschen gegenüber und im täglichen Tun. Man kann auch mit kleinen Beiträgen etwas verändern. Meine Kandidatur erscheint mir aktuell allerdings keine gute Idee für meine Work-Life-Balance.

MIXOLOGY: Also hast du nie von einer Karriere in der Politik geträumt?

Sven Goller:  Ich habe Politik nie studiert, um Politiker zu werden, sondern wegen der Wissenschaft. Meine Masterarbeit habe ich am Bamberger Lehrstuhl für politische Soziologie über rechtsextreme Einstellungen und Verhalten geschrieben. An einer anderen Universität wurde mir auch ein Promotionsplatz angeboten. Ich habe aber für mich festgestellt, dass ich zwar gerne promovieren würde, das Ziel, Professor zu werden, doch sehr unrealistisch ist, und es dafür einige klügere Köpfe gibt als mich. Gleichzeitig habe ich immer lieber in der Bar gearbeitet als in einem Universitätsbüro zu arbeiten, weil das Gastgeben mir wirklich Spaß macht. Ich glaube auch nicht, dass man einfach so Politiker wird, nur weil man sich für ein Amt bewirbt, auch wenn es wie in meinem Fall ein Sitz im Bundestag wäre. Zuallererst bin ich Gastronom und Bartender. Sollte ich gewählt werden, bliebe ich das auch. Ein Gastronom mit Bundestagsmandat sozusagen. Es gibt natürlich viele Leute, die Politikwissenschaft studieren, um später in der Politik zu arbeiten. Ich zähle mich zu jenen, die sich intrinsisch dafür interessieren und deshalb dieses Studium gewählt haben.

»Ich habe mich bewusst für Die Partei entschieden, weil sie die einzige Alternative für mich ist, mit Satire Lösungsvorschläge bietet und den Finger in die Wunde legt. .«

— Sven Goller

Sven Goller in seinem „Das Schwarze Schaf“ (Foto: Mila Zytka)

MIXOLOGY: Die im Jahre 2004 gegründete Partei ist als Satire-Initiative heraus entstanden und hat ihre Wurzeln sozusagen beim Titanic-Magazin. Mittlerweile ist sie aber tatsächlich zu einer Instanz intellektuellen Widerstands geworden und ihre Spitzenakteure nehmen immer häufiger eine ernsthafte Rolle im politischen Diskurs ein. Wie ernst meinst und nimmst Du dein Engagement?

Sven Goller: Ich nehme es so ernst, wie es erlaubt ist. Sehr ernst! Ich interessiere mich schon lange für Politik und habe mich bewusst für Die Partei entschieden, weil sie die einzige Alternative für mich ist, mit Satire Lösungsvorschläge bietet und den Finger in die Wunde legt. Ich glaube, dass man mit Humor viele Menschen erreicht, weil es besser ist zu lachen als sich aufzuregen. Unser Ziel ist, dass wir nicht mehr nötig sind und andere dazu bringen, wieder gute Politik zu machen und mit Satire Positives für Menschen zu erwirken. Wie mit unserem Maskendeal als Reaktion auf die CSU-Masken-Affäre. Wir haben FFP2-Masken über Spenden finanziert und an Obdachlose verteilt. Im Rahmen des Parteienfinanzierungsgesetzes wird nämlich jeder gespendete Euro bezuschusst, womit wir mehr Masken spenden, andererseits aber die Steuergelder für andere Parteien verringen konnten. Eigentlich sollte es uns nicht geben müssen, aber ich sehe nicht, dass andere es besser können als wir. Deshalb versuchen wir es, sind Stachel im Fleisch der Mächtigen und zeigen Missstände auf. Für mich ist Die Partei ein »Game Changer« gewesen, als ich nicht mehr wusste, wen ich eigentlich wählen soll, und bietet mir das richtige Ventil, mich einzubringen. Unser Wahlkampf ist noch nicht ganz ausgefeilt, mir sind aber Themen wie soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, Gleichstellung, Steuerfairness oder bezahlbares Wohnen sehr wichtig. Wir möchten all jene erreichen, die nicht gehört werden oder nicht wissen, wem sie eigentlich ihre Stimme geben sollen. Unser aktuelles Mitglied im Bundestag, Marco Bülow, lebt diese Themen auch und zeigt, was nur eine Stimme im Bundestag bewirken kann: Öffentlichkeit.

»Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und sehe, dass viele Leute kein Gehör finden. Ganze Branchen wie die Pflege arbeiten schlechtbezahlt am Limit.«

— Sven Goller

MIXOLOGY: War denn das vergangene Jahr der Reflexion, der Online-Tastings und -Cocktailkurse durch die gesetzlich verordnete Zwangspause für die Bar-Branche der Auslöser deiner Entscheidung?

Sven Goller: Zu dieser Entscheidung haben sich bereits in den vergangenen Jahren einige Auslöser summiert. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und sehe, dass viele Leute kein Gehör finden. Ganze Branchen wie die Pflege arbeiten schlechtbezahlt am Limit. Ich bemerke, wie wenig man können muss, um das Land korrupt in den Abgrund zu fahren und in die eigene Tasche zu arbeiten. Das macht mich wütend, deshalb ist es meine Entscheidung, politisch aktiv zu einer Veränderung beizutragen.

MIXOLOGY: Siehst du am politischen Parkett auch die Möglichkeit, als Interessenvertreter der Gastro-Branche zu wirken und dabei das Image der Bar-Branche anzuheben?

Sven Goller: Das Image werde ich wahrscheinlich nicht ändern, ich bin ja kein Lobbyist. Die Gastronomie aber ist meine Lebenswirklichkeit und speist auch meine Motivation. Daher liegt sie mir natürlich am Herzen und ich werde mich auch für die Belange der Gastro-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einsetzen. Ich kann mich aber nicht ausschließlich darauf fokussieren, denn soziale Ungerechtigkeit, schlechte Bezahlung und Missstände gibt es in vielen Berufen wie auch in der bereits erwähnten, lebensnotwendigen Pflegebranche. Von Klatschen und Mehrwertsteuersenkungen kann man sich nichts kaufen. Die Schere zwischen Arm und Reich darf nicht noch mehr auseinanderklaffen, Steuerfairness, der Klimaschutz und das Anrecht auf Wohnen liegen mir genauso am Herzen.

»Die Gastronomie ist ein Wirtschaftszweig, den jeder genießt, aber wertgeschätzt wird er nicht. Gastronomen per se werden als Verbrecher mit Schwarzgeld in den Taschen betrachtet.«

— Sven Goller

MIXOLOGY: Wie beurteilst du die Corona-Politik der Regierung im Allgemeinen und die Behandlung der Gastronomie während der Corona-Krise im Speziellen?

Sven Goller: Als »Wellenbrecher« gedacht, sind es nun sieben Monate, die die Gastronomie geschlossen hat. Mir fehlen Grundehrlichkeit, langfristige Pläne und Konzepte, denn bis jetzt wirkt die Coronapolitk wie ein Entlangarbeiten an Einzelszenarien. Seit vielen Jahren agiert die Regierung abwartend, denn einen Fachkräftemangel haben wir nicht erst seit einem Jahr, und das ist unfair jenen gegenüber, die beispielsweise Pflegeberufe ausüben. Vieles liegt im Argen, und es kann nicht sein, dass man nur von Kleinunternehmen verlangt, alles umzusetzen. Ja, Menschenleben sind wichtiger als in der Kneipe zu trinken, das ist sicher. Aber was fehlt, ist die Wertschätzung. Die Gastronomie ist ein Wirtschaftszweig, den jeder genießt, aber wertgeschätzt wird er nicht. Gastronomen per se werden als Verbrecher mit Schwarzgeld in den Taschen betrachtet. Viele Menschen in der Gastronomie werden zu schlecht bezahlt, und das Kurzarbeitergeld reicht leider oft hinten und vorne nicht zum Leben aus. Alle denken, dass es uns aufgrund der staatlichen Hilfen gut geht, weil es auch so kommuniziert wird. Fehlende Wertschätzung beweist auch, dass die Regierenden keine Ahnung von dem haben, was wir machen. Zudem stört mich, dass immer nur die Speisegastronomie im Fokus gestanden hat. Clubs, Bars und Subkultur sind in der Diskussion nahezu untergegangen. Eine Perspektive für Clubs steht noch immer in den Sternen. Ein Grundproblem in Deutschland, denn es wird viel über Hoch- und wenig über Subkultur gesprochen.

MIXOLOGY: Wie schätzt du den Neustart und die Zukunft der Gastro- und Bar-Branche ein? Was nehmen wir mit auf den Weg? Kehrt unsere Lebensfreude wieder ganz automatisch an den Tresen zurück?

Sven Goller: Ich glaube, der Drang der Menschen nach Draußen ist groß, vor allem wenn jetzt Impfschutz und Testmöglichkeiten bestehen. Wenn der Vergleich mit den 1920er-Jahren hält, glaube ich an eine Blüte in den nächsten Jahren und an volle Außenbereiche bereits in diesem Sommer. Doch wie geht es weiter, im Winter? Hoffentlich gibt es dann bessere Konzepte, denn noch so eine Pandemie-Phase wollen wir uns alle nicht noch einmal leisten.

»Wahlveranstaltungen bei mir im Laden wird es sicher nicht geben, und wenn auf satirische Art, mit Augenzwinkern.«

— Sven Goller

Das schwarze Schaf

Schranne 7
96049 Bamberg

Mo - Do 20 - 02 Uhr, Fr & Sa 20 - 03 Uhr, So 18 - 24 Uhr

MIXOLOGY: In welcher Form wirst du der Aufforderung deiner Bar – „come by, say hi“ – zukünftig folgen? Weiterhin als Barchef oder als Gast, der mit einem Feierabend-Bierchen am Tresen Parteigespräche führt?

Sven Goller: Es passt nicht in meine Karriereplanung in den Bundestag zu kommen, und ich engagiere mich nicht, um Berufspolitiker zu werden. Würde ich das wollen, wäre ich in einer anderen Partei. Ich glaube nämlich nicht, dass man für eine Polit-Karriere in Die Partei eintritt. Bürger haben die Pflicht, die Demokratie zu hegen und zu pflegen, so ist auch mein Beitrag zu sehen. Wie unser Wahlkampf ablaufen wird, steht noch nicht fest. Wir haben auch nicht die Maschinerie für Großveranstaltungen. Parteiengespräche oder Wahlveranstaltungen à la Freibier für alle wird es in meiner Bar sicher nicht geben. Natürlich ist die Bar, und so auch Das schwarze Schaf, kein politfreier Raum, und solange Gespräche über Politik gesittet und zivilisiert ablaufen, ist alles okay. Aber Wahlveranstaltungen bei mir im Laden wird es sicher nicht geben, und wenn auf satirische Art, mit Augenzwinkern. Zuallererst beginnt für uns die Sommersaison, ich baue gerade die Außengastronomie auf, unsere Pop-Up-Bar, den »Schaf Cocktailgarten«. Ich bin und bleibe Bamberg als schwarzes Schaf vor, neben und hinter dem Tresen erhalten. Und gerade bin ich dabei, mit meinen Freunden Mehmet „Memo“ Imrak und Farsin Nassre Esfahani einen gastronomischen Lebensmitteleinzelhandel für Wein, Spirituosen, Softgetränke, Barzubehör und lokal produzierte Lebensmittel wie Jogurt und Milch aufzubauen. Sollte es aber tatsächlich so weit kommen, dass wir die Fünf-Prozent-Hürde knacken, muss ich mir wirklich etwas überlegen. Aber ich habe tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Das Schwarze Schaf schon jetzt tragen, wenn ich nicht da bin. Daher mache ich mir für den Fall, dass ich doch bald im Bundestag sitze, keine großen Sorgen um den Fortbestand unseres schönen Ladens.

Credits

Foto: Jana Kolb

Comments (1)

  • Pascal Kählin

    Danke für deinen Einsatz. Meinen Support hast du, wählen kann ich dich aus der Schweiz leider nicht.

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